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Jüdische Rundschau · 1916-08-25 · Heft 34 (25.8.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 34 (25.8.1916)
Date
1916-08-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrgang. ״Begriffe und Wirklichkeit“ Gewöhnlich sind die Waffen der deutschjüdischen Assimilation gegen die nationalen Be- Stichlingen der Juden nicht die des Geistes. Die deutsch-jüdische Assimilation hat ihre Kamjifcsweise durch Mittel des Ungeistes, der Verleumdung, Denunziation und Schmähung stark kompromittiert. Daher wird es einigermailen erlösend emptunden, wenn hin und wieder einer ihrer Vertreter dem Zionismus dadurch seinen Respekt kimdtut, daß er auf dessen geistigen Inhalt einzugehen sich bemüht und ihn durch ״positive Darlegung eines gednnklichcn Gegensatzes" zu widerlegen versucht. Der Geheime Regierungsrat Prof. Dr. Hermann Gilien hat in einem Aufsatz der KT ״-Blatter, von seinen ״Kommilitonen jiidisehen (ilanbens“ auf gefordert, das Wort ergriffen, um seine Meinung über die Beziehung des Zionismus zur Religion auszuspreelie״. Im Mittelpunkt der Ausführungen (äihcns stellt eine uns allzu ausgeklügelt erscheinende l mterschciduiig zwischen den Begriffen Nation und Nationalität. Nation ist nach (;.»heu eine geschichtlich gewordene, im Staat zusammengeiahte (icmeinscliaft, die aus mehreren ״Natioaalitiiten“ sich zusannnensetzen kann. List di 1 Staat ״stiftet und begründet die e i 11 e Nation, im! der er sich gleich setzt". Dieser Untersclieidüng entsprechend erklärt Cohen die Juden für eine Nationalität und bestreitet ihnen das Recht auf den Namen einer Nation. Die deutschen J11den sind also nach Cohen Deutsche jüdischer Nationalität. Schon damit hat sich Cohen in einen mmberlmickbnrcn Gegensatz zu unserer Durchseluiittsassimilation gesetzt, die weder von einer jüdischen Nation noch von einer jüdischen Nationalitiit etwas wissen will, und es dürfte in den Kreisen seiner ״Kommilitonen jüdischen Glaubens“ manche! Unzufriedenheit liervorrulVu, weiui hier der anerkannte Ideologe der deutschjüdischen Assimilation die Juden als Nationalität anspricht und wenn er diese seine individuelle Meinung im Namen der nicht/.ionistischen liberalen Juden verkündet. Brei lieh macht der Gelehrte sofort eine Lin- ״Der Zlonlumi» erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffenilieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.״ Baseler Programm. dall es eine der vornehmsten Aufgaben der Assimilation sei, dem Zionismus in seinen Be- Strebungen, (die jüdische Ursprache in Geist und Gemüt ,tufziinchmen, ״den Rang abziilatifcii“. Was Cohen in diesem Zusammenhang seinen lieben Kommilitonen ans Herz legt, dali nämlich ״unser Verhältnis zum Judentum ebenso hefestigt und vertieft" werden müsse wie das zum Deutschtum und dali es zum Wesen eines rech-׳ teil und aufrichtigen Juden gehöre, sein Judentum ״in seiner ganfzcti Lauterkeit, Kulturkraft und menschlichen Innigkeit" zur unzweifelhaften Anerkennung im Bewußtsein der nichtjüdischen Mithin gcr zu bringen, das sind Worte, die doch erst dann aiilhöreii, nur Worte zu sein, wenn diese Lauterkeit, Kulturkraft und menschliche Innigkeit des Judentums in uns selbst lebendige Krait gewonnen hat. Diesen Ausführungen Cohens antwortet Martiu Huber an leitender Stelle des fünften Heftes der M e;atssc!,Lü ״Der Jude"׳) in einem ״Brief au Herrn Geheimen Regieruiigsiat l’.af. Dr. I lermaitii Cohen“; der den Übertitel ״Begriffe und Wirklichkeit‘* hat. Ls kann hier nicht unsere Sache sein, alle die Argumente aus der jüdischen (iesehielite mul Literatur wiedcrziigelfen, die Huber gegen Hermann Cohen ins Leid führt mul mit denen er das Widerspruchsvolle, das Cohens Ausführungen inncwolmt, aufdeckt. Hubers Antwort, die einleitend den Gedaitkengang Cohens sachlich und treu wiedergibt, weist nach, dall, wenn die jüdische Nationalität wirklich nur — wie Colien behauptet - eine ״Natiirtatsachc" wäre, die grolle Bedeutung der hebräischen Sprache für sie, die ja auch Colien so sehr betont, eine ganz unverständliche Erscheinung ' w äre. Denn daß die Sprache nichts ״Naturliaftes", sondern historisch Gewordenes darstellt, dürfte auch Cohen unzweifelhaft sein. ״Mit dem Begriff der Naturtatsache", sagt Huber, ״ist die Nationalität nicht zu definieren. Sie ist eine geschichtliche Wirklichkeit und eine sittliehe Aufgabe". Die Unterscheidung Cohens zwischen Nation Schränkung, indem er dieser jüdischen Natio- 11.1lit.it nur die Rolle eines ״anthropologischen Mittels für die Lortpflauziing der jüdischen Religion" zuerkeiint. Für ihn ist die jüdische Nationalität mir eine Funktion der jüdischen Religion. In dieser willkürlichen und in den Tatsachen des jüdischen Lehens in keiner Weise begründeten Subordinicruug der nationalen Aeußcruugen des jüdischen Volkskörpcrs unter den Geist seiner religiösen und ethischen Kräfte I1e׳gt de!