Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 40-41 (12.10.1917)
- Date
- 1917-10-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ן' , 0 ) \ \ y V.,: :acr 1 I '*4* {( J '\ ד" Redaktion «d Verlaj Jädlod.e Ruadadiau, Berlin W. 15, SäAskcLo Straße 8,' Er- *cheint wodientl. am Freitag. Abonnement bei der Expedition und bei allen Postämtern viertaijahrl, Mlc, IJ5 in Deutschland, in Oesterreich-Ungarn Kr. 5,— im Ausland Mk.4,— Hummer 40/4] Berlin, den 12. Oktober 1917 .ן,,«׳ ,!1 /•'.;״ Amt Uulaacl C'5. ß',&, Posl-cl:־!:':׳״.entot Berlin Nr. 17392. Für Ocsterrcld»! Postsparkr.ireni'.rr.t Sdicdckonto Nr. 15C030. Anzeigen dis *edir.jcfpalteue Petit• י c“;r doren R.-un» 40Pf.TeuerungszUEchlttg 15%. RcdaktüoiusdduS bienstag nsdia. •TlJocltrl 5G7a |־| XXII״ Jahrgang Die judenknechtung in Rumänien Rumänien sdmnt sich mit der ״Ehre‘' bedecken zu wollen, ein letztes uneinnehmbares Bollwerk der Judenkncchtschaft zu sein. Die Nachrichten, die aus diesem Lande über die Behandlung der Juden durch Ziviltmd Militärbehörden kommen, reuen eine deutliche Sprache. Der vorrevolutionäre ׳Zensurtrkk russisch-jüdischer Dichter und .Schriftsteller, der den Schauplatz russischer Judengreuel und -Unterdrückungen nach Rumänien zu verlegen pflegte, erhält angesichts dieser Nach• ich• teil einen neuen grausamen Sinn. Rumänien will scheinbar den der Vergangenheit angehöreiiden judenkindlichen Idealen des antirevolutionären Ruhlands nicht nur treu bleiben, sondern die Prnktiken des ״Schwarzen Hunderts“ noch überlreffen. Die Bestialität seiner Judcnbehandiung deutet (larauf. Wir unterlassen es, hier noch einmal all die zu in Himmel schreienden Tatsachen des tumanischen Vcrnic'itungskampfcs gegen die Juden aufzuzählen, sondern verweisen auf unsere Be.iclite in dieser und den beiden letzten Nummern der ״Jüdischen Rundschau“. Fragen aber müssen wir: wein zum Nutzen glaubt die rumänische Regierung das schmachvolle Treiben ihrer Bebö'den zulassen oder begünstigen zu dürfen? Glaubt sie. damit ihrer und ihrer Verbündeten Sache im Weltkrieg zu nützen? Beruht ihr Vernklitungskampf gegen die Juden auf der Annahme, daß damit die besonderen Sympathien der ganzen Welt erobert werden können, nachdem diese ganze Welt — außer Rumänien — die staatsrechtliche Gleichberechtigung der Juden äs undiskutable Forderung für jedes moderne Staatswe en anerkannt hat? Oder ist ihr politisches Vcrsliimlnis so geling, daß sic im Ernste glaubt, cs werde ihr die Ansrottmig eines Volksstammes gleich mm unter den Augen der ganzen zivilisierten Welt gelingen? In allen diesen Fällen würde die rumänische Regierung sich selbst das Zeugnis ausstcllcn, daß ihr vorerst die 2111111 Regieren erforderlichen Qualitäten in einem bedauerlichen Maße fehlen. Oder glaubt die rumänische Regierung dcrSympathien der Welt entraten zu können und sich über die Grundfordcrungcn jedes neuzeitlichen Staates ungestraft hinwegsetzen zu dürfen? Meint sie etwa, ihre Judciibefreiung als ״Objekt der Verhandlungen“ erst am grünen Tisch des Friedenskong e se> präsentieren zu sollen? Hofft sic vielleicht im Stillen auf eine Möglichkeit, die betrügerische Auslegung von eindeutigen Vertragsparagraphen wiederholen zu können? Diese Erwartung Rumäniens wird, wenn nicht alles trügt, an dein eisernen Willen aller Beteiligten scheitern, dieses Mal nicht Ver• träge zu schließen, die gebrochen werden, und an der