Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Rückblick und Ausschau Die zwei Jaltre des Krieges, die jetzt verg.utgen sind, haben dem jüdischen Volke Sehwcres, Aüzusclnveres gebracht. Auch über die Ziorüstisehe Organisation sind sie nicht ohne viele!!arte Prüfungen liiinveggegangen, die begonnene Arbeiten unterbrochen, geschaffene Werke hedroht und unersetzliche Le 1h■ 11 ausgelöscht haben. Wenn wir uns aber nochmals zum lieberbück sammeln, bevor wir für neue Entscheidimgen den Entschluß bereiten, so müssen wir die große Kraft feststellen, die aus der Tiefe unserer Gemeinschaft heraus und in unbeirrbarer Einschätzung der äußeren Situation den Zionisnuis und sein Werk hinweggehoben hat über alle Verlockung und Gefährdung. Die nationalen Grundlagen des Zionismus sind durch nichts erschüttert worden. Alrer die Verbundenheit mit den nationalen Ewigkeitswerten des Judentums ist in der Gesamtlieit und in jedem Einzelnen stärker und inniger geworden. Die nationale Solidarität hat in ungeheurem Leid eine Neubelebung erfahren, die jede jüdisehe Gruppe erfaßt und im Gesamtjudentum die alte jüdische Gemcinbiirgschaft zu helfen• der Tat gerufen hat. Keine im Krieg entstandene jüdische Bewcpng für gegenwärtige Hilfe und künftige Sicheniiig ist vom Zionismus unberührt geblieben. Er spricht aus jeder allgemeinen jüdischen Kundgebung, die — aus der Not der Zeit geboren — für die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft eintreten will. Die Zionistische Organisation selbst aber kann auf dieses Große vor allem hinweisen: sic hat ihre Einheitlichkeit und Geschlossenheit erhalten. In solcher Zeit sie erhalten, hieß, ihre innere Kraft auf die äußerste Probe stellen. Sich erhaltend und bewahrend, hat sie aus sich neue lebendige Kraft geboren. Das kostbare nationale Werk der jüdischen Siedlung in Palästina! — in fünfunddreilligjährigem Schaffen zur Grundlage alles kommenden Aufbaues geworden —, ist in hingebungsvoller Treue mit Anspannung aller geistigen, physischen und materiellen Energie geschützt Worden. Noch ist nicht jede Gefährdung abgewendet. Trotzdem gilt es jetzt, den vor uns liegenden Weg zu Überschauen und die Erfüllung der historischen Notwendigkeiten vorzuberciten. Nur eine unvergleichlich intensivere Arbeit als bisher kann dem Ziele der Erneuerung des jüdischen Volkstums in und durch Palästina üäher kommen. ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Offentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm, Unsere jüdische Generation muß die Kraft zu dieser für unsere nationale Zukunft entscheidciidcn Arbeit bekunden. Wir wissen, daß diese Kraft vorhanden ist. Das furchtbare Leiden, das dieser Krieg über unser Volk verhängt hat, hat auch die Aufopferung und Hingebung in der jüdischen Gemeinschaft zur Tat gerufen. im brüderlichen Werk der Hilfe, in der unermüdlichen Arbeit für Hunderttausende und Millionen geflüchteter, vertriebener, zerstreuter Volksgenossen, im nationalen Bekenntnis und Zusammenschluß der Entrechteten, im heroischen Altsharren auf der heiligen Scholle von Erez- Israel, im unerstickbaren Leben der Sprache und des Geistes: überall hat sich eine solch unvergleichliche Kraft des Volkes kundgetan, daß der Zweifel sic nicht beflecken kann. Wer es nicht wußte, hat es gelernt: die opfervollc Hingabe an die Gemeinschaft erzeugt das Wunder der schöpferischen Leistung. Damm bauen wir auf diese Hingabe unsere Zukunft auf. Es kommt die Zeit, in der wir aus eigener Kraft unserem Volke die Erneuerung in Palästina und durch Palästina bereiten. Palästina ist in eine neue Entwicklung eingestellt, die unsere Atifschlicßungsarbcit in beschlcnnigten Schritt bringen nvuß. Die Verbundenheit des Einzelnen mit Palüstina muß fester werden, auf daß sic sich zur zionistischen Tat erhebe. Die Arbeit in Palästina und für Palästina braucht die besten, die treuesten und zähesten Kräfte des jüdischen Volkes. An sie wird der Ruf ergehen. Die Zionistische Organisation als Ganzes wird im Bewußtsein der Verantwortung, die ihr