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Jüdische Rundschau · 1916-10-18 · Heft 41-42 (18.10.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 41-42 (18.10.1916)
Date
1916-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Thischri 5676 XXL Jahrgang ״Nur-Reiigion“ Oie Frage der nationalen Erziehung der jiidisehen Jugend tritt immer mehr in den Mitteljninkt der Beratungen und Arbeiten der an der Erneuerung des jüdischen Volkes schaffenden Kräfte. Die Klärung des Begriffs einer jüdischen Eiviehung hat bei den Konferenzen der grollen Kriegshillsorganisation in Rußland den Hauptteil der Erörterungen in Anspruch genommen, die jüdische Wiedcranfbauungsarbeit in Galizien hat in der Errichtung eines jüdischen Schul- Werks eine ihrer vornehmsten Aufgaben erkannt, die zionistischen Konferenzen in Philadelphia und Johannesburg, in üalatz und Warsdian, 11m nur einige Beispiele des letzten Jahres aiizuführen, haben die Frage der nationalen Jugendcrzielumg, als die brennendste des jüdischen Lebens der Gegenwart, eingehend behandelt. Wo nationale Juden sich heute zur Arbeit zusammenfinden, gilt ihre erste Sorge der Erziehung der Jugend. Sie wissen, daß von der erfolgreichen Lösung dieses Problems die Zukunft des jiulisehen Volkes abhängt. Audi in Deutschland rüsten die jiidisch-natioualen Kräfte zu einem theoretisdien und praktischen Ausbau der jüdischen Jugenderziehung. Diese Bestrebungen einer nationalen Erziehung rillen seit jeher den Widerwillen gewisser deutsch-jüdischer Kreise hervor. Von links und rechts bekämpft inan seit Jahren die sclbstbcwußte, nach eigenem Ausdruck ringende jüdischnationale Jugendbewegung; die letzte Woche brachte uns zwei charakteristische Dokumente dieser doppelten Anfeindung zionistischer Erzidumgstendenzeii. Für die Assimilation ist die jiidisdie Erzieh'iingsfragc seit jeher fast ausschließlich eine Frage zweckmäßiger Einreihung in die nichtjiidischc Umwelt. S'tg begnügt sich mit der einer geistigen Dtirdulfingung des jugendliclicn Gefühlslebens baren Fragestellung, wie sie ihren Kindern, ohne daß sie an ihre uv späteren staatsbürgerlichen, wirtschaftlichen und deutschkultnrellcn Ansehen Einbuße erleiden, ein solches Mindestmaß von Pietät gegen die jüdische Religion einimpfen können, «laß ihnen und ihren Kindern der lebenslängliche Makel eines Ucbcrlüufcrtiims in den Augen der christlichen Umwelt erspart bleibt. Diese, von einem bloßen Nüt/.lielikcitsstandpunkt ausgehende Behandlung eines seelischen Problems führt zu einem Progranun jüdischer Bescheidenheit, das einer Entselbstung zum Verwechseln ähnlich sieht. Ein ־־ wenn auch krasses — Beispiel dieses Programms der jüdischen Sclbstaufgabc unter dem Deckmantel der Forderung nach ״Nur-Rcligion“ bietet der Aufsatz eines aus früheren Ausfülmmgen bekannten Dr. Willy Cohn (z. Zt. inv Felde), der im Oktoberheft der Zeitschrift ״Liberales Judentum“ das Thema ״Wie werden wir unsere Kinder nach dem Kriege erziehen“ behandelt und das Programm der Erziehung des jungen jüdischen Geschlechts in Deutschland in den Sätzen formuliert: ״Deutsche Jungcns wollen wir erziehen, die canz und gar in ihrem Vaterlande wurzeln, d i e auch nicht im geringsten das Ge-, fühl mehr haben sollen, einem anderen Lebenskreise a n zugehöre 1! . . . Mehr als je soll unsere Religion nur Religion sein! . . , Das Land, von dem einst der Glaube mm einig-einzigen Gott über die ganze Welt zog, ist uns eine Statte pietätvollen Gedenkens, nichts ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffent« lfch-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina.