Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1917)
- Date
- 1917-05-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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י!״■״wj .. ף* •נך*ה Reduktion undI Verl« JiMbdie Rw.d8d.au, Berlin W. 15, ^? ■-XtA'X lrn 'ilb0ün'mÄnt bci ^cr Expedit!.״ und bei alle.. P״St«»tc£, v2erle|j^|^^2^^^J2ILl^m^f^!l^ü^l2ü-^^crrc1ck־lJw^*'־n Mk■ 2,50,»"» Ausland Mk. 3,— N«mmer 20 Berlin, den 18. Mal 1917 | Telephon: Amt Ubland 845,846. Postscfaackkanto: Berlin Nr. 17392. Für Oeeterreichi ן K. IC, PosUparkasseuamt Scheckkento Nr, 156030. Anzeigen die ■erhsReepalteae Petit- I teile «der deren Raum 40 Pf. Teuerunfszuichlag 15*/״. Redsktionsschluß Dienet*; nachm. Telephon: Amt Ubland R45,846. Poatsehackkanto: Berlin Nr. 17392. Für Oeaterraichi 26. IJar 5677 I XXII. Jahrgang In der Sitzung des Deutschen Reichtags vom I I, Mai ׳richtete der sozialdemokratische Reichstugsnbgeordnek• Dr. Cohn, folgende Anfrage an dm Reichskanzler: f:11dc März 1017 hat I) j e m a I P as e 11 a , der türkische Oberbefehlshaber der Sinaifront, angcordnet, 1die j ii d i s c 11 e B e v ö I k c r 1! 11 g, daruntcr deutsche, österreichische, ungarische und bulgarisclic Staatsangehörige, aus Jaffa und aus den vor Jaffa gelegenen Aekcrbaukolonien und Fruchtpfianzungen ׳w e gs c 11 a f f e 11 zu lassen. Militarisclic Rücksichten wurden als (irund der Maßregel angegeben; der deutsche Gcneralstabschef l>jemal Taschas hatte sich aber dahin ausgesprochen, daß solche Rücksichten die Räumung jener Wohnstatten nicht gebieten. Nach den hier eingegangenen Berichten sind unter den Augen der tiirkisehen Behörden gegen die ausgctricbeiic Bevölkerung Gewalttaten und Plünderungen verübt, viele Flüchtlinge getötet worden. Für die Beförderung und die Ernährung der Vertriebenen haben nach jenen Berichten die linkischen Behörden nicht gesorgt. Kennt der Herr Reichskanzler diesen Sachverhalt? Ist er bereit, auf die osmanisclie Rcgiening in solcher Weise einzuwirken, daß — soweit es noch möglich ist — in Palästina die W i e d e r h o I u 11 g der a r in e 11 i s c 11 e ת Greuel mit Sicherheit ausgeschlossen wird? Auf die Tatsachen, die der von Abgeordneten Colin 111־ den Reichskanzler gestellten Anfrage zugrunde liegen und die ancli schon im Huuptaiissehuß des Reichstages besprochen worden sind, haben wir schon in unserer letzten Nummer liingewiesen. Die in der Audnndsprcssc aus Alexandrien vorbreiteten Nachrichten berichten über Ausschreitungen der arabischen Bevölkerung gegen die Juden in Jaffa anläßlich der Evakuierung Jaffas und <1 er juiläisclicn Kolonien. Anfragen wegen dieser Nachrichten, die vom Actionscomitc au Herrn Dr, Thon gerichtet worden sind, haben bisher keine Antwort erhalten. Herr Dr. Thon befindet siel: in Jerusalem. Von den zuständigen deutschen Behörden sind •ebenfalls Nachfragen ciugclcitet worden. Wir hoffen, in der nächsten Nummer genauere ,Informationen erteilen zu können. Ein Jubiläum nationaler Politik Die zionistische Landespolitik feiert in diesen Lagen eines ihrer wenigen Erinnerungsfestc. Am 21. Mai 1907 war es, daß die Wahl des Zionisten Dr. Gustav Mahler zum österreichischen Rcicbsratsabgeordneten bekannt wurde. Bald folgten die frohen Botschaften über die Wahl der Zionisten l)r. Heinrieh G a b e I, Adolf Stand und Dr. Benno S t r a u - eher. Aber auch die Kandidaten Dr. Markus Brande, Dr. Salz, Dr. Nathan Birnbaum und manche andere hätten, wäre alles mit rechten Dingen zugcgangcn, den Wahlsieg erringen müssen. Eine neue Epoche national-jüdischer Politik ־war mit <lie:T1n schönen Erfolg für die Zionisten