Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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J U U u 1 ה C h t KUNUSC HAli Nr. 40 Seite 334 im Kiewer Gefängnis sitzt, hatte hei Gelegenheit einen Briefbogen der Cicfänguisvcrwalhmg gcstoltlen 11ml iiatte dicken Verhaimmigshcfchl an den l’olizeimcistcr von Wilniea ge schrieben und ihn mit einer Unterschrift bekräftigt. Dieser Brief, der von einer Instanz kam, der der Poli/eimeister von Wilniea gar nicht unterstand, hatte den Polizeischergen geniigt, uni ganz unschuldige, angesehene Juden ins Unglück zu stürzen. Die vier Juden befinden sich nun auf freiem Fuße, aber keiner der Verbrecher erhielt eine Strafe. Die russische Presse betont, daß dieser Vorfall nicht alleinstehend ist. Zum Vorschlag: Zentralevidenzamt des jüdischen Volksvermögens Von Dr. Egon M. Zweig-Wien in Nr. 35dcr״Jiid. Rtimfsch.“ hat Gg. Dr. Michael Ringel seinen Vorschlag dargelegt, in den einzelnen Landostcilcn, sodann znsaninienfnsseiui in den Staaten und schließlich als Krönung in einem ״Zeniraicvidenzam1c des jüdischen Volksverinögens“ Organe zu schaffeil, die obsolete und verschollene jüdische Stiftmgen und Fonds in Evidenz nehmen und auf deren zweckmäßige Verwcndmig־ für die großen vom jiidisdben Volk nach diesem Weltkrieg zu lösenden Aufgalwii hiitwirken sollen, Nichtjuden, mit ihren phantastischen Vorstelhingen von der Innigkeit des Zusammenschlusses .aller Juden, würden angesichts Ringels Vorschlags gewiß höchst erstaunt sein, daß cs uns erst noch ein anzustrclK'mies Z.icl is1, das jüdische Volksvermögen in Evidenz zu nehmen, aller auch wir Juden selbst, die wir einen besseren 1:1 in Blick in unsere Verhältnisse hahcii, sind uns noch lange nicht genügend der Zerfahrenheit und Zersetzung bewußt, welche die jüdisch!׳ Gemeinschaft keiin/.eiehnel. Andernfalls hätte die Auflehnung gegen diese jämmerlichen Zustände wenigstens vonseiteil der eine jüdische Zukunft bejahenden Personen und Gruppen und vor allem seitens der Zionisten schon bisher viel kräftiger und wirksamer sein müssen. Eine historisch gerichtete Erörterung, wie es zu dieser Desorganisation luit kommen können, will ich mir versagen, schon deshalb, weil heute, wo es gilt, alle jüdischen Kräfte zusammenzufasseii, Empfindlichkeiten möglichst geschont werden müssen. Auch ist die Zerfahrenheit gewiß nicht in allen Uindcrn gleich groß, liier mögen nur einige Hinweise auf die Zustände in Oesterreich folgen. Durch ,Gesetz, vom 21, März 181)0 wurden hier die ״Israelitischen Kultusgcmcinden“ gebildet, Zwangsgenosscnsclialten, denen jeder Jude des betreffenden Gebiets anziigelioren hat. Schon diese Ordnung ist von der Regierung vielfach gegen den Widerstand der Juden selbst angeführt worden. Eine die Kidlusgemeinden zu einer liöherru Einheit zusammenfassende autoritative Organisation aber gibt es bis heute nicht. So haben denn die einzelnen Kultusgemeinden wie auch die ״Politischen Israelitengemeinden“ —- eine in weitesten Kreisen unbekannt gebliebene Spezialität Mährens — wohl die ihrer Verwaltung unterstellten jüdischen Stiftungen in Evidetiz genommen, doch eine /usauimenfassendc Dar- Stellung dieser Stiftungen oder eine Kontrolle ihrer Verwaltung seitens einer jüdischen Oberinstanz fehlt. Die staatlichen Behörden, denen das Gesetz, die Beaufsiclitiguug der Kultiisgciiicindcn /.uweist, mengen sich in Oesterreich grundsätzlich möglichst wenig in die autonome Verwaltung kontessioiicller Körperschäften. Auch der ״Oestcrrcichiscli-Israelitische Gemeindebund“, der 