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Jüdische Rundschau · 1916-09-15 · Heft 37 (15.9.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 37 (15.9.1916)
Date
1916-09-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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[36 U—* » r I I I Abonnements »uf dit wochcnilicli ■m Frrit•? er- •riieinendo ״JUdliche K11nd.rh.n1“ körten bei der Erpedition und bei «Men l’oiliimtern viertrtjdhrlic 1! M. 2,25 inncrlinlb Deutschland•, in Orstcrreich- UiiEorn M. 2,50, im AujUnd M, . JUdUch• Kundscbnu, C. m. b. II. I BFRLIN W. 15, Slit'hriache btrnOe 8, I י Tdr|1b׳11״ Amt Ulilnnd HIS, dlb. 1 (’״•Udiedduiitoi Berlin Nr 17392. I _ ך־־י טע Lir Anzeigen kosten für die irchsgrspeMene Petit*!eile oder deren kaum 4<l f’(.; Sttitan* Angebote «nd •Gfsinh»* ««*wir Verein•* Mitteilungen mul ״Kieme Anzeigen* O O O O nur 30 Pfennig O O O O Manuskripte werden, wenn PortobMiegt, *trtt lururk gesandt, RedaktimmdiluB Mittwud» vormittag•. Redaktion ]UtilitKt Rundichtu j BKKLIN W. 15, Sächsische StiaBc 8. ן Telephon׳ Amt UtiSand 845, 84b. PostscheckIttmlo: Berlin Nr. 17392' Nummer 37 Berlin, den 15. September 1916 — 17. Elul 5676 XXI. Jahrgang. ״Feststellungen und Hinweise“ Als im vorigen Jahre Professor Hermann Cohens Schrift ״Deut sch tu in mul j 11• den tum“ erschien, fand sic in den jüdisch• nationalen Kreisen hin sichtlich ihrer (icsamtlcnden/ und in vielen Einzelheiten eine entschiedene Ablehnung: (Athen hatte versucht, eine Koiigcnialitiit des jüdischen und deutschen < icislcs zu konstruieren, ein Unternehmen, das van vornherein als aussichtslos gelten mußte. Weiler die deutsch-liberale jüdische Assimilation spcndele der Cohenschen Schrift die unbedingte Anerkennung, die sonst seine jüdischen Schriften in diesen Kreisen fanden — die Orthodoxie lehnte Cohens Argumente wegen ihrer Neigung zum Protestantismus ab - noch auch liell sieh die deutsche Oeffentlichkeit von den lebensfremden Befrachtungen des Philosophen zu einem Thema überzeugen, das außerhalb der Wissenschaftliehen latigkeit lag, die ihn berühmt gemacht hat, und das er nicht mit der unbedingten Objektivit.it zu behandeln schien, die seine übrigen philosophischen Arbeiten niis/cichnet, Max Hiklcbcrt Boelini halte Cohen in den ,,Preiiltischcn Jahrbüchern“ vom niehlanfiscinitischen Standpunkt des Deutschen aus deiiilieh zu verstehen gegeben, daß dieSympathien eines gro- Ben Teiles des gebildeten Deutschlands auf Seiten der jung-jüdischen Kniffe sind. Nunmehr wird die neue Ausgabe der Sehriff in der ״I) c u t sc 11 e 11 T a g c s z. e i t u n g“ vom 12. Septeinbcr 1916 von einer Seite besprochen, die aus ihrer antisemitischen (irundstimnuing kein Hehl macht, Es ist sehr charakteristisch, dali der Cohcnsche Versuch, der letzten lindes darauf hinausläuft, dein Judentum seine selbständige nationale Existenz abzusprechen und es dem Deutschtum cinzuordncn, sofort von den deutsch - nationalistischen Kreisen Ablehnung erfährt. Der Kritiker der ,,Deutschen Tages- Zeitung“ findet es zwar richtig, dal! in der (icgemvart und in einem Zeitungsartikel die hestechenden Schciuwahrhcitcn und offenkundigen Unrichtigkeiten der Schrift nicht widerlegt werden können. Aber einige ״Feststellungen und Hinweise“, von denen er glaubt, dali sie unter keinen Umständen ״auf bessere Zeiten“ verschoben werden dürfen, kann er sich nicht ver■ sagen. Diese ״Feststellungen und Hinweise“ haben eine so offensichtlich andere Tendenz als die, Cohens Trugschlüsse zu entkräften, dali man kein Anhänger der Goheii’sclien Aitschauungen über das jüdisch-deutsche Problem sein