Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1916)
- Date
- 1916-03-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 76 1USD1SCHE RUNDSCHAU Nr. q I 1 :2 Eine zweite amerikanische Schiffssendung für Palästina Einem Bericht des New Yorker ״Tag“ zufolge, hat die amerikanische Regierung auf Vorschlag des Vertreters des ״Central Relief Commitee“, Mr. Albert Lukas beschlossen, ein besonderes Schiff mit Heilmitteln nach Palästina zu entsenden. Das Schiff soll bereits am 15. Februar abgegangen sein. Wie der ״Tag“ hiiizufiigt, mußte ein besonderes amerikanisches Regicrinigsschiff für diesen Zweck 1kstimmt werden, da die englische Regierung ein Ciesuch des Schatzmeisters des amerikanischen Roten Kreuzes, Mr. Jakob Schiff, die Ladung nach einem neutralen europäischen Hafen durchzulassen, von wo sie über Deutschland per Bahn weiter befördert werden sollte, ablehnend bcschied. ״Hatorcn“ Die hebräische Zeitschrift ״H a 10 r e n“ (der Mastbamn), die bisher von der Organisation ״A ch i e be r“ als Monatsschrift herausgegeben wurde, ging in den Besitz der Gesellschaft ״Hatoren“ über und beginnt nunmehr als Wochenschrift unter einer neuen Schriftleitung zu erscheinen. Die Wochenschrift wird in New York mit Unterstützung von seiten des ״P rovisorischcn Zionistischen Komitccs“ und unter Beteiligung des berühmten Schriftstellers J. D. Bcrkowitz, Dr. Schrnarjaim Lewin und Dr. S. M. Melanie d hcransgcgchc 11. Vor kurzem versandte die Gesellschaft ״I latoren“ einen Prospekt, der über die Ziele und Aufgaben der neuen Wochenschrift Aufklärung geben soll. Dieser Prospekt, der die hoffnungs- und in teil freudige Stimmung der von Tag zu Tag sich stärker fühlbar machenden /ionisfiselien Bewegung in Amerika einigermaßen wiederspiegelf, hat folgenden Inhalt: Die Kunde von der Reorganisation der ,,Hatoreu" senden wir an alle weithin zerstreuten hebräischen Leser Amerikas und hoffen, daß dies für sic eine frohe Botschaft ist. Die Schaffung eines ziclbcwußten, vornehmen Organs für die hebräische Literatur in diesem Lande ist ein schon längst fühlbares Bedürfnis, das unserer nationalen Erkenntnis im allgeeminen und unseren inneren Beziehungen zur hebräisclicn Sprache im besonderen entsprungen ist, und daher bedarf dieses unser Unternehmen weder theoretischer Erklärungen noch eines besouderen Bercchtigiingsnacliweises, Die einzige bcweiskräftige und entscheidende Tatsache ist — das Vorhandensein von Tausenden hebräischer Leser in Amerika, die nacli einem hebräischen Wort lechzen, die darin eine Erneuerung ihrer Seele und der Seele ihrer Nation sehen, der sie sich immer mehr entfremden. Von Jahr zu Jahr werden sic weniger, nur aus Ungeduld •und Mangel an Ausdauer mul Wille, eine feste Position für das Hebräische in Amerika zu schaffen. Dieser Arbeit wollen wir uns jetzt zu unter־ ziehen versuchen. Unser Ziel ist; ein hebräischnationales Organ zu schaffen, das immer wieder allwöchentlich der Lesenveit von den besten und wertvollsten Erzeugnissen unseres nationalen Lebens erzähle, das die zerstreuten Leser zusammen faßt und das längst ersehnte hebräische Milieu in der ״Neuen Welt“ schafft. Die Zeit ist ernst. Neue Probleme entrollen sich in allen Ländern der Diaspora und im Lande unserer alten Hoffnung. Wir wollen nicht, daß der hebräische Gedanke jetzt verstumme. Unsere Literatur erlebt jetzt die schlimmste Zeit, die sic je kannte. Fast alle hebräischen Zeitschriften gehen von Palästina oder Rußland aus, und sic alle mußten beim Geklirre der Waffen ihr Erscheinen einstellen. Die hebräischen Schriftsteller — diese Priester und Wächter des jüdischen Schaffens — zogen sieh jeder in sein Weilchen zurück und einen Augenblick lang verstummte das hebräische Wort. Desto größer sind die Pflichten des hebräischen Publikums Amerikas, Amerika ist von den Greueln der Zeit verschont geblieben. Amerika muß daher der Zufluchtsort für den aus seinem Boden entwurzelten hebräischen Gcdanken werden. Im Bewußtsein dieser Pflicht beginnen wir die Herausgabe unserer Wochenschrift. Das Ziel, das wir stets im Auge halten werden, ist; den hebräischen Lesern Amerikas eine gute moderne nationale Zeitschrift zu geben, die das Seiende und Werdende im Leben unseres Volkes diesseits und jenseits des Ozeans getreulich wiedergibt. Wir