übereinstimmenden Auffassung der fueden• schließenden Regierungen und Völker, daß die Gleichberechtigung der Juden die Voraussetzung, und nicht das Resultat, von Verhandlungen sein muß. Rumänien wird durch die Emanzipation seiner Juden eine gute Gelegenheit haben, sein inneres Recht!auf ein selbständiges Siaatswcrcii zu erweisen. Jedenfalls widerspricht die Antwort des rimiäiiischen Königs an die Deputation der jüdischen (Geinciiidciyertretei־, daß für die Beschäftigung mit der Judcnfragc heute in Rumänien ,,der Zeitpunkt ganz und gar ungeeignet“ sei und daß man erst nach — einer glücklichen!— Beendigung des Krieges an eine Judenreform denken könne (siebe unseren heutigen Bericht), vollkommen der herrschenden Auffassung in den anderen Ländern. Dieser Auffassung auch in Rumänien Geltung zu verschaffen, ist die Aufgabe der gesamten Judenheit. Schon sehen wir die russischen Juden am rührigen Werke, der jüdischen Knechtung in Rumiiuicn ein Ende zu bereiten. Schon sind die füllrciKlcn Juden Amerikas und Englands zu Hilfe gerufen. Schon haben bedeutende Staatsmänner ihre Unterstützung zugesagt. Den Juden der Ententeländcr wird es möglich sein, die Aufmerksamkeit ihrer Regierungen auf den rumänischen Sch andfleck und seine Beseitigung zu lenken. Aber auch alle übrigen Juden fühlen d e unabweisbare P licht, diese letzte Hochburg der jüdischen Unterdrückung zu Falle zu bringen. Rumänien ist in erster Linie gemeint, wenn im Programm der ln Amerika, Ruß- ״Der Zionismus c; «Me Schaffung clf.cz C HeimsiÜUe In Palästina,“ Lxlsi t*.r eins JEdlicbo Volli ־ג.iLiCä-rccLf!‘ xli ||c“c?:•״czictx Dasclcr Prc^raai-a. .and und vielen anderen Ländern eiuberufcnen jiidischeii Kongresse ein Punkt, die Forderung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden bc• treffend, vorgesehen ist. Will Rumänien wirklich das Odium auf sich!nehmen, zur Gleichberechtigung seiner Juden gezwungen worden m sein? M. M. In der rumänischen Holle Die vorletzte Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ brachte einen Petersburger Bericht über den Vernichtuugskainpf, den die rumänischen Behörden und die rumänische Soldateska, allen Versprechungen der rumänischeu Regierung zum Trotz, gege־n die jüdische Bevulkerung des Landes führen. Die nach Rumänien entsandte Expedition des Jüdischen Hilfskomitees in Odessa, die nunmehr znrückgekchrt ist, und der jüdische Schriftsteller Dr. Gcrson L e v i 11, der in Rumänien als russischer Militärarzt tätig war, veröffentlichen in der jüdischen Presse Rußlands ihre Eindrücke, die ein entsetzliches Bild des jüdischen Elends und der grausamen Bestialität der rumänischen Behörden entrollen. Zur Ergänzung des früheren Berichtes sollen einige Tatsachen aus diesen Darstellungen angeführt werden. Ein kranker jüdischer Soldat bekam, weit er Jude war, Arrest und wurde trotz seiner Krankheit zu sclnvcren Arbeiten gezwungen. Jüdische , Eltern, die ihre Tochter vor den Mißhandlungen eines Offiziers retteten, wurden ins Gefängnis gesperrt und mißhandelt. Später wurden sie aus der Stadt ausgewiesen und das Mädchen mit auf den Rücken gebundenen Händen unter PoIizcibew,•ichmig entführt. In Bacau wurde ein Jude gezwungen, seinen Vater öffentlich zu ohrfeigen, weiter mit ihm jidisch gesprochen hat. Wegen eines ähnlichen ״Verbrechens“ wurde ein greiser angesehener jüdischer (iroßkaiifmaiin aus Bncsm.dazu verurteilt, eigenhändig die Latrinen