Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1917-08-10 · Heft 32 (10.8.1917) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 32 (10.8.1917)
Date
1917-08-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2651273-2652026-2652057--11223-2668524
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

u * «ג . , « * J ן, | » •« ■•aS - .i " Redaktion und Verlag Jüdische Rundschau, Berlin W. 15, Sächsisch« Slraßr 8. Er- ,cheiot woclventl. am Geil•!:. Abonnement bei der Expedition und bei allen Postämtern nerteljahrl. Mk. 4/5 in Deutschland, 111 Ocstcrrcich-Ungarn Kr, ft,_ im Ausland Mk.1׳, Nummer 32 Berlin, den 10. August 1917 J Telephon: Amt Uliland 845. 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17.192. Für Oesterreich» K. K.. Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Anzeigen die lechsgetpalteDe Petit* Zeile oder deren Raum 40 Pf. TeuerungsruschUg 15°/n. RedaktionsstMuß Dienstag nach«. 22. Ab 5677 XXII. Jahrgang Ein politischer Faktor Das Doppelheft der von Martin Bub er 11eruusgegcbcneit Monatsschrift ״Der Jude“ für August/Scptembcr, das soeben erschienen ist, brinjrt an leitender Stelle den nachfolgenden Aufsatz des Herausgebers. Das Streben nach der Begründung einer öffeiltlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdisehe Volk in Palästina ist, so sagt man, ״ein politischer Faktor“ geworden. Betrachten wir die Wirk-!iclikeit, die sielt hinter diesem Sclilagwort verbirgt. Cs ist eine zwiegesichtigc, eine zwiespältige Wirklichkeit. Dies ist ihr lichtes Antlitz: Die Völker fühlen mit steigender und ingrini• miger Gewißheit, daß cs bei ihnen stellt, ob dieser Krieg die hoffnungslose Hölle oder der liöücniilinliebe Reiiiigungtsort dieser späten Jahrhunderte ist. Sie Italien zu erkennen begonnen, daß er aus ihrer aller Schuld geworden ist, und ahnen, daß ihnen zur Sühne gereichen mag, was sie aus ihm werden lass,■11. Und von Augenblick zu Augenblick wird ihnen stärker kündbar, daß alles aus ihm werden kann, was. zu wollen sie fällig sind. Es ist die Stunde einer säkularen Bildsamkeit der Mcnsehcnwelt. Die Verfassungen der Gemeinwesen, die Ordnungen der Wirtschaft, die Beziehungen der Staaten, alles ist be- ׳stimmbar geworden, alles harrt der meisterlichen 1 Uncle. Unter den Aufträgen, die die Zeit in diese noch unsichtbaren Hände legt, ist ein vor allen andern harter und spröder: die Selbstbestimmung der Nationen zu verwirklichen. Hart und spröd ist er, weil die Ansprüche, die ihm als Material für die zu tiefienden Entscheidungen überantwortet werden, ein• ander mannigfaltig widersprechen und der eine oft nii'lit ohne Schmälerung׳ eines anderen erfüllbar erscheint; wohl auf keinem Gebiet wird die Schlichtitmg des vielfältigen Widerstreits so schwierig sein wie auf diesem, wo er nicht bloß in politischen Forderungen, sondern auch in historischen Erinnerungen, in logischen Definitionen, ja in statistisehen Tabellen waltet. Es gibt freilich Ansprüche, deren Gcieehtigkeil unvermischt ist und tleicn Anmeldung schon ihre Anerkenn 1111g liäilc bedeuten müssen, wenn damals bereits das Gewissen der Völker ertvndit wäre, das heute einen 11t. l'.iu ««klier Anspruch ist u.! des jmii■, in11 ׳ Volke■ auf die Gewinnung eines neuen organischen Mittelpunkts seines Lebens im Lande seiner Jugend. Dieser Anspiuch verletzt keinen andern na- 1 tionaien Bestand, kein anderes nationales Recht; das ist, nachdem cs oft erklärt wurde, vor kur/cm׳ in der Eröi'fnimgsicde d־r ers,׳,׳ ‘!