muß, um diese Stimme des Antisemitismus, die sich, wie der Verfasser selbst bekennt, bis zum Eintritt ״besserer Zeiten“ mit diesen Anden* tungen begnügen muß, ihrer scheinbaren Zurückhaltung etwas zu entkleiden. Die Reihe der ״Feststellungen und Hinweise“ des Kritikers beginnt so: ״Professor Cohen hat im Jahre 1910 auf dem Berliner Religionskongreß mit einer Wärme und Entschiedenheit seinen jüdisch-religiösen Standpunkt vertreten, der iltn persönlich ehrt. Leider hat kein ,christlicher‘ Philosoph und kein moderner Theologe des Neuprotcstantismus damals mit gleichem Nachdruck die überragende Bedentung des Christentums betont.“ Diese Begeisterung für die jüdisclte Religion, meint der Kritiker, müsse ihre Grenze haben. Die hohe ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffenilieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. Bedeutung, die Professor Cohen in seiner Schrift dem jüdischen Prophetismus für die Vertiefung des Monotheismus und die Religion der Zukauft überhaupt z.uerkeimt, gehe doch zu weit ״und'die alte Forderung nach etwas ,׳iieltr Bescheidenlieit‘ dürfte wieder eine neue Rechtlertigung erleben.“ Unsere Selbsteinsehal/img hat mit Fülle oder Mangel au Bescheidenheit nichts zu tun, da wir weit davon entfernt sind, Missionspropaganda zu treiben. Dali die ״Deutsche Tageszeitung“ schon das Betonen der ewigen Bedeutung unserer Propheten als unbescheiden empfindet, wird aber sogar manchem gläubigen Protestanten verwunderlich erscheinen. 111 einer zweiten Feststellung verbarrikadiert sieh der Kritiker der ״Deutschen Tageszeitung" hinter der spitzfindigen und gehässigen Argumentatiim Chaittberhiin’schcr Beweisführung. Das Christentum ist ihm eine Neuerscheinung in der weltgeschichtlichen Entwicklung, die in ihren Schöpferkräften nicht das Ergebnis der religiösnationalen Volksgeschichte lies Judentums darstellt. ״Und wenn allerdings mittelallerliche Mystiker, Reformatoren und deutsche Philosophen sieh geistig verwandt fühlten mit dem altisraelitischen Propheteiitum, so beweist das aber gar nichts . . , Demi die Propheten mit ihrer Innerliehkeit und ihrem vertieften (ioltesbcwußtsein standen ja im denkbar schärfsten Gegensatz zu dem jüdischen Volksgeist.“ Diese vergiftete Klinge der Antisemiten ist längst abgewiesen durch den Hinweis auf die vielen Grollen der Völker, die sich ähnlich den jüdischen Prophclen gegen ihr Volk stellten und ihm die wahren Wege seines Seins wiesen. Nach dieser Auffasstmg inüllteu Fichte und Nietzsche in absolutem Gegensatz, zum deutschen Volksgeist gestanden haben, während in Wirklichkeit doch gerade diejenigen, die in die Räder der Geschichte ihres Volkes machtvoll eingreifat, es sind, die das Wesen ihres Volkes am tiefsten mitbcstimmen. Eine dritte ״Feststellung“ erklärt in dürren Worten, dal!, wenn der deutsche Wesenszug der geistigen Erfassung der Dinge in einem Volk des Altertums gesucht werden soll, ״der Vergleich mit dem antiken Volk der Griechen näher liege als mit dem Judentum, das in Bezug auf philosophische Weite und Tiefe zurückbleibt." Wir haben die Cohcn'sche Theorie der engen geistigen Verwandtschaft zwischen Judentum und Deutschtum abgelehnt. Was aber hier ״festge- •teilt“ wird, hat seine Spitze nicht gegen Cohen, sondern gegen das Judentum. Diesem wird der metaphysisch-geistige Charakter abgesprochen, eine ״Feststellung“, die wohl stillschweigend dahin ergänzt werden soll, daß die Grumlattffassung des Judentums materialistisch sei. Dieser Legende von der ״unphilosophischen“ jüdischen Religion, besonders zur Zeit der Entstehung des Christentums, könnte, wenn sic überhaupt