zu reinigen. Das sind einzelne, zufällig hcruusgcgriffcue Tatsnehen, In ihrer Gesamtheit ergeben sic ein jammervolles Bild iler Mißhandlung und Unterdrückung von einer Viertehmllinn Juden, die schütz- und wehrlos der Will• kür und Brutalität einer haßerfüllten, verwilderten Sol׳ dateska ausgclicfcrt sind, Die russische Juden!!cit leitete in der potitischuu Oeffentiichkeit eine Bewegung zur Rettung der rumänischen Juden ein. lieber die Protcstver- Sammlung der Zcire-Zion in• Odessa wurde in der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ 1k• richtet. Analoge Protest Versammlungen veranstalteten die zionistischen Vereine in Kiew, Uman etc. Eine Versammlung in Odessa, bei der der Redakteur der zionistischen Tageszeitung ״Petrogradcr Tngblatt“, S. Höchberg, ein Mitglied der erwähnten Expedition, einen eingehenden Vortrag über die rumänischen Zustämle hielt, sandte über die Einzelheiten der jüdisehen Lage in Rumänien telegraphische Berichte au Präsident Wilson, Jakob Schiff, Dr. Oastcr, an die Alliance in Paris und die Parlamente aller Alliierten, Das Vereinigte jüdische Komitee in Kiew ersuchte den natiom!!jüdischen ScliriftstcHer S. A. Rappaport (An-sky), der sieh durch seine Hillstätigkeit im okkupierten Galizien von neuem große Verdienste erworben hat, nach Rumänien zu reisen, um dort eine Hillsaktion fiir die verfolgten Juden zu organisieren. Trotzdem der Minister des Aeußcren versprochen hatte, das Reisegcsiicli zu unterstützen, ließ die Reisegenchmigung lange auf sieh warten. An-sky wandte sich daher an den (lantaligen Lamlwirtschaftsmüiistcr W, Ts eher• now, der ihm die (leriehmigung erteilte, sich nach Rumäiiien zu begeben, um dort ״die Agrarverhältnisse zu studieren“. , Gleichzeitig wird über eine Deputation der jüdischen Gemeinden Rumäniens berichtet, die vor kurz.eni vom rumänischen König empfangen wurde. Der König erklärte der Deputation, der Zeitpunkt sei jetzt ganz und gar' nicht geeignet, sich mit der Judcnfragc zu befassen, Erst nach einer siegreichen Beendigung des Krieges und nach der Eroberung von Siebenbürgen werde es an der Zeit sein, an eine Judetireform zu denken. . , Diese Antwort des rumänischen König» zeigt, wie weit man heute noch in Rumänien davon entfernt ist, der Frage der Emanzipation der rumänischen Juden näher zu treten. Gedenket x ■D für 14 ׳4־ *־יי Geucntesi der Eveteiexfcal Forderungen der holländischen Juden ׳־ zur Friedenskonferenz Die gegenwärtige Zeit ist von entscheidender Tragweite für die Zukunft des jüdischen Volkes. Diese Erkenntnis reift nicht nur inncrfialb «1er jüdischen Massen, sondern auch in Ländern mit kleinen jüdischen Gemeinschäften. So auch in Holland. Dieses kleine Land erwartet beim Fricdeiisschluß eine bedeutsame Autgäbe. Dann wird auch der kleinen Zahl holländischer Juden ein Anteil am zukünftigen jüdischen Schicksal zufallen: unter ihnen werden die Vertreter des jüdisehen Volkes weilen, die vor den Repräsentanten des größten Teiles der Welt ihre Forderungen kundgeben werden. Ueber den Inhalt dieser Forderungen besteht kaum mehr ein Zweifel. Noch wogt da und dort der Kampf im jüdischen Lager. Aber schon zeidincn sich schärfer und schärfer die Linien der zukünftigen jüdischen Politik ab. Immer zuversichtlicher darf damit gerechnet werden, daß ein in seiner überwältigenden Mehrheit geeintes Judentum die drei Forderungen der jüdischen Zukunft erheben wird: