Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1916)
- Date
- 1916-04-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 136 JUEDISCHE RUNDSCHAU faßten Beschluß mit, daß sic die Erklärung der Regierung für befriedigend fänden und gegen die Annahme der von ihnen selbst zuvor unterzeichneten Interpellation stimmen würden . . . Die jüdischen Deputierten sahen ihre Sache völlig verloren. Zu allem Ueberfluß erteilte noch der Vorsitzende, der von jeher kein grober Judenfreund war, zur Motivierung der Abstimmung das Wort einem Führer der rechten üktobristen, der eine regelrechte antisemitische Rede hielt und den Vorschlag machte, die Anfrage nicht zur Abstimmung zu bringen. Gänzlich verzweifeit betritt, zum Wort aufgerufen, Dr. Bomasch die Tribüne und, ohne für sich einen anderen Ausweg zu sehen, las er, um der Schmach einer Ablehnung um jeden Preis zu entgehen, automatisch die vorbereitete Erklärung vor, dal! er sich von der Retle des Regierungsvertreters bcfriedigt sehe und die Anfrage im Namen ihrer Initiatoren zuriick/ichc . . . Ein neuer Schmerz durchzog die russische Judenhcit. Der radikale ״Nowi Putj“, die zionistisehe ,,Jewrcjskaja Shisn“, ja sogar die jiklisch-kadettische ״Jewrcjskaja NjcdjcKja“ gaben ihrem verletzten Empfinden über die beschämenden Vorgänge in der Duma Ausdruck. Die einen schieben die Schuld auf den ״progressiven, Block", dessen antisemitische Gesinnung in unzwcifelhaftcr Weise zum Vorschein gekommen sei. Die anderen beschuldigen die Kadetten, dal! sie im ernsten Augenblick versagt und die jüdische Sache im Stich gelassen hätten. Alle sind darin einig, daß die jüdischen Deputierten nicht so gehandelt haben, wie es die ihnen anvertraute Ehre des Volkes von ihnen forderte. In ausführliehen Briefen an die russisch-jüdischen Zeit- Schriften versuchten die jüdischen Abgeordneten Dr. Bomasch und Friedmann, die Einzelheilen dieses Ereignisses darzustellen und ihren seelischen Zustand zu schildern, in dem sic ihre von ihnen selbst als mißlungen bczeichnete Erkliirung abzugeben sich gezwungen sahen. Die jüdische Oeffentlichkeit fühlt wohl den Schmerz ihrer schwergeprüften Vertreter mit, kann aber darin keinen Trost für siel) finden. Eine Ablehnung der jüdischen Anfrage durch die Mehrheit der Duma, die von den jüdischen Deputierten als das größte Uebcl angesehen wird, wäre von der jüdischen Oeffentlichkeit vielleicht nicht so schmerzlich empfunden worden, wie dieses schmachvolle, wenn auch von noch so guten Absichten getragene Zugeständnis der jüdischen Deputierten, daß die Erklärung der Regierung für sie befriedigend sei. An Beschränkungen sind Juden gewöhnt. Antisemitische Hetzen Ein neuer Rationalismus Von Ludwig Strauß Die Bemerkungen von Max Strauß Zu dem Sammelbuch ״Das Ziel“ fordern eine Diskussion über Fragen der geistigen (inuidhaltung heraus, die, an sieh nicht spezifisch jüdisch, doch für unsere Arbeit von entscheidendem Inleressc sind, Sic vertreten in unserer Mitte den neuesten Versuch, das geistige und politische Leben der Gegenwart durch einen nktivistischcn Rationalismus zu verbinden und so beide Lebenskreise zu revolutionieren. Mir scheint, daß die Vieldeutigkeit des Wortes Rationalismus geeignet ist, die Diskussion zu verwirren. Passen