Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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" ז!; /L j ׳ l t?0 0 $ \ I ו I k I, ■־> «־ Redaktien und Verla? Jidisdie Ruadaehau, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8, »«beiatwSdwBti. am Freitag. Abonnement bei der Expedition und bei allen Po.-.tKr. rierteljährl. Wk.2,75 in Deutschland, in Oestcrreich-Ungarn Kr. 5,— im Ausland J.iL־, Nummer 42 Berlin, den 19. Oktober 1917 Erultra «r ן׳ ן ‘sc!•. hon: Ar..t Uiilacd 015. Z15, Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Ocstcrreid»! )!i IZ, KPc:l־parlcr05-־ncmt Schsckkcnlo Nr, 156S30. Anzeigen die icclisgcspaltea# Petit■ j’.l כ.’5״ז c-'.zr deren Haura 40Pf. Teuerungszusdilag 15%. RedaktionssdiluS Dienstagnacha. 3. CkcsdiT/an 5973 | XXII. Jahr^anz ---- --״* - ־ — ■-״״ ^’■>*T׳”׳Tm1,stM׳sgT330^5"״־־^ - ■ -״ Das neue Stadium ln Warschau ist, nachdem bereits am l.September das Gerichtswesen in die Hände der Polen übergegangen war, am 1. Oktober auch das Schulwesen den Polen übergeben worden. Neben einer ״Verordnung betreffend Uebcrtragung der Vcrwaltung des Unterrichtswesens auf die von dem Provisyrischen Staatsrat eingesetzte Ucbergangskonimls■- sion‘■ bat der deutsche (ieneralgouverncur ein ״Gesetz über die Berücksichtigung von Scluilbedürfnissen der Minderheiten'‘ erlassen. Nach diesem Gesetz werden in den Gemeinden, in denen sicli . mindestens 50 Kinder der gleichen niclitpolnisclicn Nationalität im Schulalter vorfinden, besondere öffentliche Volksschulen mit dem Unterricht in der Muttersprache gegründet werden. Diesen Schulen müssen nach denselben Grundsätzen wie allen anderen Schulen staatliche Zuschüsse erteilt, werden und die politischen Gemeinden sind verpflichtet, für sie in finanzieller und jeder anderen Hinsicht ebenso zu sorgen wie für die öffentlichen Schulen der Mehrheit. Dieses Gesetz, auf die jüdische Minderheit in Polen angewandt, würde im großen und ganzen den Schutz eines nationalen jüdischen Volksschulwesens dnrgestcllt und im allgemeinen den diesbeziiglichen Wünschen der jüdischen Bevölkerung entsprechen haben — wäre in ihm nicht ein Paragraph enthalten, der endgültig alle Hoffnungen, daß die deutsche Verwaltung in Polen schließlich doch noch’ einen Weg finden werde, der den nationalen Interessen der Juden Rechnung trägt, zunichte macht. Der zweite Absatz des dritten Paragraphen dieses Gesetzes lautet nämlich: ״Diese Vorschrift findet einstweilen nur auf die deutsche Nationalität Anwendung. Die Ausdehnung auf andere National!• taten bleibt nach ‘Feststellung der Grcnzcp des Königreichs Polen besonderen Gesetzen oder ,Ver* Ordnungen des polnischen Staates Vorbehalten.“ Es tnag der deutschen Verwaltung nicht leicht gewesen sein, diesen Paragraphen der Oeffentlicli* keil zu übergeben. Denn in ihm* klafft der ganze ungeheure Abgrund, den die deutsche Politik in Polen aufgcrisseii hat und der — früher oder später — noch seine Opfer verlangen wird. Wenn wir zunächst absehen von dem großen Schaden, den dieser Paragraph für das gesunde Gedeihen des zukünftigen polnischen Staatswesens bedeutet, so hätte doch ,schon die Rücksicht auf das deutsche Interesse es verbieten müssen, den Juden in Polen die Rechte einer nationalen Minorität in einem Aiigenblick zu verweigern, irr welchem den Deutsehen in Polen solche Rechte gesichert wurden. Mit Recht wird man der deutschen Regierung nachsagen können, daß cs