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Jüdische Rundschau · 1916-12-08 · Heft 49 (8.12.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 49 (8.12.1916)
Date
1916-12-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Rciiiktion und Verlag Jüdische Rundschau, Berlin W. 15, Sächsische StraßcS. Erscheint wüohenti• am!•rcitaj*, Abonnement bei der Expedition und hei allen Postämtern Vierteljahr!. Mk. 2,25 in Deutschland, in Oesterreich-Ungarn Mk. 2,50, im Ausland Mk. 3,*— Nummer 49 T Berlin, den 8. Dezember 1-916 TclfljlwMw^Amt Uhlnnd 845, B16. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. pur Oesterreich : K״K. rl-lt^yknssenamt Scheckkonto Nr. 156030. Anzeigen die sechsgcspaltene Petitile oder (i»rln Raum 40 Pf. Tenernn^snisclilng• 15%. ReclaktionsschluC Dienstag nachm. 13. Klslew 5677 I XXI. Jahrgang Vor dem Delegiertentag Drittlinlb Jahre si 11,1 cs, clail die i'eiiisclie Landsm:1:1nsc!1aft nicltl mehr /t1-'.־unmc11j;etrclcn ist, n 111 ׳ üb'׳!' die Aulgabcn, die sic als wichtiges (ilied , der (icsatnloi'oanisaliun zu erfüllen 11,11, zu bera- ' ton und in gemeinsamer Aussprache die AAiitel und VU ge zu finden, die diese Aufgaben ihrer l.omng n.iI>r׳r bringen. Drilllialb Jahre! An si-eh schon eine anselinliein• Spanne /eit für eine junge Organisation, die um Riesenschritten sich entwickelt mul fast jedes Ja!׳/ neuer Anregungen und Betätigungsfelder, neuer |וי •pagamla- und Kampfmittel bedarf, tun sich ihre Jti! encl und Aktivität zi bewahren. (icradc die zionistischen Kongresse und Tagungen sind cs ja, die. sei cs durch die üewinnimg neuer Anhänger, sei es durch die Festigung und Stählung des Mutes und der Beharrlichkeit der alten, dem zionistischen Lehen in allen Ländern neuen Impuls geben. Nun sjii.l zweieinhalb Jahre vergangen, seit die dentsehen Zionisten /.um let/tcu Mal in gemeinsamer Bnatiuig ihre Hoffnungen und Wünsche, Meitutugen und Vorschläge gegenseitig austaiisehten, um sieh in mündlicher Aussprache über die Lage der Organisation und die ihr unmittelbar oder mittel־ bar bevorstehenden Aufgaben /.u verständigen. Und weiche Jahre! Line Welt liegt hinter uns in Schutt und Asche, eine neue ist vor uns im Werden. Die kriegerischen und politischen Frei׳״- nis-e haben auch unsere jüdische Welt in gewaltsamc und unvorhergesehene Umwälzungen hineingezogen, die auf keine lebensbcreclitigte politische Partei im Judentum ohne tiefsten Einfluß auf ihre zukünftige Arbeit bleiben kann. Wenn auch das auf aller Zungen jetzt so geläufige Schlagwort des Umleriieus für uns Zionisten keine unsere früheren Meinungen umstoliciule Hedeutuug besitzt, so sind doch diese Jahre des Krieges und der Verwüstung, der ins Ungeheure steigenden Judennot, die grolle Teile unseres Volkes mit der Vernichtung bedroht, und besonders die empfindlichen Wunden, die der Kiieg mittelbar auch dem Lande geschlagen hat, dem unsere erste und grollte Sarge gilt, nicht ohne Wirkung auf unsere innere und äußere Erfahrung und den (iang unserer zukünftigen Arbeit geblieben. Auch in unseren Reihen bedarf es einer gründlichen Klärung der Lage und unserer Beziehungen zu den amiereii Parteien innerhalb und außerhalb des ]11deaunus. Der Berliner Ddegiertentag wird den deutschen Zionisten die Möglichkeit geben, durch ihre Vertreter dieser Klärung einen Weg zu bahnen. Und gerade der deutschen Zionisten harre״ in nächster Zukunft grolle Aufgaben und Probleme. Sit werden einen ihrer Bedeutung im Raluneu der Oesamtorganisation entsprechenden Anteil an all den grollen Aktionen nehmen müssen,׳ die die Zioni-uii der ganzen Welt durchführen werden. Sie weiden an dem Werke der Befreiung des jüdischen Volkes ans unwürdigen und unerträglichen Zustän־ den mitarbeileii müssen. Sie werden an dem grollen Htliswcrk zur Linderung <101־ wirtschaftlichen