Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1917)
- Date
- 1917-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ii SSO Redaktion und Verlag JüdlsAe RundschavfBtrlin\T!väÄriS5u^T^. ‘chemt woehentl. am I re.tag. Atonnement bei der Expedition und bei allen Postämtern ^erteljatirbMk^ZTSjn^Deutsddand, in Oesterreich-Ungarn Kr, 5,— im AuslandMk.4 Nummer 22 Berlin, den 1. Juai 1917 Telephon: Amt Uhland 845. 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreichs K, K. Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Anzeigen die sechsgespalteno Petitzeilo oder deren Raum 40 PI. Teuerungszuschlag 15B/& Redaktionsschluß Dienstag nachm. TO "\ .0 11. Sslwan 5677 jxXll. Jahrgang Zur Lage in Palästina Die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“ erhalt kur/ vor Redaktionsscliluß (am 30. Mai) nach* «teilendes direktes Telegramm‘ aus jeru- »311־ uv. Jüdische Rundschau Berlin. Jerusalem, 28. 5. Havas-Agentur verbreitet unwahre Nachrichten über grausame Maßnahmen türkischer Be hörden, insbesondere Kommandanten der vierten Arin ec, Marineministcr Djcmal Pascha, welche richtigzustcllcn leitende jüdische Persönlichkeiten Paläslinas sich veranlaßt sehen. Es ist nicht wahr, daß Evakuierung nur gegen jüdische Bevölkerung sich richtet. Ebenso ist es unwahr, daß Behörden die Juden gezwungen haben, ohne etwas mitztinehincn, unverzüglich den Platz zu verlassen. Vollständig ms der Luft gegriffen ist, daß zwei Juden aus Tel-Awiw, die sich den Behörden widersetzt haben, sofort aufgehängt wurden. Wahr ist vielmehr, daß , von der Evakuierung die gesamte Bevölkerung — auch die nichtjüdisclic — betroffen wurde, daß die Behörden gemäß dem ausdrücklichen Wunsche Djenial Paschas keinerlei Ausschreitungen sich׳ zu schulden kommen ließen, daß Djcmal Pascha zugunsten der Juden, um ihnen die Abhaltung des Sedcrabends zu ermöglichen, die Evakuierungsfrist um zehn Tage verlängert hat. Kein Jude wurde aufgehängt oder gelegentlich der Evakuierung mit einer anderen Strafe bestraft. Die Räumung Jaffas und Tel-Awiws vollzog sich in voller Ordnung, geleitet von einer jüdischen Kommission, mit Hilfe von Wagen und Lasttieren, die jüdische Pflanzer und Ackerbauer hauptsächlich׳ aus Galiläa zur Verfiigung stellten. Für notleidende jüdische Bcvölkerung Palästinas im allgemeinen und evakuierte insbesondere, die wie auch die Bevölkerung andcrer Länder in Knegszoiie stark gelitten hat, ist umfangreiche Hilfeleistung erforderlich, trotz, gewahrter Hilfsbereitschaft Djcmal Paschas, der zur Linderung der ’Not über 100000 Francs bereits verausgabte. Bei dieser Gelegenheit ist von neuem Djenial Paschas wählend der Kriegszcit wiederholt bekundetes Verständnis und Interesse für einsige und aufopferungsvolle kulturelle jüdische Arbeit auf landwirtschaftlichem Gebiete zum Ausdruck zu bringen, der auch jüdische Fachleute auf Gebiete des Ackerbausund der Technik mit Vorliebe zu wichtigcn Arbeiten lieran/jog. T 11 o 11. Der nationale Kampf der polnischen Juden Wer heute die Entwicklung des jüdischen öf- /entliehen Lebens in Polen aufmerksam verfolgt, wird Zeuge eines für die Zukunft des polnischen Judentums bedeutsamen Vorgangs; in allen Stadten des Landes, in denen die Juden einen mehr toder weniger bedeutenden Prozentsatz der Gesamtbevölkcriing ausmachcn, beginnen die nationalen Kräfte aus ihrem Sclieinschlumnier zu erwachen, zu dem sic lange verurteilt waren. Ucberal! regt sich der nationale Geist des polnischen Juden und gibt von seinem unbeugsamen Daseins willen in den Resolutionen der Versammlungen, den Deklarationen der jüdischen Ratmänner, der Reorganisation des nationalen Partcilcbens und der Gründüng neuer nationalpolitisclier ,und nationalkultuveiler Institutionen unzweideutige Kunde. Gerade in diesen Tagen, da in Lodz die jüdischcn Ratmänner anläßlich der ersten Sitzung des neuen Stadtrats Erklärungen abgaben, in deren Mittelpunkt die Forderung der nationalen Gleichbcrcclitigung der Juden als einer Minorität des Landes stand, da in vielen anderen Städten der polnisehen Provinz die Juden bei der Eröffnung der Stadtverwaltungen die Anerkennung ihrer nationalen Rechte verlangten, zeigte es sicli deutlich, daß fast durch das gesamte polnische Judentum eine einiieitlidie