ihr tun den Schutz nationaler Minoritäten nur dann ernst ist, wenn es sich um die Deutschen im Auslände handelt. Denn so bcrechtigt es vielleicht war, vor der endgültigen Fest- Setzung der Grenzen Polens über andere nationale Minderheiten keine Bestimmungen zu treffen — daß die Juden im zukünftigen Polen eine ansehnliche und unbedingt ku berücksichtigende Minderheit «sein werden, darüber konnte kein Zweifel herrschen. So kommt die Bestimmung dieses Paragraphen einer vollkommenen und bedingungslosen Auslieferung der Juden an die Polen gleich. Daß die deutsche Politik in Polen auf diesen Handel hinauslaufcn würde, stand zwar zu bcfürch• tcu, war aber nicht ohne weiteres vorauszusehen. Nun ist das Unglaubliche Wirklichkeit geworden. Man hat für die Juden das Geschenk der polnischen Nachgiebigkeit erhandelt. Es füllt schwer, zu glauben, daß die Juden dabei hoch im Preise standen. Noch schwerer aber wird es, die verschicdeutlich abgegebene Versicherung, daß die deutsche Diplomatie sich nun den Schutz der nationalen Rechte der polnischen Juden cmstlis!» bemüht hätte, für mehr als eine schöne Redensart zu halten, mit der man die Gegner der «kutschen Politik In I*01en bisher ab speisen zu können glaubte. Dam cs wird niemandem wei*gemacht werden Rönnen, daß es bei einigermaßen gutem Willen der deutschen Macht hätte gelingen müssen, eine frie#«hc und beide Seiten befriedigende Lösung des jüdisch-polnisehen Problems herbeizuführen. \ ״Der ZlonSstnna err'rcM C'r cüns Vc*!j die Schaffung «Gc? C.":r.gJd>rczl'יי:.h f.״5!״ri:a ifeinuUUie ia folZtikia.״ Dcsclcr iVe׳rcsr,tr». Wie Holm auf eine solche Lösung klingen die Bestimmungen, die die zu gleicher Zeit veröffent* lichten ״Vorläufigen Vorschriften über die Eiemen• tärsdnilcn im Königreich Polen“ über den Unter• riebt der ״Kinder mosaischer Konfession“ enthalten. Nach ihnen können für jüdische Kinder, wenn von Seiten der Eltern eine genügende Anzahl von Meldungen vorliegt, besondere Elementarschulen oder Parallelklassen errichtet werden, die sich von den polnischen Schulen in nichts unterscheiden als darin, daß in ihnen die Sabbathruhe respektiert werden soll. Ferner soll ״in den privaten Konfessionssclvulcn, den Tal mud-Tora-Schulen und den Chadarim, der Unterricht in der polnischen Sprache und in den Elcmcntnrfächcrn mit polnischer Unterrichtssprache“ für eine entsprechende Anzahl von Kindern auf Kosten der politischen Gemeinden erteilt werden. Aber auch dieses Minimum von Zugeständnis wird bis zur fast vollständigen Bcdeutungsiosigkeit licrabgescliraubt durch zwei ein* schränkende Bedingungen, die an diese öffentliche Unterstützung des polnischen Unterrichts geknüpft werden. Diese Bestimmung soll nämlich nur Gei• tung haben, ״solange nicht alle Kinder mosaischer Konfession öffentliche Gemeinde-Elementarschulen besuchen können“ und ״soweit er (der Unterricht) nach einem besonderen Lehrplan und unter •der allgemeinen Aufsicht stattfindet“. Mit diesen beiden Artikeln der vorläufigen Ver* ordnting ist die ganze ״Fürsorge“ für das jüdische Unterrichts wesen erschöpft. Vielleicht — wir gl auben cs nicht einmal — fühlt die jüdische Assimilation in Polen sich durch 'diese Bestimmungen in ihrer Meinung bestätigt, daß die Judcrifrcge in Polen nur durch eine gewaltsame Entjudaisierung der jüdisehen Massen gelöst werden kann. Selbst die Vertrete!