auferlegt ist, endlich einmal ihre volle Kraft anspannen müssen. Sie hat mit ihrer geschlossenen Einheitlichkeit ihre volle Aktionsfähigkeit bewahrt. Sic hat die allseitigen Möglichkeiten ihrer Arbeit nicht nur erhalten, sondern gestärkt und ausgebaut. Jetzt muß aber in ihr das Bewußtsein lcbaldig sein, daß es gilt, den gewaltigen Aufgaben gerecht zu werden, die ihr nach Been* digung dieser Periode des Krieges und der Erhaltung des Bestehenden gestellt sein werden. Große Leistungen persönlicher Hingebung werden gefordert werden. Gewaltige Mittel müssen aufgebracht werden, um die neuen Möglichkeiten der kommenden Aera zu verwirklichen. Der organisierte Gesamtwille muß geweckt werden. Alle Kräfte müssen sich für das große Werk sammeln. Die Sammlung der jüdischen Kraft, für das jüdische Werk — das muß die allgemeine jüdisclie Losung werden. Die Zionistische Organisation wird sich ihr, widmen. Die Zionistische Organisation fühlt die Verpflichtung, die die Zeit dem jüdischen Volk auferlegt. Reelle Politik! Das ״Frankfurter Israelitische Familienblatt‘‘ befallt sieh in seiner Nr. 27 mit meinen Ausfuhrengen über ״Polnische Juden und deutsche Juden‘‘ im Juniheft des ,,Juden‘•, die es als offiziöse Kundgebung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland wertet, ja sie ״als ein wenn auch nicht unmittelbares 1‘rommciamenl der Zionistischen Leitung“ hinstcllt. Ich protestiere auf das Nachdrücklichste gegen eine derartige Unterstellung, die nichts von der Voriiciimhcii veir.it, deren I eitlen - neben manchen freundlichen Bemerkungen - der Artikel meinen Ausführungen vorwirft. Ls erscheint mir als ein bedaucrliclies Zeichen von Mangel an politischem Takt, daß ein in einer unabhängigen Zeitschrift erschienener Artikel, der so persönlich gehalten ist, wie es nur irgend ein Bekenntnis sein kann, in einem zionistischen Blatte dazu ausgenut/.t wird, Angriffe gegen die Leitung der Zionistischen Organisation zu richten. Ich habe nicht die Absicht und nicht den Auftrag, die zionistische Leitung gegen die Vorwürfe zu verteidigen, die 11er Artikel gegen sie erhebt. Es ist aber vielleicht angehracht , einmal historischkril isch die Grundsätze der Behandlung aufztizeigen, die das Qstjudenproblein durch die deutschen Jmlen und durch die zionistische Leitung erfahren hat. Wenn das Frankfurter Familienblatt auch meinen heutige״ Ausführungen einen offiziösen Charakter bcizumesseii für richtig findet, kann iclt es nicht ändern. Das eine aber möchte ich gleich sagen: es war keineswegs nötig, Mitglied des Zionistischen Zcntralburcaus zu sein, ja matt brauchte dazu nicht einmal in Polen gewesen zu sein, um die Linien der Ostjudeupolitik der zionistischen Leitung und die der anderen in einem Zusammenhang zu sehen, der sich wesentlich von dem Bilde unterscheidet, das uns das Frankfurter Blatt zeichnet. ,,Als die westrussischen Gebiete durch die Zcntralmächtc erobert wurden“, sagt das Familienblatt, ״und die Ostjudenfrage in ihrer gegenwärtigen Frage CD akut war, hat es wohl keinen Zionisten in ik'iitschlaiid gegeben, der nicht mit Bestimmtheit eine baldige Aktion oder Stellungnahme der zionlstischen Leitung in dieser Frage erwartet hat.“ Ich kann mir vorstellen, daß es auch noch eine andere Auffassung von den Aufgaben der zionistischen Leitung und die der anderen in einem Zusammenhang und nicht nur die Ost Juden frage, als ein einheitliches Problem den In Frage kommenden Stellen zu unterbreiten und nachzuweisen, daß die Lösung der ganzen Frage ebenso wie die der Teilfragen auf der gleichen Grundlinie der Anerkennung jüdischnationaler Rechte geschehen müßte. Wenn nur dies das Resultat für die Juden sein sollte, daß die schwere Lage der polnischen Juden offenbar wird und daß man versucht, diesem Problem durch dieses oder jenes Mittel gerecht zu werden, so wäre damit herzlich wenig erreicht. Jedem einigermaßen historisch Denkenden, der sich mit den realen Möglichkeiten vertraut macht, welche für eine Regelung der speziellen Fragen der Ostjuden, in Betracht