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Jüdische Rundschau · 1916-06-09 · Heft 23 (9.6.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 23 (9.6.1916)
Date
1916-06-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Brandeis 1111 Januar 1010 wurde die im 11,ichfolgenden wiedergegebene Ansprache in New York von Louis Brau de is, dem Vorsitzenden des ״Provisorischen Exckulivkomilees für allgemeine zionistische Augelcgenheiten in Amerika*‘ gehalten. Louis 1! 111 1׳, ׳ d e 1 s , dessen vom Präsidenten W. Wilson vorgeiiommcne Erm 11m111g /um Pichler lies ()bersten B 111111 e s!: e - 1־ i c h t s vom S;nat vor kurzem bestätigt winden ist, hat sich wahrend des Krieges mellt mir als der Fiilirer des nmerikauisehen Z.ionismu-• hervorgetan, soiideru aueh als der kraftvolle Leiter der großen jiidisehen Kungrcßbewcguiig in Amerika. Die im Januar gehaltene Peile ist in Amerika als limschiiie erschienen und soeben hei uns eingetroficii. Wir bringen ihre liebertragimg aus dem Englischen, obwohl mauehe Ausführungen inzwischen durch die ן Tatsachen überhol! sind. Geben die Ausj liihriiii^cii des bedeutenden zionistischen ן Führers doch eine lebendige (׳Charakteristik der KongrcISstimmiuig im ameiikaiiisehcit Jmleiuiim, die hier gern de jetzl steigendes Interesse finden dürfte. Vor fünf Wodien versammelten sich viele vom Vihhu m diesem Saal, um das Unglück dei Juden ש!Irr Kiiegszoue /n betrachten und durch Malliialum'ii Abhilfe zu schaffen. In dieser Woche soll a11 ו dir Proklamation unseres Präsidenten Inn eine Inet'iidirr Aktion in den Vereinigten Staaten unteriinmmcti werden, um für diesen Zweck Gelder auf- /itbnn0e 11. Die Not drängt. Es handelt sieh um I.cIk n timl Tod. Rasch lind reiehlich z.u hellen ist l’iiniit. Jeder von Ihnen wird das zweifellos tun. Dt'iin Sie müssen sich vorstellcn, dall trotz noch so hcdeiitemlcr Hilfsgcldcr immer noch Tausende mio, rer l’rinler dev Gefahr des Verhungerns atisge- ■1 tz! sind. Aber seihst wenn wir noch so edelmütig Geld :eluti würden, so würden wir doeli nur einen l'eil mst rer Pflicht in dieser grollen Krise erfüllt haben,!«lange wir nur danach streben, das Leiden ein- '1 liier Juden zu mildern, anstatt dem l lend des׳ ittlisclien Volkes ein Ende zu setzxn. Wir können lieln das einzelne Leiden bekämpfen, bevor cs uns licht gelungen ist, die Ursache dieses Leidens zu entf:n11 ׳. Und die I Imiptursaelic des jüdischen Elends M nicht der Krieg. Der Krieg ist mir der Anstoß, Ir׳' die lang vorhandene Not der Welt sichtbar genaclii lut. Der Krieg wirkte wie ein Vergtölicnings- Jla-. das das Leiden au manchen Orten zehn- oder '1111111eIllach vergröbert hat, so dall nur ein Blinder 1’s is.t'ht sehen kann. Die dem jüdischen Ideml zu- Prunde liegende Ursache isl immer dieselbe. Sie' M jetzt die gleiche, die sie vor dem Kiicge war. I ml nach dein Krieg wird das Elend weiter he- ÜiIn 11, wenn nicht die Bcibilgamgcn, unter denen dje Halft« der Juden der ganzen Welt lebt, von Grund auf ״eandert werden. Damit «las Unglück miiliöre, muH der Ungerechtigkeit, der Unterdrückmg! und der Zurücksetzung ein Ende gemacht weiden. Giv I '״tenlrückung und I lintaiwt/nng vor und '•'■־11׳ n.'t!d des Krii’tfrs \v;1r uiul ist so ,iiiBorordfiithcii, u.ii) 1»־,m staunen muH, da(i das Leben überhaupt möglich Es war