Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1916)
- Date
- 1916-12-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Gsias Thon, Krakau. Hk׳ folgenden Ausführungen iniscres geschätzten (iesiniu'itgsgciiossen hohandeln die (־raue tlcr jüdischen An• Siedlung in Palästina nach dein Kiiegc In ihrer Bedeutung für die Zukunft des jüdischen Volkes. Im Anschluß daran veröffentlicht die deutsche Zeitlrale des Jüdischen N' a t i o n a I f o 1111 s einen Aufruf. der sich an alle deutsche Juden mit der Aufforderung wendet, die von ihm geschaffene I. a ml s p c 11 d c für I’alastina /u unterstützen. Weiß wohl die Welt, wie .entsetzlich die Vcr- Wüstlingen sind, die die Juden in Galizien, in Russisch-Polen und in einem Teile des weiteren Rußland in diesem furchtbaren Kriege erlitten haben? Sie ahnt es wohl schaudernd, aber sie weiß es noch lange nicht. Selbst wir, die wir in der Nähe sind, können noch die ganze Furchtbarkeit nicht ermessen. Noch mehr — die Bctroffeneu selbst haben in ihrer Betäubung noch keinen klaren Begriff davon, was ihnen geschehen ist. Jcli habe fast ganz Westgalizien bald nach Fl inausdrängtmg der Russen und dann Monate später bereist, ich habe die Ruinen von Debica und Gorlicc mit eigenen Augen gesehen, aber ich vermöchte das Ausmaß der Verwüstungen nicht an/11g׳.’bee Und wenn ich das Fleml schildern will, entringen sieh mir doch nur die /.u wilden und unartikulierten Lauten gewordenen Worte: entsetzlich! furchtbar! Weiter komme ich nicht. Und wer es vermag, das Elend der Zertrümmerung von geordnetem Leben tmd geordneter Existenz in wohlgesetzten Perioden zu schildern, der hat es nicht mit eigenen Augen gesehen oder nicht mit warmen! Herzen empfunden. Ich sehe vor mir Gorlicc. Vor zwei Jahren war es einer der wenigen liKlustriepliitze in Galizien. Eine wirkliche Industrie mit grollen Kessein und ragenden Schloten. Und Menschen lebten dort und strebten und gediehen in einigem Wohlstand. Wohlfundierte Existenzen. Heute hat das Städtchen wohl historischen Ruhm, es wird vielleicht eine Art von Eckstein einer neuen geschichtlichen Epoche sein und man wird es in Lehrbüchern der Geschichte nach Jainlitmderten noch lesen. Das Städtchen als solches existiert fast nicht mehr, und die dort lebten und strebten, haben zunächst kein Morgen vor sich. Da und dort eine übriggehliehene Mauer von einem Hause, in dem einst Menschenleben wohnte; da und dort, sehr selten, ein wie durch ein Wunder heilgebliebenes Haus mitten unter dreißig zerschossenen Häusern, — das alles. Und die Menschen Schatten ihrer selbst. Vorläufig denken sie noch gar nicht. Sie sind hungrig und nackt und das verschlägt bekanntlich das Denken. Aber was wird dann sein? Dann, — wenn die ״Komitees“ aufhören werden, den kargen, — ach, wie kargen! — Bissen Brot und das abgetragene — ach, wie abgetragene! - Kleidungsstück zu geben, und man wieder auf eigenen Füßen wird stehen müssen? Werden diese müden Fülle noch tragen können? In vielen Fällen sind die starken Schulter״, die die Familienlast treu getragen haben, nicht mehr da. Verschleppt, ermordet, im Kriege gefallen, invalid geworden. In den allermeisten Fällen ist die Lebcnscncrgic gebrochen, in zwei jammervollen Kriegsjahren geschwächt, erschöpft. Die Häuser wird man wieder aufbauen, wenn der Staat oder sonst־ wer das Geld hergeben wird, aber wo gibt es eine Macht, ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffenf- Heb •rechtlich gesicherten Hclnisiütte In Palästina." Baseler Programm. die die zertretenen Seelen wieder ganz und grad machen könnte?! Das ist Gorlicc. Und es ist nicht das Aergste. Ls löst noch nicht die größte Pein der Seele aus. Das tut erst Debica. Gorlicc nämlich haben Mörser zerstört, die ihrer Bestimmung folgten und ohne ״Unterschied der Konfession“ ihr Zcrstörungswerk gründlich, sogar sehr gründlich, vollbracht haben. In Debica aber haben Verbrecher gerast. Und sie haben sehr stark den konfessionellen Unterschied betont. Von 125 verbrannten Häusern waren 123 jüdisches Figeiitum. Bei den letzten 2 ist wohl mir ein Irrtum des Wegweisers oder ein uuangenehmer Zufall des losgelassencn Elements unterlaufen. Ich habe mit den Juden in Debica gesprodicn. ich glaube bestimmt, daß sie viel unglücklicher sind, als ihre Leidensgenossen in Gorlicc: sie klagen nicht nur, sic klagen auch an. Und das tut doppelt weh. So haben die Juden gelitten voiii Kriege und atu Kriege drei- oder viermal mehr, als die übrige Welt. Sie haben alle Schrecken des Kric• ges erduldet, die dieser sozusagen mit Naturnot• wendigkeit mit sielt bringt. Sic haben Blntopfcr gebracht, mindestens entsprechend ihrer Vcr• hältniszalil, wahrscheinlich ein gut Teil darüber. Uebrigeus ist überhaupt alles Gefasel von der jüdischen Drückebergerei nichts als eine ebenso stumpfsinnige wie niederträchtige Verleumdung. Da genügt es