wir das Wort Ratio in dem Sinne, den es im Verlauf der Gcistesgeschichte erhalten hat, so bedeutet cs eher Vernunft als Verstand. Der Rationalismus des 18. Jahrhunderts glaubte an absolule ethische Werte lind strebte, die Gesetze, die sieh aus ihnen ergaben, im inneren mul äußeren Le Iw ח durelvzusct/cn. Nun ist die Erkenntnis vier ethischen Werte wie alle letzte Erkenntnis nicht Sache des Verstandes, sondern des reinen Bewußtseins. Wir finden in uns Strebungen vor, die weder durch hesondere Intensität — sie sind oft unseren herrschenden Willeusstrchungen geradezu entgegengesetzt —, noch durch besondere Annehmlichkeit und ebensowenig durch einen Vcrstaudcsakt, der sie unterstützt, ausgezeichnet werden, sondern die eben den Charakter des Guten, dem Bewußtsein deutlich sichtbar, tragen, liier kommt man ehrlicherweise nicht um das Zugeständnis einer durchaus irrationalen Macht herum. Den Inhalt der sittlichen Grundtendenz können wir, wie ich glaube, klar erkennen (er gehört nicht in diesen Zusammenhang), aber wir können ihm keinen logischen Unterbau geben, ihn nicht begründen. Der habe״ längst ihre Schärfe verloren. Eine Belcidigung aber tut web. Das schrecklichste Ergebnis des ganzen Interpellationsfalles ist nicht die Unzuverlässigkeit des ״progressiven Blockes“. Von diesem so bunt zusammengesetzten politischen Kongloittcrat war für die Juden nichts Besseres zu erwarten. Audi nicht die Ibifahigkeit der jüdischen Deputierten ist das Betriibcndste. Niemals ist der Vergleich des Schicksals der Juden mit dem Schicksal cines״Lämmleins, das von siebzig Löwen umzingelt ist“, so anschaulich verkörpert worden, wie gegenwärtig in der russischen Duma. Unter solchen Verhältnissen konnte mich der Begabteste das Gleichgewicht verlieren. Das SchiiHT/lichste, aber Wertvollste, was diese Episode klar zutage gebracht hat, ist die Tatsaclie, daß keine der gegenwärtig irgendwie maßgebenden politischen Kräfte Rußlands den Juden in ihrem Kampfe für ihre gerechte Sadie ernstlich zur Seite stellt. Die, von denen Hilfe hätte kommen können, liegen zusammengebrochen; die den Ton angeben, betrachten den Kampf gegen die Juden für eine ihrer wichtigsten Aufgaben; und die erst Macht gewinnen wollen, müssen ihre Wünsche nach den Sympathien der herrschenden Kreise richten. Verlassen stellt die Judenhcit Rußlands in ihrem Kampf um ihr Recht, einzig und allein auf ihre eigene Kraft angewiesen./ S. Zum Tode von Dr. Hermann Moscovitz In der Nacht vom 18. zum 19. März ist Dr. 1 (ermann Moscovitz im Alter von 47 Jahren einem tückischen Unfall zum Opfer gefallen. Er war von der Kolonie Rcclioboth, in der er als Arzt tätig war, zu einem Kranken in die Farm Bensclicmcn gerufen worden. Er war hingefahren, obwohl den ganzen Tag ein fürcliterlieber Regen herniederging. Als er Benscheinen verließ, war es Nacht geworden. Man bat ihn, wegen des schlechten Wetters die Nacht dort zu bleiben. Aber die Rücksicht auf einen sclnvcren Kranken in Rcclioboth veranlaßte ihn, doch nach Rcclioboth zurückzukehren. Unterwegs blieb der Wagen in einem vom Regen angcscliwoilenen Wadi stecken. Während die Pferde versuchten, den Wagen hcrauszuzielicn, kamen plötzlich große Wasserniasscii heran, und warfen den Wagen um. Was sich weiter