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Jüdische Rundschau · 1917-09-28 · Heft 39 (28.9.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 39 (28.9.1917)
Date
1917-09-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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rs u O rj V\ ' 3 C׳ j Redaktion und[Verlag Jüdisdi« Rundschau, Berlin W. 15, 55,1,־!־'dse 5traC8 ־, Er- ,chemt wochentl. am Freitag. Abonnement bei der Expedition und bei allen Postämter» Tterteljahrl■ Mk. 4/5 m Dcutadiland, in Ocitcrreidi-Ungarn Kr. 5,— im Ausland Mk,4,— Hummer 39 | Berlin, den 28.״Scptembcr79i7~*”י U ' >-. J ,‘,cl:rP^on: Amt Uhlnnd 845. 615־, Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich* K. fl. P03tsparkß5.־cnnmt Srhcckkonto Nr. 156030. Anzeigen die lechsgespalteiie Petit* *0110 oder deren Raum 40Pf. TZtierimgszuschIng 15%. RednktionsachluQ Dienstag nach». XXII. Jahrgang lisch ri 5Ö78 Der Feiertage halber erscheint die nächste Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ erst Freitag, den 12. Oktober. Redaktion und Verlag. ״Der Zionismus erstrebt für de# jCdtsche Volk die Schaffung einer CTfcmTldh-rcrfiälkh ßcslcherfcn HeimtUUle in PaWiilna." Baseler Programm. Neue Stimmen Der Bann der Nichtbeachtung und des Still* Schweigens, der bis vor kurzem fast auf der gesamten Tag'csprcsse der Mittelmächte hinsichtlich der zionistischen Pläne und Bestrebungen lag, scheint nunmehr gebrochen zu sein. Die Erkenntnis, daß man die Förderung des Zionismus nicht den Völkern und Regierungen der Entente allein überlassen dürfe, daß es vielmehr ein Gebot politisclier Einsicht ist, auch seinerseits den zionistischen Palästinabcstrebungcn die volle Aufmerksamkeit zuzuwenden, ,dringt ',in immer Weitere Kreise der deutschen Ocffcntlichkcit und beginnt, wie cs scheint, jetzt auch in Oesterreich Wurzel zu fassen. Wir Iialicn in den Nummern 31 und 34 der ״Jüdischen Rundschau‘4 die wichtigsten Aufsätze deutscher Tageszeitungen, die sich zum Zionismus Äußerten, . besprochen ׳und,!soweit dies erforderlich war, zu ihnen Stellung genommen. In Nummer 37 der ״Jüdischen Rundschau׳‘ haben wir den in den ״Münchener Neuesten Nachrichten“ er- ׳schicncncn bedeutsamen Aufsatz von Major -Franz Carl E11 d r c s zum Abdruck gebracht. Major Endrcs, dessen vor zwei Jahren veröffentlichtes Werk ״Die ׳neue Türkei“ ihn als hervorragenden Kenner tiirbischer Verhältnisse gezeigt hat, hat in seinem Aufsatz, der übrigens auch im neutralen Ausland bercchtigtcs Aufsehen erregte, über die zionistischen Bestrebungen und die Notwendigkeit ihrer allsei• tigen Förderung durch die deutsche Politik Meinun ge 11 zum Ausdruck gebracht, denen wir fast .restlos yuziistimmcn in der Lage sind. in den letzten Wochen hat das Interesse detitscher Tageszeitungen für das zionistische Problem und seine Lösung erfreulicherweise noch zugenommen. Es vergeht jetzt keine Woche, in der nicht .mehrere deutsche Tageszeitungen der Verschieden* steil politischen Parteien und 'Richtungen dieser Frage ihr ernstes Interesse zuwenden. Unsere Stclluugsnahmc zu früliereren Ansfüllrungen des konservativen ״Reisboten“ hat die Redaktion dieser Zeitung veranlaßt, in einem neuen Leitartikel (vom 6. September) das Problem ״Jude 11tuin.und Zionismus“ zu behandeln. Ausgehend von den englisch-amerikanischen Be• Strebungen, in Palästina einen jüdischen Pufferstaat m gründen, ein Gedanke, der — wie der ,,Reichsbote“ seinen Lesern mitteilt — bei der Entente so ]Xipulär ist, daß die englische Arbeiterpartei den Satz: ״Palästina den Juden unter internationalef Garantie“ in ihr Friedensprogramm aufgenommen 11 at, bespricht die Zeitung das Memoraiidum des jüdischen Arbeiterverbandes ״Poalc-Zion“, das