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Jüdische Rundschau · 1916-12-22 · Heft 51 (22.12.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 51 (22.12.1916)
Date
1916-12-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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/!', T\ \ Redaktion und Verlag Jüdische Ruudschau, Berlin W. IS, Sik'.irir.d-.o Strr.Ce 8. Erscheint wodientL am Freitag. Abonnement bei der Expedition und bei allen Por.t'lmtcm Vierteljahr!. Mit. 2,25 in Deutschland, in Ocsterretd1*Un<;r.m?.11c, 2,50, im Ausland Ml:. 3,— Nummer 51 Berlin, den 22. über 1910 r!<f.P0' V. it Uhl Ad 845, 846. Postsd»eck'׳*״״׳>: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich! 5nrl;nr.scni\W Scheckkonto Nr. ISgJ,,, .Onzeijjen die scchsjrespaUene Petit- “15 n!).mm jlOPf.TeuerungszustSilag ־׳־! C* ■7V1 Rcdaktiomsdiluß Dienstag nadim. "vk'V . w'>. 47״/Klslew 5677\V^ XXL Jahrgang Zum Delegiertentag ln ernster Zeit, da große Teile des jüdischen Volkes unter den Folgen des Weltkriegs Schreckliebes erleiden und das ganze jüdische Volk seine Kräfte zusammenrafft, um einerseits dem ungeheuren Elend, das über die Juden fast aller Bänder gekommen ist, aucli nur einigermaßen zu steuern und andererseits für eine durchgreifende Verbesserung der jüdischen Lage in allen Ländern vorlKreitende Schritte zu unternehme», tritt die deutsche Landsmannschaft der zionistischen Organisation zusammen, um an den großen Aufgaben, die dem jüdischen Volke erwachsen sind, tätigen Anteil zu nehmen und nach besten Kräften an dem Werke des jüdischen Wiederaufbaus und des Kampfes um die bürgerlichen und nationalen Rechte des jüdischen Volkes mitzuarbeiten. Der Dclegiertcntag wird den besonderen z.ionistischen Fragen und Aufgaben, die sich aus der gegenwärtigen Lage für die nahe und fernere Zukunft ergeben, besonderes Augenmerk zuwenden und vor allem die wirksame Fartfühurng unserer Tätigkeit für die Erhaltung und Stärkung der jüdisehen Siedlung in Palästina, die sich immer mehr als eine reale Kraft im Judentum bewährt, ermögliehen helfen. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland ist sich der Pflichten wohl bewußt, die ihr als wichtigem Glied in der zionistischen Gesanitorganisation obliegen. Das Problem der jüdischen Erziehung, das in den letzten Jahren von der gesamten jüdisehen Welt und besonders von den Zionisten als eine der brennendsten, am raschesten eine Lösung erheischenden Fragen empfunden wird, soll eine eingehende Behandlung erfahren und unsere junge Erziehungsarbeit an der jüdischen Jugend Deutschlands in bestimmtere Bahnen gelenkt werden. Nicht alle, die sonst auf dem Delegiertentage der zionistischen Organisation Deutschlands den deutschen Zionismus vertraten, werden wir dieses Mal in unserer Mitte begrüßen können. Im Geiste mit ihnen vereint, werden die Delegierten umso tiefer die Verantwortung fühlen, die die Tagung auszcichnct. Wenn die bedeutungsvolle Zeit mit ihren Leiden und neuen Arbeitsperspektiven dem Berliner Dclegicrtentag ihr Gepräge aufdriieken, wenn der Geist jener alten * jüdischen Helden, deren Gedächtnis wir in diesen Tagen feiern, auch über den Beratungen des bevorstehenden zionistisehen Dcicgiertentagcs schweben wird, dürfen wir sicher sein, daß das Ergebnis uns auf unserem Wege zur Befreiung und Erlösung unseres Volkes um einen Schritt weiter bringen wird. Unser Zukunftsprogramm Von Dr. Curt Nawratzkl. Die wichtigsten drei Faktoren zur Durchführung einer wirklich großzügigen Arbeit sind erstens die hierzu geeigneten Menschen, zweitens die Aufbringung des nötigen Kapitals, drittens eine allgemeine groß angelegte Organisation, die die beiden ersten Kräfte in Wirtschaftlieh bestem Sinne zu verwerten versucht. Was die Beschaffung, resp. Erziehung der für eine Kolonisationsarbeit in Palästina geeigneten Menschen betrifft, so habe ich in dem