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Jüdische Rundschau · 1916-07-14 · Heft 28 (14.7.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 28 (14.7.1916)
Date
1916-07-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die grossen Möglichkeiten ״Oer Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh'rechtlich gesicherten Heimstätte 11) Palästina.״ Baseler Programm. tiic wir die Kr.'ift des jüdischen Volkes mul seine Scliw;iclicn kennen, uns nicht verhehlen, in welchen (iren/en sich die Leistungsfähigkeit der jüdischen Gesamtheit hält. Daß wichtige Zahlen Professor Ballods die uns geläufigen Bercchnungen ühersteigen, wird der fachmännischen Prüfung (ielegenheit zu Korrekturen geben. Herzl sprach das Wort ״Wenn ihr wollt, ist cs kein Märchen“. Prof. Ballod hat, vermutlich ohne Herds Losung zu kennen, den Versuch gemacht, diesem Märchen statistische (»rund- Inge /11 liefern, und seine Arbeit erinnert, wenn sie auch eben nicht um einem Künstler und nicht von einem Politiker, sondern von einem Mann der Wissenschaft geschrieben ist, in entscheidenden Punkten au die• lockenden Bilder von ״Altneulaud“. Aber sie zerstört jedenfalls wie gesagt, endgültig den Wahn, daß die systemntisehc und durch keinen Milterfolg zu erschlitternde Arbeit' des Zionismus auf einem für alle weitere Ausdehnung der Siedlung unfruchtbaren Boden voll fuhrt wird. Ls ist politisch liclilig, ela 14 l'rof. Ballod, der Mann der deutschen Wissenschaft, der doch in naher Beziehung zur deutschen Politik steht , die Kolonisation Palästinas als eine dein kolonisierenden Llunent und dem koionisierenden Lande förderliche Arbeit darstellt, ohne sie mit Absichten zu verknüpfen, die nicht in den türkischen Bedürfnissen begründet sind. Damit werden sehr verstäudigerw,eise die berechtigten Ansprüche der türkischen Wirtseliaftspolitik geschont, welche nicht leicht sich damit einverstanden erklären kann, elalt alle Fortschritte und Reformen, die in der Türkei diirchgcführt werden, in usum dclpliiui geschellen. In natürlicher Verbindung mit diesem Gcdankcngang stellt die Hervorhebung, — die darum auch den ülKTzeugeudeti Ton der Selbst- Verständlichkeit besitzt, --- dali eine noch so starke und schnelle Kolonisation Palästinas den Interessen der Türkei aufs stärkste dienen müßte. Ballod, der sieh mit eigentlich politischen Problemen in diesem Aufsatz nicht befallt, spricht mir von wirtschaftlichen Möglichkeiten und ohne irgendwelche |>o|itisclt•nationalen Konsequenzen an solche Chancen zu knüpfen. Aber die Betraelitnng ist auch für andere politische (iedankengänge wichtig. Der Aufsatz von l’rof. Ballod wird in allen Kreisen die stärkste Beachtung finden. Daß man innerhalb der zionistischen Arbeitskreise ihn mit einer ganz außerordentlichen Aufmerksamkeit niifiiclmicn wird, ist selbstverständlich, denn er bedeutet eine Stärkung im Kampf mit Miliverstäuduisscu und f abeln. Tür die zionistische Organisation stellt er zwar kein Arbcitsprogram in dar, aber er ist, wie es einst ״Altnculand“ war, — wenn auch mit dem vollen Anspruch auf wissenschaftlich-ernste Wertung — ein kräftiges und bildhaftes Zeugnis einer Möglichkcit, die im Lande ruht und von dem Volke, das sicli als das Volk der Siedlung betrachtet, aufgeschlossen werden kann. Daß es hatte von solchen Fachleuten, wie der preußische Statist!