Unterdrückung 11חןו ungereclite llintan- *i'i/aiig, die die grollen Massen der russischen Judenlivjt an den Abgrund des Elends brachleii, in 'h'in sic sich hei Aushrueli des Krieges befanden, mul das sie während des Krieges dem I lungvitode •m״•lieferte. Es war Vorurteil und imgereehte Zufurksrtzung, die die Jude״ den unnötigen Drangsaht einer feindseligen Behandlung seitens du er eigenen Landsleute während des Krieges ausset/ten. Aber der krieg bringt zusammen mit seinen ”chrecken schlicßlicTi der ganze״ Welt und besonden Juden ein Gutes. Er zwingt die Welt, Notbelii-Ife beiseite zu lasse״, letzte Wahrheiten /״ 5'1dien, sich mit Grundsätzlichem 7.11 befassen. Wir 5,ebnen u״s nach Frieden; aber wir beginne״■ ein- 1״will•״, daß weder internationale Kongresse und diplomatische Verhandlungen, noch Abrüstung den Frieden sichern können, Friede kann nur in einer Welt existieren, in der Gerechtigkeit und Woldwollen regiere״. Gerechtigkeit und Wohlwollen schnellen nicht mir Toleranz gegen Unterschiede in sich, sondern die, Gewähr voller Reihte trotz der Unterschiede. Es mul) Gerechtigkeit und Wohlwollen nicht nur unter Individuen, sondern auch unter verschicilciicn Völkern herrschen. Alle Völker müssen gleiche Rechte haben. In trüberen Zeiten nahm inan allgemein an, daß die volle Entwicklung eines Volkes notwendigerweise seine Herrschaft über andere mit sieh bringe. Starke Nationen neigen zu der lieberzeiigiing, daß mir durch eine solche 1 lerrsehaft die• Zivilisation vorschrcitc. Starke Nationen pochen auf ihre Ueherlegenheit und kommen zu der Ansicht, daß sie «Ins göttliche Recht besitzen, alitiere Völker ihrer I lerrseliaft zu unterwerfen. Bald verwandelt sich dieser Glaube au die Exi-tcu/ eines solchen Reellles in die Uchcr/.eugung, daß eine Pflicht vorhanden sei, dies zu erzwingen. Aniicktioiiskricgc sind die natürliche Folge dieses Glaubens, Die sc I laltung gewisser Nationalitäten war der Standpunkt, der stets von den Starken anderen gegenüber eingenommen wurde, bevor die Demokratie Gemein 1;ut wurde. Die Kample des IS, 11. lü. Jahrhunderts in Iv'iieg und Frieden galten der Ueberwimlung «lieses Standpunktes hiiisieldlitb der Individuen. Durch die Festsetzung gleicher Rechte jedes Ein/clncu auf Entwicklung wurde es klar, welche nonvcmligc Begreiiziuig diese Gleichberechtigung in sich trägt. Jeder Mensch mag sieh entwickeln, aber nur soweit, als diese seine Entwicklung nii'lit mit der Ausübung des gleichen Rechtes durch andere in Kollision kommt. So kam es, daß Freiheit das Recht hedeutete, sieh des Lehens zu erfreuen, Besitz zu erwerben, nach Glück zu streben, aber nur in dem Malle und in der Ausdehnung, dall die Ausübung dieses Rechtes sieh mit der Ausübung «les gleichen Rechtes durch jeden anderen unserer Mitbürger verciuharen läßt. Eine auf diese Weise eingeschränkte Freiheit liegt dem demokratisch(.20!)