Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1916)
- Date
- 1916-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang. Amerikanisches Judentum Neben den tmiulert Möglichkeiten, die der Krieg dein jüdischen Volke zur Verteidigung und Festigung seiner Existenz gegeben 11.11, )iahen die beiden Kriegsjahre eine jüdische Wirkliehkeit hervorgebraeht, die uns die ILiffumig gibt, daß von ihr noch ungeahnte Wirkungen! auf das gesamte äußere und innere Lehen der Diaspora und Palästinas ausgelicn werden: das kämpfende amerikanische Judentum. Zu einer Zeit, da die Juden aller kriegfiilirenden Länder vollauf damit zu tun haben, das im Frieden Geschaffene über die Dauer des Krieges in die Zukunft zu retten, da die russischen, galizischen und polnischen Juden mich schwer mit den verhängnisvollen Folgen jener gewaltsamen Ereignisse ringen, die ihr Lehen noch problematischer als zu Friedenszeiteil gemacht haben, erhebt sich das öffentliche jüdische Lehen Amerikas zu einer Höhe, die es in seiner Geschichte noch nicht erklommen hat. Der Krieg hat das Verantwortlichkeitsgefiihl der amerikanischen Juden in dieser für das Gesamtjudenfum entscheidenden Zeit unendlich gcsK'igert. Das amerikanische Judentum fühlt, daß es in diesem Kriege dazu berufen ist, nicht nur der leidenden jüdischen Bevölkerung in den kriegführenden Ländern wirksam zu Hilfe zu kommen, sondern auch die Interessen des gesnmteil Judentums der nichtjüdischen Welt gegenüber politisch zu vertreten. Die Form dieser Vcitretung glaubt es in der großzügigen Orgauisicrung eines allgemeinen amerikanisch-jüdischen Kongresses gefunden zu haben, der die Fordcrungen des gesamten jüdischen Volkes der friedenschließenden Welt unterbreiten soll. Die Kongreßidee steht heute im Mittelpunkt des jüdischen Lehens Amerikas, In ihren Dienst haben sich Männer von der hervorragenden Stellung und der hohen Begabung eines Louis D. Brandeis, Stephan Wise, Hugo Pam, Harry Friedenwald, Jakob de Haas, L.ipsky, A. Goldberg und vieler anderer gestellt. Die den Kongreß vorbcicitende Tätigkeit hat zu einer gewissen Klärung in der politischen Gruppierung der jiidischen Parteien Amerikas geführt. Heute gellt durch das amerikanische Judentum bereits derselbe große und vorerst unüberbrückbare Riß, der auch die europäische Judenlieit in zwei große Lager trennt: hie selbstbewußte ilemokratische Freunde des jüdischen Volkes — iiie assimilatorisch - pliilantropische Ucbcrpatrioien, denen der Wille des Volkes quantite ncgligcablc ist. Wenn auch die Gegensätze in Amerika nicht so scharf hervortreten wie in den europäischen Landern, so erinnern die Schiff und Marshall und mit ihnen die volksfremde Oberschicht der American Jewish Committee - Mitglieder, die sich der Idee eines öffentlichen Kongrosses und einer Vertretung der jüdischen 111teressen durch das jüdische Volk selbst entgegenstellen, stark an unsere Assimilanten, denen die Oeffentlichkcit eines selbstbewußten jüdischen Lebens so viel Angst und Widerwillen erzeugt. Die führenden Männer, die heute das Steuer der jüdisch-amerikanischen Kongreßbcwcgimg in Amerika in Händen halten, sind der zionistischen Idee nahestehende Persönlichkeiten oder Zionisten. Nicht geringe Wirkung auf die Belebung des amerikanischen Judentums haben jene ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer flffent« lieh-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina." Baseler Programm. jüdischen Volksfiilircr ausgeübt, die der Krieg nach Amerika verschlagen hat. Einen starken Anteil an der jüdischen Volksarbeit in Amerika haben nicht mir führende europäische Zionisten wie Dr. Sclimarja Lewin,, dessen gliinzendes i iilirertalent mul energievolle Tätigkeit in nicht geringem Maße zu dem Fortschreiten der zionistischen Bewegung in Amerika beitragen: auch der neue palästinensische Jischuw trat für die paucr lies Krieges viele wertvolle Kräfte an Amerika ab. Sie alle fanden sieh in der Arbeit für das amerikanische und damit indirekt fiir das Gcsnmtjiiilentiim in der neuen Welt ztisnm- 1111:11. Namen wie Leo Matzkin, Baris Goldberg, l)r, Mossinsolin, Scheinkiu, Borochow, Scrubabcl, (!liasanaw itscli, Me'ir Berlin, l)r. Melamed 11. a. genügen, um zu verstellen, daß heute in Amerika Männer am Werke sind, zu deren Arbeit das jüdische Volk volles Vertrauen haben kann. t!ן:(| schon hpcänuci sjcli dh: Früchte dieser uiiMntei'bioc/c'iieu mühevollen Tätigkeit zu zeigen. Der amerikanische Judentag, den der Priisiden! der Vereinigten Staaten anordnete, und dessen Sammlungen die erste Not der schwerbetroffenen jüdischen Kriegsopfer lindern sollten, und die große von ganz Amerika beschickte Philadelphia- Vorkonferenz zum jüdischnmerikonischen Kongreß waren zwei Höhepunkte diesei Arbeit. 