• der deutschen Orthodoxie in Polen werden ~~ trotz aller polonisiercnden Tendenz — in der Berücksichtigung der Sabbathruhe allein kaum die Lösung der jüdischen Schulfragc erblicken. Die große Masse der polnischen Juden aber empfände cs als den schwersten Schlag, der sie treffen konnte — wenn diese provisorischen Verordnungen zum endgültigen Gesetze würden. Warn! In diesem entscheidenden Augenblick, da die deutsche Macht in Polen endgültig auf eine vermitteinde Rolle zwischen Juden und Polen verzichtet hat, richten sich die Augen der ganzen jüdischen und nichtjüdisciien Weit ausschließlich auf diejenigen, denen die Entscheidung über die jüdische Frage in Polen in die Hand gelegt wurde. Die Gefahr einer den Polen von der deutschen Oklcupa* tion aiifgczwnngciicn Lösung ist vorüber. Nun ist der große historische Moment gekommen, da das polnische Volk in freier durch kein Bedenken äußerer Art gehemmter Entscheidung der jüdischen Minderbeit die elementaren Rechte zu gestehen kann, die sie zu ihrer nationalen Existenz braucht. Jetzt, da von einem ״äußeren Druck“ in dieser Frage keine Rede mehr sein kann, wird es sich erweisen, ob das polnische Volk aus der Geschichte seiner eigenen nationalen «und kulturellen ,Unterdrückung! genug Verständnis und Gerechtigkeit für die uncnd׳• liehen Leider! jenes anderen Volkes mitgebracht hat, 1 das, unter ihm und mit ihm lebend, ihm׳ zur ge* meinsamen Förderung und Entwicklung des wiedererstandenen polnischen Staates die Hand reicht. l>cr oft geäußerte Wunsch׳ der Polen, die pol• nischc Juden frage als eine innere Angelegenheit des polnischen Staates zu betrachten, ist In Erfülltmg gegangen. An den Polen wird es nun sein, dafür Sorge zu tragen, daß dieses neue Stadium in der Entwicklung der polnisch-jüdischen Frage zu einer glücklichen Lösung des Problems führt. Diese Lösung kann nur durch die Anerkennung der Juden als nuiionaH'r Minorität Int Lände gefimdcn werden. Eine Behandlung der juder,frage in diesem Sinne wird den Dolen die Sympathien der ganzen zivilisierten Welt mit erwerben Und «lauernd erhalten helfen. Die Degradierung und Lünr.tlk'hc Einengung der Juden aber zu einer Rcligionr.gcracinschaft polfrischer Staatsangehörigkeit würde mit einem Schlage den!Aalen das Recht der selbständigen Entscheidüng entwinden und die polnische Judenfrage zu einer internationalen Frage machen, die nicht mehr von den Polen selbst, sondern nur vom Tribunal des zukünftigen allwcltlichcn Friedenkongresscs gelöst werden könnte. Die Zeiten der ״stillen“ Knechtung der Juden sind vorüber. Es wird nicht eher Ruhe i!n Land sein, bis den Juden ihr Recht geworden ist. Wer den Juden dies Recht, ein Volk zu sein, abspricht, muß sicli gefallen lassen, daß diese Vergcwaltigung durch internationale Vereinbarungen verhindert wird. Das von der deutschen Verwaltung in Polen erlassene Gesetz über den Schutz der nationalen Minderheiten ist in Wirklichkeit eine Auslieferung der nationalen Minderheiten an die polnische Majoritat — mit Ausnahme der in Polen lebenden Deutschen. Aber mit der Uebergabe dieses ganzen Fragenkomplexes an die zukünftige polnische Regierung ist eine Lage geschaffen, die von neuem die Hoffnung aufieben läßt, daß die Beziehungen zwischen Juden und Polen — durch den Wirklichkeit*- und Gerechtigkeitssinn der Polen — einer für beide Teile annehmbaren Lösung ent* gegengeführt werden können. Die jüdische Frage und die Stockholmer Dokumente Das holländisdi-skandinavische Komitee, das