Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1917)
- Date
- 1917-07-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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t ׳1 י״'| 1 c .«*■»'«ג. Redaktion •and[Verlag■ jaäache Rundschau, Berlin W. 15, SUMoSu^t Er- ' Mk 275 ״,"n1!*;' Expedition und bei ״!len Postämtern y1crtel)ahrl. Mk. 4/5 in Deutsddand, m Ocstcrreich-Ungarn Kr. 5,— im Ausland Mk. 4,— Nummer 28 Berlin, den 13. Juli 1917 Telephon; Amt Uhland 815.846. Postscheckkonto; Berlin Nr. 17392. Für Oesterreidj! K. iCPostsparlcnsBenamt Scliedckonto Nr. 156030. Anzeigen die sedisgespnltene Petit- Zeile oder deren Raum 40Pf.Teuerungsruschla^ 15°f״. Redaktiontsdduß Dienstag nachm» ax.-r,;^a.fjnKr. -■■■T»r,»ig-aaa■^ 23. Thcmmus 5677 U XXII. Jahrgang Toleranz und ihre Grenzen Im jüdischen Volk ist neues Leben wach gewurden. Es fühlt seine Kraft, die niedcrgelialtcii war, es fühlt, daß ihm jioch eine reiche Zukunft hereilet ist, Weil es sie seihst sich bereiten will Aus allen Teilen der Welt kommen die Botschaften, die uns verkünden, daß aus mühseliger Saat laugcr Jahre gute Ernte zu erblühen beginnt, Und die Hoflimngen sind um so stärker und erfrischender, als wir ja zur Genüge wissen, daß sie nicht auf den trügerischen Grund zufälliger äußerer Machtcntfnltung gebaut sind, .sondern auf den inneren Reichtum unseres Volkstums, auf seine ungebroj chcite Geschlossenheit und den Willen zur Vcrwirkiichimg, der die Tat erzeugt. Wir haben in diesen schweren Jahren, da wir tun die Existenz, und die Zukunft unseres nationalen Seins sorgten und kämpften, fast vergessen, daß es eine Generation gab, deren Ideal, das sic in der Welt durchsetzen wollte, ״T o I e r a n z“ war. Wir haben gelernt, daß mit dem Betteln um Toleranz nichts getan ist; daß es nur darauf ankommen kann, die eigene Art 7!u •behaupten und durclmtselzen. der unveräit Berten Eigenart wird im Kreise der Eilen, mit denen wir in freier Rede zu sprechen vermögen, die Anerkenung nicht vcrsagl bleiben. Sie werden Wert und Würde des Juden erkennen, der auf sich selbst sieht und sagt, wer er ist und was er will. Wir haben uns — gerade die letzten Jahre zeigten das uns — in unserer Zuversicht nicht geirrt. Man hat hegönnen, unserem Wesen und Wollen Achtung zu erweisen. So ist der neue jüdische Lehenswert, den unsere national-jüdische Bewegung geprägt hat, zur Grundlage eines freieren Verhältnisses von Mensch zu Mensch, von Volk zu Volk geworden. Wir haben das auch in Deutschland erfahren. Wir wollen und können uns nicht verheilten, daß die Anerkennung des inbesondere von der zionistischeu Bewegung vertretenen Wollcns gerade in Deutschland ihre besonderen Schwierigkeiten hatte. Zwar konnte darauf hingewiesen werden, daß gerradc in deutschem Boden die Wurzeln eines edlen Nationalismus ruhen, von dem auch wir viel gelernt haben, der auch unsere Entwicklung bcfruchtet hat. Das Volk, das die Erziehung Fichtcs genossen hat, müßte der nationalen Neubelebung auch des jüdischen Volkes nicht ohne Verständnis, ja wohl sogar mit innerer Anteilnahme zu folgen verstellen. Und tatsächlich haben ja Männer wie Paquet, Max Hildebcrt Boelim u. a. bewie- ■seil, daß sie unser Ringen zu würdigen wissen. AIht es