wirklich bei den Verlustlisten nachztifnigeit, oder sogar bei den Aiisz.eiclinungslistcn, die ja immerhin weniger absolut sind. Freilich ist es wahr, daß der Militärdienst dein ortlio• doxeu Juden unendlich schwerer fällt, als jedem aiidem. Er muß einfach sein seelisches Gehäuse verlassen und in Verhältnisse und Um* gebting hineinwachsett, die seinem Gcmütc und seiner Lebensanschauung und -fülirung Wesensfremd sind. Dabei erleidet er Seclempialcn, die wirklich mit Feigheit und Furchtsamkeit blutwenig gemein Italien. Und doch gingen sic hin, wie gesagt, reichlich im Ausmaß ihrer Bcvölkfcrungszahl und taten ihre Pflicht und fielen und wurden zu Krüppeln geschlagen oder nach Sibirien verschleppt. So haben die Juden im östlichen Kriegsgcbiete mehr und intensivere Verwüstungen erduldet, als die übrige Welt. Der Krieg hat nicht mir an ihrem Gut und Blut gezehrt, sondern auch an ihrer Seele. Sie haben bei der furchtbar grellen Beleuchtung des Wcltbrandcs ihre ganze trostlose und ungeschützte Verlassenheit crfaltreit. Solche Erfahrungen verwüsten die Seele. Gut, Blut und Seele. Das Gut wird vielleicht sehr langsam und nur sehr unvollkommen wieder aufgehaut werden. Das vergossene Blut ist eben vergossen und verloren. Was soll aber mit der Seele geschehen? Wie soll dein Judentum sein seelisches Gleichgewicht wiedergegeben werden, wenn auch nur wenigstens in dein labilen Zustände, den es vor dein Kriege hatte? Das Judentum, meine ich, muß von Innen a ״ f g c r i c 111 c t werden. E* muß etwas ge• schaffen!werden, was scclcnstärkcnd wirken kann. Ich halte die Gründung einer jüdischen Siedlung in Palästina für eine seclenstärkcndo Schöpfung einziger Art. Alles, was eine Gemeinschalt stärke^ und aufrichteii kamt, wird in einer jüdischen Palästinasiedlung, die aus der Landspende hervorgehen wird, enthalten sein: Her Stolz der Selbsthilfe, der kuHursehöpferisehc Keim, der in jeder Palästinasiedlung liegt, das erhebende Beispiel der gesclnit/teii Sicherheit der bäuerlichen Existenz, die Gewinnung eines Stücks der alten historischen Heimat als allgemein jüdisch cs unveräußerliches Eigentum und noch vieles andere, was wie ein kräftigendes Fluidum die jüdische Seele starken und heben wird. Schließlich weiß es heute jeder, daß die Argunicute, die der Zionismus seit mehr als 30 Jahreu für die jüdische, vorwiegend landwirtschaftliehe Besiedlung Palästinas ins Treffen führt, aus dem Weltkriege gestärkt, geklärt und cinleuchtender denn je hcrvorgchcit werden. Man muß mit unheilbarer Blindheit geschlagen oder in ausgckliigelten Theoremen hoffnungslos verrannt sein, um noch jetzt, nach den bitteren Erfahrungen dieser schrecklichen z«.vei Jahre nicht zu erkennen, wie notwendig dem jüdischen Volke eine gesicherte Heimstätte — um nicht zu sagen: eine Zufluchtstätte — ist. Die große Verbrüderung der Menschheit ist heute wohl ferner denn je. Und noch ferner ist die Hoffnung, daß das jüdische Volk in eine derartige Verbrüderung einbezogen werden u׳ird. Man w’ird — das läßt sielt schon heute leider mit tätlicher Sicherheit Voraussagen — nach dem Kriege mehr hassen als vorher und man wird uns, um cs gclind zu sagen, noch weniger lieben als vorher, sogar dort, wo die Juden an Opfern alle anderen übertroffen Italien, wird der Antiscmitismus nur vom unerbittlichen Kriegsrecht an der Kette gehalten. Er wird, losgelassen, wütender bellen und beißen, als vorher. Tausend An- Zeichen künden es, daß cs unter der dünnen Kruste von sogenanntem Burgfrieden brodelt und kocht. Ein jüdischer Preistreiber wird tausend jüdische Eiserne-Kreuz-Rittcr überdecken. Bei den anderen wird das Verhältnis freilich ein umgekehrt , sein. Fs ist auch meine tiefste Ucbcrzcugütig, daß die Werbekraft des zionistischen Gedankens wälv rend des Krieges sich stark gesteigert hat. Wir selten cs klar: nur die allcrvcrhisscnstcn Antipalästinenser sträuben sich noch — übrigens von Tag zu Tag schwächer und verlegener — gegen eine IJeberführung größerer Jiulcnmnssen nach Palästina, alle Uebrigen diskutieren die Sache schon mit großem Ernst oder sind gar schon überzeugt. Der verbissenen Gegner gibt cs aber zutit Glücke nur wenige und ihre Einflußsphäre hat einen geringen Durchmesser. Möge״ die Gründe der neuen Palästinafreunde andere sein, als sie die zionistische Ideologic lehrt, — im Werke können wir uns imtnerhin zusammenfinden. Wie es aber nach vollbrachtem Werke in Palästina aussieht, hat eine langjährige Erfahrung zur Genüge klar gelehrt. Da muß der Zionismus mit seiner elementaren innern Kraft unbedingt durchdringen. Es wird auch itt einer Siedlung der Landspende durchdringen. In Galizien gibt es hunderte von Gutspächterfamilien, — sogenannten Possessoren — die einer vollständigen Verwüstung ihrer wirtschaftlichcn Existenz gcgcnübcrstclicn. Aus ihnen, wenn sie noch jung genug sind, um sich in neue