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Jüdische Rundschau · 1916-03-03 · Heft 9 (3.3.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 9 (3.3.1916)
Date
1916-03-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 74 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Matrik auf dein freien Bekenntnis beruhen müsse. Sie werden es vielleicht begrüßen, wenn Franz Oppenheimer als Anlienstehender die nationale Aulonomiefordertiiig billigt. Als Anlienstehender und als Theoretiker: denn als nationalen Uepriisentanten kann inan Franz Oppenheimer nicht gelten lassen, der es für seine unerläßliche Pflicht halt, zu betonen, er verlange für die Ostjuden nichts anderes als das Recht des freien Bekenntnisses, also auch zu einer ״jüdischen Nationalität“; er wünsche aber um Gottes Willen nicht, daß sieh die Juden zur jüdischen Nationalität bekennen, es würde ״uns“ ebenso recht sein, ״wenn die Juden Russisch-Polens in hellen Haufen der polnischen und deutschen Matrik /.!!strömten, trotz der ninnmgfacheu engen Beziehungen zwischen ihrer jetzigen Mundart und ihrer Religion“. Dali Franz Oppenheimer nicht wünscht, die Ostjuden möchten ihre nationale Art ferner bekennen, erhalten und stärken, daß er nur wünscht, sie möchten nicht gewaltsam iluer Art'entrissen werden, stempelt ihn zwar zu einem typischen Vertreter eines anständigen Liberalismus, kennzeichnet aber auch seinen absoluten (iegeusatz. zum Nationaljudentuni. Deshalb ist es eigentlich überflüssig, daß Oppenheimer obendrein versichert: ״daß ich persönlich als Angehöriger derdeutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft wünsche, daß der Nauptteil der Juden ihr gewonnen wird, ist eben eine persönliche Angelegenheit . . . .“ Nichts charakterisiert besser als alle diese Ausführungen Oppenheimers, wie sehr sich dieser Standpunkt im (iegeusatz zuin nationalen Judentum befindet, und wie wenig seine Vertreter das Recht haben, im Namen eines organisierten nationalen Judentums aufzutreten. Sie stellen sich selbst außerhalb. Franz Oppenheimer gibt diesen seinen Anschauungen den schärfsten Ausdruck in einem durch den Zusammenhang des Themas nicht erforderten Angriff gegen die national - jüdischen Be- Strebungen: ״Was sie (die Juden Westeuropas) zusammenhält, ist in der Tat kaum mehr als das Baud der Religion; ein Teil mag mit Stolz das Gefühl seiner Abstammung von einem alten, durch die Zuchtwahl unsagbarer Leiden hochgezüchteten Stamme pflegen: das macht sie noch nicht zu einer ״Nationalität“ im heutigen Sinne des Wortes; denn trotz seiner etymologischen Herkunft von ״natus“ heißt Nationalität für den modernen Soziologen und Staatsmann: eine soziale Gruppe, die durch den Kitt gemeinsamer Interessen an einer Sprache und ihrer Kultur zusamuieiigelinltcn wird. Dieser Kitt existiert für die Juden Westeuropas nicht, trotz gewisser Vcllcitäten jener winzigen Gruppe des jungen ״nationalen“ Westjudentimis, tlie mit dem Gedanken einer Renaissance der hebräischen Sprache spielen (wir reden hier nicht von Palästina, wo das Hebräische seine Berechtigung haben mag, sondern eben von Westeuropa); was wir hier lächelnd trieben, ist nichts als ein typischer Fall dessen, was Gabriel Tarde ״imilation par Opposition“ nannte, das im Spiegel des gekränkten Seihstbcwußtseins umgekehrte Bild des Rassenaniisemitisinns.“ In einem bestimmten (iegeusatz zu diesen Anschauungen stehen die Ausführungen von justizrat I)r. M. E. Bodenlieimcr, der in dem Ostjudenheft über ״Einwanderungsbeschränkung der Ostjuden“ schreibt. Er geht von einer Polemik gegen Fritz und Hcinzc aus und lehnt eine Ausnalimcgesetzgebung gegen die Ostjuden ab. Er betont: ״bei der Einwanderungsfrage muß neben dem deutschen Gesichtspunkte auch die Notlage ins Auge gefaßt werden, das treibende Motiv, das die Massen aus ihrer Heimat hinausdrängt“. Bodenhcimer leimt mit Recht auch die Zumutung ah, die Förderung zionisti- 6cher Bestrebungen mit den Tendenzen des Grenzschlusses den Ostjuden gegenüber zu paaren. Allerdings behandelt er die Väter dieser Paarungsidec mit etwas zu viel verzeihender Milde, wenn er die Grundgedanken der Grenzschlußidcologie so präzisiert: ״Es scheint fast, als ob sic die . . . dem Sieger erwachsende Aufgabe einer wirtschaftlichen, sozialcn und politischen Hebung der jüdischen Massen von sich abwälzen und der jüdischen Wohltätigkeit allein überlassen wollten. Ein solcher Godankengang wäre vom menschlichen Standpunkt aus nicht zu verteidigen, aber auch politisch unklug.