ist auch manche ,Schranke schwer zu durchbrechen gewesen, die schon durch die eine Tatsache ihre Erklärung findet, daß die Deutschen, vorn Nationalstaatsbegriff fest umfangen, die freie Sinnesart sich erst erwerben müssen, die, im cigeneu Haus, sich von geistiger Unterdrückung und Bevormundung der andersgearteten Mitbürger freizuhalten weiß. Dieser Mangel des deutschen Charakters ist, trotz des gerühmten Verständnisses für fremde Gcistcskultur, auch in der praktischen Politik oft genug zu Tage getreten. Ob eine neue Zeil der durch die Erfahrungen des Krieges er״ zwungetien Demokratisierung auch hierin Wandel schaffen wird? im Kampf um die volle Durchsetzung und Ancrkcnivtuig unseres Eigenwesens ist uns, wie auderen Völkern, bei denen es um Sein oder Nichtsein gellt, die Erinnerung an die früheren Kampfe um die ״l ote ranz“ etwas verblaßt. Darum horchen wir umso erstaunter auf, wenn wir plötzlieh wieder die alten Schalmeien ertönen hören - und vernehme״, daß man iiti Zionismus eine Gefahr für die Toleranz erblickt, 111 der Zeitschrift ״Das neue Deutschl 11 ג d“, die Dr. Adolf Grabowsk y hcrausgibt und die sich schon des öfteren mit jüdischen Problauen befaßt bat, erschien am 1. Juli 1<H7 eine Reihe von Aufsätzen, die sich mit dem Toleranzgedanken und seiner Bedeutung für die politische und konfessionelle Praxis in!Deutschland bcschäftigen. Ein Aufsatz von cindm Autor namens Dr. Fritz. W achsner behandelt das Thema: ״Konfcssioneller oder religiöser Friede?“ Der Aufsatz geht davon aus, daß in Deutschland ,Friede zwischen den christlichen Be- ״Der Zloniiinut erilrebl für da! jStlkche Volk die Schaffung einer Cficnillch-recyilch gesicherten Heiiiirtiiite In I'alädfna." Baseler Programm. kenntnissen gepredigt wird, weil die Konfcssionen durch den Krieg zur Einsicht kommen sollen, ״daß vaterländische Arbeit auch von ihren verschiedenen Standpunkten aus wertvoller ist, als einseitige Betonung des Trennenden“. Da cs nun aber, wie der Autor sagt, ״in Deutschland auch Menschen, die keinem der beiden großen Christ* liehen Bekenntnisse angeboren“, gibt, behandelt er die Anwendung des konfessionellen Tolcranzprinzips in bezug auf das Jude nt um. Auf seinen verschiedenen Gednnkengängcn wollen wir ihm an dieser Stelle nicht folgen. Sie zeichnen sieh weder durch logische Schärfe, noch durch irgendwelche neue Betrachtungsweise aus. Im allgemeinen wollen sie die Toleranz den Juden gegenüber dadurch rechtfertigen, daß darauf hingewiesen wird, die Mehrzahl de! Juden entspräche durchaus nicht dem Bilde, das n m sich gemeinhin vom ״Juden“ macht; er sei nicht durchwegs ein ,,Judas“, odef ein Ha usierer, der allerlei Sachen Zweifelhaften Wertes anbietet usw, Angeblich sei auch die Rasse nicht der Grund der Fremdheit, sondern eben nur die Religion. ״Will man also die deutsche Judenheit mit atifnehmen in die Gemeinschaft aller an die innere Größe ihres Vaterlandes glaubenden Deutschen, so muß man sein Verhalten gegen sie unabhängig machen von all den Vorurteilen, die mit der Religion nichts zu tun haben, die Religion aber seihst ais Herzenssache betrachten, an die zu riilnen als Verstoß gegen Deutschlands inneren Frieden gellen sollte,“ An diese schon in der Forniulierung