Not dn durch den Krieg vernichteten jüdischen Lehens• moglichkeiten tätigen Anteil nehmen müssen. ,Sie werden die berechtigten Forderungen des jüdischen Volkes an die Nationen der Welt tatkräftig 1111• tci Hitzen müssen. Sie werden endlich zur Aufrediterhaltung des hcimgesiiehtcn jüdischen PaläMinas während des Krieges und zur Fördemag der palästinensischen Kolonisation nach dem Kriege höchste Anstrengungen machen müssen. Aber auch innerhalb seiner landsmannschaftliehen Organisation wird der deutsche Zionismus in nächster Zeit schwierige Probleme zu lösen habcn. Er wird seine Stellung im deutschen Judentum weiter zu befestigen haben und — mit anderen Mitteln als (Jenen der Apologie ־— die Rechte und Interessen der deutschen Juden nach wie vor zu wahren bemüht sein. Er wird vor allem aber der Jugenderziehung erneute und gesteigerte Sorgfalt widmen. Es ist von großer Bedeutung, daß der Beiliner Delegicrtentag gerade dieser letzten Frage durch Referate über zionistische Ocgcnwartsarbcit «ine besondere •eingehende Behandlung gesichert hat. Immer mehr gewinnt in der zionistischen Welt die Erkenntnis an Boden, daß die Nationalisierung des Oolusjudenfums nicht der Ausdruck zionisti- **er Resignation, sondern im Oeggiteil die Vor- ״Der Zlonlimu• erstrebt für dm Jüdische Volk die Schaffung einer ßffenlllch-reehfllch ßeitchertcn HcfnuRiiic In I’aUUilnn.'' Baseler Programm. Bedingung für eine tiefgehende und ausgehreitetc nationale Palästina-Bewegung ist, daß das Streben, das Judentum noch in der Diaspora zur Erkenntnis seines nationalen Seins zu bringen, den unmittel- Baren Weg zur Verwirklichung eines großen mul starken Zionismus darsteil!. Dieses Streben nach Verinnerlichung des jiidischeu Lehens durch eine organische Verbindung mit dein lebendigen Volke und seiner lebendigen Kultur stößt besonders in den!.ändern, in denen die Juden nicht in kompakten Massen leben, auf Schwierigkeiten, deren l )ebcnvimltmg ganz, besonderc und andere Methoden erfordert, als in den I .ändern, in denen die Juden in ihrer örtlichen Kon/entiiertlieit eine natürliche (iruudlage für ein volleres jüdisches Lehen besitzen. Die westeuropäischen Zionisten sind durch die Ereignisse des Krieges mit dem nationalen Lcheu der jüdischen Massen in nähere Fühlung gekommen und der Einfluß des Ostjndeutiims auf das westjüdische Leben wird sielt noch deutlicher zeigen als bisher. Auch für die deutschen Zionisten wird die größere Intensität des jüdischen Lebens im Osten aneifernd und beispielgebend sein. Sie weiden immer deutlicher erkennen, daß eine ihrer vornehmsten Pflichten es ist, das deutsche Judentun! zu einem stärkeren jüdischen Lebensgefühl zu bringen. Au diesem Aufbau eines jüdischeren Lebens in Deutschland sollte jeder deutsche Zionist mitwirken. Es müssen stets neue Mittel zu einer gesteigerten Erziehungsarbeit am deutschen Judentum gefunden werden. Ein lebendiger Org a 11 i s in 11 s jüdischnationaler 111 s t i t u - t i o n 1• ״ muß allmählich entwickelt w e 1־ d c n , d e r d e m deutschen J u den i n allen Lebensaltern S c 11 u t z und ü c n u ß sein e r j iid i s c h e 11 Eigenart gewähr t. Die fortschreitende Judaisimtng führt zur Vertiefung der Erkenntnis des nationalen Unglücks und damit zur Steigerung des Erlüsiutgswilleus. I )er bevorstehende Delegiertentag der Zionistischeu Vereinigung für Deutschland wird die durch die neuen Verhältnisse sielt neu ergebenden Wege und Mittel beraten, um die begonnene Erz.ieltungsnrbeit am deutschen Judentum und besonders an der jüdischen Jugend wirkungsvoll fortzuführen. Die Zeichen der heranfkommendeii Zeit weisen uns nach einem Ziele hin, in dessen Richtung die Lösung aller markanten Probleme der jüdischen Gegenwart liegt: das Streben nach Volljudcntum. Diesem Ziele durch jeden Beschluß und jede Tat