vorhergehenden Artikel*) in kurzen Zügen anzudeuten versucht, in welcher Richtung sich diese Vorbereitungsarbeit erstrecken müßte. Aber nicht nur für die östlichen Juden fehlt cs bisher durchaus an ausreichenden Gelegenheiten für eine für sie besonders notwendige Berufsumschichtung und teilweise Ueberfülmmg in die landwirtschaftlichen Berufe, dasselbe gilt auch, wenn es auch zahlenmäßig nicht so sehr in die Wngsclmle fällt, für viele westeuropäische Juden, die hcubwlchtigcn, sich später in der Lundwirt• Schaft in Palästina zu betätigen. Auch hierfür lagen und liegen bereits genügend Pläne vor, deren Durchführung bisher noch nicht gelungen ist. Die Aufbringung der Mittel ist der zweite sehr wesentliche Punkt und diese dürfte sich schon bedeutend schwieriger gestalten. Aber vor allem möchte ich gerade in diesem Aufsatz darzulcgen versuchen, daß man auf diesem Gebiete gänzlich andere Wege als bisher gehen muß, Wie bereits in meinem ersten Aufsatz angedeutet, dürfte cs sich zum Beispiel bei einer Neuregeiung des Wirtschaftslebens im Osten durchaus empfehlen, die bisher verfolgten Wege der Philanthropie gänzlich zu verlassen, d. h. der Philanthropie die Aufgaben wirklich gemeinnütziger Natur zu überlassen, zu deren Erfüllung sie geeignet und wirklich bestimmt ist. *) Vergl. Jüdische Rundschau Nr. 50. ״Der Zionismus ersirebl für da» Jüdische Volk die Schaffung einer Öffcntlteh-rcchlHch gcstchericn Heimstätte ln Palästina.״ Baseler Programm. Fs ist jetzt daher der Augenblick für den Osten gekommen, eine jüdische Wirtschaftspolitik, um mich des oft mißbrauchten Wortes zu bedienen, eiiizulciteii. Da es in einem Artikel gar nicht möglich ist, auf Einzelheiten ein/tigchcii, und um es offen zu sagen, mich gar nicht angebracht, derartige Projekte vor ihrer Inangriffnahme bereits zu publizieren, dürfteil ja doch die kurzen Andeutungen im ersten Artikel die hier gangbaren Wege gezeigt haben. Aber die gleiche Aufgabe steht uns auch für unsere Kolonisationsarbeit in Palästina bevor, Auch hier wird es sich besonders nach dem Kriege als durchaus notwendig berausstellen, neue Wege der Kapitalbeschaffung zu beschreiten, Zwei sehr wichtige und nach dem Kriege besonders wertvolle Faktoren haben wir Juden dem Lande zu bieten — Menschen und Kapital. Nur ein verhültmsmüßig kleiner Teil der Politiker kann sich von dem künftigen Wert der genannten Faktoren heute bereits eine klare Vorstellung machen. Doch dürfte die allgemeine Ansicht bereits dahin gehen, daß er für manche Gebiete, zu denen vor allem alle wenig oder noch gar nicht erschlossenen Agrar-Länder gehören, die eben auf eine Bevölkerungszunahme und den zu ihrer Er- Schließung nötigen billigen und doch langfristigen Kredit einfach angewiesen sind, heute überhaupt noch nicht abzuschätzen ist. Es ist aus manchen Gründen verständlich oder erklärlich, wenn dieser Standpunkt heute von den türkischen Staatsmänueru noch nicht eingenommen wird. Doch dürfen wir mit Bestimmtheit annelunen, daß, sobald sielt die wirtselmftlichen und finanziellen Folgen des Krieges erst einmal besser übersehen lassen, auch in diesem Punkte notwendigerweise eine Wandlung cintrctcn muß. Nun wird es aber später nicht allein darauf ankommen, in der bisherigen Weise in. unseren Kolonisationsmethoden fortzufahren, sondern man wird versuchen müssen, auch auf diesem Gebiete gewisse philanthropische Methoden, die m. E. bis vor kurzem auch bei uns noch durchaus üblich waren, durch eine mehr rein wirtschaftliche Auffassung zu ersetzen. Allerdings handelt es sich bei uns mehr um eine versteckte Philanthropie oder, wie es einer meiner Freunde einmal nannte, eine in ein Wissenschaftliebes System gebrachte. Um Mißverständnisse von vornherein auszuschalten, sei gleich an dieser Stelle betont: es handelt sich nicht etwa um den von Ruppin festgestellten Gegensatz von nationaler und kapitalistischer