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Jüdische Rundschau · 1917-08-10 · Heft 33 (10.8.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 33 (10.8.1917)
Date
1917-08-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang ן 1 Per Zionismus erstrebt für «las jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heiasst&tte la Pal&stiaa. ״Baseler PrograMM" ÄcakFimfE Die Notlage der evakuierten jüdischen Bevölkerung in Palästina hot die Juden aller Länder zur Einleitung von Hilfsaktionen veranlaßt, die zum Teil von den zionistischen Organisationen allein, zum Teil in Verbindung mit anderen jüdischen Organisationen durchgeführt werden. Das Zionistische Zentralkomitee für RuBIand hat bereits mehr als 300 000 Rubel für die Evakuierten erhalten, beim Zentral-Hilfskomitee in London sind aus England und den Kolonien ca. 20 000 Pfund für* diesen Zweck eingegangen, '• in Deutschland hat das von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland organisierte ״Hilfswerk für Palästina“ bisher 175 000 Mark für die Evakuierten eingenommen, vom Provisoritchen Zionistischen Exekutiv-Komitee in Amerika wurden bisher 20 000 Dollar für diesen Zweck überwiesen, eine Sammlung unter den dänischem Juden ergab 23 000 Kronen, die schwedischen Judcp überwiesen 20 000 Mark, in Holland sind bisher 10 000 Gulden aufgebracht worden, in der Schweiz 9000 Francs, R IJj in Italien 2000 Lire. o■—־ ■a m ■»!■■■■111■■•■■■•■■■* Diese Ziffern beweisen, daß das jüdische Volk den Hilferuf ׳seiner Brüder in Palästina gehört hat. Aber diese Summen sind absolut unzureichend gegenüber der furchtbaren Not. Die gänzlich ungenügenden Wohnungsverhältnisse, der Mangel an Nahrungsmitteln, immer mehr um sich greifende Krankheiten vergrößern das Elend ins Ungeheure. Die Erlaubnis zur Rückkehr der Evakuierten ist bisher nicht erteilt worden. Die Regenzeit naht heran und bedroht, wie alle Nachrichten aus Palästina bestätigen, diesen Teil der palästinensischen Judcnheit mit einer furchtbaren Katastrophe. י? 15 000 Francs werden lüglich und zwar sur für die ailerdringendsle Hilfeleistung gebraucht. •1 -־*'י Wir richten daher an die Judcnheit der ganzen Welt den dringenden Appell, das Hiifswerk für die Evakuierten opferwillig zu unterstützen. Das Actions- Comitä der Zionistischen Organisation Die deutsche Judenpolitik in Polen In diesen 'I nnen ist in der ״E u r o p ä i s c I! e n Staat!* und W i r t s c li a f t s / e i t u n g“ ein Ar* likul ei schienen, der gleichzeitig \1ud1 in einer unter spezifischen Gesichtspunkten ausgcwählten Anzahl jiidi* scher Zeitungen veröffentlicht wurde und der sich ״Lin Beitrag zur polnischen Juden frage“ he* titelt. Der Artikel stellt offensichtlich eine offiziöse Verteidigung der deutschen Judenpolitik in Polen dar und wendet sich der Form nach gegen einige ״Warschauer Briefe“, die in den alldeutschen (was der anonyme Verfasser liervorzulicben nicht unterläßt) ״Herlittcr Neuesten Nachrichten“ erschienen sind und auch die deutsche Politik gegenüber den polnischen Juden in den Kreis ihrer kritischen Betrachtungen zielten. Der Verfasser des ״Beitrags“ macht sieh das billige Vcr* gnügen, die ״Warschauer Briefe“ als auf Informationen Berliner zionistischer und national-jüdischer Gewährs* ' inäniier beruhend zu bezeichnen und schlägt vor, sic ״Briefe eines Theoretikers nach Warschau“ zu über* schreiben. Wir verzichten darauf, diese Art der Polemik, die jede an der deutschen Judenpolitik in Polen geübte Kritik als angeblich in dem deutschen zionistischen Lager entstanden ihrer Beweiskraft zu entkleiden versucht, näher zu kennzeichnen. Es ist für jeden Unparteiischen wirklich nicht einzuseheti, warum ein alldeutscher Journalist in Warschau weniger die Möglichkeit haben soll, sich an Ort und Stelle ein Bild über die Juden* frage zu bilden, als (etwa ein fortschrittlicher Ahgc* ordnetcr. Wären wir Zionisten wirklich• so sehr in Partei- Politik befangen, wie cs der ״Beitrag“ wahr haben will, Ware für uns kaum Anlaß zur Erwiderung geboten. Denn er!stellt letzten Endes nichts dar, als die übliche uns bis zum Ueberdruß bekannte Philippika gegen das Nationaljudentum und den Zionismus, gegen die uns zu wehren wir wahrlich nicht mehr notig hallen. Leute die mit so selbstsicherer Gewißheit über den Zionismus schreiben, von dem sie wirklich