- ker einer ist, in all seinen Kräften und in all seiner Schwäche so eingesdiätzT wird, das ist im übrigen auch ein Zeichen, daß die zionistische Arbeit der letzten Jahre nicht vergeblich gewesen ist. Sie hat der Welt Achtung vor unserer Kraft beigebracht. Wir haben uns durch Mißachtung nicht irre machen lassen. Das Zeugnis der Achtung wird In einer Zeit, da die europäischen Staatsmänuei an ein Wicdcrcrwachen des Orients einsthalt nicht zu denken wagten, sondern solche (leilankcn für blasse Phantastereien hielten, sprach Theodor Her/I die sichere Erwartung aus, dal» die Lähmung vom Orient weichen werde, die ihn solange in Fesseln gellalten habe. Er lioll'te, daß diese allgemeine weltpolitische Aendcrting ihre Wirkung auf die Zukunft der judisehen Siedlung in Palästina, auf die Entwicklung dt•• zionistischen Oedankens und der zionisti- .-eben Arbeit nicht verfehlen werde. Seit jenen! 'Ligen ist der Orient immer mehr und mehr zur aktuellen Frage geworden und man hat gelernt, über die kleineren Ocgcnwurtskäinpfe auf der Balkanhalbinsel hinweg das Werden des nahe״ Orients zu ahnen. Der Weltkrieg hat die entscheidende Ihnwälziing und selbst den Zionisteil, die in diesem Punkte nicht leicht zu überj r,!sehen waren, manches Unerwartete gebracht. Ls ist jedenfalls klar geworden, daß es keine wcl'politisdie Kombination gibt, in der die Zuk'.mit Su'iens und Palästinas nicht eine besonders bedeutsame Rolle spielt. Kiir/Iicli ist in Paris von einem christlichen Aiiina aus Serien, N a d 1׳ a Mo 11 trau, ein Luch unter dem Titel, ״La Serie de Deinaili“ ei-ciiienen. Ls stellt die gegenevartigeu Verhalliiisst■ dar mul wagt Ausblicke in die Zukiinit, die mit gewissen I loflniiiigeii der hesomlcis 11111er den christlichen Arabern verbleitcu 11 Bewegung verknüpft sind. In diesem Buch! stellt auch ein Kapitel über die jüdische Be- '1׳Ikerung und ihre Siedlung in Palästina. In /ei!n Seiten wird hier von diesem christlichen Ai.1iu׳r, der die Teilung der Türkei und die I n■ihhängigkcit des arabischen Syriens unter fi.m/bsischem Protektorat verlangt, der l’eher- Zeugung Ausdruck gegeben, daß jüdischer Arln 11 eine Hoffnung in Palästina nicht blühen könne; er will die jüdische Bevölkerung nur in einer ganz niedrigen Höciislzalil im Lande sich in! drrlassoii lassen. Aelmliche pessimistische Ansichten über die jüdischen Ansicdhingsmüglichkeitcn in Palästina sind auch in Deutschland nicht unvertreten geblieben. Der Bonner (icograph l’rof. Alfred Pjiilippson hat vor einigen Monaten im ״berliner Tageblatt“, 1111 Oegensatz fast zu allen jetzt in Deutschlaiul übliclieii Meinungen, die Ansicht vertreten, daß in Palästina überhaupt kein Bevölkerungszuwachs, oder nur ein ganz minimaler, Platz finden könne. Er behauptet, daß der Zionismus damit als Utopie endgültig iestgcstellt sei. Professor Otto Warburg hat düsen Behauptungen im ״Berliner rageblatt“ eine Erwiderung cntgegengestellt, die auch dem Laien klar machte, daß selbst die bescheidensie״ und vorsichtigsten Wertungen die Aufstelhingen Philippsons entkräften. Diese Erwiderung Professor Warburgs hat damals noch eine Entk'cgmuig von P11ili|>pson gefunden, die allerdings nichts neues mehr beibringe״ konnte. Nunmehr ist auf jene Auseinandersetzung cm Schlußwort gefolgt, wenn auch an