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Jüdische Rundschau · 1916-12-29 · Heft 52 (29.12.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 52 (29.12.1916)
Date
1916-12-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Redaktion und Vertag Jüdische Ruscbchnü, IE; lin Scheint wochcntl. am Freitag. Abonnement bei der Lv*j■. vierteljahrl. Mtc. 2,25 in Deutschland, in Ocstcrrcich-Un׳ ■/, IS, L';V:1 ־• diUon vt.J. l;oi all.',, .rnl/.'.c. 2,50, im/-mV Nummer 52 Derlin, don tO. iV r-.d J'.T 1? L< i a Tclepiioa! Amt Uhlancl 845, 81׳G. Pot.t-.che.chkor.tos Berlin Nr. 17392. Für Orsterreid»* ... v 1 , K. K. Postsjiarkasr.enamt Srherldconto Nr. 156030, Anzeigen die scchsgespaltene Petits׳׳V\ I; sei!« oder deren Raum 40 Pf. Teuerungszusdilag 15°/״. Rrdaktionssdiluß Dienstag nachm. r ־־־■ ״;'...-דרד;•*״ ״־דד־• 4. Tcucth 5ö77 | XXI. Jahr^an^ ... T...■־דד:״׳»מר״יד ״״-■ -״׳■• ak Mach dem Delegierter»^ vj► Der Delegu'rtentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland ist vorüber. Grolle Erwar•‘ tungen haben sich an seinen Verlauf geknüpft, und wer den zwei Tagen ernster Beratungen der Delegierten der zionistischen Organisation Deutschlands gefolgt ist, weilt, daß diese Erwartungen sich zumindestens vollinhaltlich erfüllt haben. Die ganze Bedeutung der Tagung wird erst klar, wenn man sie im Zusammenhang mit der Entwicklung des deutschen Zionismus betrachtet, die jeweils in den Delegiertentagcn ihren Richtung weisenden Ausdruck gefunden hat. Der deutsche Zionismus ist in stetiger Arbeit gewachsen. Er verdankt seine Stellung in der allgemeinen zionistischen Organisation und seine Kraft im deutschen Judentum nicht zutaliigen Konstellationen, die mit dem Moment komme 1V und ■schwinden, sondern einer ununterbrochenen, gesunden nationalen Entwich• Ittng, die es niemals bloß bei Losungen hat bewenden lassen, sondern die immer zur sachlichen Durchführung der fiir richtig gehaltenen Grundsät/.e geführt hat, Der deutsche Zionismus hat cs verstanden, sich eine feste, straff gegliederte Organisation aufzubuuen und sie zum wahrhaften Träger der Anschauungen und Arbeitsprogramme des nationalen Gedankens und der zionistischen Be• wcgiing zu machen, Die Berliner Tagung, die am 25. und 26. Dezember 1916 stattgefiinden hat, steht in fester natürlicher Verbindung mit der bisherigen Geschichte des deutschen Zionislmus. Sie bedeutet für heute und für die nächste Zukunft einen Hohepunkt zugleich und einen Ausgangspunkt neuen Aufstiegs. Der Leipziger Delcgicrtentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, der kurz vor Kriegsuitsbruch abgehnlten wurde, brachte die Auseinamlersetzung über die nationale Richtung des deutsehen Zionismus zum Abschluß und stellte den Willen der deutschen Zionisten fest, die Nationalisierung durchzuführen, ohne welche die zionistische Organisation nicht Kraft und Wirkungsmöglichkcit hat. Nachdem einmal dieses Resultat erreicht war, mußte darangegangen werden, auch dieser ausgesprochenen Losung die Verwirklichung folgen zu lassen. Die Bedeutung dieser Aufgabe ist durch die Ereignisse und Erlebnisse in diesen aehtundzwanzig Kriegsmonaten aufs kräftigste unterstrichen worden. Die Richtigkeit der nationalen Auffassung des Judentums ist auch in den Kreisen des deutsehen Judentums erkannt worden, die sicli bisher dem Zionismus und dein nationalen Judentum verschließen zu müssen glaubten. Parallel