“ Mit Recht sagt aber Bodenhcimer nadh dieser etwas schwächlichen Abwehr: ״die zionistische Lösung ist für ihre Anliänger keine bloße Magenfrage, sondern ein nationales Ideal, dessen Verwirklichung nicht auf einen Schlag durch eine Ma.ssciiwandenmg •erfolgen kann, .sondern Jahrzehnte mühseliger Kultur und Kolonisationsarbeit erfordert“. Bodenhcimer sieht und sagt, daß die zionistischc Lösung für ihre Anhänger ein nationales Ideal ist. Ja, der Zionismus ist enge und unlöslich mit dem jüdischen Nationalismus verknüpft und duldet, wo der jüdische Volksgedankc in Frage ist, grundsätzlich keinen Kompromiß. Darum nuillte gegenüber den Anschauungen, die im Ostjudenhefte der deutschen Monatshefte von einigen Persönlichkeiten vertreten werden, die als Zionisten bekannt sind, ein deutlicher Einspruch präzisiert werden. L. 11. Die Juden Russlands — ein politisches Problem Noch vor kurzer Zeit war es unmöglich, über die Lage der jüdischen Bevölkerung in Rußland in «len Länden! der Entente ein wahres Wort zu sag,eil. Ein regelrechtes ״Komplott des Schweigens“ wurde gegen die Wahrheit geschmiedet. Der russische Minister des Aeußern, Herr Sasoitow, erklärte in der Duma, daß die Erzählungen über das Elend der russischen Juden in Deutschland fabriziert worden seien. .Sogar eine führende Zeitschrift des englischen Judentums hatte den traurigen Mut, die Berichte »!her jüdische Zustiinde in Rußland als ״madc in Gennany“ zu bezeichnen. Nuii ist es anscheinend -- aus vielen Gründen doch 11 »möglich geworden, auch dort weiter zu schweigen. Daß diese Gründe ztim großen Teil real-politischer Natur sind, wie aus dem hier wieuergegebenen Artikel der sozialistiseheii ״! luinaniUi“ vom 15. Februar 1016 besonders klar liervorgelit, werden wir keineswegs als Vorwurf gegen diese mutigen Stimmen erheben, tlie das ״Komplott des Schweigens" breehen. Wir finden gerade in diesem politisehen Charakter der Beweggründe einerseits ein sicheres Unterpfand dafür, daß die entrechteten Juden wohl einmal zu ihrem Rechte kommen werden und andererseits die feierliche Auerkennnng der Bedeutung, ja der Macht, die dem Gesamt juden tum iimc wohnt. Vielleicht ist es ,peinlich, darüber zu sprechen, aber noch gefährlicher ist es, zu schweigen. Die Frage der Behandlung der Juden in Rußland ist keine interne Angelegenheit mehr. Die Haltung Amerikas ist tatsächlich in erster Linie ein Prohlcm, welches für die Interessen der Alliierten von Bedeutung ist. Die 11״ um an ite“ meldete vor einigen Tagen die offizielle Organisierung eines ״Judentages“ in den Vereinigten Staaten, d. h. die Organusierung einer ungeheuren Manifestation zu dem Zwecke, Hilfe für die jüdischen Kriegsopfer zu erlangen. Der amerikanische Senat hat dazu die Initiative ergriffen. Präsident W i Iso 11 hat einen Appell erlassen, der durch den Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten gegengezeichnet war. Mehr als 12 Millionen wurden zusammengebracht. Wir verstehen vollkommen den Sinn dieser Bewegung. Die drüben durch das U11glück de! Juden während des Krieges man!null russische Juden hören - aufgewühlte Geiiüitscrrcgnng ist sichtbarlich heftig. Seit einigen Wochen, da man von Evakuierungen und Verfoigungeu sprach, wurden auf einer pathetischen Sitzung, auf der sich die Sclireckcnssciireic der Männer mit dem Schluchzen der Frauen mischte, auf der Stelle 750 000 Dollar gezeichnet. Das jüdische Element wird in den Vereinigten Staaten durch fast 2 Millionen Einwanderer repräsentiert, auf welche die Leiden ihrer Stammes־ und Rcligionsgenosscn schmerzlich zuriiekwirken. Auch sic sind vor mehr oder weniger Jahren vor den Pogromen und Ausnahmegest'tzcn geflohen. Und ihr Haß gegen die Urlieber ihrer Leiden lebt wieder auf, wenn sie von den neuen Leiden ihrer Stammesbrüder hören. Denn sie sind unterrichtet und sogar besser als wir. Die JargonzciUuigen, Organe mit einer Auflage'von Hunderttausenden von Exemplaren, die Auswanderer, die