nicht mehr wissen, als daß er ihnen unbequem ist, sind ׳eben* sowenig willens oder imstande, dem Weltanschauungs- Charakter der zionistischen Bewegung gerecht zu werden, wie sie die weltpolitische Bedeutung der zionistischeu Organisation zu erfassen vermögen• Bedenklicher ist, «laß sic sich nicht nur nicht damit begnügen, die in jüdischen Dingen leider furchtbar ahnungslose deutsche Verwaltung auf de!» falschen Weg zu führen, sondern ihre aut!nationale jüdische Gemcfndcstubcnwcisheit als letzten Ausfluß deutscher Regierungsktmst auch noch ׳ ln Organen atisposaunen, die heute im ganzen Ausland als die Wortführer ueudcutschcr Entwicklungstendenzen ihren Ruf haben. Am bedenklichsten aber ist, daß sie damit etwas Wahres aussngen. Und darum müssen wir zu dem ״Ikitrag“ Stellung nehmen. Die deutsche Polcnpolitik stellt, wie es scheint, vor einer entscheidenden Wendung, Unter sic hat man jetzt einen Strich gesetzt und die Bilanz hat ein großes Passivum auf dem Konto der deutschen Verwaltung ergeben. Prüfen wir, ob sich die Rechnung auf dem Konto Judenpolilik besser stellt. Verschiedene Wege gibt cs hinsichtlich der Behändhing der Völker im besetzten Gebiet, Der einfachste mul im Kriege niichstliegcnde ist der, der das besetzte Gebiet lediglich als Kriegsgebiet betrachtet und seine Verwaltung in erster Linie oder ausschließlich von militiirisclcu Gesichtspunkten leiten läßt. Eine solche Vor* waltimg halicn wir im Gebiete Ober-Ost. Uuscrn scharfen Piotest gegen die Judenpolitik der Verwaltung Ober- Ost haben wir neulich erst zum Ausdruck gebracht. Im Generalgouvernement Warschau hat man einen nmleren Weg bcschrittcn. Das beruht liatnrlieh ln erster Linie darauf, daß!las Ge- *leralgouvernemeiit eben nicht mehr nls Okkiijiations- 1 gebiet gilt. Die Verwaltung des Generalgouveriiemeins Warschau war geleitet von der Absicht, die Polen als politischen Faktor für die Interessen der Mittelmächte zu gewinnen. Daß diese Absicht vorläufig ganz mißlungcü ist und daß 'bisher nur das Gegenteil erreicht ■werden konnte, ist heute ja in Deuischi.uul allgemein bekamt. Auch für die Behandlung der Judenfrage aber war diese Absicht maßgebend. Nicht von Anfang an. Als die deutschen und österreichischen Heeresgruppen zum ersten Mal die polnische Grenze überschrillen, da erließen die Heerführer Proklamationen auch an das jüdische Volk Polens, worin sie ihm die Befrc.ung aus der Unterdrückung und eine glückliche Zukunft unter dem Segen der deutschen Verwaltung verhie ßen. Dieses Versprechen ist im wesentlichen nicht cingehalten worden. Als sich zeigte, daß für die Gewi»notig der Sympathien der Polen die Berücksieh- Hgung jüdischer Wünsche ein Hindernis darstellfe, uriterordnetc man im weitesten Maße die Erfüllung jener feierlichen Versprechungen unter die Politik der Anbahnung eines freundliche.» Verhältnisses zum polnischen Holk. Dies traf übrigens im gleichen Maße auch für die anderen nichtpolnischen Nationalitäten, insbesondere «Iso die Deutschen des Generalgouvernements zu. Das Einfache, Gradlinige wäre auch für eine solche Politik gewesen, clail man deu Polen entgegenkäme und den Juden die bürgerlichen Rechte sicherte, auf die sie unter deutscher Verwaltung Anspruch haben und die ihnen unter polnischer ohne diese Sicherung gewiß nicht gewährt würden, im übrigen aber die Regelung Ser jüdischen Verhältnisse in Polen als eine interne Angclegeiiheit des netten Staatswesens betrachtete und sii* dementsprechend den Polen und den Juden selbst überließe. Es ist ja nicht nötig, ausdrücklich zu betonen,!laß wir eine solche Ordnung nicht für ideal anschen. Wir erachten die Judenfrage als eine nationale, interterritoriale, die demgemäß nur durch internationale Vcreiiih.irungen geregelt werden kann, und daher vcrlangen wir für die Juden ebenso wie für alle anderen Nationalitäten in Polen die Sicherung ihrer Minder* hcitsrechte. Wir befinden uns dabei im Einklang mit der immer stärker erhobenen Forderung fast der ganzen politischen Welt für die Rechte der Nationen, Aber nachdem die!knitsche Regierung cs leider nicht über sich gebracht hatte, sieh auf diesen Standpunkt zu stellen, blieb vernünftigerweise nur die oben umschriebene konsequente Haltung. Diese Konsequenz wurde nicht aufgebracht. Die deutsche Regierung hat cs für nötig befunden, sielt auch in die inneren