Emanzipation überall, Natioiialitätcnrcchtc tri Nationalitäten- Staaten und Palästina für die jüdische Nation. Die holländische Judenheil ist für ihren Teil einen guten Schritt dem Ziele näher gekommen, das jeder gute Jude heute heiß ersehnen muß und das int Lande einer zukünftigen Friedenskonferenz doppelt wichtig ist: zur Bekundung des jüdischen Willens und der jüdischen Einheit. Die Vertreter der organisierten holländischen Juden haben einstimmig beschlossen, einer auf den 18. November nach Amsterdam cinzubcrufendcn Massendemonstration folgende Kundgebung vorzulegcn: ״Die Versammlung von in den Niederlanden ansässigen Juden, gehalten in Amsterdam am 18. November 1917 und eiiibcrufcn durch eit* von den Niederländischen Abteilungen der Alliance lsraelite Universelle, der Zionistischen Weltorganisation und der Jcwish Territorial-Organisntion gebildetes Komitee im Hinblick auf das unter den heutigen politischen Konstellationen erhobene Verlangen der organisierten Juden bezüglich Emanzipation der Juden Zuerkennung ״ von Nationalitäten rechten in Nationalitätenstaaten Nationale Konzentration des jüdischen Volkes in Palästina sowie im Hinblick auf das allerorten bekundete Streben, daß allen Völkern beim Frieden Gerechtigkeit widerfahre, verlangt, daß der ständigen Zurücksetzung und Bedriiekung der Juden und jahrhundertelangen* Unrecht, das ihnen zugefügt wurde, ein für allemal ein Ende gemacht wird, richtet an die Niederländische Regierung das dringende Ersuchen, daß diese, ihrer jahrhundertealten Ucberlieferung getreu, zu Gunsten der Juden interveniere und sich dafür entsetze, daß bei einer Friedenskonferenz — jedenfalls aber beim Fricdeiisschluß — nach Anhörung der zuständigen Vertretcr der organisierten Juden die Judcnfragc in vollem Umfang gelöst und diese Rege* lung mit alle» notwendigen Sicher hei* ten ausgestattet wi rd , ruft alle Juden in den Niederlanden auf, an dieser historisdien Zeitenwende ihre Solidarität zu bekunden." Es handelt sich hier um keinen aus Wahlen hervorgegangciien Kongreß, wie er in Lindern größerer jüdischer Siedlungen in Betracht kommt. Es ist aber in Aussicht genommen, nach der Kundgebung vom 18. November allen Juden Hollands Gelegenheit zu geben, ihre Stellung zu der vorstellenden Resolution zu präzisieren. Vom zionistischen Standpunkt aus kann der Wortlaut der Resolution nicht völlig befriedigen. Nodi werden keine präzisierten Forderungen erhoben, sondern nur alle Teile des jüdischen Problems umsdtrieben, dessen Lösung auf der Friedenskonferenz erwartet wird. Die Resolution läßt also jeder der beteiligten Organisationen die Freiheit des Handelns für jenen Teil des Gcsnmtproblems, dem sic dienen will. *) Was aber der Augenblick gebieterisch verlangte, erfüllt die Kundgebung. Sie umschreibt unzweideutig die drei Forderungen einer gesunden jüdischen Zukunft, sic fordert daraufhin die restlose Losung der ganzen Judenfrage, sie fordert weiter die Mitwirkung der niedcrländisehen Regierung, daß das Forum der Völker — die Friedenskonferenz — alle erforderlichen Sicherheiten dafür schaffe, daß die Lösung tatsächlich eine endgültige sei, sie betont endlich die Notwendigkeit solidari- *) Die Richtlinien der Arbeit, diu die zionistische Organisation in Holland gegenwärtig leistet, ergeben sich aus dem in voriger Nummer veröffentlichten Bericht über die zionistische Versammlung in Amsterdam. D. Red.