׳, Jahrhundert zugrunde. Sie existiert in einem gndlen Teile des Abendlandes. Lud sogar dort, wo diese individuelle Glciehbereditigimg noch nicht als politisches Recht gilt, gewinnt die Anerkennung ihres ethischen Wertes immer mehr an Boden, Die Demokratie vprwarf die Idee des Ueberinenselieii, der über die Opfer der Menge hinwcgselircitct. Sie bestellt darauf, daß die volle Entwicklung jedes Einzelnen nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht gegen die Gesellschaft sei und (laß unsere grollte Hoffnung auf Zivilisation nicht in der Gleichförmigkeit, sondern in weitgehender Differenzierung liegt. Die Bewegungen des letzten Jahrhunderts haben bewiesen, daß ganze Nationen eine nicht minder ausgeprägte Individualität besitzen als «lie cin/chie Person; daß die Individualität eine« Volkes unbe• zähmbar und ein mißverstandener Intern;dinnalismus, der die Verwischung der Eigenart von Nationalitäten oder Völkern erstrebt, imericiehhar ist, Der neue Nationalismus vertritt die Ansicht, daß jede Rasse und jedes Volk, wie das bulividmn, ein Recht und eine Pflichl sich zu entwickeln hat 11ml daß nur durch eine solche differenzierte Entwicklung eine hohe Zivilisation erreicht werden kamt. Erst wenn diese Prinzipien «les Nationalismus, gleich denen des Demokratismus, allgemein angenommen werden, vvinl die Freiheit vollkommen erreicht sein 11. ivcrilen Miiidcrbciteil zu ihrem Rechte kommen. Es besieht aber Grund zur Hoffnung, dall «lie Annahme׳ dieser Prinzipien als «•ine der guten Folgen des gegenwärtigen Krieges kommen wird, und mit ihr die Lösung des jiidisehen Problems. Demi «1er Kiicg erweckt «lie besser I siluierten Juden aus ihrer Erstarrung, Er bringt sie zur Erkenntnis fundamentaler Wahrheiten, die eine .sorgenvolle Vergangenheit verdunkelt hatte. In versclucdencii Ländern als Minoritäten während der aehl/clm Jalii'lumdei'te der Dias|>ora lebend, niancl־- mal gleich menschlichem Strandgut von dem gleichen Strom wirbelnd im Strudel forlgerisscn, hatten die Juden nur zu oft Mir Unglück als unvermeidlich und sich seihst nur als Iniiividucn betrachtet. Diejciiigen Individuen, denen cs gut ging, lebten in Wohlbehagen und die anderen, an Sorge gewöhnt, waren bereit, philosophisch Ucbcl zu ertragen, deren langes Bestellen sic als unentrinnbar erscheinen ließ. Der Weltkrieg ließ ihre ungeheuerliche Lage klar hervortreten. Schreckliches Leiden kam, aber mit ihm Hoffnung und Muf. Das!Erwachen bringt auch die Erkenntnis, daß die Rechte des jüdischen Volkes mir dadurch gewonnen werden können, daß man «len gleichen Weg hcwhreitel, den andere׳ Völker gehen - den Weg der Demokratie, auf dem cs in seinem eigenen Interesse sein eigenes Ansehen behauptet. Die demokratische Forderung ist hei der Betrachtung des jüdischen Problems keine Formsaclu׳, sie ist «las Wesentliche. Sie ist eine jüdische Grundkonzeption, wie sie ja auch die Basis der amerikanischen Methode ist. Sie heruht auf dem essentiellen Vertrauen in 111c moralischen Instinkte des Volkes, das sieh sein eigenes Leben zu gestalten, zu vervollkommnen mul zu erhalten vermag. Unter Theodor llcrzls Beitragen zum Verst.mdiiis des jüdischen Problems befinden sich ft>lgende Erkenntiiiss.1 :׳ Die Erkenntnis «ler fundamenta• len Tatsache, daß die Juden ein Volk sind, ein Volk. '2. Dir Erkenntnis der politischen Tage, daß «lie Emanzipation der Jüdin nur durch sie seitist kommen kann, d. 11. durch demokratische Mittel. D.ill die Juden ein Volk sind, war eine lange vor llcrzls Zeit wohlbekannte Tatsache; aber sie wurde durch den vielfältigen indjviduelleu Kampf um «las jüdische Dasein überflutet. Daß die Emanzipation nur durch «lie Juden seihst kommen könne, war auch vor llerzl klar bewiesen worden, aber Her/I war es, tler die