Oesterreichs angebrochen. Die krampfhaftesten An- .stienguugeu der Loewcusteiii und Konsorten kannteil es nicht verhindern, dafi der jüdische Volks- Wille unter dem Schutze eines gerechteren Wahl- Systems 'sich diejenige״ politischen Vertreter wählte, zu denen er die volle Zuversicht hatte, daß sie die nationalen Interessen des jüdischen Volkes stolz und kraftvoll vertreten werden. So zogen die zioiiistiselien Abgeordneten, erfüllt von heißer Liebe zu ihrem Volk und seinen Idealen und gestützt auf das vollkommene Vertrauen ihrer jüdischen Wälller, ins Wiener Parlament. Ein reiches Feld jüdisch-nationaler Politik eröffnete sicli ihnen. Aus der programmatischen Erklännig, die der ״Jüdische Klub", den die vier zionistischen Rciclisratsahgeordnetcii bildeten, im Rciclisiat bald nach seiner Eröffnung abgab, geht hervor, wie weit sie sich ihre Aufgaben gespannt hatte״ und mit welchem Ernste sic an ihre Lösung gingen. ״Der ״Jüdische Klub" wird stets für die Rechte, Interessen und die Wohlfahrt des jüdischen Volkes cintreteii, die Anerkennung der jüdischen Nationalitüt und die faktische Durchführung der Gleich- Berechtigung und Gleichwertigkeit der Juden encrgisch verlangen und unabläßig zu verwirklichen trachten und alle, von welcher Seite immer, kommenden Angriffe auf das Judentum entschieden Abwehren, im Sinne des jüdisch-nationalen Par- ״Der Zioidimui erstrebt für da« jüdische Velk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich {!esicherte* Heimstätte in Palästina." Baseler Pregramm. tciprograinms wird der ״Jüdische Klub" nur eine freiheitliche, wahrhaft volkstümliche Politik vertreten, geleitet von den Grundsätzen politischen und wirtschaftlichen Fortschritts, sozialer Gercchtigkeil, individueller und nationaler Gleichbercchtigung und Gleichwertigkeit aller Voiksstämme. Der ״Jüdische Klub“ wird für die Lösung der nationaleii Fragen auf dem Wege der nationalen Autoiioinic, für den Ausbau der Verfassung auf weifester demokratischer Grundlage unter Schutz der Minoritäten, für die Demokratisierung der Vcrwaltungj für die kräftigste Förderung der industriellen und kommerziellen Entwicklung Oesterreichs unter scharfer Bekämpfung der reaktionären Gewerbepolitik, für den Ausbau der sozialpolitischen Gcsetzgebimg, namentlich für weitestgehenden Arbeitcrsclmtz, Koalitiuns-, Preß- und Versammlung^- freiheit wirken." Das war in der Tat das Prograniin einer weitscliauendcn und weitausgreifenden jüdisch-nationalen Politik. In ihrem Mittelpunkt stellt die Forderung der Anerkennung der nationalen Rechte des jüdischen Volkes als einer nationalen Minorität des Staates. Der unermüdlichen Tätigkeit des ״jüdischen Klubs" war es vergönnt, auf dem Wege nationaler Politik den jüdischen Massen Galiziens und der Bukowina viele Erleichterungen zu erkiimpfeil, drohende Gefahren von ihnen abzuwciidcn und sie gegen maßlose Angriffe und Beleidigungen zu schützen. Jedesmal, wenn das jüdische Ansehen und die nationalen Interessen des Volkes vom Leinde bedroht wurden, sprangen sie in die Bresche und verteidigten Ehre und Recht der Nation. Anerkennung und Dank gebührt diesen treuen Vorkämpfern des jüdisch-nationalen Gedankens. Sie haben zusammen mit den ׳zionistischen Abgeordneten der ersten russischen Duma als erste den Weg zur Befreiung des Volkes aus der Knechtschaft der nationalen Entrechtung bescliritteii. Sie waren sich bewußt, daß dies zugleich der Weg zu jener vollen Erlösung des Volkes ist, die das zionistische Ideal erstrebt. Gerade in unseren Tagen, da das russische Judentum Vorbereitungen trifft, seine nationalen Forderungen vor dem verjüngten