in der Dunkelbeit an Schrecklichem abspielte, wird wohl ewig Charakter des Guten ist zu sehen und festzustcllcn, aber!!!!ableitbar wie der alles Grundsätzlichen, Nur wenn man die Gerechtigkeit als gegeben voraussetzt, löst sich der Dienst an ihr in eine Reihe vcrstaiidesniäßig bestimmter I landltiiigen auf. Denn Sache des Verstandes ist cs, ans dem Grundgesetz, das Gesetz für den jeweiligen Fall, nachdem er freilich angeschaiit ist, almilciten. Der Verstand ist die verwaltende und organisierende Macht, aber das Ziel dieser Organisation ist durch einen primären, irratioitalen Akt bestimmt: durch die Empfindung oder beim bewußteren Mensehen die Schau und die Anerkcninnig des Guten. Die Einsicht, als die das Wort Ratio in der Bezeichnung her Aufklärtmgsbcwegimg als Rationalismus äuftrilt, umfaßt also tlie irrationale Schau; die Vernunft itn höchsten Sinne ist weit über die Grenzen des Verstandes liiiiruis wirksam. Im Worte ״irrational“ hat ״Ratio“ die Bedeutung des Verstandes, im Worte ״Rationalismus“ seiner tatsächlichen Anwendung nach die Bedeutung der Vermmft. Der Gegensatz, der Worte ist kein Gegensatz der Begriffe. Gerade dem Aufsatz liillcrs im ״Ziel“ gegenüber war es nötig, dies zu betonen, da sich liier allzu oft Vernunft und Verstand zu decken scheinen. Auch Max Strauß hält nicht überall diese durchaus geschiedenen Begriffe auseinander. Sollte der Ratio der Bezirk des Metaphysischen verschlossen sein, so könnte sic keine ethischen Werte finden. Nur der Erklämng und Ableitung, also den rein Verstandesmäßigen lätigkeiteu, ist dieses Gebiet verschlossen, nicht dem einfach mifnelunendcii Erkennen; dies aber ist eine Funktion der Ratio, der cinselicndcn und aus Einsichten schließenden Vernunft. Killer polemisiert gegen die Vertreter der Möglichkeit einer inneren Schau mit Ausdrücken, die für die Verwechslung von Kraft mul Radau in diesem Hirn bezeichnend sind. Die inneren Orundtatsachcn können nur gescluiut weiden, und wenn Miller und seine Freunde Nr. 17 unaufgeklärt bleiben. Der Kutscher rettete sich Dr. Moscovitz dagegen wurde am midisten Tage' als auf die Kunde von dem Unglück die Kolo! nisten von Rcclioboth bis auf den letzten Mann an der Unglücksstelle erschienen und den Wadi absiicliten, an einer weit entfernten Stelle tot attfgefimden, Nicht weit von ihm fanden sich die Reste des zertrümmerten Wagens mit den ertrunkenen Pferden. Die ganze Tragik dieses Unglücks |:1ßt sj^ mit Worten nicht beschreiben. Hätte sieh das Schicksal zur Aufgabe gemacht, einen Menschen zu vernichten, durch dessen Tod möglichst viel gute andere Menschen auls schwerste getroffen würden -- hier hätte es sein Ziel trefflich erreicht. Um Dr. Moscovitz trauert nicht nur die beste Gattin mit ihren Eltern und fünf vnmiiindigen Kindern, nicht nur die Kolonie Reeholxith, der er sechs Jahre lang als Arzt Berater und Freund gewesen ist, — um ihn trauern wir alle in Palästina, die wir uns an der Mitarbeit dieses treuen unermüdlichen und aufopfernden Kampfers für unsere Saclie selbst aufrichten, um ihn trauern gewiß nicht zuletzt seine vielen I mmde unter unsern Gesinnungsgenossen in Rumänien und der übrigen Welt. Sechs Jahre hat er hier unter uns geweilt. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er im Früh• jalir 1910 mit seiner Familie von Rumänien, wo er die Seele der zionistischen Bewegung war, hier cintraf, strahlend vor Glück, daß sein Lebcnstranm sich erfüllen und es ihm vergönnt sein sollte, in einer jüdischen Kolonie in l’aläsfina als Arzt zu wirken. Er hat auf seinem Posten ausgeh,alten, trotzdem bei seiner scliwankenden Gesundheit die Aufgabe über seine Kräfte ging und trotzdem er materiell schlechter ge* stellt war als der geringste Dorfarzt in Europa. Noch in der letzten Zeit, als ihm von verschicdenen Seiten in Palästina verlockende Anerbietungen gemacht wurden, hat er sie aiisgeschlagen: ״Ich kann Rcclioboth in dieser Zeit nicht verlassen“. Und nicht nur als Arzt hat er Rcclioboth die Treue gehalten. Weit über seinen ärztlichen Wirkungskreis hinaus erstreckte .sieh seine Fürsorge. Die Darlchnskasse, die Unter• bringung der Jemeniten, die ökonomische Lage der Kolonisten — für alles hatte er Interesse und tätige Hilfe. Neben ihm stand seine Frau als Vorbild einer Hausfrau, die auch unter den schwierigsten Verhältnissen ihr Heim zu einem Muster von Ordnung und Behaglichkeit .uis/u• gestalten wußte. Und wie die Gattin, eine ge• borene Straß, so waren auch ihre Eltern, als sic einige Jahre nach ihrer Tochter nach Palä• sich für ein Gerechtes cinsctzen, so haben sie einen Akt der Schau vollzogen, sonst wüßten sic nicht, was gerecht ist, ja daß cs überhaupt Gerechtes gibt. Ein Rationalismus, der Ratio mit Verstand gleich* setzt, könnte keine sittlichen Forderungen aulocilcn. Das genaue Ansehauen der inneren Welt bringt uns heute wichtigste Resultate. Jede Erkenntnis nati׳u1.1lc1t Wesens muß auf ihm ebenso wie auf der Anschauung der Volksgesehichte beruhen. Dieser Syndici' verdanken wir die entscheidenden Schriften Buüers, die ja auch kaum nach liillcrs Geschmack sind, die aber ein zu Ende gedachter Rationalismus nicht mir nicht abzulehnen brauchte, sondern aus denen ei I זס• demngen abzulcitcn hätte als aus Dokumente״ der Einsicht im höchsten Sinne, Die Schau ist den besten Vertretern des deutschen Rationalismus als etwas gar nicht erst Problematisches geübt uoidm. Bedeutet Rationalismus den Willen, daß auf der Einsicht in das Gute sicli eine vernünftige Organi• sation des Individuums, der Gesellschaft und selbst der Welt aufbaue, so scheint auch mir ״ratioii ili-tocli sein der Weg zum Ziel“. Nicht der naive Glaube an die Macht der Einsicht, aber der ״״verwandle Wille, ihr Macht zu erringen und so dem tmcrrciclibaieii IR״ Schritt für Schritt näher zu kommen: das ist der ewige Kern des alten Rationalismus, das kann auch der eines neuen mit neuen sittlichen Ziele״ sein. Natürlich hat dieser neue Rationalismus sich '°r den gelegentlichen Uebergriffcn des alten gciade bet seinen schwächeren Vertretern zu hüten. Lr ״at nicht die Anschauung der wirklichen inneren und äußeren Welt durch eine Konstruktion zu ersetzen, sondern sic rein zu vollziehen und aus der Anwendung seiner Grundfordcriingen auf den genau erkaun c Spezialfall die praktische Forderung zu erhebe״. I 'ך sicht freilich anders aus als der Sinn des Schunp׳• Wortes Rationalismus im Munde vieler aber einem unbefangenen Leser der rationalisttsc Dokumente wird das mindestens als das ErstrcbR Sl