Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXI (1916)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1916)
- Date
- 1916-03-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang. ״Ostjuden“ IJutn dom Titel ״Ostjuden“ ist ein Sonderheit du׳ Süddeutschen Monatshefte erschienen. Die Publikation erregt Aufmerksamkeit durch die ruilo verschiedenartiger Beiträge und gibt ein sehr schönes Bild des Ostjudenpnoblems. Wertvoll sind in dem Ostjudenheft vor allem die kulturhistorischen Aufsätze, ztitn Beispiel von Lazar Abramson (״Der ostjüdische Rabbiner“), Pr. Rafael Seligmann (״Die jüdische Kleinstadt und die jidischc Literatur") und die Zusammen• Stellung der ostjüdischen Sprüclnvörtcr, Auch die wirtsdiaftsgeschiclitlichcn und statistischen Arbeiten vom Dozenten Dr. Julius Hirsch (״Die wirtschaftliche Lage der Juden in Polen“) und J. Tun »ff (״Von der Landwirtschaft der Juden in Rußland“) geben den Eindruck gründlicher Arbeit und fordern Beachtung. Zwei Aufsätze behandeln zionistische Oebiete. Walter Lewin bespricht den ״Zionismus unter dem Oesiclitsvvinkel türkisch-deutscher Zukunftspolitik". Der Aufsatz, ist gut gemeint, gibt allerdings weder eine neue Zusammenfassung von Tatsachen, noch neue Gesichtspunkte, betont .ilter, dall die Grundlage des Zionismus die national - jüdische Idee ist und daß die jüdische Kolonisation in nichts Zusammenstürzen müßte, wenn man ihr den ideellen Untergrund raubt. Der Verfasser ist ein national-jüdisch fühlender Zionist, Dagegen schreibt über ״die jüdische Kolonisation Palästinas" ein Nichijudc, Oberleutmmt Hans Rolidc, der sieh mit 41er Durcharbeitung der Literatur siciibarlich Midie gegeben hat, wenn er auch manche Tatsachen der letzten Jahre (das hebräische Schulwcrk z. B.) nicht zu kennen scheint. Von den die Ostjuden behandelnden politischen Aufsätze, ist der beste der des österrcidiischen Reichsratsabgeordneten Dr. Eugen Lewitzhy über ״die Juden im ukrainischen Gebiete“. I ewitzky erkennt nicht nur die Tatsachc ,,dall sich die Juden nirgends assimilieren hellen mul ihren besonderen Typus durch JahrluiiiileiU hindurch erhalten haben“ und dall ״die jüdischen Enklaven im Völkermecr (der Kultur- Völker) von der Assimilicrurig intakt geblieben sind“ er spricht vor allem mit aller wimsehenswerter Deutlichkeit und ohne Einschninhing den Juden im Osten das Recht der kidturm|ti<׳naleu Autonomie zu. Lcwitzky gehört zu jener ukrainischen Gruppe in Oesterreich, die seit HI07 die Juden als nationale Gemeinschaft anerkennt und zum Bundesgenossen gegen nationale Vergewaltigung haben will. Die übrigen politischen Aufsätze, die *jcl1 auf die Ostjudenfrage beziehen, sind von ״cn führenden Mitgliedern des ״Komitees für *״־ Osten“ geschrieben, dessen Programm sein Mitglied Geh. Justizrat Dr. Eugen Fuchs in filier in der Publikation veröffentlichten Auf- Mnhing der jüdischen Organisationen in Deutschland“ folgendermaßen formuliert: ״Zu Beginn des Krieges ist das ״Komitee .r den Osten" gegründet worden in der Absicht, S|d1 durch seine Kenntnisse und Beziehungen unter ״cn Juden des Ostens und der neutralen Länder c״ Interessen der Zcntralmächte dienlich zu er- )'Ösen, Es besteht aus leitenden Mitgliedern grober Jüdischer Organisationen Deutschlands und hervor- "י™". jüdischen Einzelpersönlichkciten. Der Sitz Berlin; in