יי / '1״•heu Dclegicrtcnkonlerenz ins 1ui1.־ K ■.״״! »io ciireutie 11er Dculliclikcil dargeiegl wo,den, und daß es so ist, daß dieser Anspruch zmie'st beglaubigt i־t, bähen die Völker in dieser Stunde der säkularen Bildsainkcit zu erkennen begonnen. Die p'nilozionistische Stimmung wächst zur tätigen Gesinnung" licran. Ueberall beginnt es Mensehcn, tlie gutes Willens sind, lfm st um Zion zu weiden. Es ist nicht nu.iir bloß Achtung, was sie dem seiner vvurze-lhafien Ewigkeit bewtißteu Jitdeultmi entgegenbringen, es ist Hilfsbcivitsdi.i.i. Das ist das belle Antlitz der zwiegesichligcn Wirklicl keit, die sieh hinter dem Sclilagwort, der Zionismus sei ein politischer Faktor geworden, vorbirgt. Aber das andere: Es ist noch Krieg und das heißt, es ist noch dieser entartete Krieg, in dessen Entölung cs einer der gnmenhaflesieu Züge Dt, daß :11!es in ihn einbezogen wird. Dali ein so großer Teil der intcliektualitiit der kriegführenden Völker sieh unter die Maschinen begeben hat oder unter sic cingcrcilu worden ist, mit denen der Krieg geführt wird, hat mau durch die Lik i\T׳;, die Ua־׳־:׳s׳i >ic i; d'eser Iiitellekiuaiiiäl zu erk ären wist.ii,; ei!, E,kiäiuug reicht nicht zu. Fehles und Hktiws, Geistiges und Ungcisliges sind hier miteinander verschweißt, weil sie vor den sie Benützenden gle'clt sind, für sie gleich brauchbar sind. Kein Idealismus kann so rein, keine Begeislcrung so gnadenreich sein, daß sie von dem System der Verwendung aller Dinge ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina." Baseler Programm. nicht erfaßt und mit ihrem besonderen Verwendbarkcits/ciclicn ,•(!)gestempelt werden könnten. Ob du dichtest oder zu dichten glaubst, Poet, ob du forsehest oder zu forschen vorgibst, Gelehrter, ob du Hingabe oder Taktik übst, Sozialist: der euch ausspielt, kann die echten Karten 1unter euch zu gelegeuer Zeit so geschickt (oder so ungeschickt) ausnützen wie die falschen. Ihr echten seid ins Spiel gemischt und müßt die Gesellschaft der anderen erdulden und ihre Behandlung jniterlcidcn. So kann cs auch einer Sache ergehen, die jenseits der Welt dieses Krieges stellt!und mit ihr nichts gemein hat, wie die ziontetiftchc. Sie ist in diesem Krieg nicht Partei und will nicht Partei werden; sie spielt weder offen noch heimlich mit; sic sicht aber auch nicht ins Spiel und lauert nicht» wer gcwiiine; sie ist nicht unter denen, die den Spielern zuflüstern, schmeicheln, Tricks nnbieten und die alles Aiisnützendcn selber ausnützen möchten. Was Theodor Herzl auf dem ersten Zionistenkongreß — seit jener Minute vollendet sich jetzt das zwanzigste Jahr — sagie, gilt heute noch immer: ״Es kann sieh bei uns nicht um Biindelcicn, geheime luterventioiicn und Schleichwege handeln“. Aller nicht deshalb allein hat die zionistische Sache keinen Anteil an dem ausnützenden und ausspiclcndcn Aktivitätswirrsal dieses entarteten Kriegs. Sondern weil der Weg nach Zion nicht durch die Straße des Wahnsinns führen und sich mit ihr nicht berühren kann. Und dennoch ist das Zionszeichen auf eine Karte gemalt und diese Karte ins Spiel geworfen worden. Aber nicht von der Hand des Zionismus. Würde er um dieses Vorgangs willen ein politischer Faktor genannt, so käme ihm diese 'Bezeichnung nur als einem Objekt, nicht als einem Subjekt der Politik zu. 1111 System der allgemeinen Verweildüng der Ideale und Begeisterungen ist nun auch das Streben nach einer Heimstätte für das jüdische Volk als benützbar untergebradit worden. Wir könneu diesen Akt nicht verhindern, aber