große Welle der nationalen Erhebung geht. Nicht gering sind freilich die Widerstände, die sich diesem Streben der polnischen Juden entgegenstellen. Bekämpfung von außen, Gefährdung im Innern sind Erscheinungen, die oft genug das nationale Leben der Juden bedrohen. ..Der Zionismus erstrebt tflr das Jüdische Volk die Schaffung einer Cffenillch-rechitich gesicherten Heinutäiic ln Palästina." Baseler Programm. Die Hilfsaktion für Palästina Sämtliche Nachrichten aus Palästina bezeugen die große Not der jüdischen Bevölkerung und insbesondere der aus Jaffa und den jndäischen Kolonien Evakuierten. Wir haben schon in der letzten Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ berichtet, daß von den 8000 bis *WOG jüdischen Einwohnern Jaffas, welche Jaffa verlassen mußten, sich vor Mitte Mai über 3000 in Untcrgaliiiia, über 1000 in Pctach Tikwah, 1000 in Kfarsaha, der Rest verstreut über judiiische Kolonien, Samaria, Obcrgalitäa und Städte befanden. Dazu kamen noch hunderte Personen aus den judiiischcn Kolonien seihst, die diese hatten verlassen müssen. Wir berichteten ferner, daß die Evakuierung die wirtschaftliche Existenz der meisten Betroffenen untergrub, das Kolonisationswcrk erschütterte, die allgemcineu Institutionen zerstörte. Wir mußten gleichzeitig feststellen, daß die zur׳ Verfügung stehenden Hilfsmittel für die Flüchtlinge unzureichend sind, unter denen Not und Krankheit herrsehen. Die Berichte, die wir seither erhalten haben, führen diese telegraphischen Mitteilungen im einzelnen aus. Schnelle Hilfe tut not! Eine umfangreiche Hilfe- Icistung ist erforderlich. Das Judentum der gesamten Welt ist zur Tat der brüderlichen Hilfe aufgerufen worden. Der Apell wird gehört. Eine der ersten Spenden, die cintraf, war eine Summe von über 13 000 Mk״ die jüdische Kinder in A m e r i k a für die jüdischen Kinder Pa- Iästänas gesammelt haben. Die Stockholmer J ü d i s c 11 e Gemeinde hat durch I lerrn Oberrabbiner L>1\ Markus Ehrenpreis 21 000 Mk. zur Verfügung gesteht. Die russischen Zionisten haben auf die erste Mitteilung über die Notlage in Palästina schon 70 000 Mk. überwiesen. In England, Südafrika, Aegypten haben sich Komitees gebildet, welche die Sammlung von Hilfsgeldcrii für die jüdische Bevölkc* rung Palästinas organisieren und die Ocstattung ihrer Sammlungen bei der englischen Regierung erwirkt haben. Auch die zionistischen Organisationen in Oesterreich- Ungarn dürften inzwischen die geforderte Hilfsaktion cingclcitct haben. 1 >as ״II i I f s w e r k für P a | ii s t i n a“, welches unter diesem Namen eine Reihe jüdischer Organisationeu Deutschlands zusammenfaßt, hat sich schon in der vorigen Woche durch einen öffentlichen Aufruf in der ,,Jüdischen Rundschau“ und in anderen jüdisehen Zeitungen au die Oeifentiichkcit gewendet, um zu rascher Hilfeleistung aufzufordern. In solchen Stunden drückender Not bedarf es sicher• lieh nur der ernsten Mahnung: Helft! Helft schnell! Helft mit Liebe! Spanien sind zu richten an das Hilfswerk für Pa- Uistina, Berlin W. 15. Postscheckkonto Berlin 4192. Erst kürzlich hatte der antisemitische Ratmann 11s k i im Warschauer Stadtrat eine Droh rede gegen den jüdischen Nationalismus in Polen gehalten, die für die Mittel charakteristisch ist, deren sich die polnischen Gegner bedienen, um die öffentliche Mcinitttg gegen die polnischen Juden zu beeinflussen. Die Beschuldigung Ilskis, die nationalen Juden Polens würden sich zur Durchführung ihrer Pläne der Beamten der deutschen Verwaltung bedienen, ist einer der vielen Versuche, die dieser antisemitische Fanatiker unternahm, um die Juden bei den Polen zu verdächtigen. Mit dankenswerter Offenheit hat Ilski auf der letzten Sitzung des Warschauer Stadtrats sein politisches Programm entwickelt. Er findet es unerträglich, daß die Juden in Polen eine besondere Kultur besitzen. ״Wir wollen das weiterhin nicht mehr dulden . . , Wir können nur die Rechte derer anerkennen, die auf dem Boden des Polentums, der polnischen Kultur stehen , . . Wir sind stark genug, gegen das kleine jüdische Häuflein . . . Die Juden bauen sich hier Festungen, und wenn es 80 weitergeht, werden wir untergehen. Fremde wöllen uns verschlingen. . . , Unsere Pflicht ist es daher, zu warnen: laßt nicht den Inneren Feind in die Tore, er wird sich befestigen und sich auf uns werfen.