Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Eine Einleitung Von Max Nordau. ln einem großen Verlag in London ist soeben, herausgegeben von Paul Goodman und Arthur L), Lewis ein außerordentlich interessantes Buch unter dem Titel ״Zionism. Problems and Views“ erschienen. Wir werden die wichtige Publikation eingehend besprechen. Heute vermitteln wir unseren Lesern die Ucbertragung der ״Introduction“ von Max Nordau. 111 den Grundsätzen des Zionismus ist nichts Schwankendes und nichts Verschwommenes enthalten. Sie lassen sielt leicht und klar darlegcn; Die Juden bilden nicht nur eine Religiotisgetiieinscliaft, sondern auch ein Volk. Es gibt Juden, die ihre nationalen Bande zerreißen, die Auflösung des Volkes Israel in seine nichtjüdische Umgebung erwarten. Aber die große Mehrheit der Juden, besonders in Osteuropa, ist von dem glühenden Wunsche bescclt, ihre jüdische nationale Eigenart zu erhalten. Der Zionismus bedeutet nichts für die Juden, die an der Schmclzticgel-Thcoric hängen. Er ist das Ideal derjenigen, die sich einer jüdischen Nation zugehörig fühlen. Diese letzteren sind überzeugt, daß sie, um ihre Möglichkeiten eines Fortschrittes in der Kultur auszuarbeiten, ihren Charakter zu eiltwickeln, ihre ererbten Begriffe von M׳'ral, Gerechtigkcit und Brüderlichkeit zu verwirklichen und dem verderblichen Einfluß von I laß und Verfolgung zu entgehen, aus ihrer Diaspora erlöst, vereinigt und in einem eigenen Lande angesiedelt werden müssen, wo sie ein natürliches Leben als Ackerbauer füliren können. Das einzige Land, das für diesen Zweck in Frage kommt, ist Palästina, die historische Heimat ihrer Vorfahren, welche durch zwei Jahrtausende hindurch das Ziel ihrer Sehnsucht bildete. Der Zionismus beabsichtigt nicht, alle Juden der Erde in das Heilige Land ihrer Ahnen zurückziiführcii. Die Rückkehr derjenigen, welche mit ihrem ganzen Herzen an ihrem Geburtslande und ihren Bürgerrechten hängen, kommt gar nicht in Frage. Nur diejenigen werden sich gen Osten wenden, die fühlen, daß dort und nur dort das Leben ihnen seelisch und materiell Befriedigung und hohes Glück bietet. Der Zionismus hat nicht den Ehrgeiz, einen unabhängigen jüdischen Staat zu gründen, sei es ein Königreich, sei es eine Republik. Alles, was Cr verlangt, ist, daß man seinen Anhängern eine Einwanderung nach Palästina ohne irgend welche Beschränkungen gestattet, ihnen erlaubt, dort so viel Land zu kaufen, wie sic für ihr Geld bekommen können, sich der Autonomie der lokalen Verwaltung zu erfreuen und in ihren ernstesten Bemühungen, Bodenkultur und Wohlstand zu schaffen, nicht behindert zu werden. Es ist selbstverständlich, daß die zionistischen Juden sich verpflichten, der Macht, unter deren Souveränität, Palästina steht, gewissenhafteste, ehrlichste Loyalität entgegenzubringen. Das ist die Lage des Zionismus, voll und aufrichtig, obgleich kurz dargclcgt. Die Notwendigkeit des Zionismus, des einzigen praktischen Systems, um einem zwanzig Jahrhunderte langen unerträglichen Leiden von Millionen höher begabter menschlicher Wesen, ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh •rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina." Baseler Programm. die künstlich in einem niedrigen Stande der Ent- Wicklung gehalten werden, ein Ende zu machen, wird durch die gegenwärtigen Ereignisse überreichlich bewiesen. Einige fänflrundcrttau• send jüdische Soldaten, eher mehr als weniger, die teils unter dein Militärgesetz ihres Landes, teils freiwillig in den Reihen der Armeen aller kriegführenden Länder stehen, leiden in diesem Augenblick grausamste Martern, vergießen ihr Blut, opfern ihr Leben, schreiben sich durch heldenhafte Waffentaten in die Rulimesannalen ein und sehen doch beleidigende Zweifel in ihren Patriotismus gesetzt, fühlen sich umgeben von einer Atmosphäre des Argwohns und der Feindseligkeit, hören oft das Wort ״Fremder“ mul ״Kosmopolit“ hinter ihrem Rücken gemurmclt oder ihnen sogar schroff ins Gesicht gesagt, gar nicht zu reden von den Greueln, welche gegen Millionen jüdischer Opfer in der russischeu Kriegszone begangen wurden. Es gibt nur einen Weg, die Wiederholung dieser Schrecken zu vermeiden, indem man diesen ״Fremden“ und ״Kosmopoliten" eine eigene Heimat gibt, und das ist das, wofür der Zionismus kämpft. Denjenigen, welche geneigt sind, unser Sehnen als Traum zu behandeln, können wir die vielversprechenden Anfänge einer jüdischen Kolonisation in Palästina zeigen, mit zehntausenden Morgen herrlicher Kornfelder, Weingärten, Orangen-, Mandeln- und Olivenhainen; mit netten, sauberen, blühenden Dörfern und hebritischen Schulen, wo eine Generation kräftiger mul gesunder Kinder eine glänzende Erziehung in der heiligen Sprache der Propheten erhält. Allerdings sind diese Kolonien gegenwärtig durch den Krieg ernstlich gefährdet. Es ist unsere heilige Pflicht, alles zu tun, was in unserer Macht stellt, tun sic durch die Gefahren der Stunde sicher zu leiten. Einst, wenn der Friede wieder liergcstcllt sein wird, werden sic die Welt und sogar die immer skeptischen Juden von unserer Fälligkeit als Landwirte, Weinbauern und Viehzüchter überzeugen. Ich habe mich lediglich auf den prosaischen Tatsadienbcstami beschränkt. Ich habe es vermieden, auch nur ein Wort über die Schönheit mul Erhabenheit des zionistischen Ideals zu sage״. Wer immer eine Zukunft des Judentums wünscht und an sic glaubt, muß verstehen, daß nichts sic verbürgen kann als der Zionismus. An die Leser der Jüdischen Rundschau in Wien. Wir haben dem Verlag R. L&wlt, Wien, l. Rotenturmstr. 