die Verwandlung Palästinas in ein eigenes Sclbstvcrwnltungsgcbiet unter internationaler Grantie verlangt. Dabei glaubt der ״Rciclisbote“ ,,zehn gegen eins wetten“ zu dürfen, ״daß eine derartige internation alc Garantie nichts;weiter bedeuten würde als englische Oberhoheit“. Um dies zu verhindern, wünscht der ״Reichsbote“, daß endlich auch die Mittelmächte und vor allem die Türkei diesem Problem ihre volle Aufmerksamkeit zuwenden. ״Man muH“ — heißt es in dem Aufsatz — ״den ן Juden klar machen, daß ihre Wünsche bei den Mittel- 1 in,1!eilten ent aufgehoben sind und daß deren Verwirklicliung jeder mit den Interessen der Türkei und ihrer Verbündeten mir irgendwie verträgliche Vorschub geleistet werden wird. Tatsache ist ja doch, daß sich »fjc< jüdisch-zionistischen Forderungen nicht mit denen der Mittelmächte kreuzen, so lange sic nicht auf die Bildung eine! ganz selbständigen «1er unter internationaler, d. 11. englischer Aufsicht stehenden Staates atisgchcn, sondern sich mit freier Kolonisajionsntöglirtikcit und der Betätigung ihrer rcligiös-natioiial-kultmellen Eigenart bcgiiiigen. In diesem Fall kann eine starke jüdische Ein- Wanderung und Besiedlung der Türkei und ihrer kirnfticn Entwicklung nur förderlich und dienlich sein. In aliislina seßhaft gemacht, könnten die Juden, richtig behandelt und regiert, mit ihren großen Fähigkeiten ein wertvoller Bcvölkcrungsbcstajidtei 1 für das otmaniscltc Reich werden.“ Und weiter versichert der ״Reicbsbote“: ״Alle wahren Freunde Israels hoffen aber auch, daß eine geschlossene Besiedlung Palästinas den Juden selbst zum Segen gereichen würde, Mit Recht sicht da* oben erwähnte zionistische Memorandum eine Haupt- (!iiallc aller Leiden und alles Unsegens des jüdischen Volkes in dem Verlust seiner historischen Heimat und seiner Zerstreuung in vielen Ländern. Die Land- und Heimatlo'igkeit beraubte das jüdische Volk der selbständigen Gestaltung seines nationalen Lebens und brachte sein Schicksal in Abhängigkeit von dem Auf- und Abstieg der Wirtsvölker, Jy 11a Landlind Heimatlosigkeit — (in der wir Christen einen Fluch und eine göttliche Strafe sehen, die aber auch nach der Schrift nicht immer wii'lireu soll: ״Gott kann ihn, den abgchaiicncn Baum des jüdischen Volkes, wohl wieder einpfropfen“, sagt der Apostel Paulus in seiner großen weit- und hellsgcscliiclitliehen Betrachtung, Rom. 9—11) — ist die Ursache der abnormen Existenz des Judcnvolks und seiner Ausnahms• Lage unter den Nationen der Erde: sic ist vor allem die• Ursache der ungesunden Berufsgliederung und sozialen Schichtung der Juden, der geringen politischen und sozialen Widerstandsfähigkeit, ihrer beständigen Wanderungen mul ihrer Ruhelosigkeit, Wenn die territoriale Lösung der Judcnfrage durch die Schaffung einer gesihlosseneii Siedlung in Palästina eine durchgreifende ökonomische Umschichtung, tlic Zurtickführnng eines möglichst grollen Teiles der Juden zur Urproduktion, ' zu Lamlbau und Handwerk, bewirkte, so wiirc das etwas Großes, das dem ־jüdischen Volke .direkt und an* deru Völkern indirekt zugute kommen würde.“ Im zweiten Teil seiner Ausführungen setzt sich der ״Rcichsbctc“ mit dem Vorwurf des Antiscmitismus auseinander, den ihm die ״Jüdische Rundschau“ auf einen Teil seiner früheren Ausführungen hin gemacht hat. Das Blatt konstatiert, daß es nie ״den ungerechten und unfruchtbaren Railauantiseinitismus“ mitgcinacht, sondern nur einen Antisemitismus vertreten habe, ״der sachlich begründet und notwendig ist“. Dabei wiederholt der ״Rekhbote“ die schon früher geäußerte und von allen Antisemiten geteilte Meinung, daß die Juden auf die Völker, in deren Mitte sic leben, einen zersetzenden, voiksgcfalrrlichen Einfluß hätten.. Dieser