Angelegenbeiten der Juden zu mischen. Es ist ganz unerfindlich, warum dieses geschehen ist. Es lag nicht der geringste äußere Grund dazu vor, um so watiger da sich die Fürsorge, die die Deutschen den Juden in Polen atigedeilien lassen, In einer höchst sprunghaften und abrupten Weise äußert. Die von den Deutschen erlassene Wahlordnung fiir die Siadtratswalilen sichert den Juden durch das Proportirtnalwnhlrecht Minderhcitsreclite, für die Wahlen zum künftigen i.andtag werden ihnen diese aber nur in höchst beschränktem Masse ztigebilligt, so daß sie in dieser Körperschaft nur in gänzlich ungenügender Weise vertreten sein werden. Aus dem Staatsrat sind sic vollkommen ausgeschlossen. Die Polen haben eine Reihe politischer Organisationen, jüdischen Vereinen wird prinzipiell die politische Betätigung untersagt. Auf der anderen Seife gibt sich die deutsche Verwaltung recht viel Mühe um die Hebung des jüdischen Schulwesens, läßt aber die freie Entwicklung der jüdischen Schule nach den jüdischen Wünschen keineswegs zu usw. usw. Den bezeichnendsten Ausdruck findet diese Politik der Halbtönc in der Errichtung des jüdischen Referates bei der Zivilverwaltung in Warschau. Es ist ganz, selbstverständlich, daß für ein Volk von der Größe und der Bedeutung des jüdischen in Polen innerhalb der Verwaltung besondere Stellen eingerichtet werden müssen. Der Aufgabenkreis dieser Stellen ist ge- , geben: die jüdischen Angelegenheiten. So weit aber reicht schon wieder die Fürsorge der deutschen Verwaltung nicht. Sie errichtet ein einziges jüdisches Referat bei der Zivilverwalhmg, und dieses lediglich als eine Unterabteilung des Ressorts ״Schule und Kirche“. Dem entsprechend eingeschränkt ist natürlich sein Aufgabenbereich. Alles, was außerhalb dieses Bezirks liegt, die sozialen Verhältnissc, die Rechtspflege, der bürgerliche Schutz usw. gehört nicht in seinen Kreis und wird höchstens 111 Grenzfällcn sozusagen duldungswcise seinem ungemein beschränkten Einfluß überlassen. Das ergibt natürlich einen geradezu unglaublichen Zustand. Es gibt keine offizielle Stelle für die Angelegenheiten des jüdischen Volkes in Polen, an die man sich ressortmäßig wenden könnte, wenn cs sich nicht um Fragen von Schule und Kirche handelt. In allen anderen Eälkn fungiert das sogenannte jüdische Referat ganz nach der Art der früheren Schtadlonim-lnstitution, man kann Wünsche, Beschwerden vortragen und der Referent gibt sich die Mühe, die eben ein deutscher Beamter für Dinge aufwenden kann und 'darf, die nicht in sein Ressort gehören. Ls ist wahr, das jüdische Referat erweist sich als eine sehr nützliche und auch wirksame Einriditung für alle möglichen Kleinigkeiten, insbesondere zur Vermittlung der verschiedenerlei Genehmigungen, die das öffentliche jüdische Leben heute bedarf, z. B. bei Vcrcitisgründungcn, bei der Einrichtung von Bibliotheken und Lesehallen, manchmal auch in Zensurfragen usw., und cs soll gewiß nicht geleugnet werden, daß eben dadurch recht viel für eine etwas ,freiere Entwicklung des jüdischen Lebens geschieht. Aber ln allen einigermaßen wichtigen Dingen ist das Referat nicht zuständig, hat gar keine Wirkungsmögliehkeiten und muß deshalb versagen. Wir erwähnen, um nur einen aus vielen Fällen zu nennen, den Fall der Beschlagnahme des Mickerfetts, des einzigen Fetts, das der rituell lebenden Masse der jüdischen Bevölkerung in Polen noch zt!r Verfügung stand, eine Maßnahme, die unter anderem die völlige Umstellung der jüdischen Volksküchen in Warschau auf milchigen Betrieb und dadurch fast die Schließung der Küchen notwendig machte und deren vom jüdischen Referat erstrebte Acndcrung eben an seiner Nichtzustandigkcit scheiterte. Ja sogar in den Fragen des jüdischen Kultus ist die Machtfüllc des jüdischen Referats außerordentlich beschränkt. Wir brauchen z. B. nur an die Verordnung von Anfang 1616 zu erinnern, efte die Beschaffung des Weizens lür den Mazzothbedarf der jüdischen Bevölkerung au die Zahlung der erforderlichen Summe in Gold knüpfte, eine Vcrord- ™"fc von der glaubhaft versichert wurde, daß das jüdische Referat sie erst nach ihrem Erlasse erfuhr. Die Inkonsequenz in der Fürsorge der jüdischen Bevölkerung seitens der deutschen Verwaltung prägt sich am deutlichsten in der Besetzung des jüdischen

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