Kolonisation, sondern der springende Punkt dürfte in der Zukunft in folgendem liegen: Allen sogenannten Orientkemiern gegenüber muß klar und deutlich betont werden, daß zur Erschließung der in der Türkei vorhandenen Agrargebiete außerordeutlich kostspielige und vor allen Dingen langfristige Vorarbeiten und Anlagen notwendig sind, daß also die Türkei in gewissem Sinne ähnliche WirtschaftsvcriiäUnisse aufzuweisen hat wie noch unerschlossenc Kolonialgebiete, oder (um nicht mißverstanden zu werden) wie beispielsweise Rumänien in den siebziger Jahren. Nur daß infolge der Ausdehnung des Landes und, was noch wichtiger ist, der außerordentlich geringen Bevölkcrungsdichte (nicht etwa der ungenügenden Gesamtzahl der Bevölkerung) die wirtschaftlichen Erschließungsarbeiten teilweise schwieriger und kostspieliger sind, als ohne diese Umstände. Selbstverständlich gilt das Gesagte auch für Palästina. Die zur Erschließung des Landes von jüdischer Seite bereits aufgewendeten Summen sind be-!«unterweise außerordentlich erheblich und trotzdem dürften sie erst einen Bruchteil des zur wirklichen Er- Schließung selbst dieses kleinen Gebietes durchaus nötigen Kapitals darstellen. Bei der wohl begründeten Annahme des für besonders langfristige Anlagen nach dem Kriege sehr hohen Geldstandes wird es sich daher empfehlen, das zu tun, was man bereits schon bei früheren Anlagen hätte durchführen sollen. Aus dem eben Gesagten geht hervor, daß bei jeder Er- Schließung, resp, Kolonlsatiorwarheit in Palästina eine Reihe von Aufgaben immer wiederkehren wird, Das sind einmal eine Reihe technischer Aufgaben, wie Ent• steimmg der Felder, Entsumpfung zu nasser Ländereien, Anlage von Terrassen, Vermessung und Katastrierung der Terrains (ein ebenso wichtiger wie kostspieliger Ausgabeposten), evtl. Zufahrtsstraikn-Bau und Anlage von Feldwegen, abgesehen von den selbstverständlichen, mit der Ansiedlung zusammenhängenden Ausgaben der Anlage einer Kolonie und des Häuscrbaucs usw. Anderseits kommen hinzu, und nicht nur als einmalige, sondern als laufende Ausgaben, die Befriedigung der kulturellen Bedürfnisse der Ansiedler, bestellend in der Deckung des Budgets für Schulen, Arzt, sanitäre Maßnahmen (besonders wegen der in den Sumpfgegenden herrschenden Malaria), die sehr erheblichen Bewachungs- Spesen usw. Es muß dieser Umstand besonders hervorgehoben werden, trotzdem er eigentlich allgemein bekannt ist, denn es wurde ihm trotzdem bisher in der praktischen Kolonisationstätigkcit nicht genügend Reellnung getragen. Unter normalen Verhältnissen pflegt ja der Staat als Gegenleistung für die an ihn gezahlten Steuern einen Teil wenigstens der zuletzt genannten laufenden Ausgaben zu übernehmen. Dieses kommt ja für die jüdische Kolonisation in Palästina nicht in Betracht. Die einmaligen großen Erschließungsarbciten dagegen werden ebenfalls sonst nicht von kapitalistischen Gesellschaften durebgeführt, da dieses ihre Rentabilität außerordentlich in Frage stellen würde. Der moderne Staat hilft sich in diesem Falle gewöhnlich mit Aufnähme einer Anleihe, mit deren Geldmitteln er diese langfristigen Anlagen durchführt, in der richtigen Erkenntnis, daß die von ihm hierzu aufgewcmlctcu Mittel ihm späterhin (allerdings vielleicht erst nach einer Generation) indirekt durch die gesteigerte Stcuerkraft der Bevölkerung zurückvergütet werden. Aus dem Gesagteil dürfte sich schon ergeben, in welcher Richtung sich meine Vorschläge bewegen. Selbstverständlich können diese im Augenblick unproduktiven Ausgaben auch in Zukunft nicht vermieden werden. Allerdings möchte ich gleich eine sehr wichtige Einschränkung machen, daß ich nach sorgfältiger Prüfung gefunden zu liabcit glaube, daß man bei einer großzügigeren Arbeitsmethode gewisse Ausgaben sehr erheblich reduzieren konnte. Was ich jedoch für den wichtigeren Vorschlag halte, ist folgetules: Es