einer Entkräftigung bedürfte, das Urteil Adolf Harnacks cntgegcngcstcllt werden, das er über den Charakter der jüdischen Religion im ersten Band seines Werkes ״Mission und Ausbreitung des Christentums“ aiisspricht: ״Die jüdische Religion schien , . . auf die Stufe der Phi Io so* p h i e' erhoben und, da sie doch Religion zugleich w ar, stellte sie einen Typus geistig-geistliclicn Lebens dar, der allen verw andten Erschcinungen überlegen war. Es war im Grunde nicht künstliche Madie, wenn ein Philo und Josephus das Judentum als die philosophische (die• ses Wort ist beide Male von Harnack gesperrt) Religion darstellten . . .“ Wir halren Ursache, rlarnack in dieser Frage als größere Autorität zu betrachten als den Kritiker in der ״Deut• sehen Tageszeitung“. Cohens mißlungene Analogie zwischen dem Deutschenhaß und dem alten Judenhaß verleitet den Rezensenten zu dem unvorsichtigen ״Hin• weis“, daß, ״wenn einmal die internationalen Feindseligkeiten gegen uns Deutsche mit dem Judentum in Verbindung gebracht werden, für den Kenner, namentlich der internationalen!,resse und ihres unheilvollen Einflusses doch ganz andere Schlüsse näher liegen, die die Aussichten auf eine Verschmelzung von Deutschtum und Judentum im öffentlichen Bewußtsein Deutschlands nicht fördern.“ Was meint der Kritiker mit diesen etwas verschlungenen Worten? Glaubt er im Ernste, die internationale kriegshetzerische Presse mit dem Judentum identifizieren zu kön• »en? Weiß er denn nicht, daß es gerade die judenreine nationalistische Presse war, die in der Kriegshetze das Wort führte? Was also soll mit der Andeutung gemeint sein, daß Deutschland einst die angebliche Kriegshetze der internationalen Presse an seinen Juden sühnen wird? (Der Kritiker schließt seine ״Hinweise“ da• mit. daß er bittet, es offen aussprechen zu dür• fen, ״daß uns bei voller Würdigung des mensclilieblichen Berufs des deutschen Volkes die Sicherstellung und der Schutz der Deutschen in Rußland noch mehr am Herzen liegt, als das Schicksal der Deutschland zugefallenen pol- »ischcn Juden.“ Es ist sehr berechtigt und begröblich, daß einem Deutschen das Schicksal seiner deutschen ,Brüder in Rußland nahegeht. Was soll aber diese Gegenüberstellung der Deutsehen in Rußland" und der polnischen Juden, die ja als ״Deutschland zugefallcn“ gewiß ein Recht auf Sicherheit und Schutz ihres Daseins und ihrer bürgerlichen und national-kulturellen Gleichberechtigung besitzen? Es wäre doch eine geradezu unverantwortliche politische Kurzsich• tigkeit, wollte man sich deutscherseits der Erkenntnis verschließen, daß die deutsche l\)litik außer ihrer selbstverständlichen engeren Aufgäbe der Sorge für das Wohl der deutschen Bürger auch noch andere, weitere Aufgaben hat, unter denen das Problem der polnischen Juden eine der wichtigsten neuatiftaucheiidcn Fragen darstcllt. Eine weitschaucmlc Politik wird die Sympathien dieser zwei Millionen polnischer Juden, hinter denen ein Vicr/.ehnmillioncn-Volk steht, nicht als zu vernachlässigenden Faktor betrachten können. Der Kritiker der ״Deutschen Tageszeitung“ hat in der Tat recht, wenn er sagt, daß diese Besprechung eigentlich keine solche sei, und wir begreifen, was diese ״Besprechung“ der Cohen’schen Schrift im politischen Teil der ״Deut• sehen Tageszeitung“ will. Wenn der Rezensent Cohen den versteckten Vorwurf macht, in seiner Broschüre jüdische Kriegs- oder Friedensziele behandelt zu haben, so gilt dieser Vorwurf in viel höherem Maße dieser seiner Kritik, Es ist wie ein Sturmzeichen des kommenden ״Kriegs im Frieden“. M. M.

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