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Jüdische Rundschau · 1917-05-25 · Heft 21 (25.5.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 21 (25.5.1917)
Date
1917-05-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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*■״# ׳. J Redaktion, und Verlag Jüdisdie Rundsdiau, Berlin W. 15, SSAdsdeStraße 8. Er- ״drmtwode״tl.at״l-rc,U^ Abonnement bei der Expedition und bei alle״ PostSmtem eierteljah^Uak^Z^inDeutsdland, in Ocstcrreich-Ungarn Mk■2,50,iro Ausland Mk. 3, Nummer 21 Berlin, den 25. Mal 1917 Telephon: Amt Uhland 845.846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für OeaterreiA« K. KrPosUparkassenamt SAeekkonto Nr. 156030. Anzeigen die *echsgespalteoe Petit- *eile oder deren Raum 40 Pf. Teuerungszuschlag 15%. Redaktioniscbluß Dienstag nachm. 4. Ssiwan 5677 XXII. Jahrgang lieber die Lage der jüdischen Bevölkerung in dein von den Räumungsinaßnahmen betrolfenen palästinensischen Bezirk Jaffa erhalten wir nailis.eliende.i tdcgraphisdicn Ei^enberich; au Jtrusaleni von Mitte Mai: Auf Cirund besonderer Eercch'.igung bleiben in Julia zurück gegen 30 Juden, unter denen 12 \\ achter für das jüdische Stadtviertel Tel-Awhv, wo alles bis jetzt unversehrt ist und Gärten gepf'egt weiden. Laut Verordnung durften in den jüd sthea Kohuneii die Ackerbauer mit Familien, die Pflanzlingsbesitzer ohne Familienangehörige Zurückbleiben, jedoch wurde die Verordnung ohne Strenge angewendet, so dati die meisten K ilonieeinwohner auf Grund landwirtschaftlicher Beschäftigung Aufcnt- Imltsreclit erlangen konnten. Nur etwa 60Ü Persollen!nullten die Kolonien verlassen. Von den 8000 bis 9000 jüdischen Einwohnern Jaffas, welche Jaffa verlassen muHten, befinden sieh über 30DÜ in Untergaliläa, über 1000 in Petach-Tikwah, 1000 in Kfarsaba, der Rest verstreut über judäisebe Kolonien, Samaria, Übergaliläa und Städte. Bei dem zunächst na.11 Petach-Tikwah ger'chtoten Auszug aus Jaffa halfen jüdische Wagen aus Galiläa; die Wagenfahrt war infolge des gegenwärtigen Futterpreises sehr kostspielig; be'. de späteren Weiterreise aus Petach-Tikwah standen Wagen nicht zur Verfügung, da Pferde requiriert waren, Bahnzuge aber waren nur mit grollen Schwierigkeiten nach tagclangein Warten auf der Station unter freiem Himmel und bei unzureichender Vcipflegting cm ichbar. Die geschilderten Beschwerden des Weges wrhrsacliti׳» Erkrankungen und einige Todesfälle. Die Evakuierung untergrub die Wirtschaftlielie Existenz der meisten Betroffenen, erschütterte das Kolonisutionswerk, zerstörte die allgemeinen Institutionen. Die zur Verfügung stellenden Hilfsmittel sind unzureichend für die Flüchtlinge, unter denen Not und Kniiikiieil herrschen. Iafoiderlieli ist die Einrichtung iiiiEaiigracber Notslundsarbeiten, um arbeitsfällige Flüchtlinge nicht zu Almos.ncmp äuge n 11er. bz m nd rn Die vorhandenen Arbeilsinögliehkeiten können ausgenutzt werden durch Darlehen an Cie.-ellseh׳alten uuJ Private, ferner durch Anieliarationsarhcitcn auf den Besitzungen des Jüdischen Nationalfonds, Erriditung von Lehmhütten und Zelten ist ebenfalls notwendig. Rationelle Flüchtlingsfüisorgc bcansprucht wenigstens 12 000 Francs tägl'ch. Für d .