anderer Stelle, wie es bedeutsamer nicht gedacht werden kann. In der von Staatsministcr Heinrich von Frauendorf er und Prof. Edgar Jaffe ausgezeichnet redigierten ״E 11 ro p ii i s ch e 11 S t a a t s - und W i r 18 c 11 a f t s z e i t u n g“ veröffentlicht am 2Ü. Juni der bekannte Statistiker Prof. Dr. C. Ballod, Mitglied des Statistischen Amtes der preußischen Regierung, einen großen Aufsatz, den er ״Das O s t j 11 d e n p ro b 1 e in und die Frage seiner Lösung durch den Zionismus״ nennt. Man kann ruhig behaupten, daß über diese l'rage mit solchen Resultaten noch niemals eine so anerkannte wissenschaftliche Autorität gesprochen hat. Was in,111 bisher über die jüdische Sicdhmgstätigkcit in Palästina kannte, waren entweder Aciilieruiigen von Zionisten oder die jüdische Arbeit mit Interesse verlolgendeii Politikern einerseits oder andererseits von Landwirten, die sich, ohne die weiten Ausblicke in die letzten Ziikimftsmögliclikeilen, mit der Untersuchung der Landesnatii.• Palästinas und den bisher erzielten Resultaten der jüdischen Kolonisation befaßten. Hier aber tritt eii.-. ,vi.-sui.-c'iaitliüie Autorität auf, .weiche die bisher bekannten Tatsachen zusanimenfaßt, um zu erfahren, ob Palästina überhaupt in der l äge ist, einen großen!!cvölkenmgs/mvacbs aufziineiimeu mul ein Vielfaches der heute in Palästiua lebenden Bevölkerung zu fassen. Prof. Ballod geht mit der Küble des Wissenschaftliehen Lörscliers, de» au keinem Einwaml voriK'igehcii kann, he/cieliiiciulcr Weise von den Behauptungen l’rof, Philippsons aus und kommt gerade hei ihrer Untersuchung zu dem Schluß, daß sie auf vollständig falschen Voraussetzungen beruhen und daß gerade das (iegeuteil von dem /!!trifft, was der (icograph behauptet hat. Prof. Ballod stellt fest, daß die fruchtbare oder (nichtbar zu machende Bmlenfläche Palästinas so groß ist, daß mit Rücksicht auf sie allein au die Kolonisierung selbst von sechs Mil- I i o 11 e 11 J1111 e 11 im Laude gedacht werden konnte. Diese Untersuchung mißt gewissermaßen mir die quantitativen lind rein äußerlichen Mögliehkeilen, ohne die Kräfte zu schätzen,die zur Bewältigung der in dm Zahlen verborgenen Widerstände notwendig sind. Aberdas ungemein Wichtige für uns und für jeden, dem das Problau der Aiifschließung des nahen Orients von Bedeutung ist, ist die Feststellung, daß es eine Label ist, warn man Palästina von vornherein als zu klein oder zu unfruchtbar betrachtet, um eine ganz gewaltige Hevölkeriingsmaigc aiil'zunehmen, Prof. Ballod untersucht die Ackerkiiime des Landes, untersucht, wieviel D1111,am Hodens auf den Hängen der Gebirge und im I lau ran kiillivierbar sind, mul vergißt dabei nicht, die Rechnung für gewaltige Bcbauuugs- und Beväs.saiiiigs,arbeiten auf/iitun, die notwendig .sind, wenn aus all diesen lockenden Möglichkeilen starke Wirklichkeiten werden sollten. Hier ist heute nicht der Platz, auf diese Rechnungen ein/iigcheii; es mag nur bemerkt werden, -- was das Resultat der Untersuchung Prof. Ballods ist - daß er 3‘/s Milliarden Mark für notwendig hält, um sechs Millionen Ein- Wanderer anzusicdcln. Es ist eine Zahl, die ungeheuer groß scheint. Man hat allerdings während dieses Krieges aufgehört, vor großen Zahlen zu erschrecken. Trotzdem wollen wir,

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