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Jüdische Rundschau · 1917-06-15 · Heft 24 (15.6.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 24 (15.6.1917)
Date
1917-06-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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K7TT0 1/ X i ־ ־ \\ ■ r1׳v״v **״•** R-dachauTi^iir^iniirT^r ,^tT™AMk*i27S rn“ f ub0ünCmAnt bcl E*P"f**ion and bei 30״ Postamt*,״ viertel,ahrl. Mk. 2,75 in Deutschland, in Oesterreich-Ungarn k r. 5,— im Ausland Mk. 1׳ — Nummer 24 Berlin, den 15. Juni 1917 \ Telephon! Amt Uhland 845. 816. PosHckeckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich . K, IC Portsparkasienamt Scheckkonto Nr. 156031. Anzeigen die sechsgcspaltene Pet'.t- Zeile oder deren Raum 40 Pf. Ti neningszusdilng l5°/n. Redaktionsschluß Dienstag n»ohm. 25. Ssiwan 5677 I XXII. Jahrgang ■mR■»...1 ■ווי .... Die Not der Evakuierten ׳ I '•mein Bericht über den 0,״1וו der Evakuierung יי ß« 1־'rsten Zeit ist zu entnehmen, in welche Notlagt• die Evakuierten geraten sind und welcher außer• ordentlichen Anstrengungen es bedarf, um auch nur die dringenstc Mille z.u leisten. Unter den 9000 Seelen, die von der mal’,nähme betroffen sind, wurden niOlt «eiche zuerst ausgewandert sind, lau der Leute ging gleich nach Galiläa, der Lvakiiierung's• Anne gezahlt, kleiner Teil weitaus grö- ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Hciimtüilc tu Pal.'Utlna." ba.elcr Programm. I’erc aber ließ sich z.iniiielist in Pctach Tikwal! nieder, um liier die l’essnchfcicrtrtgc z.u verbringen. Von Petaeli l'ikwnli atis sind viele mit Wagen mul lusenhahmal nach Saniaria und Galiläa weitergereist mul wei■ tergesebickt worden. Nach Berichten vom 24. April war die Verteilung der evakuierten jüdischen Bevölkerimg folgende: In Saniaria ungefähr 10:10 Men• selten, in ’Liberias und O a 1 i I ä a 1501! Menschen, in Kfar-Saba 301), auf der Station R a s -c I - A i 11 warteten auf Weiterbeförderung noch 1200 Menschen mul in Pctach-Tikwah waren zu dieser Zeit noch 2000 Personen aus Jaffa, und zwar Leute aus den miisten ■Schichten der jüdischen Bevölkerung Jaffas, die völlig mittellos sind. Die angegebenen Zahlen he• ziehen sich überhaupt mir auf Arme, die auf Unter• Stützung angewiesen sind. Fs gibt außerdem noch eine ii diese Statistik nicht eiiigcschlnsscnc Zahl von Leu• ton, die sich und ilire Familien aus eigenen Mitteln unterhalten. Diejenigen, die aus Pctach-Tikwah 111 größter Beselileiniigung nach Ras-el-Ain und Kfar Salm geschickt wurden, befinden sich dem Bericht zufolge tu einer furclitharen Lage. Männer, Flauen mul Kinder liegen draidlen unter freiem Himmel. Am Tage sind sic der llilz.e ausgesetzt und des Nachts der Kälte und den Winden. Das Komitee für die Fvakiiierting in Jaffa war bereit, für diese Kmigranteu die Kosten der Eisen• Bahnfahrt bis Semaeli zu bezahlen, jedoch wurden sie von 11er Eisenbahn nicht befördert und es gab auch keine Möglichkeit, sie durch Wagen aus Saniaria und Galiläa befördern zu lassen, sodall für die weitere Eva• ki'ieriiug aus Pctach-Tikwah keinerlei Transportmittel tiii Vertilgung st;• »den. Die Mittel, die zur Verfügung standen, waren so winzig, dal! sie knapp aiisreichtcn,' um jedem Armen 100 200 g trockenes Brot pro Tag zu gehen. Den I leriiinirreiulen konnten keine Zelte gebaut, keine Heil■ mittel besorgt und keine Lebensmittel gektjeht werden, Zu dieser Zeit wurde die Zahl der unbedingt tUlfsbedürftigen auf (1500 geschätzt. Auch aus Galiläa wurde berichtet, daß die dort 'befindlichen