Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1916)
- Date
- 1916-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Verlag Jüdische Rundschau, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8. Er- *rJieint wöclientl. am Freitag. Abonnement bei der Expedition und bei allen Postämtern vicrteljährl. Mk. 2,25 in Deutschland, in Ocstcrreich-Ungarn Mk. 2,50, int Ausland Mk. 3,—• Ä Telephons Amt Ulilnnd 845, 816, Postsdieckkonto! Berlin Nr. 17392. Für Ocsterreidit R, tC.P0fttspnrknssennmt Sehrekkonto Nr. 15603Ö. Anzeigen die acclisgejpnltene Petit- Zeile oder deren Raum 40Pf,Te11er11ngszu5chla£ 15°/^ Rednkiion»sch!uß Dienstag nachm. Nummer 50 | Berlin, den 15. Dezember 1916 20. Klslew 5677 | XXI. Jahrgang P1 n s k e r (Zu seinem 25-jährigen Todestag) Als der gelehrter Arzt von Odessa im September 1882 seine in deutscher Sprache «־ibgefalik־ Schrift ״Autocmanzipation“ herausgab, war er ein Einsainer. Er richtete sie an die jüdische Intelligenz, die erst im Werden begriffen war. Lange blich er ein Prediger in der Wüste, bis ein neuer Geist durch das Volk ging, das sich wieder gefanden hatte und im Kampf für seine Autoemanzipatiou den Weg der nationalen Wiedergeburt heschritt. Pinskers Bedeutung ist nicht erschöpft durch seine Leitung der ״Chihbath Zion“, jener Bewegang, die zu Beginn der 80-cr Jahre ihren Anfang nahm. Er war beteiligt an jenem schonen Anfang, doch mir a's Beteiligter. Sein Verdienst lag auf einem anderen Gebiet: im Appellieren an das Volk. Er gab dem Volke zu verstellen, dall es sieh in einem unglücklichen Irrtum befindet, wenn es im Glauben lebt, sein Geschick iüinge ausschließlich von fremden Faktoren, von der Aulicnweit ab. Nimm dein Schicksal in deine eigene Hand und werde frei! Das war die neue grölte Losung, die er seinem Volke gab, eine Wahrheit, die wie eine Offenbarung zunächst die Intelligenz und nachher die grölten Massen ergriff. Pinskers Hauptziel war nicht ein Land, auch nicht das Land. Zunächst sollten die zerstreuten verfolgten Massen zur Besinnung kommen und sich als Ganzes eikennen und wiederfinden. Das war für ihn das Größte und das Notwendigste, Die territoriale Not- Wendigkeit zur Lösung der Volksfrage war für ihn eine natuinotwendige Folge, die ja kommen muß mit sicherer Logik und eiserner Konsequenz, wenn nur der erste Schritt gemacht wird zum Sclbstbe- 'wußtsein und zur Vereinheitlichung des ‘Volkes. Hat erst das Judentum erkannt, welche 1111j geahnten Schätze von Volkswillen und -enevgien unter seinen zerstreuten Gliedern in allen Ländern «der Diaspora schlummern, so ist das der Weg der Erlösung. Daher rief er seine Brüder zur Auloenianzipation, im Gegensatz zu jener erstrebte 11 Eman/ipation, die von außen her kommen sollte und von der das allgemeine I teil erwartet wurde. Pinsker erkannte: nur von innen heraus, nur durch die nationale Wiedergeburt kann ein Volk seine Kräfte für ein neues Leben sammeln und organisiere 11. Pinsker gab seinem Volke nicht nur einen hegeisterten Ruf, nicht nur eine allumfassende 1.0־ sting, er schuf auch ein Projekt, ein Programm, das den Boden für die Regeneration des jüdischen Volkes bilden sollte. Pinsker war der erste Jude im 19. Jahrhundert, der für das jüdische Volk die Notwendigkeit eines Kongresses ausgesprochen hat. Ein Moment, das in der Geschichte der Cliowtwc-Zion zu unrecht nicht genügend beachtet wurde. Pinsker schuf eine große Idee, wenn ihm auch nicht klar war, wie an ihre Verwirklichung berangetreten werden mußte: die Proklamiert!!!