״ Baseler Programm. mehr. Das wollen wir unseren Jungcns sagen, l ud die .Sprache, in der sie fühlen, denken und sprechen, sei auch die Sprache, in der sic sich zu ihrem Gott wenden: warum ihr Köpfchen schon frühzeitig mit einer anderen Sprache belasten? . . . Und bescheiden sollen sie sein, zurückhaltender . . . W i r w ollen 11 i c h t ״anders“ sein als unsere christlichen Mitbürger.. .“*) Es ist charakteristisch für dieses ״selbstlose“ Programm, tlali es außer der Miuimalfordcrung der I rene zur jüdische!( Religion, die übrigens im Grunde auch nicht viel mehr als bloß eine Warnung vorder Taufe bedeutet, nichts Positives enthält, das im Namen des Judentums für das Judentum postuliert wird. Es ist im gründe nur eine dem Antizionisimts des Verfassers eiitsprungeuc Absage au die nationalen Er/.ichmigstcndeii/cii. Demi was sonst noch in diesem Aufsatz von der jüdischen Jugenderziehung verlangt wird ־ - Abwendung vom akademischen Beruf, Erziehung zu Handwerk und Landwirtschaft usw. —- wird nur deshalb gefordert, weil cs Herrn (John vor dem Ucberwiegeti der geistigen und kaufmännischen Berufe der Juden und dem, wie er meint, dadurch veranlaßten Antisemitismus etwas unheimlich wird. ״Gerade weil wir so viel auf diesem (dem kaufmännischen) Gcbiete geleistet haben, willen wir zeigen, daß wir es auch auf anderem können und wollen,“ Aufs ״Zeigen“ kommt cs Herrn Cohn an und nicht auf die innere Berufung und Seibstbcstimmung. Und Herr Colin ist sich gar nicht hewißt, daß er gerade mit dieser Forderung der Benifsuiiisciiiditung sein Gnmdpostulat, daß die jüdische Religion mir Religion sein soll, über den Häufen wirft. Gegen seinen Willen hat Herr Colin die jüdische ״Nur-Rcligion" mit Wirtschafts- Problemen in Beziehung gebracht. Freilich wissen wir aus einem früheren Aufsatz des Verfasseis in der ״Allgemeinen Zeitung des Judentimis“ (siehe ״Jüdische Rundschau״ Nr. 2), daß er cs mit seiner jüdischen Sclhstentäulleruug Ernst meint. Damals forderte er, daß hinfiirder, ,,auch wenn die Laiidesgrenzeii sich einmal für den Weltverkehr wieder öffnen werden,“ die deutschen Juden ihre Beziehungen zu den Juden der anderen Länder cntgiiltig abbrechen müssen. ״Mit jenen verbindet 1111s kein Band mehr und darf uns nie mehr eines verbinden.“ Diesem ängstlichen jüdischen Kämpen in der Zeitschrift ״Liberales Judentum“ hat Sich der Frankfurter ״Israelit“ gesellt, indem auch er nach jüdischer ״Nur-Rcligion“ und damit zum Kampf gegen das nationale Judentum und seine Jugendarbeit, ruft. Der Kampf der Orthodoxie Frankfurter Observanz läßt sielt keine Gelegenheit entgehen, sein Veto gegen die nationale Jugenderziehung eiiizulcgen. in einem ״Nationales Judentum“ überschricbcnen Aufsatz unternimmt das Frankfurter Blatt einen neuen Waffengang gegen die ״Gefahr“ einer nationalen Erziehung. ״Zurück zur ganzen Thora als Ootteslehre, zu Lulow und Esrog, Tefillin und Mesusoh als Mizwos -* “, das ist der unablässige Ruf, den das Blatt nicht nrüde wird ergehen zu lassen und den es dieses Mal als Ant- ) Die Sperrungen sind von uns vorgenommen. wort auf einen Aufsatz, in