etwas beschränkte Tolcranzvcrkündigung schließt Wachsner hierauf einige sehr wenig belangreiche und die Tiefe der damit im Zusammenluuig stehenden Probleme auch nicht andcutungsvoll berührende Anmerkungen, z. B. über das jnterkonfessionelle Vcrcinslebcn, die Judenmission, den Religionsunterricht in der Schule usw. Ein Passus aber lautet: ״In diesem Zusammenhang müssen wir einige Worte einer unter den Juden in den letzten Jahren aufgetauchten Bewegung widmen, die geeignet ist, unsere ganzen Bemühungen um den inneren Frieden in Deutschland zunichte zu machen. Ich meine den Zionismus. Sein ursprünglicher Zweck lag darin, den in fürchterlichsten Verhältnissen lebenden osteuropäischen Juden eine gesicherte Existenz im heiligen Lande zu verschaffen, allein fanatische Eiferer haben dieses ideale Ziel verkannt und nunmehr als ihre Auf gab׳.* betrachtet, auch die deutschen Juden zu überzeugen, daß ihre eigentliche Heimnt in Paläs (i!1a za suchen ist. Zur Lösung dieser rein pt1,'t!sche11 Aufgaben verwandten sic die unlautersten Mittel: Sic haben sich vielfach schon au die Schuljugend herangedrängt, um sic unter Vortäuschung religiöser Bestrebungen in besonderen Vereinen zusammenzubringen und zwischen ihnen und den christlichen Mitschillern künstliche Mauern zu türmen. Wenn sich auch unrein geringer Teil der deutschen Juden dieser Bewegung angeschlossen hat, so dürfen wir diese Gefahr keineswegs verkennen. Das Interesse jedes deutschen Bürgers gehört nächst Gott seinem Vaterland, dem er seine ganze Existenz verdankt. Und wenn der Zionismus mit einer eigenartigen Inkonscijucnz stolz auf die Zahl der Eisernen Kreuze hiuweist, die seine Anhänger bereits erworben ha ben, so ist er doch nur mit einem nUramontanen Ka* tholizisin'iis auf eine Stufe ־zu steilem. Beide Bcwe* guiigen mißbrauchen die Religion zu politischen Zwecken, seihst wenn sie sich in der Verhältnismäßig gelinderten Form der Geldsatnmlung für ihre internationalisierenden Bestrebungen äußern. Alu Hochverrat müßte es gelten, auch nur einen Pfennig durch deutsche Arbeit gewonnenen Geldes zu Zwecken, die dem!Deutschtum nicht dienen, ins Ausland gelangen zu lassen.“ Es genügte vielleicht, diese Sätze hier festzuhallen, um sie, in der Prüfung ityrch Menschen, die •unsere zionistischen Bestrebungen wirklich ken* nen, der verdienten Würdigung anheimfallen zu lassen. Aber einige kurze Bemerkungen dürften doch noch am Platze sein. Zunächst klingen die Argumente so, als wenn ihr Autor - dessen Namen Wir zum ersten Mal lesen ״~ Anschauungen nicht fern stünde, die manchmal in Kreisen getaufter Juden gang und gäbe sind, die vom Zionismus nichts wissen, aber eine instinktive Angst vor ihm haben. Sollte die Vcrniutung nicht zutreffen, könnte^man nur uneingeschränkte Unkenntnis aller mit dem Zionismus zusammetiliängenden fragen als Mit Ursache solcher ״Feststellungen“ annelmvcn. Da wir uns dem Eindruck nicht entziehen können, daß ,mit einer solchen Unkenntnis gerechnet werden muß, können wir schwer die Entrüstung aufbringen, um uns mit Energie gegen die von Dr. W achsner vorgebrachten ״Beschuldigungen“ zur Wehr *zu setzen.