22, den Einzelverkauf der Jüdischen Rundschau für Wien übertragen., Der Preis der Nummer betrügt im Einzel• verkauf 30 11. Verlag■ der Jüdischen Rundschau. Zum Heeresdienstfder russischen Juden in England Debatte im englischen Parlament Anläßlich der Debatte, die im Parlament am Montag dem 24. Juli spät nachts anläßlich des neuen Militär-Kredits statt fand, sdvnitt Mr. King die Frage wegen der Drolumg an, die im militärpflichtigen Alter stehenden Fremden auszuweisen, welche Untertanen befreundeter Länder sind und es ablchncn, in der englischen Armee zu dienen oder vor einem speziehen Gerichtshof zum Zweck der Befreiung zu erscheinen. Mr. King erklärte, daß die Politik der Regicrung ein großer Fehler sei. Wenn die Regierung verlangt, daß diese Menschen sich der englischen Armee anschließeu sollen, so darf sic nicht mit einer Drohung in der einen und mit dem Rekrutier• ungspapier in der andern Hand kommen. Daß sie das getan hat, war ein schwerer Fehler und hat die schwierige Lage noch viel schwieriger gemacht. Mr. King fragt dann den Home-Secretary, ob er das alles mit Zustimmung der alliierten Rcgierun!- gen tut. Na di meinen Informationen, sagt Mr. King, hat die englische Regierung von der russischen, itaiienisdien, serbischen, japanischen und portugiesischen Regierung keine Forderung erhaltent ihre Bürger aus diesem Lande auszuweisen, damit sie in ihrem eigenen Lande sidi der Armee anschließcn sollen. Faktum ist, daß , die russische mul italienische Regicrung es nicht wollen, daß man ihre Bürger aus England ausweist. Fs gibt hier einige tausend russische Juden, die hierher gekommen sind infolge politischer und 90 zialer Rechtlosigkeit, unter der sie in Rußland gelitten haben, sowie infolge religiöser Verfolgungen. Es gibt liier vielleicht 10000 russische Juden im militärpflichtigen Alter, ich habe einige von ihnen gesellen und habe drei Deputationen ihrer Vereine empfangen und alle haln-ii ihre Verwunderung darüher ausgesprochen, daß man keinen ernsten cVrsudi gemacht hat, die russischen Juden aufzulordem, freiwillig in die Armee cinzutreten. Es ist doch sonderbar, daß man, um ihre Einreihung in die englisdie Armee zu veranlassen, ihnen mit der Aus- Weisung droht. Der Abtransport dieser Juden wird keine nützliche Tat sein. Rußland hat genug Mensdicii. Der Abtransport wird eine lange und schwicrige Unternehmung sein und cs wird sehr viele, Kosten verursachen, sic nach Archangelsk und von' dort hunderte von Meilen weit nach den Orten zu sdiicken, wo man sie ausbilden kann. Etagegcn sind diese Menschen hier im Lande von großer okonomt■ scher Wichtigkeit. Man hat mir gesagt, daß 20- bis 25 000 Juden in der Klcidcrbrandte oder bei der Anfertigung der Khaki-Uniformen arbeiten. Die Londoner Firmen wären niemals in der Lage gewesen, ihre Kontrakte mit dem Kriegministerium einzuhalten, wenn die russischen Juden nicht wären. Warum also soll man sie Ausweisen? Es wird der größte ökonomische Fehler sein, wenn man jetzt aus den großen englischen Städten irgend einen russischen Schneider herausschicken wollte. Wenn ein Teil der Presse erklärt hat, daß die russischer! Juden die Arbeit an sich reißen zum Schaden der englischen Arbeiter, so ist dies ein großer Irrtum. Die russischen Juden haben besondere Organisationen in verschiedenen Branchen. Sie haben eine große Anzahl von Holzarbeiter-Verbänden im East-End go gründet und ich selbst habe gesehen, wie die Kisten 1111 East-End von russischen Juden gemacht werden. Ich glaube, daß der Hotne-Sccrctary sich mit den einzelnen Fakten in dieser Frage nicht bekannt gemacht hat. Anstatt den englischen Arbeitern Arbeit wegzunehmen, schaffen die russischen Juden vielmehr Arbeit für andere. Der Einfluß der jüdischen Bevölkerung ist von jeher von Nutzen für jedes Land gewesen. Vor 300 Jahren sind in England keine Juden gewesen und heute nehmen die Juden einen wichtigen Platz in der Gesellschaft ein. Es befinden sich 20 jüdische Abgeordnete hier in diesem Hause, zwei Juden sitzen im Kabinett und von den 20 Abgeordneten haben 10 Ehrentitel. Das alles zeigt, was für ein Unsinn es war, einen Weg zu betreten, bei dem von Ausweisungen ן die Rede war, und 80 die jüdische Bevölker - un8 gegen die Regierung auf zu regen. Die