Emigranten unter dem Mangel au Wohnplät/en und Zelten zu leiden hatten. Man kann sich vorstellcn, daß der Unterstützung•«• beitrag von 20 Centimes pro Tag, der zur Grundlage für die Verteilung genommen wurde, nicht einmal für die notwendigsten Bedürfnisse eines Menschen ausrei• •eben kann. Infolge der schlechten Ernährung und des Herum• irrens hatte sich der (iesundhcitsz.iistaml sehr ver• schlechtcrt und die Zahl der Kranken wurde immer größer. ״Wir sind sicher", heißt es in dem Bericht, ״dal) ׳,vir einer Katastrophe von furchtbarster Art entgegen gehen, wenn uns nicht schnell die gc* :!lügende 1 Mittel zur Verfügung gestellt werden, welche wir für die Armen und Aermstcn benötigen.“ ״Von Minute zu M i 11 u t e w i r d d i c L a g e drohender und kritischer. Wir bitten Euch, all denen, die uns hören wollen, die wahre Lage darzustellen, die herzzerreißend ist, und schnelle ausreichende ,Hilfe von überall zu (ordern.״ * Das ״Hilfswerk für Palästina״ hat inzwischen die eingeleitcte Hilfsaktion fortgesetzt. ln allen jüdischen Zeitungen sind die Aufrufe des Hilfs- Werks für Palästina veröffentlicht worden. Durch die allgemeine Presse — ״Berliner Tageblatt", ״Vossischc Zeitung“, ״Frankfurter Zeitung“ — bat sicli das Hilfswerk für Palästina über die Kreise, die diese Zeiten• gen lesen, hinaus an die gesamte jüdische Oeffentliehkeit gewandt und durch direkte briefliche Auffordcruiigen alle erreichbaren jüdischen Personen und In• stitutioncu zur Unterstützung des Hilfswerks aufzufor- •dem begonnen. Aus vielen Gemeinden wird über ein* geleitete Sammlungen berichtet, von überall her werden Beiträge für das Hilfswerk gesandt. Es zeigt sich, daß der Apell an die brüderliche Hilfsbereitschaft Cie- Jiör findet. Die bisher geleistete Hilfe ist nicht ausreichend. Das Hilfswerk für Palästina bittet daher dringend, die Hilfsaktion für die betroffene jüdische Bevölkerung Pa- Jästinas schnell und energisch fortzusetzen. Sammlungen und Spenden sind auf das Postchek- Konto des ״Hilfswerks für Palästina“, Berlin 4102 oder an sein Bankkonto: Nationalbank für Deutschland, Ber• ■hn, Depositenkasse, Kurfürstendamm 211, abzuführen. Botschafter Elkus über die Evakuierung Der Botschafter der Vereinigten Staaten in der Türkei. Herr Ahrain J. Elkus, der Ende Mai Konstan• tinopcl verlassen hat, ist auf der Reise nach Amerika über Oesterreich und die Schweiz, gefahren. Während seines Aufenthaltes in der Schweiz empfing der Botschafter den Vizepräsidenten des Schweizer!• scheu Zionistenverhandes, Herrn Kantor Messinge r in Bern, und äußerte sich ihm gegenüber, daß, nach den ihm zugekonimencn Berichten, anläßlich der Eva• kuicriingcn, die in Jaffa stattgefimden haben, Juden• massakres und Pogrome nicht stattgcfumlcn hätten, daß sich aller die jüdische Bevölkerung der evakuierten Gebiete in Not befinde. Der uns übermittelte aiitentische Bericht über die Audienz lautet: ״Der Vizepräsident des Schweizerischen Zionistenverhandes Herr Kantor Messinge r, hatte die Ehre, von Seiner Exzellenz dem amerikanischen Botschafter in der Türkei, Herrn Ahrain J. Elkus, anläßlich seiner Durelirvise in Bern am 6. Juni 1917 in längerer Audien/ empfangen zu werden. Da in letzter Zeit in der Presse die verschiedensten lind sich widersprechenden Nachrichten über die Vor• gänge in Palästina verbreitet wurden, ist es sclhstver* stündlich, daß sich die Unterredung unter anderem auch auf die palästinensischen Vorgänge bezog. Herr Botschafter Elkus war in der Lage, festzustcllcu, daß laut den Berichten, die ihm selbst