destruktive Einfluß gehe nicht nur von den großstädtisch assimilierten, sondern auch von den Landjuden aus, die die ländliche Bevölkerung ebenfalls durch ihre ״Blutsauger, Wucherer und Händ* ler“ schwer licimgcsucht liättcn. Diese wohlbekannten Gedankengänge beweisen zur Genüge, daß der ״Rcichsbote“ trotz seines wannen Eintretens für das nationale Judentum und den Zionismus nicht daran denkt, seine antiscmitische Grimdatiffnssung zu ändern. Der ״Reichsbote“ hätte cs daher nicht nötig gehabt, noch die Hoffnung auszusprechen, daß durch die zionistischen Bestrebungen die ״Gefahr“ einer ostjüdischen Ein* Wanderung nach Deutschland abgewendent werden könnte. Beachtenswert ist aber immerhin, wie der ״Rcichsbotc“ sich die Frage beantwortet, was denn die Türkei bei einer derartigen Bewertung des Judentums veranlassen könnte, eine jüdische Ein wände*■ ruiig nach der Türkei zu fördern. ״Darauf wäre zu erwidern“ —־ heißt cs in dem Aufsatz — ״daß wir eben mit den Zionisten von dür nationalcn Geschlossenheit in einer territorial Zusammenbaugenden Siedlung eine Umwandlung und ökonomische Umschichtung der jüdischen Massen erwarten. Sie würden auf diese Weise wieder m-clir der produktiven Berufstätigkeit des Landhaus und Handwerks zugcfiihrt, die unproduktive, einseitige Betätigung als Händler• und Maklcrvolk auf materiellem wie auf geistigem Gebiet, die über die Juden selbst wie über ihre Wirtsvölker viel Unscgcn gebracht hat. würde mehr zurücktreten. Auch würden jene gefährlichen Eigenschaften, wenn die Juden unter sich wären, schon von selbst eingeschränkt und in ihrer Wirksamkeit paralysiert werden. Unter strenger, aber gerechter Kontrolle und Leitung ließe sieh die reiche Begabung aber auch zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Landes verwerten. Und die nicht zu Siedlmigs-, sondern zu Handels/wecken in Kleinasieii eingewaiuicrten Juden würden schließlich In den Griechen und Armeniern Wettbewerber finden, die ihnen an geschäftlicher Tüchtigkeit und Geriebenheit noch überlegen sein sollen,“ Wenn wir auch anerkennen müssen, daß auch wir aus der Verwirklichung des Zionismus eine gesunde Bcrufsumschichtung der Juden erwarten, ko müssen wir doch konstatieren, daß die einseitige Berufsausübung der Juden ln der Diaspora ru einem großen Teile die Folge jener judenfcindliclien Ge• sinnung und der ihr entspringenden Maßnahmen war. für die der ״Rcichsbotc“ auch heute noch Eintritt. Wir bedauern, daß unser Hinweis auf die Schädlichkeit des deutschen Antisemitismus für die deutsche Suche wirkungslos Mich. In de« deutschen Zeitungen,!die ihre Leser dauernd über das zionistische Problem, und zwar von den verschiedensten Seiten aus, informiert, gehört die von dem Bodenrcformcr A. D amaschkc herausgegebene ״De u t sch e W a rtc“. Unter dein unveränderten Titel ״Auch Israel?“ hat diese Zeitung nun schon den sechsten Leitartikel der zionistischen Frage gewidmet. In ihrer Nummer vom 22. August bringt die ״Deutsche Warte“ einen Aufsatz des Landtagsabgcordnclcn D. Traub aus der ״Christlichen Freiheit“ (Nr. 32) zum Abdruck. Diesem Aufsatz Traubs, der die bekannten Maß* naltincn I) je 111 a I P asc 11 a s als Folge der engliscli-ainerikaiiischcn Plane einer Losreißung Palästinas von der Türkei zu erklären sucht, fügt die Redaktion der ״Deutschen Warte“ ihren eigener» Standpunkt in der jüdischen Paliistinafrngc an: ״Wir wünschen, daß man der zionistischen Siediungsarbeit in Palästina weder künstliche Förderung, noch künstliche Hcinin'imgcn bereite, sondern ihr ehrlich freie Bahn gewähre. Wir kennen allerdings nur von einem einmaligen Besuch das Heilige Land. Das genügt aber zu der Erkenntnis, daß nur sehr treue und sehr sachkundige . Arbeit diesen durch die Jahrhunderte vernachlässigten Boden wieder kulttirfäbig machen kann. Als wir vor 22 Jahren dort waren, batten bisher nur deutsche schvväbisehe Bauern, die sogenannten Templer, wirklich blü• hentle ländliche Hctinwescn zu schaffen vermocht. Vcrmögen die Zionisten das Gleiche, so soll sie niemand daran hindern, und werden sic im Lande stark, so soltlc man ihnen auch ein großes Maß von Selbstverwaltung einriiumen —• aber selbstverständlich unter der unbe• zweifelten Oberhoheit der uns treu verbündeten Pforte!