fehlt uns nicht so sehr an den atifzubringenden Summen —- trotzdem ich selbstverständlich gegen eine Vervielfachung nichts ein/.uwenden hätte — als an der durch eine Reihe von ״Prinzipien“ belasteten Vcrteilungsinethode. Trotzdem der Nationalfond nämlich nur zum Bodenkauf bestimmt ist, wird er bekanntlieh praktisch mit dem größeren Teil seiner Mittel für andere Zwecke verwandt und das hat auch seine guten Gründe. Ein Beispiel: Sollte der Nationalfond für eine Million Mark Botten in Palästina besitzen, so müßte er ein Vielfaches dieser Summe sowohl zu seiner Erschließung aufwenden, die ich vorher kurz spezialisiert habe, und außerdem müßte ein erheblicher jährlich wiederkehrender Betrag zur Befriedigung der laufenden Ausgaben reserviert werden. Also entweder der Nationalfond kauft Boden, dann müßte gleichzeitig immer ein zweiter Fond vorhanden sein, dessen Betrag mindestens immer vier- bis fünfmal so hoch ist־nie der des nur zu Bodenkauf bestimmten Fonds. Falls dieses aber, was wahrscheinlich ist, auf organisatorische Schwierigkeiten stößt, nämlich diesen zweiten Fond ln der notwendigen Höhe neu zu scliaffen, so wird und muß der Nationalfond auch .in Zukunft, ob er statutenmäßig dazu berechtigt ist oder nicht, einfach notgedrungen andere Aufgaben übernehmen als die, für die er bestimmt ist. Daraus iiat sielt aber bereits eine Gefahr ergeben. Statt nämlich, wie cs praktischer gewesen wäre, zu erklären, der Nationalfond könne in der statutenmäßig vorgesehenen Form nicht in Palästina arbeiten, und entsprechend den auficr dem Bodenkauf in Frage kommenden Wirkungskreis des Nationnlfonds genau abzugrenzen, hat man, durch die U'unstände gezwungen, nach und nach den Tätigkeitsbereich außerordentlich erweitert und dabei rn. E. die Grenzen überschritten, die der praktischen Arbeit des Nationalfonds naturnotwendig, nämlich durch die Verhältnisse zum Lande selbst, gezogen sind. Wenn der Nationalfond ausschließlich die Aufgaben übernimmt, die in westeuropäischen, Staaten entweder, wie vorer* wähnt, in, der Form von Anleihen durchgeführt werden, und außerdem zu den vorher gleichfalls kurz spezialisierten laufenden Kosten beiträgt, so würde er die pri* vatc Kolonisation ganz außerordentlich erleichtern können. Man darf daher nicht nationale und kapitalistische Kolonisation für die Zukunft als Gegensatz behandeln, sondern die nationalen, d. 11. in diesem Falle die gemeinnützigen Ausgaben dürfen Privatpersonen oder Gesellschaften nicht aufgebiirdet werden. Entschließt man sich also, wie cs zu hoffen ist, zu einer Neuorientierung der Arbeit des Nationalfonds, so müßte der leitende Gesichtspunkt m. E. der sein, daß der Nationalfond — immer natürlich nach Maßgabe seiner jeweiligen Mittel — die im gemeinnützigen Interesse unbedingt notwendigen einmaligen und laufenden Ausgaben übernimmt. Die bisher erfolgte System• lose Anlage seiner Mittel hat die bedenklichen Folgen, die ebenfalls In den Verhältnissen begründet sind, daß er die ursprünglich verhältnismäßig geringen Mittel, die er auf einem seinem eigentlichen Arbeitsfeld fernerliegenden Arbeitsgebiet investiert hat, dauernd durch besondere Umstände vergrößern muß. Es werden auf diese Weise immer größere Mittel als ursprünglich beabsichtigt in einer Weise fcstgclcgt, die den Nationalfond liindert, die ihm eigentlich zukommenden Aufgaben ganz zu erfüllen. Diese Neuorientierung der Arbeit des Nationalfonds, verbunden mit einer durch die Verhältnisse möglich gewordenen jüdischen Wirtschafts- Politik, dürfte eine spätere Kolonisationsarbeit außerordentlich erleichtern, wobei ich den Hauptwert auf die fmanztechnische Seite lege, d. h. darauf, daß man über die bereits vorhandenen gemeinnützigen Mittel anders disponiert und, was damit in engstem Zusammenhang steht, daß dann die heute noch unter philan׳•

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