“ Mit Recht hat einer der jüdischen Ratmänner dieses ״Programm“ des Herrn Ilski als das Erbe der ehemaligen russischen Pogromheiden gekennzeichnet. Aber nicht die aufreizenden Worte eines wütenden Judenfeindes geben der Warschauer Stadtratssitzung das dunkle, beängstigende Kolorit, sondern die Tatsache, daß eine derartige Rede ohne Widerspruch des Vorsitzenden und ohne ein Wort der Entgegnung seitens der polnischen Ratmänner blieb. In diesem eisigen Schweigen, das nicht anders denn als verschämte Zu- Stimmung gedeutet werden kann, liegt das Furchtbare des Eindrucks, den der Verlauf dieser Sitzung auf jeden Unbefangenen machen muß. Welche Aufklärungsarbeit und welcher Kampf steht• dem polnischen Judentum noch bevor, bis die polnische Gesellschaft davon überzeugt sein wird, daß ein Volk auf seine natürlichen Rechte nicht verzichten kann! Nicht geringer aber sind die Gefahren, die den nationalen Willen des polnischen Judentums im Innern bedrohen. Die jüdische Assimilation hat in Polen besonders krasse Formen angenommen. Die historische Gestalt des ״Majofis“-Judcn, der vor dem launenhaften ״Poriz“, dein polnischen Gutsbesitzer, sein Tänzchen aufführt, wie es der ״Poriz“ befiehlt, erlebt hier ihre Auferstehung in zeitgemäßeren Formen. Nur daß sie im modernen Gewände noch verzerrter, noch grotesker wirkt. Der hilflose untertänige Knecht wird hier zum bewußten Verräter au seinem Volk. Und cs darf nicht Wunder nehmen, wenn vor kurzem ein jüdischer Ratmann in Ifolcn auf seine Klagen über die ungerechte Behandlung der Juden vom• Präsidenten des Stadtrats die Antwort zu hören bekam: daran sind die assimilatorischen Vertreter schuld, die nie jüdische Rechte verlangen. Hart und furchtbar ist der Kampf, den das polnische Judentum um seine nationale Existenz zu führen hat. Fast einmütig aber hat es den Weg der nationalen Forderungen beschritten. Die!Verhandlungen in den polnischen Stadträten bezeugen die feste Entschlossenheit der Juden, auf ihren nationalen Rechten zu bestehen und auf der Grundlage national-demokratischer Sclbstbestimmung die Garantien eines ihrem Wesen enlspreeilenden Lebens zu schaffen M. M. Inf ,Warschauer Stadtrat ln der Sitzung des Warschauer Stadtrats vom 19. Mai kam u. a. die Frage der Sonntagsruhe zur Sprache. Der Magistrat ließ eine Erklärung abgeben, daß es nicht richtig! sei, daß man den Juden erlaubt habe, die Geschäfte an den christlichen Sonn- und Feiertagen 2 Stunden länger offcnzuhalten. Das Polizeipräsidium selbst habe ohne Zustimmung des Magistrats und entgegen der Meinung des Kon-1 sistoriums eine Verordnung erlassen, die die Handclszcit am Sonntag um 2 Stunden verlängert, aber nicht bloß für Juden, sondern für alle. Der Magistrat bemühe sich jetzt, diese Frage zu regulieren, indem er sie einer Kommission zur Behandlung übergebe, die aus 4 Mngistratsmitglicdcrn, 4 Kaufleutcn und 4 Vertretern der liandelsangcstellten bestellt. Der jüdische Ratmann Prilutzky, der zu dieser Frage um das( ,Wort bat, erhielt nicht die Erlaubnis, eine Debatte über diesen Gegenstand zu eröffnen. Iin weiteren Verlauf dieser Sitzung wurde auch die Debatte über die Frage der jüdischen H a n d-J Werker in Warschau, die auf der letzten Sitzung gegen die Stimmen der jüdischen Ratmänner unterbrocken worden war (siehe letzte Nummer der jüdi* sehen Rundschau) wieder aufgenommen. Der polnische Ratmann Rudnitzky polemisierte gegen die Rede des jüdischen Ratmanns Trusker, der gefordert hatte, daß bei der Unterstützung des Handwerks in Warschau auch die jüdischen Handwerker berücksichtigt werden sollen. Rudnitzky wiederholte die Behauptung, daß es bei den Juden keine qualifizierten Handwerker wie bei den Polen gebe. Das jüdisciic Handwerk bestehe eigentlich nur aus Scliundarbcit. ״Das sehen wir — sagte Rudnitzky — an der Bijouterie, an der Pelz- Verarbeitung und allen anderen sogenannten ״Warschauer Artikeln“, von denen die Oeschlfte auf der ״Marschalkowska“ und der ״Neuen Welt“ angefüllt sind. Der Jude sieht in »einem Handwerk keinen festen Beruf. Er versteht, nur, mit ein bißchen Arbeit rasch ein paar Rubel zu verdienen, um Geschäfte• machen zu können. Der polnische Handwerker dagegen ist