hiermit ist es aber dein deutschen Zionismus selbst klar geworden, daß es nicl.1t genügt, mit programmatischen Leitsätzen aufzutreten und ihre Durchsetzung dem einzelnen zu überlassen. Man hat erkannt, daß es keine schärfere Waffe für die Absichten des Zionisnms jgehen kann, als wenn er selbst sein Prograinm zur Tat macht. Es wurde aber auch erkannt, daß der deutsche Zionismus, wenn er die ihn! durch sein Programm gewiesenen Aufgaben mit steigender Kraft verwirklichen wolle, überhaupt nicht mehr anders könne, als gerade jetzt, in dieser Zeit fließender Entwicklungen, mit vollstem Ernst alle Einrichtungen zu treffen, die für die Verwirklichung seines nationalen Programms notwendig sind. So waren in den Mittelpunkt der Tagung die grundlegenden Referate Blttmenfclds, Schockats und Dr. Täublers gestellt, die sich mit der Durchführung der von den deutschen Zionisten in ihrem eigenen Kreise zu leistenden zionistischen Gegenvvartsarbcit befaßten, Das Referat von Kurt Bluiueufdd machte klar, daß es sicli bei der nationalen Erziehungsarbeit, die hier von uns zu leisten ist, nicht um eine Entwicklung haudelt, die von dem palästinensischen Ziele des zionistischcn Programms abführt, sondern um die notwendige Voraussetzung und Ergänzung der ernsthaften Arbeit an ihm. Daß es möglich ist, diese Erziehungsarbeit in den Verhältnissen, unter denen wir leben, auf/ubaueu und durchzuführcn, zeigten die bis ins Einzelne konkreten Vorschläge' des Referwiten S. Schocken, welche durch Täubler nach einer besonderen Richtung hin noch ausführlich• ergänzt wurden. Es blieb nicht dabei, daß der Delegiertentag diese Referate bloß entgegennahm, um E,״Der E!e:1׳;;nus er:.'.:ebi Gr ch*.s Volk c1m#D1D Li Peiasils.׳.." Br.sttc*• Prcä-'arnm. ihre Durchsetzung in die Wirklichkeit etwa erst einer spateren Entwicklung vorzubehalten;’sondern es wurde durch den Beschluß über die Schaffung von Arbeitskreisen und die Einsetzung der organisierenden Ausschüsse dafür gesorgt, daß diese Arbeit sofort in Angriff genommen wird. Der Delegiertentag hatte das berechtigte Bewußtsein, hiermit endlich einmal über das Stadium unverbindüeher Besprechungen und tastender, unsystematischer Versuche hinauszugelangen und die unabweisliche Arbeit selbst in Angriff zu nehmen. Es hat vielleicht noch keine Tagung der deutschen Zionisten gegehon, in der der Wille zur verpflichtenden Arbeit so stark zuin Ausdruck gelangte. In sachlichen und vor keiner Kritik zurücksclteuenden Auseinandersetzungen wurden die Fragen behandelt, die mit den allgeriieinen zionistischen und insbesondere mit den kolonisatorischen Aufgaben in Palästina Zusammenhängen. Es wurden die Grunds linien und entscheidenden Detailfragen der gegenwärtigon Arbeitsmethode und der in der nächsten Zukunft bestehenden Möglichkeiten erörtert. Es wurde kein Zweifel daran gelassen, daß nichts versäumt werden darf, was notwendig ist, um auf diesem Gebiete alle Kräfte zusanunenzufassen und einzusetzen, ln einer Zeit, da man auch außerhalb der zionistischen Organisation gelernt hat, die großen kolonisatorischen Kräfte, die von der zionistischen Bewegung dirigiert werden, hoch zu schätzen und auf ihre Bedeutung einerseits fiir die Ent- Wicklung des Landes, andererseits und hauptsächlich für die Gestaltung der jüdischen Zukunft zu bauen, wird der Zionismus selbst seine Kraft zu sammeln und am richtigen Orte und zur rechten Zeit zu ■ gebraucUen wissen. Die Hoffnung mag nicht unbegründet sein, daß er hierbei mehr als jemals vorher die Unterstützung nichtzionistischer Kreise finden wird, die sich der Bedeutung dieser Arbeit bewußt geworden sind. Sowolil in den Auseinandersetzungen, die sich mit der selbsteigenen Nationnlisierungsaufgahc der deutschen Zionisten, als auch mit der Kolonisationstüligkeit der zionistischen Organisation befaßten, wurde in vom Verständnis für den Ernst der Stunde getragenen Reden der Delegierten auf die Verbundenheit hingewiesen, die zwischen unserem Schick* sal und unseren Aufgaben und der Lage und den Hoffnungen der ostjüdischen Brüder besteht. Die Delegierten des deutschen Zionismus betrachteten diese Frage nicht als einen Gegenstand, der mit der kühlen Objektivität unbeteiligter und abseits׳- stehender Dritter behandelt werden kann. Sie fühlten und sagten, daß es sich hier darum handelt, aus dem Bewußtsein voller Verantwortung heraus alles Erreichbare und Mögliche zu tun, um gerade in der Zeit überwältigender Katastrophen, die über die Ostjuden gekommen sind, dem Zionismus als der zielbewußten Organisation des nationalen Judentums seine Aufgabe zuzuweisen. Der Zionisnius ist keine Wohltätigkeitsbewegung, die akuter Not momentane Abhilfe bringen kann — keine Macht der Welt kann solche Not aufheben —, er ist eine national-politische Organisation des jütltn sehen Volkes und hat, was ihn von allen jüdischen Bestrebungen philanthropischer Art unterscheidet, ein festunirissenes Zukunftsprogramm, das sich auf die einheitliche Auffassung der gesamten Judenfrage gründet. 111 zahlreichen Einzelfragen wurden dem Delegiertentag Wünsche und kritische Ausstellungen an der Tätigkeit der Leitung der Zionistischen Ver* einigung für Deutschland vorgetragen, ln keinem Augenblick wurde ein Zweifel darüber laut, daß jeder Wunsch und jede Kritik, möge sie von welcher Seite auch immer vorgebracht werden, dem heißen Wunsche entspringe, die ganze Kraft für das gemeinsame Ziel einzusetzen. Die Vertreter der Leitung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und ihrer Organe versäumten nicht, zu jedein Wunsch und jeder Kritik Stellung zu nehmen und unterstrichen mit Nachdruck das Gefühl der Verantwortung, das sie in ihrer ganzen Tätigkeit erfüllt. Der Delegiertentag ergab, vielleicht stärker noch als früher, daß sich die deutschen Zionisten vollständig im klaren sind: das Gemeinsame ihres Ziels und ihrer Arbeit ist stärker als alle trennenden Momente in der Auffassung bestimmter einzelner Fragen. Oie Delegiertentagung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland wird so auch für die außerhalb des Zionismus stehende jüdische Welt den Beweis liefern, daß der Zionismus in vielleicht langsamer, aber unaufhaltsamer Entwicklung eine Macht geworden ist, die aus dem deutschen Judentum nicht weggedacht werden kann. Man hat gclernt an die Sachlichkeit und Größe unserer Arbeit zu glauben und mit uns zu rechnen. Vielleicht wird man darum in Zukunft über manchen Gegensatz hinwegkommen, der in der Vergangenheit Anlaß zu Kämpfen war. Die deutschen Zionisten habun keinen Zweifel daran gelassen, daß es sich ihnen nicht um den Kampf um des Kampfes Willen Irandelt, sondern tun die Sicherung der nationalen Lebehsgrundlagen des jüdischen Volkes. Die Bedeutung der abgchaltenen Tagung liegt in drei Momenten sachlicher Erkenntnis und Ent- Scheidung, Die z