(? der Jitden aller Länder als ein einiges Volk. Das sollte durch einen Kongreß bekundet werden, einen K011greß, der für alle Völker Europas als die größte Demonstration für das Leben und Kämpfen des neu entstandenen Volkes Israel dienen sollte. Pinskers Traum wurde zur Wirklichkeit. Fast nach zwei Jahrzehnten schuf FI e rzl jene ideale Denionstration des jüdischen Volkes. Die Zion i s t c 11 ko 11 gr esse proklamierten die alt-neue Einheit des zerstreuten Volkes. Gewiß, es wäre verfehlt, wollte inan behaupten, Pinsker hätte ein Kongreß vorgcschwebt, der an nationaler Größe und Erhabenheit den Zionistenkongressen gleich wäre. Die innere und äußere Lage des jüdischen Volkes zu Anfang der 80-cr Jahre war gar nicht dazu angetan, staatsmännische Ideale von Herzl’sclier Weltanschauung aufkommen zu lassen. Aber ein politischer Vorläufer war Pinsker, ein leuchtender Stern für den nationalen ßefreiungskampf, den Herz! organisiert hat. Das ist Pinskers unvergeßliches Verdienst. Und wiederum ist cs die jüdische Kongreßidec — diesmal innerhalb der amerikanischen Judenheit — die in weiten Kreisen des jüdischen Volkes eine Bewegung hervorruft. Das, was Pinsker geträumt und Herzl vollbracht hat, die Vertretung des jüdischen Volkes — eine Forderung, die ״Der ZlonUmu* cratrebi für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Hclmstäitc ln Palästina." Baseler Programm. von rechts und links Jahrzehnte lang den schwer* sten Angriffen begegnete — das bewährt sich jetzt, da sie von Amerika aus als die Parole für das Gesnmtjmlentuin aitsgegelren und verwirklieht werden soll. Der große Anfang soll fortgesetzt werden. Die Grundidee des Nationaljtidentunis, daß cs Interessen gibt, die für alle Klassen des jüdischen Volkes, ohne jeden Unterschied, ohne jede Ausnahme, eine Frage der nationalen Existenz bedeuten, hat gesiegt, Und heute, am 25-jährigen Todestag des befreienden Träumers und feurigen Rufers, gewinnt neues Leben und neue Wahrheit jene politische und ideale Losung, die auch dem bcvorstehenden jüdischen Kongreß in Amerika als ein grundlegender Spruch dienen kann: Nimm dein Schicksal in deine eigene Hand und werde frei! A. L. Unser Zukunftsprogramin V״n Dr. Curt Nawratzki Gelegentlich der Besprechungen des ersten Heftes der Zeitschrift ״Ercz Israel“ wie auch der Höhnischen Broschüre über die Arbeit des Jüdischen Nationai-Fonds habe ich bereits kurz erwähnt, daß eine Kritik der bisherigen Arbeit und ein Programm für unsere künftige Arbeit in Palästina aus. den verschiedensten Gründen sich als notwendig erweisen dürfte. Gerade infolge des Krieges harten wir Gelegenheit zu prüfen, ob und inwieweit unsere bisherige Arbeit sich als richtig erwiesen hat und in welchen Punkten eine Aeiulening durcligclubrt werden muß. Hinzu kommen besonders als Folge des Krieges eine Keilte von neuen Aufgaben, die cm großzügiges, d. 11. I.mgsichtiges mul doch in seinen Einzelheiten detailliertes Arbeitsprograimn durchaus fordern. olim• auf alle Punkte cingehcn zu körnten, möchte ich nur einige wesentliche liervoiheben. Die Neuordmmg der politischen Verhältnisse im Königreich Polen dürfte für uns eine ganze Keilte neuer Aufgaben zur Folge haben. Ein sehr wichtiger Umstand, der bis jetzt in zionistischen Kreisen scheinbar noch niclft beachtet worden ist, ist m. E. der, daß eine Neu• ordmmg der Rechtsverhältnisse 1111s dort wie in den sonstigen westeuropäischen Ländern die Möglichkeit gibt, Kolouisatiousgesellschaften und Vereine als legale juristische Körperschaften zu konstituieren. Für die 1 .iqtiidicruiig und Urbertragmig von Vermögen von etwa erst spater nach Palästina übcrsicdclndci! Kolonisten, ist dies ein Umstand von nicht zu