mehreren deutschen Städten sind "cigkomitces, Vorsitzender des Komitees ist Dr׳ ״״* Oppenheimer, Berlin, Das Komitee er- ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffenllieh-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina," Baseler Programm. wartet von einem Siege der Zcntralmächte Er- Icichtcrung der Lage der Ostjuden und Stärkung des deutschen Gedankens im Osten; es will die Interessen der Juden im Rahmen der Interessen des deutschen Vaterlandes wahrnchnicn. Die Koinitecniitglicdcr gehören allen politischen und religiösen Richtungen der deutschen Juden an.“ Das Programm zeigt, daß das Komitee des Ostens in keinem Zusammenhang mit der zionistischcn Organisation stellt. Es ist eine durchaus selbständige Institution, für deren Programm• und Arbeit die zionistische Organisation in keinerlei Weise einzustehen hat. Daran ändert die Tatsache nichts, daß in dem vorliegenden Heft der Süddeutschen Monatshefte die politische Seite der Ostjudenfrage, deren publizistische Dar- Stellung auf dein Boden des Programms des ״Komitees des Ostens“ erfolgt, von Persönlichkeiten behandelt wird, die der Oeffentlichkeit auch als Zionisten bekannt sind. Gerade die Art und Weise, wie sic im einzelnen und ganzen die Ostjudenfragc behandeln, läßt hervortreten, daß sie sich hierbei nicht durchwegs von den national-jiklisclicn Anschauungen, die mit dem Zionisnius unlöslich verknüpft sind, leiten lassen. Dr. Adolf Friedemann schreibt den das Heft einleitenden Aufsatz, über ״die Bedeutung der Ostjuden für Deutschland“. Er zeigt sich hcmiilit, das Thema mit einer Neutralität zu behandeln, die von den jüdisch-nationalen Grunda nscha nun gen des Zionismus unabhängig ist. Es ist natürlich nicht leicht, eine politische Orientierung unter Ausschaltung des eigenen politischen Standpunkts zu finden, wie er cs in der Formel verkündet: ״Frei von Vorurteilen, unbeirrt durch Sympathien und Abneigungen müssen wir den Erwägungen nüchterner Staatsklugheit folgen“. Diese Staatsklugheit verführt leicht zu gewissen Undeutlichkeiten: ״es ist noch in frischer Erinncrung, daß der allzu zahlreiche Besuch jüdischer Studenten schließlich Abwclirmaßrcgeln hervorrief". Sicherlich will der Autor, wie auch aus dem Nachfolgenden hervorgeht, diese Abwehrmaßregeln nicht billigen, die zu der antisemitisehen Hetze gegen die jüdischen Studenten aus Rußland geführt haben; der Gedanke ist vielleicht nur z,u staatsklug ausgedrückt. Noch undeutlicher sind die Acußerungcn Dr. Friedeinanns über die Bestrebungen, den Ostjuden gegenüber in Deutschland einen Grcnzschluß durchziiführcn. Es heißt in dem Aufsatz: ״Endlich würde eine die Ostjuden zufriedenstellende Regelung ihrer Lebensverlialtnissc uns die Lösung der Frage bringen, wie v.ir nach dem Eriedcnsschluß einer jüdischen Masseneinwanderung aus dem Laiule jenseits der Orcnzc wehren sollen. Darüber, daß sic nach vielen Rieh- Hingen hin unerwünscht wäre, herrscht wohl in Deutschland kein Zweifel.