• Wir müssen nur auf das Schärfste gegen die Fri- ,• voli tat protestieren, mit der liier in einem politischen Organ Behauptungen vorgebracht werden, für die auch nur den Schatten eines Beweises zu erbringen dem Autor schwer fallen dürfte. Die ״fanatischen Eiferer“, die auch die deiitsehen Juden davon überzeugen wollen, daß ihre eigentliche Heimat in Palästina zu suchen ist, haben ״die unlautersten Mittel verwandt“? Was soll diese unerhörte Beschuldigung? Soll sie mit der gleichwertigen Behauptung gerechtfertigt sein, daß diese Eiferer ״sich vielfach schon an die Schuljugend licrangedrängl" haben? ״Um sie unter Vortäuschung religiöser Bestrcbungen in besonderen Vereinen zusanmienzubringen“? Wenn der Autor etwa die nationaljüdischcn Jugend- Organisationen meint — deren Organe übrigens die Studenten-Organisation des K. J. V., die zionistiselten Jugend vereine, Herzlklubs usw׳. sind —, so heißt es doch, mit der Wahrheit wenig genau umziigehen, wenn von ״einer Vortäuschung religiöser Bestrebungen“ gefabelt w׳ird. Die nntionaljüdische Bewegung kämpft mit offenem Visier und pflegt nichts vorzutäuschen! Eine ebenso unwürdige Waffe, die gegen den Zionismus geschwungen wird, ist der Hinweis auf die Inkonsequenz der Zionisten, die sich der Eisernen Kreuze rühmen. Herr Dr. Waclisner hat vielleicht davon gehört, daß eingefleischte Hasser des Zionismus immer wieder davon sprechen, daß die Zionisten ihre Pflichten dem Vaterlande gegenüber restlos erfüllt hätten, er hat vielleicht einmal in Profcssor Geigers Zeitschrift — die aber beileibe keine zionistische ist, Herr Dr. Waclisner! -- solche Loblieder gelesen, Hat er aber jemals die Zionisten sich der Eisernen Kreuze rühmen gehört? Wir bitten um den Beweis! Die Schlußbemcrkung, die uns beinahe zu Hochverrätern stempeln möchte, wollen wir nicht ernst nehmen. Sie verrät eine Unreife des poli• tischen Denkens, die sich selbst ad absurdum füllren muß. Wenn wir aber solche Gedanken lesen, die der T ol e r a 11 z in!Deutschland den Boden bereiten wollen — wobei auch der Katholizismus einen Hieb abbekommt so erinnern zwar auch wir uns an Goethes Wort: ״Toleranz sollte cigent* lieh nur eint vorübergehende Gesimuing sein: sie muß zur Ancrken• 11'ung führen. Dulden heißt bcleidigen.“ Aber wir wissen auch, daß cs sich für uns mehr als je darum handelt, uns diese Aner• kennmig zu erringen, indem wir uns, unbeküminert um Mißverständnisse von rechts und links durchsetzen, indem wir der Stimme unseres We• sens folgen, gegen die Hochverrat zu ül>en das schlimmste aller Verbrechen ist, und indem wir so auch der nationalen Erneuerung unseres Volkes den Weg bereiten. Wir zweifeln nicht, daß die Tatsaeben, die unser Wille schafft, auch die Grenzen sprengen werden, die heute noch der ״Toleranz“ gegen uns gezogen werden: wir können die ״Tole* ranz“ nicht würdigen, die von •uns verlangt, daß wir uns preisgeben, um sie zu verdienen. L. H. Das Hilfswerk für Palästina Das Hilfswerk für Palästina fordert die deutschen Jude״ auf, ihre Pflicht zu tun. Vor altem die Zionisten müssen des evakuierten Jisciiuws gedenken. Bisher sind in Deutschland erst 125 000 Mark abgeführt worden. Weitere Spenden an das Hilfswerk für Palästina, Postschekkonto Berlin 4192 und die Nationalbank für Deutschland, Dcpositenkassc Kurfürstemiamm, Berlin, \