Rußland zu foriiiulicrcn, da die russischen Zionisten sich anschikken, die Postulate des Hclsingforser Prog r a 111111 s 1־zu erneuern, da der jüdisch-amerikanisehe Kongreß die Fragen der nationalen Rechte des jüdischen Volkes in ihrer ganzen Breite entrollt, ist es erhöhte Pflicht, dieses Jubiläums nationaljüdischer Politik und ihrer treuen Träger zu gedenken. M, M. Das Arbeitsamt Von Dr. Robert Weltscli, im Felde U cn« von seiten der zionistischen Jugend die Einführung der Dienstpflicht verlangt wird, so ist das eigentlich eine Statiiierung der Dienstbereitschalt. Nun ist es erst Sache der Oberbehörde, diese Bereitschaft zu verwerfen und schließlich eine Pflicht zu statuieren. Es gibt aber keine abstrakte Dienstpflicht, sondern nur eine Berufung zu einer bcstimmten Arbeit. Was diese Arbeit sei, dies zu finden und zu verfügen, ist die eigentliche schwierige Aufgäbe. 1 leb möchte im folgenden nur einige Punkte aiicietitc«, wie ich mir ungefähr diese Arbeit gedacht habe, wenn ich (in Nr. 52 der ״Jiid, Rundschau", 1916) das Schlngwort ,,Dienstpflicht" verwendete, das von manchen etwas zu eng und zu wörtlich verstanden wurde. Daß ,aber damit ein Wort für einen Gedanken gefunden wurde, der viele Kreise, besonders unsere Jugend, beherrscht, beweisei! die ziistimiiionden Kundgebungen und Zuschriften, Immer deutlicher dringt es ins Bewußtsein: cs gellt nicht an, ii! einer fremden Wirtschaftsgemeinschaft einen der materiellen Erhaltung dienenden Beruf zu haben und dabei, nebenher, als FciertagsbesclUiftiguiig Zionismus zu treihen. Zionismus als selbständigen Gegenstand des Lebens gewissermaßen nach der Uhr abzutun, der Kreislauf einer Diskussion, in der alle Probleme zusammengedrängt werden, die manchmal feierliche, manchmal ödo Stimmung erzeugt und doch nie die Kraft zu einem lcbcudig«n Antrieb hat: das ist Verkümmerung, wo starke Sehnsucht nach Entfaltung drängte. Herr Werner (Posen) meint, daß dem Ucbcl durch Bezahlung der zioiiistiselien Arbeit abniliclfen wäre, damit der Zionist nicht zwei Berufen dienen muß; das wäre ja richtig, ist auch von unserer Leitung, die ja stets auf Anstellung besoldeter Sekretäre in den Ortsgruppen dringt, längst erkannt, aber es verfehlt das Wesentliche: die Frage nämlich, w a s gearbeitet werden soll. Es ist keine Herabsetzung der Parteiarbeit, wenn wir sagen, daß nicht alle zionistische Arbeit Parteiarbeit sein kann und nicht alle Zionisten Parteisekretäre: vielmehr eigentlieh gerade diese Arbeit überwunden werden sollte durch organisches Volksleben. Seit ich s. Zt. von der Erridihmg eines Arbeits- ה ni t e s sprach, sind zwei wichtige Ereignisse in dieser Hinsicht erfolgt: das eine ist der Deutsche Delegiertentag, der die Schaffung von Arbeitskreisen beschloß, und den für Kulturarbeit einsetzte, - - das andere ist der Aufsatz des Herrn Berger in Nr. 14/15 der ״Jüd. Rundschau", in dem erden Willen der Leitung kundgibt,die Erziehung zu Kenntnissen im Zionismus nicht nur zu fordern, sondern zu organisieren. Die Einsicht in diese Notwendigkeit ist ein großer Fortschritt, weil darauf die Tat folgen muß. Denn von oben muß die Erziehung geleitet werden; unsere Leitung, die bisher nur äußere Aufgaben besorgte, muß auch die Funktionen der für die inneren Verhältnisse verantwortlichen Zentralstelle übernehmen. Das wäre der Segen einer guten Vcrwaltung, wenn die Kräfte richtig geleitet, die Bedürfnisse richtig erkannt, die Einrichtungen einander entsprechend wären. Das Arbeitsamt müßte in zwei große Sektionen zerfallen: fiir Oaluth lind für Palästina. Das Amt für Cialuth müßte unter der zusaminenfassenileii