*) Der Weg einer Ausnahmegesetzgebung erscheint uns in keiner Weise denkbar... Will man auf deutscher Seite den Grcnzschluß, so halten wir ihn jedenfalls nur für eine Uebcrgangszcit und nur in der Form für zweckmäßig, daß er alle die östlichen Elemente betrifft, die wegen Armut oder Bildungsmangel Bedenken erregen." *) Die Sperrung ist von uns vorgenommen. D. Red. Schon unser jüdisches Gefühl würde verlangen, daß klar und deutlich ausgesprochen wird, daß man sich von jüdischer und besonders von jüdisch-nationaler Seite aus mit einer auch noch so bequem drapierten Form des Grenzschlißscs gegen die Ostjuden unmöglich ohne entschiedenen Einspruch auscinariderscFzcn kann; daß man für die Besserung der Lage der Ostjuden im Osten selbst eintritt, ist ja eine selbst- Verständlichkeit, und man sollte sich auch nicht stillschweigend etwa mit der Form von administrativen Maßregeln einverstanden erklären, die eine Ausnahmcgesctzgcbung entbehrlich machen können. Den zweiten programmatischen Aufsatz über die politische Seite 41er Ostjudenfragc gibt Dr. Franz Oppenheimer, indem er für die ״Nationale Autonomie für die Ostjuden" eintritt. Seine Auseinandersetzungen, die sich auf die Brauchbarkeit der nationalen Autonomie für die Juden, auch mit Berücksichtigung österreichischer Verhältnisse, beziehen, stimmen größtenteils überein mit den Feststellungen der Theoretiker der nationalen Autonomie in Oesterreich, und der jüdischen insbesondere, daß die nationale Autonomic auf dem Personalitätsprinzip allein nicht aufgebaut werden kann, sondern daß sie dodi als Zentrum einer gewissen territorialen Ocschlosscnlicit bedarf. Oppenheimer kennt aber anscheinend einen gerade für die jüdischen nationalen Forderungen wesentlichen Teil der in Sammelbüclicrn 111141 Zeitschriften enthaltenen Literatur nicht und spricht z. B. mit einer bedaucrlichcn Unbekümmertheit über die Gründe, warum die .österreichische Regierung seinerzeit den Antrag des Verfassungsentwurfs der Bukowina abgclehnt und den Juden die eigene nationale Kurie versagt hat. Es steht dem Autor eines Aufsatzes, der die nationale Autonomie für die Ostjuden verficht, schlecht an, mit denselben Assimilationsarguincnten zu operieren, mit denen seinerzeit Lierr Dr. Kuranda, Prof. Gomperz und Genossen die nationalen Wünsche des Bukowinacr Judentums durchkreuzten. Daß die österreichische Regierung der seither oft genug gekennzeichneten Hintertreppenpolitik der verbohrtesten Antinationalisten und Assirnilationsfanatiker nachgab - in der Praxis erreichten die jüdischen Nationalen in der Bukowina trotzdem eine der Gegenseite sehr unerwünschte politische und natüiuale IVisition -- sollte noch kein Grund sein, die damals vorgcscliützten Argumente wiederum als Beweis gegen die For4Jerung vorzubringen, das ganze Judentum als Volksgemeinschaft, nicht nur als religiöses Bekenntnis arrzuerkcniicn. Der Zionismus hat jedenfalls das Wort Hcrzls noch nicht verleugnet: ״Wir sind ein Volk, Ein Volk“. Im übrigen hat gerade Bernatzik, den Oppenheimer zitiert, die ״Gründe" der österreichischen Regierung schon vor Jahren sehr unbarmherzig zerpflückt. Er kannte als Rektor der Wiener Universität die Wege jener Politik sehr wohl. Was Franz Oppenheimer an nationaler Autonomie für die Ostjuden verlangt, ist mitsamt den Qriindcn, die er für die Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit der Forderung anführt, das Um und Auf aller nationalen Autonomiefordcrungen von jüdischer Seite. Die Theoretiker dieser Forderungen, die ihren Sinn und ihre Möglichkeiten aus langer Bemühung• kennen, stehen allerdings auch großenteils auf dem Standprunkt, daß die Zugehörigkeit zur nationalen