uüherzukommen, in unserem Ewigkeitsstreben wie Tagesbemühen, in Erziehung wie in Politik, im Westen wie im Osten, das möge auch die Parole des Berliner Delegicrtcntnges sein! Die ]Stellung der Juden im neuen Polen Von Professur ü. Simonscn. In der Abendausgabe der Kopculiagener ,,Berlinske Ti den de“ vom 22, November Ü)!6 bat der dänische üclchrtc Professor Simon* s c 11 in den folgenden Ausführungen zu dem jiidiscli-polnisehen Problem Stellung genommen. Die polnische Frage ist. wie bekannt, jetzt besonders brennend geworden, und ich darf daher vielleicht Gelegenheit nehme», hier einige rein objek* live Mitteilungen 7.11 madicii, namentlich soweit die Lage der Juden durch die Neuordnung von Polens Stellung berührt wird, die auf der einen Seite durch das Manifest des Orofifürsten Nikolai über Polens Autonomie, auf der anderen jetzt durch die Proklamation der Zcntralm.ichte über dje Vicdernufrichtung des Königreiches Polen eiiigcleitet worden ist. Ich werde nur flüchtig die Unruhe berühren, die sich bei der Proklanuition von Galiziens Selbständigkeit von Seiten Oestericichs gezeigt hat, indem die rulhcuisebe Partei, welche fürchtet, von der polnischen Majorität sowohl in Oester• reich wie außerhalb ihres Vaterlandes unterdrückt zu weiden, erklärt hat, sich nicht darein finden zu können daft Galizien die beabsichtigte Sonderstellung erhält. Hier will ich nur von Kongreßnolen sprechen, wo die letzten Begebenheiten und Proklamationen die Nationalitätenfrage zu einer brennenden gemacht haben. Bekanntlich hat sich das Verhältnis zwischen den Polen und den Juden in Russisch-Polen in den letzten Jahren außerordentlich zimespitzt. Als vor ungefähr vier Jahren die jüdische Bevölkerung in Warschau es abgclehnt hatte, für den polnischen Dumakandidaten zu stimmen, weil dieser sieh;:ege» die Oleielilrereehlignitg der Juden ausgesprochen hatte, und einen!Klinischen Sozialdemokraten als Vertreter der Stadl Warschau in , die Duma schickte, proklamierte die s. Zt, tührende polni>(he nati,mal-demokratische P.ailci unter der joumu- IMischen Führung des l’ussvnfrciimlcs Dmowski einen allgemeinen Boykott der Juden. Es wurde ein wohlorganisierter Kampf gegen den jüdischen I laudcl und die jüdische Imliistiic eiiigcleitet, ein Kampf, dessen l'oi meM und Mittel von ailen loi tsclirilllichcn Kreisen aufs Schärfste verurteilt wurden.') In vielen europäischen Kreisen nahm man an, daß es die russische Regierung war, die die reaktionäre und antisemitische Politik der Polen unterstützt habe, um beide Parteien zu schwäche». Was die jüdischen Kleingemeinden in Polen zu erleiden hatten, während der Kampf im offenen leide raste, daton will ich hier nicht sprechen. Die letzten Ereignisse im Königreich Polen geben indessen Aufschluß über eine Reihe von Momenten, die von größter Bedeutung für die Beur* leilung der Haltung der Polen gegenüber der jüdischen Bevölkerung sind. In der gesamten pulnisihcn Presse limlet man aus• lührliche Berichte über die stürmische Sitzung des Warschauer Stadtrates zu Anfang November, nur wenige Tage vor den historischen Proklamationen. Mit Recht wird diese Sitzung von den führenden Kreisen in Polen als eine historische bezeichnet. Die führenden Männer der polnischen 111111 der jüdischen Bevölkerung haben die Wünsche und Forderungen beider Parteien klar mul deutlich ausgesprochen. Alwr in allen fortschrittlichen Kreisen wird es festgestellt: Ehre hat diese historisch«! Sitzung dem polnischen Volk nicht ein״cbraeht. Von größtem Interesse waren die Reden der jüdischeu Wortführer. Aber alle Freunde Polens werden sie mit tiefstem Kummer lesen. Denn cs waren schwere Anklagen, die hier gegen die polnische Herrschaft gerichtet wurden. F.iuer nach dem ,linieren standen die jüdischen V'ertretcr auf und erklärten, die Wivderhcr- Stellung