181W als auf freiwilligen Anschluß der Kultusgemeinden angewiesener Verein gegründet wurde, hat hier völlig versagt, ja nicht einmal diese seine so naheliegende Aufgabe erkannt. Die einzige ,,Oestcrreicliisch-lsraeütischc Union", ein zunächst dem Rechtsschutz, gewidmeter Verein, bringt in ihrem Kalender, dessen 25. Jahrgang .soeben erschienen ist, ein Verzeichnis der Kultus- und politischen Isravlitcu-Gcmcinden unserer Monarchic und darin einige recht spärliche Angaben ülx-r Stiftungen, Widmungen und Fonds. — Doch schon diese Angaben zeigen, um weich hohe Summen es sich da handelt! Dali für die große und alle Kultusgemcinde Prag Stillungen im Gesamtbetrag von 4'2׳ Millionen Kronen ausgewiesen stehen, oder daß Sereth in der Bukowina mit immerhin 3300 Juden über 1013 000 Kronen Stiitungsvcrmögcn verfügt, ist noch nicht so belehrend, als was einzelne, zumal mährische Klcingcineindcn aiigcbcti, z. B. Neu-Rausnitz mit 173 Juden Stiftungen in Summe von 264 000 Kronen oder Eibenschitz mit 400 Juden Stiftungen von zusammen 573 000 Kronen. Die Kultusgemcinde Wien verwaltet Stiftungen und Widmungen, die sich — meines Erinncms — auf 25 Millionen belaufen, der ״Mährisch-Jüdische L-imU'smassafomts“ ein Vermögen von etwa 2 Millinnen 11sf, Doch gerade die Verhältnisse der vorerwähnten Kliiiigemeimlen erfordern unsere Aufmerksamkeit. Damals vor vielen Jahrzehnten, ja Jahrhunderten, als jene Stiftungen von glaubensstarken, volksbewußten Juden geschaffen wurden, waren cs noch jüdische Oroßgenieindfn, Sitze tahmidischcr Gelchrsaiukcit, pulsenden Volkslebens. Seither sind diese Gemeinden, inshesoiulers durch Gewährung der Frei- Zügigkeit an die Jmlenscliaft und sohin durch das Aufkommen neuer jüdischer Zentren, raschem und unaufhaltsamem Verfall preisgegeben. Nun läßt cs sieh .denken, daß es in solchen Zwcrggcincimleii, deren Milglieder meist auch wirtschaftlich herabgekommen oder doch zurückgeblieben sind, mit der Verwendung der Stiftungen int Sinne des Stifters, nicht immer genau genommen wird, ztunal, wie schon gesagt, die nötige Kontrolle fehlt, Dr. Ringel proponiert nun zwecks Ausführung seiner Idee ״die Schaffung von Evidcn/iwntcrn in den I lauptstädteii der einzelnen Provinzen, die eventuell den KuHusgcmeinden der Landeshauptstadt angegliedert werden könnten und die mit den in den Residenzstädten der einzelnen Staaten zu schaffenden in enger Verbindung stehen müßten . . . .“ Nun wirr! bei uns in Oesterreich' gerade wieder einmal ein Anlauf gemacht, die autoritative, gesetzmäßig geregelte (iesamlorgaiiisation der israelitischen Religionsgesellschaft . auf/tihaueu, mit Laiulesvcrbänden als Zusammenfassung der schon bestehenden Kulfusgcmeinden und mit einem übergeordneten Reiclisverbaml. Der betreffende Gesetzentwurf zählt in § 20 c) ziiiii Wirkungskreis des Rcichsverhandes: ״Die Aufstellung einer allgemeinen Verwaltungs- Ordnung (iir das Vermögen der Kultiisgemeiiiden und der Verbände . , ,“ Darnach würde wohl auch die F.vidiu/haltnug und Konirolle der jüdischen Stiftiingcn Gegenstand dieser Vcrwaltimgsordiiiuig hilden. Aber es bleibt noch recht zweifelhaft, ob bei den zentripetalen Strebungen «ler Juden in Oesterreich die ersehnte und wenigstens von zionistischen Parteitagen wiederholt geforderte Gesamtorgaiiisatioii auch wirklich oder doch bald zustandekoinnit. In Würdigung dessen ist umso wichtiger, was Dr. Ringel weiter proponiert, nämlich ״schließlich die Bildung eines Zeiitralcvidenzamtes für das jüdisclie Volksvenuögeii, vorläufig z. B, im I lang, angegliedert an das I laiiptbüm des Jüdischen Nationalfonds, der überhaupt mit Rücksicht auf seine weltumspannende Organisation der berufenste׳ Faktor ist, um die Vorbereitung und die Durchführung meiner Anregung in die Hand zu nehmen.