glauben, daß der Name des Provisorischen Zionistischen Komitees wie der bekannten Schriftsteller . die an der Spitze der Wochenschrift stellen, für ihre nationale Gesinnung und ihr ästhetisches Niveau bürgen. Zu den ständigen Abteilungen der Wochenschrift gehören: Wochenschau, Publizistik, Wissenschaft, Kritik, Imniigrationsgeschiclitc, Belletristik, Feuilletons, wie au eil Briefe aus der amerikanischen Provinz, aus Palästina Europa usw. In den ersten Helten erscheint eine Artikelserie von Dr. S. M c 1 1־ m c d: ״Die nationale Politik in der Diaspora“ und eine Reihe der ״Monolöge" Scholcm Alcjchcms in der Uebersetzimg von J. D. Bcrkowitz. Brief aus Galizien Rzcszow, 12. Februar 1016. Die jüdische Bevölkerung R z e s z o vv s hat unter den beiden russischen Invasionen sehr gelitten. Die R n s s e 1111 e r r s c h a I» war für die Juden lincrträglieh. Der ücsamtscliadcu der Juden in Rzcszow infolge P1 ü n d c r u n gc 11 und Diebstähle wällrend der Invasion ist noch nicht festgestellt. Die jüdische Bevölkerung ist nur allmählich in die Stadt zuiiiekgekehrt, Sie leidet große Not infolge der Lahmlegung des Handels und Gewerbes, der Vernichtung ihrer Wolimmgs- und Werkstätteiieinriclitiuigeii und der Plünderung der Geschäfte, Außerdem hat sieh eine zahlreiche jüdische Bevölkerung aus den kleinen verwüsteten Städten Oalizicns hier ansässig gemacht, die natürlich zumeist mittellos ist. Zugunsten des Fonds für die Hinterbliebenen gefallener Soldaten wurde eine j ii d i s c 11 c Theat e r v o r s t e 111111 g veranstaltet. Gegeben wurde das Stück ״Sehma Jisroel“. Das hiesige Militärkoni• inarnlo hat in Anerkennung des patriotischen Zweckes die Militärkapelle kostenlos zur Verfügung gestellt. Viele Offiziere waren bei der Aufführung anwesend. Auf den Trümmern der einst so starken Zion is tischen Ortsgruppe wird langsam eine neue Organisation aufgebaut. Der Obmann der Ortsgruppe, Rechtsanwalt Dr. Adolf Schnee ging ins Feld. Der Obmann der poalc-zionistischen Gruppe stellt ebenfalls im Felde. Die überwiegende Zahl der Zionisten leisiet Kriegsdienst. Daher schreitet die Parteiarbeit nur langsam vorwärts. Trotz vieler Hindernisse wurde eine gut besuchte M a k ka b ä c r fc i c r veranstaltet. Besonders zahlreich erschienen Zionisten, die als Soldaten und Offiziere sich in der hiesigen Garnison befinden. Es wurde ein neues zionistisches Lokalko mit ec gewählt, das sich in nächster Zelt konstituieren wird. Die zionistische Partei hat in eigenen Räumen ein Ambulatorium für Kranke, sowie ein R e c 111 s s c h 111 z b u r e a 11 eingerichtet. Bcsonders das letztere wird häufig von der armen Bcvöfkcrung, sogar auch der nichtjtulischen in den mannißfachsten Angelegenheiten in Anspruch genommen und erfreut sich großer Popularität. H. Der Bericht an das liilfswerk für Palästina Die jüdische Bevölkerung Palästinas leidet schwer unter den durch den Eintritt der Türkei in den Weltkrieg geschaffenen Verhältnissen, Die Juden aller Länder und Richtungen empfanden cs daher als heilige Pflicht, ihren palästinensischen Brüdern zu Hilfe zu kommen. Zur Organisierung einer gleichmäßigen, dauernden Hilfe verbanden sich in Deutschland acht Palästinaargamsationcn zu einem ״liilfswerk für Palästina“, Das ״Hilfswerk“, das zur Zeit der Heuschreckenplage seine Tätigkeit aiifnahm, hat bisher schon viel dazu beigetragen, der unerträgliebsten Not zu steuern. Nunmehr liegt uns der neueste Bericht aus Jaffa vom 31. Dezember 1915 an das ״Hilfswerk“ vor. Der Bericht gibt ein י anschauliches Bild von den gegenwärtig im Lande herrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen. Er enthält neben nur wenigen erfreuliehen Nachrichten sehr viel Trauriges mul Schmerzliebes über die gegenwärtige Notlage der jüdischen Bevölkerung. Denn was bedeutet cs, daß gegenwärtig noch die meisten palästinensischen Kaufleute imstande sind, ihr kärgliches Auskommen zu finden, daß noch einige 1 laudwerkei berufe, wie Schuhmacher, Schneider, Klempner usw. ihren Lebensunterhalt zu verdienen imstande sind, daß die Kolonisten in Chedcrn in den Monaten, in welchen sic keine dringenden Arbeiten auf ihren Fehlern und Pflanzungen hatten, mit Holztransport täglich etliche Francs verdienten, daß die Mandeln in diesem Jahre teuerer verkauft