zugekommen sind, anläßlich der Evakuierungen, die in Jaffa stattgefimden haben, von Judenmassakers und Progromen keine Rede sein kann. Dagegen hat die jüdische Bevölkerung der evakuierten Gebiete begreiflicherweise anläßlich dieser Mallnahmen großen Schaden an Hab und Gut genommen und befindet sich deshalb in Not." Neue Bcscliönigung 1111 ״Berliner Tageblatt“ Vom 13, Juni veröffentlicht der Stadtverordnete Dr, Max Levvinski einen Aufsatz über die jüdische Bevölkerimg in Kongrellpolen, der ihre Rechtslage darzu• stellen versucht. Es ist bedauerlich, daß auch die ser Aufsatz, wieder einmal sieh bestrebt, die wahre Lage und die berechtigten Forderungen der jüdi• sehen Bevölkerung zu verschleiern. Für diese Feststellung den Nachweis zu liefern, ist nicht schwer. Herr Stadtverordneter Lewinski geht davon aus, daß i 111 Jahre 1SÖ3 der polnische Staatsmann ,Wie• lopolski die vollständige Emanzipation der jüdischen Bevölkerung durchgeführt habe und daß seit der Emanzipation von 18(>3 die Emanzipation verwirklicht war, daß aber die verschiedenen Bcschränkimgen, die für die Juden seither geschaffen wurden, ausschließlich auf die antisemitische Politik der russischcn Regierung zurückgingen. Im Zusammenhang damit tischt Lewinski die abgegriffene Legende wieder auf, daß die ganze nationaljiidischc 'Bewegung in der jüdischen Bevölkenmg Polens nichts anderes gewesen sei ais ein von der russischen Regierung gewollter und von den aus Rußland und Litauen cingewandcrtcn Juden durchgcführter Import. Diese zugewanderten Juden hätten einer Russifizicrung Polens gedient und einen kulturellen Rückgang der einheimischen polnisch-jüdischen Bevölkerung herbei ge führt. Die Eingewanderlcn hätten das spezielle litauische ״Jid• disch“ als neue Errungenschaft aus dem Osten importiert. Man darf cs sich nicht verdrießen lassen, all diesen Behauptungen gegenüber die Wahrheit festzustellen. Allerdings hat die Einwanderung litauischer Juden die Bestrebungen der einheimischen polnischjüdischen Bevölkerung, ihre Eigenart Zu bewahren, verstärkt. Sic hat aber diese Bestrebungen ebensowenig geschaffen, wie etwa die jüdische Sprache erst aus dem Osten importiert. Diese Behauptung ist so aus der Luft gegriffen, daß es schtver ist, an die Gutgläubigkeit des Behauptenden zu glaubcn. Die Bestrebungen der Juden Polens, ihre nationale jüdische Art zu erhalten, mit dem unbestimmten Ausdruck zu kennzeichnen, die eingewanderten litauischen Juden hätten das Dogma vom jüdischen Nationalstaat nach den neuen Heimstätten mitgebracht, zeugt davon״ daß hierr Stadtverordneter Lewinski sieh von der Absicht leiten läßt, ein Schreckbikl zu zeichnen und durch diese Methode bestimmte politische Wirkungen zu er/iclen. Wein soll mit dieser Methode genützt werden? Den Juden? Die Juden fühlen sich in ihren elementaren Dnscinsrcchtcn bedroht und kämpfen mit dem Mut der Verzwcifhing gegen die polnischen Vcrgcwaltigungsversuche, die sich von Tag zu Tag übersteigern. Die Verhamllungcn im Warschauer Stadtrat lassen an Deutlichkcit nichts zu wünschen übrig. Soll den Polen geniitzt werden, wenn man sie noch ermutigt, in ihrer Politik fortzufahren, die die Juden gewaltsaut polonisicrcn und ihnen selbst die bürgerliche Gleichberechtigung versagen wollen, wenn sie siel* nicht ihrer Art und ihrer nationalen Wünsche — die mit einem ״Staat im Staate“ nichts zu tun haben — vollkommen entäuIlern. Oder soll die deutsche Politik gefördert werden, wenn man die jüdische Be* völkenmg den Polen ansliefcrt, um sie dadurch versöhnlich zu