i o n i s t i s c 11 e G e g e n vv a r t s - arbeit wurde in feste und wesentliche Verbindüng mit dem Gesamtkomplex des Arbeitsgebietes gebracht, dem die Organisation der deutschen Zionisten ihre ganze Hingabe widmet. Der deutsche Zionismus hat zu erkennen gegeben, daß er an der n a t ion a 1 po 1 i t i sehe n Grundlage des zionistischen Programms festhült, das umfassender und radikaler als jede von der Augenblicksnot geborene Hilfsaktion der Sicherung des jüdischen Volkes gilt. Und die Organisation der deutschen Zionisten hat in ungebrochener Einmütigkeit a 11 e i h r e Kräfte gesammelt, um sie in ernster Zeit in den Dienst des gemeinsamen Ziels zu stellen. Daß konstatiert werden konnte, daß der Wille zur Mitarbeit auch außerhalb der eigenen Reihen sich bemerkbar macht, konnte als erfreuliche. Tatsache verzeichnet werden, die beweist, daß der Zionismus auf dem Marsche ist. Der Bericht über den Delegiertentag Der Delcgicrtentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland tagte von Montag, den 25. Dezember früh bis Dienstag, den 2t). Dezember spät abends. Da während der Tagung die Drucklegung der Protokolle infolge der Weihnachtsfeiertagc nicht möglich war — , die technische Fertigstellung unserer Zeitung muß schon jeweils am Mittwoch erfolgen —, werden wir den ausführlichen Bericht über die Referate und Verhandlungen! irf der nächsten Nummer unseres Blattes folgen lassen. Wir bringen heute nur den Bericht des Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung tür Deutschland Herrn Dr. Hantke, der die Verhandlungen des Delegiertentages einleitete. Bericht des Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Herrn Dr. Hantke Geehrter Delcgicrtentag! In schwerer Zeit und unter außerordentlichen Umständen treten wir Jieutc zusammen. Die Mehrheit unserer aktiven Gesinnungsgenossen jst außerstande, sich dem Zionismus zu widmen und so hatten wir alle zunächst die Empfindung, daß unsere Tagungen auf die Zeit nach dem Kriege verschoben werden müßten. Das jüdische Leben hat sicli aber allmählich von der Betäubung der ersten Kriegsmonate' erholt und trotz aller äußeren Hemmnisse seinen Entwicklungsgang fortgesetzt. Neue Jahrgänge sind in unsere Organisation hiueingewachsen, Männer und Frauen, deren jüdisches Bewußtsein geweckt worden ist, haben sieh uns angcsclilossen. Alte Probleme sind ,uns klarer geworden. Alle jüdischen Dinge sind in neue Beleuchtung gerückt. Die Existenz des jüdischen Volkes in Osteuropa als einer nationaleinheitlichen Gruppe ist jn das Bewußtsein der europüisehen Oeffcntlichkcit übergegangen. Palästina als Ziel jüdischer Kolonisation, als J leimat einer neuen hebräi* sehen Kultur ist zu einem Gegenstand der realen Politik geworden. So hat unsere Propaganda in der nichtjüdischen Welt die tatsächlichen Unterlagen gefunden von denen aus sie einen Einfluß auf das Empfinden der maßgebenden Schichten der Umwelt ausüben kann, und so 1 taben sich uns auch in der Erziehung des jüdischen Volkes selbst zum Bewußtsein seiner nationalen Eigenart und seiner geistigen Verbindung mit Palästina neue Möglichkeiten eröffnet, die, «wie wir hoffen düikn, der Ausbreitung des Zionismus freie Bahn schaffen werden. Denn Inneres Erleben und äußere Ereignisse wirken zusammen, um in!Tausenden von Juden das Bewußtsein ihrer Eigenart zu stärken. Und aus solchen Er-

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