1111 Verein mit der allgemeinen jüdischeu Tätigkeil wurde eine weitverzweigte erfolgreiche Propaganda der zionistischen Idee unter den jüdischen Massen des Landes geführt, die zugleich den Boden für eine intensive, immer weilen׳ Kreise erfassende hebräische Bewegung lockerte, die gerade in diesen Tagen daran geht, sich zu organisieren mul sich so die Kontinuität einer ersprießlichen einheitlichen Arbeit zu sichern. Hand in Hand mit dieser eifrigen zionistischen Tätigkeit geht die erfreuliche Ent- Wicklung der amerikanisch-zionistischen Presse. Der ״Maccab,1 ־ean“, das offizielle Organ der amerikanischen Zionisten, hat durch die Mitarbeit der besten Publizisten mul Schriftsteiler einen stetigen Aufschwung genommen. I״ וווJüdischen Volk" haben die zionistischen Massen ein jidisches Wochenblatt, dessen geistiges Niveau weit über dem der übrigen jidischen Zeitungen Amerikas steht. Der in ein Wochenblnü verwandelte hebräische ״Hatoren" ist unter der bewährten Redaktion von Dr. Berkowitz zu einem führenden Organ Amerikas geworden. Die jüngst begründete jüdisch-nationale ,Wochensclirift in englischer Sprache ,The American Jewish Clironicle" soll auch den weder hebräisch noch jidisch verstellenden jüdisch-nationalen Krciscii umfassende Informationen über das Lehen und Schaffen des jüdischen Volkes geben. Daneben haben sich die Misrachisten im ״Haibri" und die Ponlc-Zionistcn im ״Jüdischen Kämpfer" gediegene Ausdrucksorgane geschaffen. Aber nicht diese Einz.clarbeitcn und -erfolge sind cs, die heute Amerika eine unbestreitbar hohe Bedeutung für das gesamte Judentum geben. Das wesentliche und weit über die Gegenwart hinaus wirkende Moment des kämpfenden amerikanischen Judentums ist der vollkommene Sieg einer wahrhaften Demokratie. Nicht einer Demokratie als starres Prinzip, sondern als Mittel zur Steigerung des jüdischen Ansehens und der jüdischen Macht nach außen, des jüdischen SelbstbcwulUseins und der jüdischen Sclbstvcrnntwortlichkcit nach innen. Wie wäre es sonst zu erklären, daß die Vertreter der Delegation der russischen Regiertuig von ihrer Reise' nach den verbündeten Entcntcländern mit dem für sie und ganz Rußland überraschenden Eindruck nach Hause zu* rückgekehrt sind, daß die russische Regierung, wenn die neue Anleihe der Entente in Amerika nicht fehlschlagen soll, in der Judenfrage eine ihrer bisherigen entgegengesetzte Judenpolitik verfolgen müsse? Das Beispiel der nationalen Organisierung»- bestrebungeu der amerikanischen Juden hat fiir alle Zukunft bewiesen, welche politische Wirkling in einer organisierten, selbstbewußten Judenheit ruht. M. M. Louis D. Brandeis Anläßlich der Berufung Brand eis’ an den Obersten Gerichtshof schreibt die jüdisch-nationale Wochenschrift ״The American Jewbli Chmricli’׳‘ d׳e vor kurzem unter der Redaktion von Dr. S. M. Me- 1.1 tu cd zu erscheinen begonnen hat: Die Bestätigung der Berufung von Louis D. Brandeis an den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten durch den Senat wird von der gesamten amerikanischen Judenlieit mit Begeisterung begrüßt. Die Ernennung von Mr. Braudeis zum Bundvsrichter ist ein bedeutender Schritt vorwärts in der jüdisch-amerikanischen Geschichte. Mit der Ernennung Brandeis' ist die amerikanische Regierung dem Geist der besten Ueherliefcrungen dieses Landes gefolgt. Sie erkennt die wichtige Rulle an, die die Juden auf allen Gebieten des amerikanischen Lichens spielen, und zeigt, daß die Dienste der, jüdischen Bürger ebenso hoch zu schätzen sind wie die der anderen. Das ist wichtig, denn viele waren der Ansicht, dall der Antisemitismus die Grundlage des Kampfes gegen Braudeis war. Und der Antisemitismus, wo er auch immer sei, wird mächtig und gefährlich nur durch seine Unterstützung seitens der Regierung. Die Bestätigung Brandeis’ durch den Senat ist eine neue Sicherheit, daß die Furcht vor einem amerikanischen Regicningsaiitiscmitismus übertrieben ist. Die Regierungen, die die Juden noch unterdrücken, werden in diesem Schritt einen Hinweis auf die klare I ialtung der Vereinigten Staaten dem jüdischen Volk gegenüber sehen. Gewöhnlich haben die Juden wenig Grund, sich über die Berufung eines Glaubensgenossen zu einem höheren Amte zu freuen, weil sehr oft die Ernannten abseits von ihrem Volk stehen, ihren Zusammenhang mit der jüdischen Nation leugnen und sich sogar seiner schämen. In diesem Falle trifft das nicht zu. Mit dem wachsenden Rufe Brandeis' als eines angesehenen öffentlichen Arbeiters wuchs sein Ruf als aufrichtiger und fähiger Führer der jüdischen Sache. Er wurde im assimilatorischen Milieu erzogen und verbrachte den größten Teil seines Lebens in der Umgchimg vom Assimilanten, denen das Judentum als ein Unglück gilt, das sie loswerden möchten. Brandeis erhob sich über die Einflüsse und Traditionen jener Kreise. Jetzt werden jene Juden, die in der Entwicklung des Zionismus eine Gefahr für die Interessen der amerikanischen Nation sehen, von der Regierung selbst geschlagen. Diese Enttäuschung wind die Assimilanten beruhigen, die, da es ihnen an ge״ wichtigen Einwänden und Argumenten gegen den Zionismus mangelt, die Verleumdung erfanden, daß Zionismus mit Patriotismus unvereinbar sei.