׳ Lrhaltuiig der Pflanzungen sind für die nächsten fünf Monate bis zur Ernte au de rite. :1 250 000 Fraics notwendig. Eine Evakuierung Jerusalems ist nicht er' ilgt. ״Weltbürger-Mission“ der Juden lX׳r jüdische Sozi;1 ldcm. Reichtstagsabgeordnete Eduard Berns t ein hat einen im ״Jüdischen Kämpfer‘‘, dem Ncw-Yorker Organ der amerikanisehen Poale-Zionisten, veröffentlichten Aufsatz mit einigen Ergänzungen aus seiner in der ״Zeitschrift für zwischenstaatliche Organisation“ erschienenen Abhandlung über den jüdischen Patriotismus als Broschüre unter dem Titel: ,.Von den Aufgaben der Juden i m W el t k r i e ge“* *) herausgegeb.n. In einer Selbstbcsprednmg seiner Arbeit in den ,,Neuen Jüdischen Monatsheften“ weist Bernstein auf die Inkongruenz des T itels mit dem Inhalt seiner Broschüre bin, die auf dem inneren Titelblatt noch zudem irrtümlich ״Die Aufgaben der Juden im Weltkriege“ benannt ist. Er bcriclitigt in dieser Sclbstbespre,Innig, dal» die Broschüre sich nicht anmaße, den ganzen Komplex der Aufgaben zu behandeln, die der Weltkrieg den ' Juden zugewiesen hat, ja die meisten v:m ihnen nicht einmal andeutungsweise berühre. Ihr sei es nur um eine bestimmte Gattung von Aufgaben zu tun, man könne sogar sagen, um eine einzige, ״Der Zionismus erstrebt für da! JQdische Volk die Schaffung einer fiffcnillch-rechilkh gesicherten Hcln.stäUe io Paladins.'' Baseler Programm. f Unter dem Zwange anetbittllcher Tatsachen haben Tausende unserer Brüder und Schwestern In Palästina Hur in jahrzehntelanger Arbeit geschaffenes Hein» verlassen müssen. Jaffa ist evakuiert. Fast die ganze jüdische Be• volkerung hat die Stadt verlassen müssen, deren stolzer Aufschwung ein unzerstörbares Zeugnis Jüdischer Schaffenskraft geworden ist. In den judäischen Kolonien ist nur ein Teil der jüdischen Bevölkerung zurückgeblieben. Hcimlos in der Heimat, dem Flüchtlingselend und verheerenden Krankheiten preisgegeben, verlangt die jüdische Bevölkerung, die fast drei Jahre lang unverzagt ausgeharrt hat, unseren Beistand. Juden1 In dieser Zeit muß das gesamte Judentum beweisen, daB es die Pioniere unserer Wiedergeburt Im Lande unserer Väter nicht verSasaen wird. Kinder und Frauen, Alte und Kranke harren unserer Hilfe. Eine große, schnelle, umfassende Hilfsaktion tut not. An das gesamte Judentum treten wir mit der eindringlichen Aufforderung heran: Helft! Helft schnellI Helft mit Liebei Das Judentum wird seine Pflicht tun. Das Hilfswerk für Palästina verlangt Eure Tat. Hilfswerk für Palästina Warburg, Spenden sind xu ricJiten an das Hilfswerk für Palästina, Berlin W. 15. Postscheckkonto Berlin 4192. *) Eduard Bernstein: ״Von den Aufgaben dei J11den im Weltkriege“. Erich .Kciß-Vcrlag, Berlin, 1917. Preis 1,20 Mk Zu beziehen durch den jüdischen Verlag Berlin W 15. die allerdings ausslrahlcnd andere beeinflussen müßte. Diese Aufgabe oder ,,Sendung‘, wie er sic am liebsten b.zeichnen möchte, sich! Hcr.isLin aus der Prädisposition der Juden zu einer zwischen den Völkein vermittelnden Tätigkeit licrvorgchcn. Die Juden, deren geläuterter (iutlesglatibc sic zu gehöreneu Miltlern in der religiösen Weit