unterschätzender Bedeutimg. Wurde kl'ocli die erste polnische Aehusa ciiarakterisiischcrweisc in Wirballcn eingetragen, d. h, unter deutschem Recht. Im Zusammenhang mit den in Frage kommenden finanziellen Transaktionen stellt auch beispielsweise die Organisation oder besser gesagt Neuregelung des jiidischcn Genossenschnfls- und Kreditwesens in Russisch- Polen und möglichste Zentralisierung in einer Zentral-üeuossenschaftskassc. Die Aufgaben, die diese zu übernehmen hätten, wären in vieler Beziehung denen der polnischen Gcnossciischaltcn ähnlich. Eine straffe Zen- Iralisierimg und eine weitnussrhnuende Leitung könnte diesen Genossenschaften nicht nur für den Wiederaufbau des jüdischen Wirtschaftslebens eine große Bedeutung verleihen, soliden! auch, wieder ähnlich dem polnischen, •auf zwei anderen Gebieten für unsere speziellen Ziele von Wichtigkeit werden. Der erste Punkt wäre eine enge Verbindung mit 1km jüdischen Auswnndcrcnvcscn; denn es ist wohl allgemein bekannt, daß von den Ans• Wanderern jährlich außerordentlich hohe Geldbetrag» an die zurückgebliebenen Familienmitglieder gesandt werden. Wurden auch diese Summen, die aus den Vereinigten Staaten jährlich von Einwanderern zurückgeschickt wurden, zu einein erheblichen Teile dazu verwandt, um die Ucberfahrtskosten für die zuriiekgeblieheuen Familienmitglieder zu bezahlen, so könnte in Zukunft doch eine bankmäßige Zentralisierung des gesamten Uebcrwcisungsvcrkelirs in Polen der cv. neu- »!schaffenden Bank oder Zentralgcnosscnschaftskasso dauernd einen außerordentlich hohen Kasscnbcstand schaffen. Die jüdischen Organisationen könnten sich ,hierbei einmal der ähnlichen Methoden der polnischen Banken, wie der Erfahrungen der von der J. C. A. in Galizien oder Russisch-Polen bereits vor dem Kriege gestützten jüdischen Kreditinstitute bedienen. Daß die von mir vorgeschlngcne Zentralisierung für die sicherlich notwendige Neuordnung der wirtschaftlichen Verhältnisse im Königreich Polen und Oalizicn von erheblichster Bedeutung sein kann, liegt auf der Hand, aber auch für die Regelung des Auswandererwesens — mit einem sehr großen jüdischen Auswandererstrom muß doch nach dem Kriege gerechnet werden ־- wie für die teilweise notwendige Umschichtung . der Berufe und nicht zuletzt für die Ucbcrlcitung eines Teiles der geeigneten Auswanderer nach Palästina und die sich daraus ergebenden finanziellen Transaktionen dürfte das Krcditinstltut von größter Wichtigkeit werden. Ohne auf die komplizierten Fragen der Neuregelung der wirtschaftlichen Verhältnisse im Osten hier näher cinzugchcn, möchte ich doch die Punkte hervorheben, deren Regelung ganz, besonders auch im zionistischen Interesse gelegen ist. Hierzu gehören: Erstens: die Ueberfültrung geeigneter jüdischer Bevölkcningselcmentc, möglichst frühzeitig, also schon in ihren jetzigen I Icimatsländcrn, in d!c Berufe der Land* Wirtschaft zwecks ihrer späteren Ansiedlung In Pa* lästina. Zweitens: die möglichst rechtzeitige landwirtschaft* liehe Ausbildung der zur Kolonisation geeigneten Kriegsinvaliden und -Waisen. Drittens: die Heranziehung aller derer, die bereits in irgendeiner Weise landwirtschaftlich tätig sind, da gerade diese für eine Kolonisation beknnntlifli das gecigncstc Element sind. Die erste Erage hat im Augenblick ein besondere aktuelles Interesse, da ja hei «lern bekannten allgemeinen Mangel au landwirtschaft! chen Arbeitskräften auch eine Heranziehung städtischer Elemente für die Zeit des Krieges nicht zu umgehen sein wird. Ob nun diese .Heranziehung auch cv. jüdischer Arbeiter nicht nur, für das Interesse der Zintrainu