Zentralstelle ziemlich dezentralisiert sein, in jedem!.and selbständig arbeiten. Die Z. V. f. I>, hat ja schon begonnen. Die Tätigkeit müßte m. E. ungefähr umfassen: 1. Statistik der vorhandenen Menschen, eine Art Konskription. Ein weiter Kreis von Vertrauensmännern, die mit den Intentionen der Zentralstelle genait vertraut sind, müßte das Arbeitsamt dauernd informicrcu. Man muß eine Uebcrsicht haben welche Menseilen zur Verfügung sieben, welche Eignung sie haben, ob sie schon einen Beruf gewählt haben, ob sie für gewisse Erfordernisse in Betracht kommen etc. 2. Das Arbeitsamt muß sich um die Ausbildung der heranwachsenden (ieneralion kümmern, nicht nur unterstützend und beratend, sondern auch initiativ. Bis- 11er war cs fast stets so, daß, wenn sich ein junger Mensch an die Leitung mit der Frage nach der Möglichkeit eines Berufes in Palästina gewandt hat, er eine höflich ausweichende Antwort erhielt. Ich kenne ein Mädchen, das wegen Aufnahme in einen Kurs über Säuglingspflcge in mehrere Städte gereist ist, Briefe schrieb etc. und überall die Antwort erhielt, daß sie als Jüdin keine Aussicht habe. Aclinlicli ist es mit den lamlwirlschaftliehen Anstalten, deren meist(• den Taufschein verlangen. Das zionistische Arbeitsamt müßte nun, soweit es nicht selber Institute für fachliche Ausbildung gründen kann, die Vermittlung übernehmen. Es mußte sich mit derartigen Anstalten in Verbindung setzen und die Aufnahme von Schülern durchsetzen, die jene zwar einem einzelnen Mädchen ahschlagcu, aber einer großen Organisation nicht verweigern würden, wenn sie scheu, daß cs sich um eine ernste Sache handelt. Mau müßte doch soweit sein, daß man einem jungen Manne, der das Gymnasium absolviert hat, raten kann, was und wo er mm studieren soll, statt die Zahl der hoffnungslosen Juristen immer anwachscn zu lassen. Man könnte auch de» Austausch von Arbeitskräften zwischen den Ländern vermitteln, etwa zwischen RiiBI.iml und Deutschland usw, usw. 3. Das Hauptgcbict der Galiitharbeit ist die Er- Ziehung (in engerem Sinne). Hier mangelt es noch schlechthin an allein, und wir könnten alle unsere intcllckhicllcn Kräfte liier aufbrauchen. In Deutschland ist ja jetzt der Kultiiraiisschuß da. Es möge mir daran erinnert sein, wie dringend wir jüdische Lehrer brauchen, ferner Lehrbücher, Materialien etc. Die Stoffe sind za bearbeiten, unsere Wissenschaftler und Pädagogen bedürfen aber der Kenntnisse, die sie nicht haben, weil m» romanistisclic Philologie oder griechische Geschichte, nicht aber jüdische Wissenschaft studiert habe״. Wir werden ja schließlich doch auch Schulen haben müssen; dies wird um so dringender, je deutlicher wir einselten, daß in den allgemeinen Schulen Dinge gelehrt werden, vor denen wir unsere Jugend bewahren wollen, und je mehr uns klar wird, daß gerade das, was wir um not* wendigsten brauchen, nicht nur an Kenntnissen, sondern midi an Charakter, die heutige Schule 11 icht gehen kann. Wo sind aber die Menschen, die all das schuffeil sollen? Wir werden auch die Institution der Wanilcrlehrcr cinführcn müssen, solange w׳ir zerstreut leben; auch diese müssen irgendwo ausgebildet werden. Und schließlich bedürfen nicht npr die jüngsten, sondern auch die Erwachsenen einer Weiterbildung, die das Versäumte z. T. ersetzen soll. Die Kurse, Seminaricn etc., die schon jetzt allenthalben üblich waren, müssen systemansch ausgebaut werden. 4. gehört hierher die Parteiarbeit. Der wichtigste Gesichtspunkt Ist der, daß mehr Menschen ״eing c w c i h t" und zu dieser Arbeit herangezogen werden müssen, weil sonst einzelne, und gerade die Wertvollsten,