wir dürfen an ihm nicht teiliielmieu. Wir müssen diese Verstielnuig, zu einem!Mimischen Faktortuiu solcher Art erhoben zu werden, bestellen. Wir sind nicht ein Subjekt dieser Politik und wollen es nicht Word 011. Die Politik, als deren Subjekt der Zionismus gehen will tuid darf, ist eine andere. Er redet niclii zu den einzelnen, aus aller WcltmatC'ie einschließlich des Geistes Waffen wider einander schmiedenden Gruppen, sondern zu der Völkergenteiiuk', de׳ sich in dieser Stunde, während sie noch gescumiedei werden, in redlichen und überlegenen lleiveu bereitet; nicht zum Hali und zur lauernden List, sondern zu dem erwachenden Gewissen, dein neuen Bewußtsein der Verantwortung und dem sich veiwandelnden Willen der Völker. Indem er zu ihnen redet und von ihnen gehört wird, ist der Zionismus eine wirkende Kraft in der Volke׳'poiitik g! worden. Der Tag der endgiihigen Sdbstbesinmmg der Völker wird auch sein Lag sein; keiner der ־] agc ihrer Veisli ickung kann cs werden. Diese, zu der wir vor zwanzig Jahren uns im Angesiebt der Mcnscheinvelt bekannten und der wir 1 treu gi blieben sind, ist eine andere Politik, als die | in di.sein Kriege herrsch!, eine andere, als die war, (leien 1 ■'onsei/img mit allen Mi! ein w.dnlkli dit*- sei־ K;icg dauU'iit. Es ist eine Politik dös Ficimuls und nicht des Mißtrauens, der Offenheit und nicht des I linlcrhalls, der Direktheit mul nicht der Intrige. Wenn der Zionismus durch seine politische Methode diese neue Politik cinscl/cu hilft, wird Cr aueli in einem hesoiuk-m hohen Sinn ein politischer b'.iklor genannt werden dürfen. Martin Bub er. Gedenket de» Hilfswerks för Palästina! Gedenket der Evakuierten! Nochmals die Thoratreuen Wir haben schon einmal Veranlassung gehabt, —• in Nr. P) dieses Blattes — von jener seltsamen neuen Abart des polnischen Judentums /u sprechen, die sidi irn Laute des Krieges in Warschau gebildet hat und mit dem ihre Herkunft schon äußerlich bezeugenden Namen eines ״thoratreui 11“ Judentums ihre eigciitümlidien politischen Geschähe betreibt. Wir haben dort bereits auf die auffallende IJcbereiiistimtmmg hingewiesen, die sowohl in den prinzipiellen Meinungen wie in den Methoden ihrer taktischen Propagierung zwischen diesen ״Thoratreiicn“ in Warschau und jenem extremen Flügel der deutschen Orthodoxie bestellt, der in Frankfurt a. M. seinen geistigen Mittelpunkt hat und sein Programm ln seiner gewöhnlichen Bezeichnung ״Trcmiungsorthodoxic“ zum Ausdruck bringt. Diese Ucbercinstimmung erscheint nicht weiter erstaunlich, wenn inan weil(, daß die Warschauer ״thoratreue“ Strömung kein inländisches Erzeugnis der polnischen Jutleiiheit, sondern eine von mißen, eben von den Kreisen der deutschen Trenmiiigsorthodoxio importierte Ware ist, importiert und vertrieben in Warschau durch die eigens zu diesem Zwecke hinges,•mißen Herren Rabbiner Dr. P. Kohn und Seminardirektor Dr. Cnrlcbnch. Die Uehcreinstimmung erscheint noch begreiflicher, wenn man ferner weiß, was vor einiger Zeit bereits auf Grund einer ntnt*gerichtlichen Eintragung im Frankfurtcr Handelsregister hier fcstgertellt wurde, dal) die von den beiden Herren in Wnrsrh. u seit dem 1. Fcbmar 1B17 herausgegebene Tageszeitung ״Das Jüdische Wort“ von einer eigens dazu in Frankfurt hegriindeten Handelsgesellschaft finanziert wird und auch sonst das ״thoratreuc“ Judentum in Warschau lediglich auf Kosten — im wörtlichsten Sinne dieses Wortes — der Frankfurter Trenmingsortluvlaxic lebt. Mit dem Augenblick, da dies bekannt