Rabbiner melden ihnen von dem durch den Krieg gesteigerten Unglück ihrer Religionsgenossen. Nr. 9 Die Reden in der Duma und insbesondere die des Abgeordneten Fried mann auf Sitzung vom 20. Juli 1015, haben uns davon ein Echo gegeben. T>icsc Juden, die mit einem solchen Entliusiasmus auf den Appell des Zaren an alle Natio. nalitäten Rußlands geantwortet haben und die in einer Zahl von mehr als HK)000 in da Ainice kämpfen, sind vom allgemeinen Gesetz ausgt•. schlossen geblichen, Objekte aller Verdächtiyungen, aller Bedrückungen, aller Wiilkürlielikeiten. Versprechungen, das Verbot der Niederlassung außerhalb des bereits übervölkerten Ansicillungsrayons aufzuheben, sind gemacht worden. Sk wurden aber nicht erfüllt. Indessen evakuiert man die. jüdisch!■ B?. völkerimg unter dem Vorwand, Verrat zu ur. meiden, aus den Gegenden der Front, wo sk zusammengepfercht sind. Man legt ihnen lange Reisen auf, wo in hermetisch verschlossenen Waggons angeliäult werden, so daß sich niemand nähern kann, no! diesen Unglücklichen Hilfe zu leisten, die allem Mangel haben, Hunger und Durst luden und ihre an Entbehrung gestorbenen Kinder bisweilen bei sich behalten. Die Züge laufa! unbegrenzt, von einem Bezirk in den amlueii gC. jagt, weil die Gouverneure sich weigern, diese Unerwünschten aiif/imelimeii, so daß 101111,1114 Mangel an Waggons hat, um seine Munition und den notwendigsten Proviant zu transporticren. Man hat verwundete Soldaten gesehen, dk das Kreuz des Heiligen Georg trugen, und aus den Hospitälern, die außerhalb des Ansiedlungsrayons lagen, ausgctrichen wurden. Ich besitze den Bericht über die jüdische Frage, die von dem ehemaligen Dumaahgeordncten Winawer im Namen des Zentralkomitccs der Kadettenpartei am 21, Juni l<05 vorgelegt wurde. Er berichtet, wie die keakttonären und ihre Presse, anfangs durch die Haltung der juden verwirrt, wieder zu sich kamen und die Juden beschuldigten, mit dem Patriotisnu» Handel zu treiben, um unmittelbar Gleich- Berechtigung zu erlangen. Die bald darauf folgenden Kolicktivnnklagen auf Verrat sind höchst zweifelhafter Natur, da die Bürgschaften fehlen, die in normalen Zeiten vor den Gerichtshofes üblich sind. Wenn man Beweise br ühte, so zeigten sie die Nichtigkeit der Anklage״. Wir finden hier wieder die Provokatoren, die abwechselnd mit Denunziation und Erpressung*- versuchen spielen: Ein Agent Dercschakii wurde in Lomslia vor das Armeegericht gestellt und zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, weil er von der Mutter eines unglücklichen Juden 400 Rubel in Geld und Schmuck unter der Drohung erpreßt hatte, daß er ihren Sohn verhaften und zur Galgcnstrafe verurteilen lassen werde. Wieviele Strafvollstreckungen, die oftmals ohne jegliebes Gericht stattfanden, sind unbekannt geblieben. Die Haltung der militärischen Behörden verstand es ausgezeichnet, in der Armee einen Antiscmitisimis zu verbreiten, dessen Folgen fiucliF bar werden können, da die jüdischen Soldaten dadurch dem Bedürfnis nach Sühnung ihrer Karneraden preisgegeben werden. Der ״geheime und eilige“ Befehl des Generals J. des Komin:«■ danten eines Armeekorps (Befehl Nr. 381)5, 30. März) ״erachtet es als eine der wichtigstes Aufgaben der militärischen Behörden, 1!!1vc17üg• lieh alle Tatsachen zwecks Verwertung nach de« Krieg zu sammeln, welche die Unerwünscldhcit des Militärdienstes der Juden veranschaulichen und beweisen; die Dokumente müssen :ui da» Stab des Oberstkommandicrenden geschickt werden.“ Der Befehl des Kommandanten der 4. Arme« vom 1. Mai 1915 schreibt vor, daß man dit jüdischen Soldaten von der deutsch-östcrrcichi* sehen Front zurückziehen solle und in Au»־ führung dieses Befehls wurden am 15. Juli 37 S0L daten aus dein 68. Bataillon West-Marsdiewsky entfernt. Ein anderer ordnet an, ״die jüdischen Soldaten streng im Auge zu behalten“. Die Behandlung der jüdischen B c v öI - kerung durch die militärischen Behörden ist nicht besser. Der Kommandant des General- Stabs der 3. Armee zeigt in einem Befehl vor» Nu : 1 10. jeder11 dem «fisch 6.DI Beö! > «liest 1, fvW ■ I1 JWft V Note :! kon! 13 \vur< j“ Gen ן uafe * Krai! ־; יאי־ז bis < 1, eil .ו kass 1 3. 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