“ liier liegt der Schwerpunkt der Frage, wie das Problem praktisch zu lösen ist. Wir sollen -- meiner Ansicht nach — vorerst die Zeit nicht damit vergeuden, daß wir die Nicht Zionisten t hcorctisch aiifklärcn und mit der Ausführung des Planes zu befassen suchen, denn jene werden teils zu wenig regsam sein, um sieh neue Mühe aufzubürden, teils zu vorsichtig, um sich durch eine ״internationale“ Betätigung bloßziistcllcu. Die Zionisteil aller Länder aber werden einheitlich und darum wirksam nur dann zugreifen, wenn die Zentrale ihnen die Arbeit mit klaren Befehlen zmveist, das Fortsdircitcn der Arbeit ständig beobachtet und anregt, endlich die Ergebnisse dieser Arbeit planmäßig zusaniiucufaßt, zweckmäßig veröffentlicht mul verwertet. Auch mir scheint tlas Natioiialfond-Ilaiiptbiiro das berufene zionistische Zentrnlorgan 11. zw.,a11Beraus den schon von l)r. Ringel angeführten Gründen, auch deshalb, weil es iu einem neutralen Staate seinen Sitz hat, und weil der Nntion&lfoud keine ausgesprochene Parteiscliöpfiuig darstellt. Die Verwaltung unseres Volksschatzcs muß weitherzig sein, schon im eigensten Interesse, dam jede Förderung jüdischen Lehens wird sich ülwr kurz oder laug auch in erhöhten Nationalfond- Eingängen aiisdriicken. Doch über diese allgcmeine Erwägung hinaus, wird der Nationalfond aus dieser neuen Agende zweifach direkten Vorteil ziehen. — Einmal w׳ird er bei der Incvidciwnnhmc aller jüdischen Stiftungen auch jene vielen, vielen Stiftungen entdecken, welche von altershcr bestimmt waren, die Ansiedlung von Juden in Palästina zu begünstigen, und welche ihrer Aufgabe heute schlecht oder gar nicht mehr nnchkommcn; so fand ich im Stifumgsarchiv der Wiener Kultusgemcinde eine auf Jahrhunderte zurückrcichendc ״Hicrosolv mit •mische Stiftung“ mit nicht unbedeutendem Vermögen, deren Verwaltung und Verwendung — dem Ministerium des Acußercii überantwortet ist. — Dann aber kann der Jüdische Nationalfond durch sein Wirken als Zenfralcvidcnzamt seine Autorität in Sachen aller jüdischen Stiftungen derart fest begründen, um bei Neu- oder auch bei Umstiftungen die Förderung der NationalfondiAufgaben als primären oder doch wenigstens subsidiären Stiftungszweck durchzusetzen. Es könnte so allmählich zur ständigen, sclbverständliehen Uebung werden, daß im Statut jeder Stiftung und Widmung jeden Pondes und Vereines, ja jeden Testamentes jüdischer Herkunft ein Schlußsatz steht: ״Sollten obige Anordnungen unausführbar sein, hat das Vermögen (allenfalls unter gewissen näheren Bcdin• gungcii) dem Keren Kajemetli l.cjisrael zuzufallen.״ Nun aber gilt es, rasch zu handeln, einen Anfang z u m a c 11 e n! Wollen dann später, durch die ersten guten Ergebnisse unseres Evidenzamtes wirksam belehrt, die Nichtzionisten mithalten, sollen sie uns herzlich willkommen sein. Martin Frost Der Unteroffizier Martin Frost ist gefallen. Ich habe Frost im Jüdischen Verlag kennen gelernt, wohin er eines Tages kam, um sieh über neue jüdische Bücher und vor allem über den Stand der Bewegung zu informieren. Er nahm damals am ()fli/iersausbildtmgskursiis in Döberitz teil und konnte mich noch ein paar Mal besuchen. Wir haben uns viel über die Fragen unserer Arbeit und unserer Zukuriftshoffnungeii unterhalten. Ich Iiatte den Eindruck, daß wir von