ward, verloren die ״Thoratreuen“ in Warschau eigentlich alles Interesse für die weitere jüdische ()Öffentlichkeit im allgemeinen, für die zionistische im besonderen. Denn die Frankfurter Trcnnungsortliodoxie, deren Sprößlingc die Warschauer ״Thoratrcucn“ darsicllen, ist uns ja nichts Neues mehr; die jüdische ()Öffentlichkeit, ganz besonders die zionistische, kennt seitlalircn bereits ihre Wesensart, ihre Prinzipien und politischen Methaden und weiß sehr wohl, daß sie die entartete 1111• jüdische Abart der jüdischen Orthodoxie darstcllt, in ihrem Geist de facto cln-nso tinjüdisch, wfc sie in ihren Prätentionen jüdisch zu sein behauptet, eine eigenartige Mischung von west europäischen kleriknien Konfessiousprinzipicn mit stanr.trr Bewahrung der jüdischen Eiii/cltrnditinuen, alles in allem eine der 1111• gesundesten Mißbildungen des zeitgenössischen Judentiuus, die aus Instinkt und Selbsterhaltungstrieb immer mehr da/11 gedrängt wird, im Kampf gegen das neuerwachende, ganz der Zukunft und dem Neuschaffen zugewniidte nationale Judentum unserer Tage seinen eigentlichen Daseinsinlialt zu erblicken. So stellt denn der Kampf gegen den Zionismus,;,׳egen die netihebräischc Kult 11 r. gegen das nein' Palästina, kurzum gegen alle Ausdmeksfornieu der jiiiigjitdischen fiewcwcgiing, gegen alle Grundlegungen der freien jüdischen Zukunft schon seit Jahren den cigeutlietten Inhalt der Tätigkeit der TroMmingsorihnduxic dar. Mau muß gestehen, daß sie diese Tätigkeit energisch, gewandt und zähe verfolgt und iltr dabei ein gewisser Bleatisinus d!r sie leitet und nnspornt. nicht abzusprechen ist, jener schädliche und ungesunde Idealismus, der alle Verteidiger überwundener I nrnten und alle irregeleiteten Fanatiker einer toten Vcp angeithcit in ihrem Kampf gegen das Neue, I11n׳r1\ I r! '!th iro aimitreihi'n pflegt. Daß dieser Kamp[ atissichlIss ist, braucht nicht erst gesagt zu werden; als gegen den Fortschritt, gegen das frnrhtbare Schaffen neiier Werte, kur/, gegen die Vernunft in der Geschichte gi ikiitet, ist er von vornherein zur Erfolglosigkeit verurteilt und stellt nur einen Sne/ialfall tu der Reihe iener vielen hemmenden Kräfte dar, die, wie es hei allen großen, schöpferischen Bewegungen der Fall ist, auch dem Zionismus sich eiltpegen*trmmcn. Ifircn Widerstand v. ,:־*I er ebenso sicher iT• rwimlen. wie auf die I );111׳ r alle schöpferischen Neuhililungen der menschlichen 11 ,undue sich iltirdi-?11:11/111 pllegen. Ais eine in der grollen Zahl der den ZionDimis bckänipfeudcn reaktionären Kräfte lies heutigen Judentums beansprucht die Trenmingsortiiodoxie wohl die pflichtgemäße Bcactilimg der zionistisehen OeffenlIn nkeit, aber verdient kein besonderes Interesse und hat keine außergewöhnliche Bedeutung, Da bestünde denn eigentlich kaum ein Grund, sich mit der na di Pulen während des Krieges importierten Abart der Ticiiiiiuigsorthodoxic״ die sich dort das ״Iftoratreue“ Judentum nennt, näher zu beschäftigen; cs be* stände um so viel weniger Grund dazu, als sie dort eben nur eine fremde, daher doppelt ungesunde Ersrheinung bildet, die nur in den ,'.normalen Zeitver* hältnissen des Krieges zu einem kiinrttielicn Leben erweckt werden konnte, unter Assistenz von Geburtshelfern und 1 liefern, die alles andere 311s innere Ucbcrzcugung zu solcher Assistenz verleitete, und die mit dem Augenblick verschwinden wird, da diese anormalen Zeit* Verhältnisse beseitigt sein werden. Daran ändert nicht»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.