werden konnten, daß die 1500—1700 Dun.1m Orangerien in Petach-Tikwah, die einzigen, die in den judäischen Kolonien von der Heuschreckenplage verschont blicben, heuer mehr eintragen als in früheren Jahren und daß im allgemeinen der palästinensische Binnenhandcl durch die durch den Krieg geschaffene Situation sich merklich hob, eine Erscheinung, die bei einem geregelten Bahnverkehr in Friedenszeiten für die Kolonien sehr wichtig Werden kann; was bedeuten diese vereinzelten günstigen Nachrichten gegenüber der erdrückenden Mehrzahl von Tatsache״, (|jc K>j daß die jüdische Bevölkerung Palästinas' in diesem Augenblick nicht imstande ist, aus eigener Kraft sieh über Wasser zu halten. Den durch den fu sehreekenschadcn stark verringerten Einnahmen sieht eine bedeutende und auf der Bevölkerung schwer lastende Lcbcnsmittclteucrung gegenüber. |)äm kommt, daß In diesem Jahr die jetzt allgemein ein geführte Gewerbesteuer (Tcmcttu) und i|jc (jn1״tl" Steuer (Oschcr), die während des Krieges teilweise mit Zuschüssen erhoben wird, mmachsiditlielier als sonst cingctrieben wird. Es gehört jetzt ״ac|, (|tm , Wortlaut des Berichtes — zu einer gewöhnlichen Erseheintiiig, daß Arbiter zwei bis drei Tage j״ ,|tr Woche kein Brot haben. Die Nahrung einer Arbeiterküchc besteht oft während eines Tages aus einem auf Wasser gekochten Bohnen- oder Linsnibrci ohne Brot oder sonstige Zutaten. Es kommt oft Vor daß Arbeiter ein oder zwei Tage in der Woehe arbeiten ohne zu essen, oder vor Hunger nicht arbeiten können. Diese wirtschaftliche Notlage bleibt natürlich nicht ohne Einfluß auf die sanitären Verhältnisse, Die Unterernährung führt zu einer Vermehrung der Krankheitsfälle. Besonders haben die Jemeniten, die noch vom Jemen her häufig tuberkulös sind und bisher durch Chiniiibcliandhmg vor Fieber geschützt werden konnten, linier dem fast vollkommenen Mangel an Chinin aufs schwerste zu leiden, Im umgekehrten Verhältnis zur steigenden Not sind 'die Hilfsgelder cingcgangcn. Solange die Lage noch erträglich war, flössen die Gelder in viel reichlieberem Maße als in den letzten Monaten, wo das Leben in Palästina zur fast völligen Stagnation verurteilt ist und die Verhältnisse mit jedem Tage trostloser werden. Während im letzten Viertel des Jahres 1914 die durchschnittliche Monatsrate der Hilfsgcider fast 125 000 Francs betrug, fiel sic im ersten Halbjahr 1915 auf etwa 75 000 Francs (den Wert der amerikanischen Lcbcnsniittclscmhmg durch den ״Vulkan" eingerechnet) und sank im zweiten Halbjahr rapid auf nicht ganz 25 000 Francs herab. So sehr auch dieses Nachlassen der f lilfst.itigkcit für Palästina durch die großen finanziellen Opfer, welche die Judciihcit für die kriegsnotleidendcn Juden in Osteuropa bringen mußte, erklärlich sein mag, so wird doch in nächster Zukunft die Aufmerksamkeit Aufruf Wiederum kommen Nachrichten aus Palästina, die alle Juden zur Hilfstätigkeit autrufen. Die jüdische Bevölkerung des heiligen Landes hat in unaufhörlich steigendem Maße mit Mangel und Not 7.u kämpfen. Sic kämpft und leidet in dein Bewußtsein, daß ihr Atisharrcn Verständnis und Mitgefühl, aber auch tatkräftige Linderung bei all denen auslösen wird, denen Ercz Israel ein heiliges Wort und eine teuere Hoffnung ist. Die Arbeiter, die — zumal in der Kriegszeit — mit dem Geringsten sich bescheiden, leiden bittere Not. Einige Tage der Woche müssen Arbeiter, Handwerker, Schüler und jene Kreise, die auch sonst auf Unterstützungen angewiesen waren, hungern, weil die Mittel nicht reichen. Der Bericht, der dem Hilfswerk für Palästina erstattet worden ist, verlang! unge• säumtes und großzügiges Eingreifen zugunsten unserer palästinensischen Brüder. Die Organisation des Hilfswerkes in Pa• lästina ist vorhanden. Volksküchen, Darlehns* kassen bestehe« und lange Zeit hindurch wurde eine Katastrophe vermieden, da Hilfsgcider aus Europa und aus Amerika vorhanden waren. ln der letzten Zeit hat aber die Hilfstätigkeit versagt. Eine neue Aktion tut not. Wir hoffen, daß die Juden Deutschlands ihre Pflicht tun werden. Es gebt um eine Hilfe, die den Hunger stillt und unsere Brüder und die Arbeit ihrer Hände künftigem Wirken bewahrt. Hilfswerk für Palästina. Geldsendungen sind zu richten an das für Palästina, Berlin W. 15. Postscheckkonto Nr. «'י"•