zusainnien mit dem russischen Soldaten- und Arbcyterrat die Stockholmer Konferenz cinberuft, hat die jüdische Frage auf die Tagesordnung der sozialistischen Parteidiskus* sion gestellt. In dem Fragebogen, den dieses Komitee allen Delegationen für die separaten Konferenzen, die cs rmt ihnen abtüilt, vorlegt, befindet sich auch ein ausführlicher Punkt bezüglich der Juden, so daß also die Parteien formell cingeiaden sind, sich über die Juden* frage äuszusprcchen. Der Fragebogen, der den Namen ״Programm für die Diskussionen in den Vorkonferenzen“ trägt, bc* ginnt mit den ״Fricdcnsbcdiiigungen“ und lautet: 1. Allgemeine Grundlagen für den Frieden: Recht der Völker auf Selbstbestimmung, nationale Auto• nomlc, Annexionen, Kriegsentschädigung, Wiederaufbau. 2. Die Anwendung dieser Prinzipien auf konkrete Fälle. Unter den unter diesem Punkt aufgczähltcn Völkern, die für die nationale Autonomie in Betracht kommen, befinden sich neben Litauern, Ukrainern. Tschechen, Viamen, Irländern, Persern, Marokkanern, Tripolitanem, Acgyptcrn, Malthcscrn usw. auch die Juden, die an vierter Stelle genannt sind.! Aus der Aufstellung des Diskussionsprogrammts ersieht man, daß die Initiatoren der Stockholmer Konlerenz die Beantwortung der nationalen Frage als erste Fricdcnsbcdingung betrachten. Sie fordern die Parteien auf, ihre Meinung über den Gedanken des nationalen Selbstbcstimmungsrcchts und der nationalen Autonomie zu äußern. Sie begnügen sich dabei nicht mit der Proklamicrung allgemeiner Prinzipien seitens der Konferenztcilnclmicr, weil sic aus Erfahrung wissen, daß nichts so leicht ist, als allgemeine Grundsätze aufzustcllcn, und daß die Schwierigkeiten erst dann beginnen, wenn es dazu kommt, ein allgemeines Prinzip auf konkrete Fälle anzuwenden. Sic verlangen daher, daß die Tednehmer der Stockholmer Konferenz offen sagen sollen, wie sie die allgemein anerkannten Prinzipien der nationalen Selbstbestimmung auf die Länder und Völker anzuwenden gedenken, die in dem Fragebogen aufgezählt sind, und wie sic sid! die Verwirklichung diescr Prinzipien in den genannten Einzclfällcn vorstcllcn. Hier gibt cs kein Ausweichen. Wer zu den gestellten Fragen eine Beziehung hat und a\!f sie keine klare und bestimmte Antwort geizen will, kann kein reines Gewissen haben. Die Vertreter des boiländisdi-skandinavisdien Komitces wollen unter anderem auch die Stellung der Parteien zur jüdischen Frage wissen. Es handelt sich hier nicht «nt die Frage, ob Juden Gleichberechtigung bekommen sollen oder nicht. Es handelt sich hier ausdriicklich um die Anwendung der Prinzipien der nationalen Autonomie auf die Juden, wie sie auf die Ukrainer, Tschechen und andere Völker angewendet werden. Die jüdische Frage ist von der Internationale niemals eingehend behandelt worden. Als nationale Frage ist sic zum ersten Mal von den sozialistischen Parteien zur Diskussion gestellt warden, Das allein beweist schon den großen Fortschritt, den die jüdische Frage während de« Krieges In der sozlnllstifidia! Internationale gemacht hat. Noch vor einigen Jahren würde c» den Persönlichkeiten, die an iier Spitze des holliiiKÜsdi^kaiKlinavischcu Komitees stehen und zu den besten Köpfen des internationalen Sozialismus gehören, nicht eingefallen sein, die jüdisehe Frage In der gleichen Weise und in einer Reihe mit den anderen nationalen Fragen zu behandeln, ln der Tat sind die bedeutendsten Mitglieder des holländisch- \