ciite, sondern gleichzeitig auch für die betreffenden jüdischen Arbeiter selbst in der Weise nutzbar gemacht werden könnte, daß diese Heranziehung zu landwirtschaftlichen Arbeiten gleichzeitig auch für sie selbst von dauerndem Nutzen ist, diese Frage sollte in ernsthafter Weise geprüft und bearbeitet werden. Selbstverständlich könnte es sich nur um solche jüdischen Arbeitskräfte handeln, die aus zionistischen Gründen freiwillig die Landwirtscliaftliche Arbeit bevorzugen und die außer der entsprechenden Entlohnung einen besonderen Vorteil in dieser Art der Betätigung darin sehen, daß sic bereits in dieser Ucbergntigszvit bis /.um Frieden eine Reihe für sie wertvoller landwirtschaftlicher Kenntnisse er* langen können. Docli um nicht mißverstanden zu werden: es darf sich liier nie und nimmer um eine Zwangsmaßnalune handeln und die Ausführung konnte daher wohl mir in jüdischen Händen liegen. Auch Kon* zessionsjuden dürften nicht geeignet sein, hierüber von Fall zu l all zu entscheiden. Falls dieser Gedanke aiifgcnommen wird, dessen Vorteile für beide Parteien auf der I fand liegen, müßte eine entsprechende jüdische Organisation ins Leben treten oder den bestehenden angcglicdcrt werden, che nicht nur die Arbeiter- und Arbeitsvermittlung in die Hand zu nehmen hätte, son* (lern mich gleichzeitig, wenn möglich, z. B. in größeren Betrieben durch Veranstaltung von Wanderkursen, geeignete Faclikeimtnissc auf theoretischem Ocbietc zur Ergänzung der praktischen Kenntnisse vermittelte. Ob es möglich sein wird, dieser Anregung z. Zt. Folge zu geben, entzieht sich meiner Beurteilung; aber selbst wenn sie sich in dieser Form nicht verwirklichen ließe, so müßte doch vieles von jüdischer Seite aus in die Wege geleitet werden, um den Kreis der landwirtschaft• lieft Tätigen zu erweitern. In welcher Weise dieses in Polen und Oalizicn in größerem Umfange als bisher geschehen könnte, kann an dieser Steile nicht aus׳ geführt werden. Gewisse Anhnttpunkte finden sich, abgesehen von dem im Kapitel 13 in meinem Buche sehr detaillierten Ausführungen in dem Artikel, ״l>a9 landwirtschaftliche Erziehungsproblem“ in Nr. 24 des Jahrgangs 1914 der ״Jüdischen Rundschau“. Den zweiten Punkt, de Ausbildung und Ansiedlung von Kriegsinvalidcu und •waisen, habe ich ebenfalls früher schon in vher Jüdischen Rundschau, in Nr. 17 und 18 des Jahres 1915 ausführlich behandelt. So ertreulich die von der österreichischen Zentralstelle des Natiunnl-Fomls in dieser Richtung bereits unternommene Aktion ist, so wenig darf man sich verhehlen, daß man zur Aufbringung der notwendigen riesigen Geldmittel zu einem modus vivendi mit den entsprechcndcn Regierungen gelangen muß. Wir müssen ganz energisch darauf bestellen, daß auch für die jüdischen Kriegswaisen und -invaliden soweit gesorgt wird, daß ein wirtschaftliches Fortkommen für die Zukunft ihnen ermöglicht wird. Ich möchte darauf himveisen, daß durch die Neuordnung der Verhältnisse in Galizien und Polen nicht so sehr die Entschädigungsansprüche der polnischen invaliden Kriegsteilnehmer, resp. ihreo Hinterbliebenen beeinträchtigt werden dürften, als vielleicht gerade die der jüdischen. Die bisherigen Vorkommnisse mahnen jedenfalls außerordentlich zur Vorsicht und es wäre sehr gefährlich, wenn von den beteiligten Machten die Regelung dieser wie auch der übrigen die Juden betreffenden Wirtschaftsfragen den künftigen Lan* desregierungen in diesen Ländern überlassen würde indem man sozusagen die jüdische Frage als innere I Angelegenheit“ der betreffenden Länder ansehen wollte i י I 1 i I 1 , i I -I 1 I 1; I ' I r 1, ן i i I I