diesem neunzehn |ü)1rigcn Menschen noch vieles zu erwarten hätten. Er war trotz seiner Jugend von reifem Urteil und hatte die Gabe, die mancherlei Erfahrungen des täglichen Lebens, die er als Mensch und Jude auch im Kriege zu machen hatte, zu Erlebnissen zu verarbeiten. Die Art des Menschen mögen einige Auszüge aus seinem letzten Briefe an mich wiedergehen. ,,Ich beschäftige mich fast atischließlieh mit jüdischen Dingen. Ein geistiges Arbeiten ist ja liier vorne int Graben in vielerlei I!insieht beschränkt, sei es durch nicht immer vorhandene Stimmung und t ielegenheit «Hier durch andere äußerliche Umstände, die cs erschweren. Trotzdem lese und lerne ich, wenn immer es möglich. Uns Lehen in unseren Hoffnungeii und Idealen, dem ich mich restlos hingebe, macht mich zu einem glücklich zufriedenen Mensehen. Ein tiefes Bedürfnis ist es mir schon längst, hebräisch zu lernen. Das ist mm besonders erschwert, leider. Ich habe mir aus der Göschen• Bibliothek das erste Bändchen der hebräischen Grammatik schicken lassen. Es ist weniger ein Buch, um Hebräisch zu lernen, als eine wissenschaftliche, aber sehr anregende Abhandlung über die hebräische Grammatik, in der ich mit viel Genuß lese “ Die letzten erfolgreichen Erscheinungen des Jüdischen Verlages erfüllen mich mit Genugtuung, wie auch alle anderen Erzeugnisse jüdisch-nationalen Geistes, besonders das Erscheinen von Hubers ״Ju• den“. Es ist ein bedeutendes Zeichen unseres kraftvollen idealen Wollens,!laß der jüdische Geist trotz dieser Zeit so fruchtbar ist. Uns freilich hat es Bcweise hierfür schon längst nicht nötig. Nach außen hin, zumal unsern jüdischen Gegnern, denen ich auch liier draußen noch leider genügend begegne, muß nun endlich, wenn sie Verständnis für historisches Geschellen haben und nur etwas nationales Gefühl und Erkenimngsvcrmögen besitzen, klar werden, wie tief der zionistische Gedanke wurzelt und wie fest er gegründet ist, daß er allein unsere Zukunit ist. - In dem Kampfe um unsere Wiedergeburt bedeutet das Erscheinen von Bubers ,,Juden“ einen großen Schritt vorwärts. Er füllt nicht nur eine wichtige Lücke aus. Durch den Mund der Besten unseres Volkes wird hier iu reiner, klarer und gelauterter Form das ausgcdrückt, was die Seele des Volkes bewegt und was sein ureigenster Wille ist. Vermöge der ihm innewohnenden Urkraft eines tiefen, heiligen Wollens, ist er ein hohes Zeichen, eine Feste im Kampfe um unsere Erneuerung, um unsere Freiheit. Ein Wort der Anerkennung schiene mir eine lächerliche An- 1naßung, aber ich habe teil an dem Dankgefühl unserer Gemeinschaft gegen Bitber und fühle mich mich erhoben durch das Bewußtsein des Stolzes auf diese Schöpfung. Daß mir das Studium des ״Juden“ ein Genuß, geradezu eine Wohltat und Erholung ist, werden Sie verstehen." ״Das Verlangen, endlich sich ganz unserer hohen Saclvc widmen zu können, wird immer stärker. Viel muß ich da noch an mir selbst arbeiten, dessen bin ich mir trotz aller Schwärmerei wohl bewußt. Ich bin aber auch gewillt, mit ganzer Kraft des Könnens, dessen ich fähig bin, an der Erfüllung unseres Ideals mitzuarbeiten" . . . ״Nun zum Schluß noch ein Wunsch, ich wäre ihnen dankbar, wenn Sie mir etwas über das Persönlichc von Buber und Agnon mltteilen könnten; dann will ich Ihnen auch schreiben, was mir noch hier auf dem Herzen liegt“ . . . ״Lieber Herr Doktor, üben Sie nicht viel Kritik an dem Brief, sondern nehmen Sie, was darin steht als aufrichtig«, ungekünstelte Wahrheit hin, die Ver• trauen will und zu finden hofft“ . . .