stimmen? Auf die ersten beiden Fragen brauchen wir Herrn Stadtverordneten Lewinski nicht zu antworteil. Die Antwort wird ihm selbst klar sein, wenn er sieh nur die Mühe nimmt, festzustellen, was die Juden in I*ok׳n seihst wollen und verlangen. Das Auftreten der nationalen Gruppen int ganzen Lande, die Programme der jüdischen politischen Parteien in Warschau, in Lodz, und in allen Provinzstädten können ihm die Augen öffnen, wenn er sehen will. Die Ergchenlicitsadrcsse der orthodoxen Juden an den Provisorischen Stnatsr.it allerdings kann nicht als ein politisches Zeugnis einer politischen Partei gewertet werden, sie ist nichts anderes als ein histo* rischer Beleg dafür, daß die Urheber dieser Adresse nicht das Recht beanspruchen dürfen, für die polnischen Juden zu sprechen, deren Interesse sie verraten. Wie weit die von Herrn Stadtverordneten Lewiuski angewandte Methode, die von den Polen befolgte nationale Unterdrückung der Juden gutzuheißen, dein polnischen Interesse dient, werden die Polen selbst beurteilen können, wenn sie in die Lage kommen, die Folgen dieser Politik zu verantworten. Es wird ihnen dann wenig nutzen, sich auf die Erimmterung durch Herrn Stadtverordneten Lewinski und das ״Berliner Tageblatt‘‘ berufen zu können. Und ob die gegen die nationaljüilisehen Forderuiigen gerichtete Politik den Deutschen nützt? Darauf mag ein Zitat aus den ״Berliner Neuesten Nachrichten“ vom 7. Juni antworten. Diese Zeitung, die sich des Rufes einer sehr radikalcn Haltung in den Fragen der deutschen Politik erfreut und nicht.so wie das ״Berliner Tageblatt" verdächtig ist, deutsche Interessen gegenüber liberalen Prinzipien hintmizuselzen, welche ei!e Riicks'chtnähme auf das Daseinsrecht jeder Menschheit*• gruppe verlangen, veröffentlicht ״von besonders gut unterrichteter Seite“ ״Warschauer Briefe“ in denen auch von den jüdischen Forderungen gesprechen wird. Die Zeitung schreibt: ״Es genügt, hier fcst/ustcllcn, daß das ״Königreich Pole»“ (immer ohne Smvalki) entgegen den Redereien der Polen nicht ein rein polnisches Land ist, sondern et«•« 28 v. H. nationaler Min d c r h c i - ten in sich hat, davon b v. H. Deutsche und etwa 13 v. H. Juden. Großenteils seit 8 Jahrhunderten in Polen ansässig, haben die Juden, obwohl vielfach unterdrückt, doch das Land als solches liebgewonnen, betrachten cs, unbeschadet des Gedankens an Palästina, als ihr Heimatland," Von der Sprache und der Sonderart der Juden überhaupt, von der Herr Stadtverordneter Lewinski so wenig weiß, sagen die ״Berliner Neuesten Nachrichten: ״Durch diese Sprache, aber auch durch Religion, Lebensgcwolmhcitcn und Abstammung unterscheiden die Juden in Polen sich scharf von den l’olen, schärfer als von den Deutschen. Sic sind, wie sie selbst oft ausgesprochen haben und immer wieder sagen, eine von den Polen und von den Deutschen verschiedene Nat i o n a I i t .11. Sie wollen nicht germanisiert werden, aber noch weniger polonisicrt. Es war und ist ein schwerer Fehler auf seiten der ״Deutschen Macht“, daß sic die Eigenart, den völkischen ״Charakter“ der Juden Polen» verkannt hat.“ Und schließlich: ״Statt die großen Massen der national gesinnten Ju- “c״ i!»Volksgruppe“ und die Zionisten) durch kluges trful cn berechtigter Wünsche zufriedenzustellen und m deutschfreundlicher Gesinnung zu erhalten, legt man ihnen Schwierigkeiten in den weg. Das gut geleitete (in ״jiddischer" Sprache godnickte) ״Warschauer Tag•- blatt * hat man •ein Erscheinen einzustellen genötigt,

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