der Zeitschrift ״Der Jude“'*) ergeben läßt. In ihrer Abneigung gegen alles Jüdische, das nicht bloß Gesetz ist, läßt sich diese Orthodoxie dazu hinreißen, jede weitliehe nationaljüdisclic Arbeit, sei es im Golus, sei es in Palästina, zu verurteilen, und untergräbt damit selbst den Glauben an die Ernsthaftigkeit ihres judeiitumerlialtenden Strebens. Wenn der ״Israelit“ die nationale Erziehung dahin charakterisiert, daß man mit ihr ״kaum noch einen Begriff verbinden kann“ und ironisch-spottclnd hinzufügt, daß sic ״die Losung ist auf dem geweihten Boden Tcl-Ahibs und den Schlachtenruf der Herren Prilut/ki und Flirschhorn im Warschauer Stadtrate ausmacht.“ so hat dieser Teil der Orthodoxie wieder einmal bewiesen, daß er für die wahren Bedürfnisse des jüdischen Volkes im Golus und die ernsten Be- Strebungen seiner Repatriierung im Fleiligen Lande kein Verständnis hat. Auf eine umfassende, tiefgreifende Erziehungsarbeit am gesarnten jüdischen Volke scheint diese Spielart der Orthodoxie endgiltig verzichtet zu haben. Auch ihr ursprünglich positiv gewandtes religiöses Erziehungsprogramm wird allmählich von der Negation jüdischer niclitreligiöser Kulturarbeit überwuchert. In unnatürlicher Bestürzthcit konstatiert der Schreiber im ״Israelit“ im Gegensatz zu seinem früheren Vorwurf, daß man mit der nationalcn Erziehung kaum noch einen Begriff verbinden könne, an einer späteren Stelle: ״Was aber die Herren unter nationaler Erziehung verstehen und erstreben, wird mit einer Klarheit verkündet, daß man von Grauen gepackt wird bei dem Gedanken, es könnte diesen Pioniere» wirklich glücken, unter der Sonne der neuen Freiheit im besetzten Gebiete, neuen Gcläiidegcwinn zu erlangen.“ Wir sind allerdings der Meinung, daß der ״Israelit“ aus diesem Grauen, das ihn packt, nicht mehr herauskommen wird, denn wir hegen berechtigte Zuvc:sicht, daß die nationale Jugendarbeit in Polen über alle ihre Widersacher siegen wird. Den schleichenden Rinnsale» dieser ״liberalen“ und monoorthodoxen Erzielmngsmaximen stellt der breite Strom der nationalen Jugenderziehung gegenüber. Die jüdische Erziehungsarbeit der Zionisten stützt sich auf die Grundtatsaclic, daß cs — objektiv - jüdische Kulturwcrte gibt, daß — subjektiv — in allen Juden eine ihnen und nur ihnen eigene Prädisposition zur Erfassung und Weiterbildung dieser Kulturwcrte, ein ״verschüttetes Judentum“, vorhanden ist und daß, neben relativen Annäherungsmögliclikeiten im Golus, eine ab so lute organische Verbindung dieser beiden Bestände zu neuem großem Schaffen nur auf jüdischem Boden erreicht wird. Diese organische Verbindüng von natürlichen subjektiven Anlagen mit dem Geist der objektiven jüdischen Volks- Schöpfungen anzubahne» und allmählich zu vervollkommen, bis--auf jüdischem Boden — das jüdische Einlieitsbcwußtsein und damit die Fähigkeit zu großen, volljüdischcn Leistungen wieder hergcstellt wird, ist die Aufgabe einer nationaljüdischen Erziehung. Es gilt, die Zwiespältigkeit, in die die jugendliche jüdische Seele hineingeboren wird, nicht wie es die anderen tun, zu leugnen, sondern zu verinnerlichen durch Schaffung jüdischer Jugendgemeinschaften, die ) Traditionelles und nationales Judentum. Eia Ckspräch über jüdische Erziehung“ von Eli Auerbach. Der Jude, eine Monatsschrift, Heft 4

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