demokratischen Mittel als we-eiitlieh erkannt hatte, als ei den ersten Kongreß emberief. Acht Monate ist es her, daß die Bewegung für einen atiierikaniscli-jüdischeii Kongreß organisiert wurde, Einigen scheint es, «lall die Bewegung nur langsam fortgeschritten sei. Aller wenn wir die Hindernisse betrachten, die überwunden werden mußten, so muH mau «las Fortschrciteii der Bewvguiig als rasch anerkennen. Die Zeit der Diskussionen, die einige als Streitigkeiten hezeielnieteri, war gut angewandt. Die DUkussioit lut die Juden Amerikas erzogen. Sie hat sie die Notwendigkeit, den Charakter mul da״. Ziel des Kongresses gelehrt. Woche um Woche, je weiter dieser Er/iehmigspro zell fortschritt, gelangte die (>p|M>sition immer mehr zur Einsicht und früher« Gegner erklärten ihren An- Schluß an «lie Kongreßklee. In den acht Monaten, seitdem das Kongreß- Organisations-Komitee eingesetzt ist, haben — mit einer Ausnahme - alle bedeutemfeii nalionaljütlisehen Organisationen ihre Zustimmung zur Abhai- ' flliig eines Kongresses gegeben; in 72 Städten haben sieh allgemeine Komitees gebildet, in «lenen zum erstenmal im Verlauf der Geschichte «les amerikanisrhen Judentums — die vielen jüdischen Lokalorgaiiisationen sieh vereinigten in der Absicht, «las jüdische Problem zu lösen. Es existieren zwar noch Meimmgs- Verschiedenheiten bezüglich der I unktioiien, die der Kongreß ausüben soll, und bezüglich der Zeit und Art und Weise seiner Hnberufuiig. Aber die Grundidee hat <1,1 s Stadium der Streitigkeiten überavumlcn. Sie ist von den Juden Amerikas angenommen. Um die Grolle dieses Ereignisses gebührend zu sch.it/e11, muß man bedenken, «lall es erst IS Jahre sind, seit Delegierte, die Juden aus allen Teilen der Welt vertraten, deli auf einem offenen Kongreß versammelten, um <1,1« jüdisch«׳ Problem zu disktlfielen. Dies war auf dem Baseler Kongreß, den Theodor llerzl cinbt■rief. Für Jahrhunderte waren die Juden durch Umstande gc/wtuigeii, ihre eigenen demokratischen Traditionen zu verlassen, die sie von ihren Vätern ererbt hatten und die im jütlisehen Gemeinwesen znin Ausdruck gekommen waren, um Schulz zu suchen, nicht tlurcli die Methode freier, offener Diskussion und der Erziehung dcF öffentliehen Meinung, sondern durch verborgene und indirekte Mittel; die Bestrebungen Einzelner, die Ein-!hiß hatten oder zu haben schienen. Wenn man die ungeheure Macht der laug geübten Ocwolndieit untl «len früheren Zwang׳ der indirekten Methode in Betracht zieht, sind die Bedenken sogar der fälligen und für soziale Arbeit geeigneten 'Männer 11111I Frauen leicht zu verstehen, die sich lauge dem Kongreß widersetzten, weil sie die öffentliche Disknssion des jüdischen Problems fürchteten, das ehedem mir intern behandelt w urde. Die ()pposition konservativ gesinnter Murner, die durch ihr Vvrantwortlichkcitsgcfühl an äußerste Vorsicht gewöhnt sind, war natürlich. Getluldige Betrachtung ihrer Eiinvände war angebracht. Aber es war auch klar, daß Amerikas materielle Hilfe bei der Erreichung jüdischer Rechte nur durch die Kräfte möglich sein wird, die ein offener Kongreß mobilisieren kann. Das Fehlen von Unstimmigkeiten bedeutet noch nicht Einigkeit. Das Fehlen von Unstimmigkeit»׳ kann auch Folge der Indifferenz sein. Einigkeit be-

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