hätte machen können wenn nicht die Abschiebung und Abiveü'uisg religiöser Dogmen die religiösen Gegensätze auf einem anderen Wege gemildert hätte, so daß die Juden als religiöse Mittler überflüssig wurden seien wegen ihres an die Mittlertütigkcit mm einmal gewöhnten Wesens besonde s •Jaz . geeignet, an den völkerverbindenden, die nationalen Gegensätze übcrbriickeiulcu Bestrebungen der Menschheit tätigen Anteil zu nehmen. Eine ticforlicgencie Begründung dieser Meinung versucht Bernstein, wenn er von einer Zweiheit des Patriotismus — dieses Wort in einer erweiterten Bcdeutung angewendet -- spricht, die in der jüdischeu Psyche zu besonders klarer Kristallisation gelangt. Als Bürger irgend eines Staates leb! in den Juden ein L a n d e s p a t r io t i s m us , dein aber ein in der jüdischen Solidarität begründeter besonderer jüdischer S t a .1 m esp.11 ri otis m u s z r Seite tritt. ״Die zwei Arten Patriotismus“, erklärt Bernstein, ״können in vielen Fällen nebeneinander bestehen, ohne sich gegenseitig zu beeinträchtigen, wie man Patriot der einen oder anderen Art sein kann und dabei ohne Schädigung dieses Patriotis- 11111s Parteigänger von sozialen Bewegungen sein kann, die Angehörige verschiedene.■ Länder umfassei».“ Diese Zvve'heit de . patrio.'s Tte.1 Empfinden', müsse in einem dritten w e 1t bürge rl ich en Patriotismus, der ein einheitliches intemationa- [es Bewußtsein der Völker anstrebt, ihre Synthese finden. Diese Anschauung Bernsteins enthält für uns Zionisten nichts sonderlich Neues. Gerade in unseren Reihen wurde dem Gedanken einer v'Tkervcrbindenden Aufgabe des Judentums — wenn auch 1 mit anderer Motivierung — bcr.dler Ausdruck gegeben. Im ersten Heft der Zeitschrift ״Der Jude“*) schrieb Martin Bube r in seinem einleitenden Wort zu der neugegründeten national-jüdischen Monats- Schrift die seitdem oft zitierten Sätze: ״Die völkerverbindende Funktion des Judentums hat *»eilte eine niedere und eine hohe Form. Die niedere betätigt sich unter den Wurzeln der Völker; sie wird geübt von den Abge'plitterten lind Abgearteten, den Herreu und Knechten des Kapitals. Der gegenwärtig« Nationalistmis ist eine legitime Auflehnung gegen diese Form der Völkerverbindung. Die hohe rauscht über die Wipfcl der Völker hinweg; das ist der Aufschwung der wcItDegeistcrtcn Juden, die eine neue Humanität bcreiten helfen. Die dritte, die wir meinen, die irdische, die das Sein der Völker nicht unterhöhlen und nicht überflügeln, sondern verbinden und verbünden will, ist keine Wirklichkeit, sondern eine Aufgabe. Zu ihr sollen die riclittingsloscii Juden des Westens als zu ihrem neuen ScIbsthcwiilMsein sich ermannen; zu ihr sollen die gefesselten Juden des Ostens als 7.11 ihrem erlösenden Beruf sich erziehen; ihr soll das paLästinencischc Gemeinwesen, ein Bindeglied zwischen Europa und dem Orient, seine beste Kraft weihen und von Ihr sein innerstes Lebensrecht empfangen." Und - um «in Beispiel aus den letzten Tagen anzufiihren - in dem soeben in Zürich erschienenen 1. Heft des zionistischen Organs der jungjüdischen Bewegung ״Das Erwachen“*) finden wir — ebenfalls in dem die Zeitschrift einleitenden Aufsatz des Herausgebers — die folgenden Wirte: ״Der tobende Weltkrieg betont die Gegensätze der Völker. Die zionistische Wcltpolitik spekuliert aber nicht auf diese Gegensätze: umgekehrt, sie basiert auf einer Solidarität der Interessen der gesamten Menschheit.