eines freien selbständigen Polens sei das lebhaftest erstrebte politische Ziel der ganzen jüdischen Bcwilkcrimg Polens. Schon bei den, Wahlen ziun War* schauer Stadtrat hatten die Juden ihre patriotische (iesiiimiiig dokumentiert: sie \ci/iehteten freiwillig auf die volle Anzahl der ihnen ziistcliemlen Mandate im Stacitnarlament. Die Juden bilden etwa •10’Prozent Von Warschaus gesamter Einwohnerschaft. Darnach hätten sic von den 00 Mandaten etwa 36 erhalten sollen, was sie auch halten durchsetzen können. Aber die Juden wünschten zu betonen, daß sie. wo es sich um den ersten Schritt zu einem selbständigen Polen bandelte, die führende Stellung des polnischen Volkes anerkennen, und sic begnügten sieh mit 19 Vertretern im Stadtrat. Wenn auch freilich einzelne radikale jüdische Elemente gegen eine solche bedenkliche Vcrzichticistung protestiert und sogar die Bildung einer radikalen jüdischen Fraktion veranlaßt haben, die vier von den neunzehn Mandaten im Stadtparlameiit eroberte, so wurde doch dieser uneigennützige Schritt von der jüdischen Bevölkerung in ihrer Gesamtheit gebilligt. Jener mehr als patriotisch« iieschhili wurde gelallt, nicht nur von der führenden jüdischen ״Assimikinteiipnrtci“ (deren Leiter der hochangesehene St. Nathanson ist) und von den ״Neu-Assimilaiiteii" (die von dem dänischen Konsul B. Eiger und dem warmen polnischen Patiiotcn Nervenarzt Dr. Goldflamm geleitet werden), deren offizielle Partcibe/.eichming ״die Unparteiischen“ lautet, und ferner von den streng orthodoxen Juden, sondern auch von der tührenden national-jüdischen Partei: den Zionisten unter der Leitung des Herrn Farbsfein. Man befrachtete jenen Be- Schluß allgemein als ein weitgehendes Entgegenkommen und als einen Versuch, zu einem gegenseitigen Verstanduis zu geangen; und die jüdische Bevölkerung gab sich der Hoffnung hin, daß ihre dargebotene Hand von dca Polen auch angenommen werden würde. Wie haben nun die Polen in Anbetracht der Neugestaltung der Dinge diesen Schritt beantwortet und auf die jüdtsehen Wünsche reagiert? Die schweren Anklagen, die die jüdischen Vertreter gegen die polnische Polizei (Miliz) in Warschau erhoben, geben darüber Aufschluß. Mißhandlungen von Juden, zahllose unbegründete Verhaftungen von Juden, j:1 sogar Prügelstrafe״ an jüdischen Kindern und Frauen sind an der Tagesordnung. Bei der Verteilung kommunaler Arbeiten au die Bevölkerung der Stadt schloß der Magistrat die Juden fast vollständig aus. Unter 11 (MX) Arbeitern, die von der Kommune beschäftigt werden, befinden sieh kaum 300 Juden, ln dein ganzen Apparat der Stadtverwaltung, der viele hunderte Beamte umfaßt, befinden sich kaum zwei oder drei Juden. Kurz gesagt, eine systematische Zurücksetzung der Juden auf allen Gebieten. Es geht so weit, daß der 'Magistrat selbst seinen Antisemitismus in unglaublichster Weise demonstriert. So ist z. B. die jüdische Presse frei der Ver- Sendung der offiziellen Mitteilungen des Magistrats an die Presse ausgeschlossen, ja selbst die freie Religion». Ausübung, die die russische Regierung niemals anzutasten gewagt hat, seheint für die Juden im neuen Polen nicht gesichert zu sein. So verbot die Stadtmiliz den luden, die ״ach religiöser Vorschrift befohlenen Laubhüttcii während des Laubhütten festes in den Höfen auf- «!stellen, indem man plötzlich erklärte, daß jeder der diese Vorschriften zu erfüllen wünschte, dn besonderes Gesuch an den Magistrat richten müsse, wobei zunächst *) Jetzt hat man, um sich zu entschuldigen, die sonderbare Lüge erfunden, die Juden hätten im Jahre 1906 damit begonnen, die Polen zu boykottieren. Das erinnert an die Behauptung der russischen Pogromleiter die Juden hätten in den betreffenden Städten damit begönnen, auf sich selbst zu schießen.

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