■ ganze Irrtum Cohens, der seine Welt von der unseren trennt. Wir erkennen, daß die jüdische Religion die größte und erhabenste Schöpfung• des jüdischen Volksgeistes ist, ohne uns dogmatisch darauf festzulcgen, daß sie die einzige Manifestation dieses Geistes war oder zu sein braucht. Die einzige Ucberiegeiiheit, die Cohen gege 11 über der Assimilation dem Zionismus zugesteht, sind seine Bemühungen um die Wieüei beicbung des Geistes der hebräischen Sprache. Obwohl er ein Gegner eines profanen, im Golus gesprochenen Hebräisch ist, gestellt er doch, mul Nationalität führt Buber durch den Hinweis ad absurdum, daß Hermann Cohen selbst noch in seinen letzten Schriften von den Juden als einer Nation spricht und daher nicht das Recht hat, es dem Zionismus als ״Uuwahrhaftigkcit" vorzttwerfen, daß er diese feine Untersclieidimg nicht konsequent in allen seinen Aeußctimgen durchführt. Bube!׳ beweist, daß ein folgerichtiges Durchdenken dieser Cohensehen Unter- Scheidung zit dem Paradox führen müßte, daß ״alle Leiden der Nationalitäten somit cingehildete Leiden und deren!Teilung eine Aufgabe der Lehre von den richtigen Begriffen wären.״ Wenn Hermann Colien die Meinung■ habe, daß die Juden der meisten Länder, B. die deutschen, in dem Lande ihres gegenwärtigen Wohnsitzes eine Heimstätte besitzen, so sei gegen diese Auffassung an sich nichts cinzmvenden. Das Baseler Programm fordere ja auch nicht die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten ’) ״Per Jude", Heft 5. Verlag R. Löwit, Bcrliii-Wien. , , ׳ ׳ I Heimstätte ״für die Juden", wie Cohen das!•Baseler Programm verunstaltet zitiert, sondern | fiir das jüdische Volk. ״Ob diese oder jene! Juden sich bereits im Besitz einer Heimstätte j fühlen, das ist ihre Sache; alwr besitzt dato | jüdische Volk eine Heimstätte?" I Was aber die Unterstellung Cohens betrifft, j daß die zionistische Literatur sich ״in frivoler Verhöhnung dieser höchsten Idee der jüdischen Religion", des Messianismus, ergehe, so weist | Buber nach, daß die zionistische Literatur eine; solche Verhöhnung nicht kennt, daß aber die j liberal-jüdische, aiiti/iouistische Literatur sehr I wohl den .mes-ianisclicn Gedanken entstellt und verzerrt habe. Der offene Brief Martin Hubers an Hermann Cohen ist ein Dokument des kämpfenden Zionis'mus, das zu den edelsten und wirkungs׳■ I vollsten Manifestationen gehört, die die Kraft j der geistigen und sittlichen Erhebung unserer ן Bewegung hervorgcbracht hat. Die Rüstkammer ■ unseres Kampfes für das jüdische Volk ist durch ihn um neue‘geistige Waffen der zionistischen Argumentation bereichert worden M. M. Der amerikanisch-jüdische Kongress Einigung in der Kongreßfrage zwischen Kongreß- und Konferenz* bewegung Am Sonntag, den 16. Juli, fand im Hotel Astor zu Ncw-York eine Konferenz national-jüdischer OrganisalioiHUi statt, die das Americaii-Jcwish Lommittee und eine Reihe anderer Organisationen einbcrufcni hatte, ״mit dem Zwecke, Maßnahmen zu erwägen, einschließlich der Diskussion von Vorschlägen, die bezüglich der Organisierung eines jüdischen Kongresscs zur Sicherung der rollen Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern unter Abschaffung aller gegen sie gerichteten Ausnahmegesetze vorgclcgt werden könnten; wobei der Ausdruck ״volle Gleichhercchtigimg“ so oi verstehen ist, daß die bürgerliehen, religiösen und politischen Rechte gemeint sind, und außerdem in denjenigen 1 ändern, wo vcrschiedenen Nationen eines Landes besondere Gruppenrechte zucrhaiint sind, die Ausdehnung dieser Rechte auf die Juden, sofern diese sie wünschen,'‘ Cs waren 27 jüdische Organisationen durch etwa 70 Delegierte vertreten. Zum Vorsitzenden wurde Herr Louis M a r s h a 11, zum stellvertretenden Vorsitzenden Herr Jacob Pankin gewählt. Herr Marsh all führte in seiner Eröffnungsrede etwa 101• gendes aus; ״Die Juden durchleben jetzt einen Moment, vveleher von ihnen verlangt, daß sie die Arbeit aufnehmen sollten fiir die Sicherung der |x>litischcn und religiösen Rechte der Juden in den Kriegs-Zoneu und im Anschluß daran die Ausdehnung von Sonderrechten in den Ländern, wo besondere Grnppen diese Rechte genießen, auf die Juden. Ich glaube nicht, daß es einen einzigen Juden in Arnerika gibt, der etwas gegen ein solches Arbeit «programm hätte und der diese Plattform nicht ukzc|> tiereil würde. Jetzt aber stellen wir einer Spaltung innerhalb des amerikanischen Judentums gegenüber. Ich bin nicht der Ansicht, daß es eine auf Prituipiett basierende Spaltung ist. Es ist eher ein Miß- Verständnis zwischen Persönlichkeiten und Gruppen, ln diesem wichtigen Abschnitt der Weltgeschichte und der jüdischen Geschichte müssen wir alles tun für Einigkeit und Solidarität. Wir haben vor der Welt zu erscheinen als eine starke, feste Gemein«■ Schaft, um den Juden jenseits des Ozeans zu helfen.

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