“ Diese und andere Aeußerungeit der nationaljüdisch-zionistischen Ihiblizistik dürften genügen, Um zu zeigen, daß das zionistische Streben ein die friedliche Verständigung der Völker förd rrder FaJctor in! Leben der Nationen ist. In der Broschüre Bernsteins fehlt auffallenderweise jeder Hinweis darauf, daß ihrem Verfasser diese von zionistischen Ideologen und Politikern häufig hervorgehobene Seite eines vertieften jüdisehen Nationalismus bekannt sei. Noch mehr: Bernstein verzichtet auf eine Unlcrsiichtmg der b> sonderen Wesensart des jüdischen Nationalismus. Zwar hat Hcriistcin ein gutes Verständnis für die ethische 1 laltlosigkeit einer bloß ״zweckmälli• gen“ Assimilation: ״So wenig ich der Abweisung der Assimilation der luden;111 die Nationen, in deren Mitte sie leben, zustimmen kann, so sehr hat mich stets der in so vielen Fällen mit der Assimilation verbundene Zug zu jener Art Anpassung an die Umgebung abgcstollcn, der mit dem Ausdruck kechmingsträgerei am zutreffendsten bezeichnet würde. Schlimmer als irgendeine mir noch so widerstehende politische oder religiöse Anschauung ist mir stets die Abwesenheit einer solchen Anschauung, die in geistiger Trägheit oder kleinlicher Berechnung wurzelnde Gesinnungslosigkeit, das idcallosc Dahinlcbcn erschienen." Und mit dankenswerter Offenheit geißelt Bern- | stein die Auswüchse der Assimilation, die sich in | den Kriegsjahren noch gesteigert Inbc.n. ״Viele I Juden“, sagt er, ״glauben in Deutschland deutscher, I in England englischer, in Frankreich französischer sein zu müssen, als der einfache Deutsche, Engländer, Franzose.“ Besonders wendet er sich gegen das Korrespoiidcnzblatt der jüdischen Studenten׳• vereine Deutschlands, ״deren Mitglieder es den dcutsehen Korpsstudenten im sogenannten Pauken (Duell mit Rapieren) gleichzutiin suchen. Man konnte glauben, ein Blatt fanatische' R sncpo'itiker vor sidt zu haben, wenn man eine Nummer dieses Blattes durchlas. Auswüchse des Uebernationalismus finden sidt gewiß auch bei Juden in Ländern der Gegenseite, im ganzen aber scheinen diesmal die deutschen Juden die Juden anderer Länder in bezug auf ihn Überboten zu haben.“ Neben dieser Ablehnung des jüdische ו Ucbcr* Patriotismus finden wir bei Bernstein auch manches anerkennende Wort über den Zionismus. Er weiß, daß der Zionismus ״seinen Anhängern zu großen sdiöpferischcn Leistungen den Sinn und die Kraft gegeben hat.“ Er ist ״nicht blind dagegen, daß das ideakstisclie Element im Zionismus cii.en Wed für das kulturelle Leben darstellen kann. Auch bin idi der Ansicht, daß der Zionismus in keinem notwendigen Widerspruch stellt zum we’tbiirgerlirbcn *) ״Der Jude". Eine Monatsschrift. 1. Jahrgang, Heft 1, April 1916, S. 3: * * *) ״Das Erwachen“, Ohmn der jungjüdiscficn Beweeinig. Eine Halbmonatsschrift. 1. Jahrgang, Heft t vom 13. Mai 1917. . Zürich, Lintheschergassc 13.

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