“ In zwei weiteren Leitartikeln (vom 7. und 18, September) informiert die ״IX'utsche Warte“ ihre Leser über das poalc-zionistischc Memorandum an die Stockholmer Sozialistenkonferenz und das amtliebe Rotbuci! der türkischen Regierung ״Die Wahr• heit über die syrische Frage“, in dem bekanntlich die geheime Unterstützung der arabischen Bewe• gütig durch England und Frankreich auf gedeckt wird Auch die ״Vossische Zeitung“ setzt erfreulicherweise ihr Eintreten für die Unterstützung des Zionismus durch die Mittelmächte fort. Im Anschluß an die sehr verständnisvollen Ausfülb rungen C. A. Brat’tcrs, über die wir bereits berichteten, veröffentlichte die ״Vossische Zeitung“ vom 20. September das Interwicw eines jüdischen Korrespondenten mit dem holländischen Minister Dr. Treub, das wir in der letzten Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ veröffentlicht haben. Dabei versäumt cs die Redaktion der ״Vossischen Zeiturig“ nicht, noch einmal in kurzen Worten ihren Standpunkt in dieser Frage zu formulieren: ״Den Bemerkungen Dr. frculis über die Errichtung eines jüdischen Staates muß hin/ugefiigt werden, daß di« zionistischen Wünsche auf Ucberlasstmg Palästinas als geschlossenes Sicdlungstami selbstredend keine Losreis• sung Palästinas vom türkischen Reiche bezwecken, son• dern, wie kürzlich an dieser Stelle bereits hcrvorgciioben worden ist, eine Entwicklung' im Rahmen dieses Rci• dies und auf Grund einer starken Interessengemeinschaft mit ihm wollen. England und Amerika dagegen verfolgen in Palästina den Plan, die erwähnten jüdischen Wünsche in den Dienst ihrer eigenen Zwecke zu stellen und für ihre weltpolitischen Ziele zu mißbrauchen. Diese angelsächsischen Bestrebungen bilden einen Teil des gegen das türkische Reich gerichteten Zcrstönmgsprogramms. Der Kampf gegen diesen Entente-Anschlag stellt auch des» Mit* tclmachten die Aufgabe, die Bedeutung der kolonisatorisehen Massenbewegung, die der Zionismus darsteilt, סין• litlsch richtig zu werten.“ Mit Genugtuung können wir konstatieren, daß auch die größeren Zeitungen der Provinz sich immer mehr mit dem Zionismus beschäftigen und so zur Informierung der deutschen Ocffcntlichkcit in zumeist zion i sin us f reu 11 d I ichcm Sinne beitragen. Besonders zu erwähnen ist der Aufsatz des Dr. Frlir. v. Mackay, der unter der ׳Ucbcrschrift der ״Kampf um Zion“ in der ״Magdeburgisehe n Zei t ung“ Vom 21. August erschien, ferner die Aufsätze in der ״Schneidemüh ler Zei* tung“ vom <29. August, im ״Mittweidacr T agcblatt“ und im ״Schiet tstadter Tage* blatt“ vom 21.!August, in einer großen Anzahl süddeutscher Blätter wie in der ״P as i n g c r Zeitung“, im ״Wein heim er Anzeiger“, in der ״Gerniinder Zeitung“, ferner Im ״OSchätzer T agcblatt“ usw. Beachtenswert sind auch die Ausführungen ״eines konservativen Juden“ in der von Graf von Bothmcr in München herausgegebenen ״Deutsclien Zeitschrift -für Ordnung und Recht, Die Wirklichkeit“ vom 22. September. Dieser ״Die Judcnfrage“ benannte Aufsatz kommt ebenfalls zu dem Schluß, daß es nunmehr an den Regierungen der Mittelmächte sei, für den Zionismus einzutreten.

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