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Jüdische Rundschau · 1916-01-14 · Heft 2 (14.1.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXI (1916)
Issue
Heft 2 (14.1.1916)
Date
1916-01-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Kredo der Assimilanten I. 7.11״m neuen Jahrgang“ seiner Allgemeinen Zeitung des Judentums verkündet Ludwig Geisel, der Herausgeber, wieder einmal sein Kredo: ״immer war unser Bestreben darauf gerichtet mul soll es ferner sein, die zionistischen Zukmiltspliine zu bekämpfen und unentwegt unser altes Kredo zu verkünden, daß der Zionis-!uns der schlimmste Feind des Deutschtums war und ist und daß er von jedem wahr- und deutschgesinnten Juden aufs entschiedenste bekämpft werde,“ Weil die Zionisten die jüdische Assimilationsidcologic und Assimilationspraxis hekämpfen, sind sic für Ludwig Geiger ״Feinde des Deutschtums.“ Zum Glück für die Zionisten ist aber der Herausgeber der ״Allg. Ztg. des Judentums“ nicht der berufene Sprecher des Deutschtums; sonst wären die Zionisten auf Geigers Denunziation und Verlangen hekanntlich schon längst auch der Staatsbürgerliehen Gleichberechtigung entkleidet. Wir nelimen freilich, wie andere Leute, das Kredo des neuen jüdischen Cato lange nicht mehr ernst und wollen uns nur der Ordnung halber und um der ethischen Reinlichkeit willen verbitten, daß uns Ludwig Geiger in einem Atem mit ,seinen antizionistischen Phrasen auch unsere großen ״Vcrdiciiste um die Wiederbelebung des jüdischen Gedankens“ gutschreibt und ״anerkennt“, in welch hervorragender Weise die zionistischen Soldaten ihre Schuldigkeit getan haben. In diesem Zu.sa1mnenh.ang und von dieser Seite ist uns das Lob peinlich. Aber es ist, von diesem Kredo abgesehen, nicht mehr zu umgehen, der publizistischen und redaktionellen Tätigkeit Ludwig Geigers wieder «inmal einen prüfenden Ucbcrblick zu widmen. Von der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums“ gelten nämlich in der letzten Zeit so oft gegen jüdische Interessen Angriffe aus, daß endlich «ine Zurückweisung der für Geiger und Genossen charakteristischen Gesa 111 tauffassung notwendig ist. II. In einem leitenden Aufsatz der grünen Zeitung sehrieh kürzlich über ״Z u k 11 n f t s f r a g e n des deutsch e!1 Judentums" ein Herr Dr, Willy Colin. Sein Kredo ist: .,In die altjiidische Patrizierfamilie kommt der Jüngling aus dem Osten, der nur Geldntenseli ist, und indem er das arme, aber hochstehende Jettchcn heiratet, zieht er die Familie *u sieh herab, Hier hciljt es einen Riegel vorsehiehen /u1״ Segen des deutschen Judentums ... Die ungeheuren Menschcnrcservoirc des Ostens gießen, falls sie nicht daran gehindert werden, Jahr für Jahr ihre Massen nach dem Westen aus. j lr wollen unsere jüdischen Glaubensgenossen des Ostens... in jeder Weise zu lieben suchen, »her wir wollen und müssen auch zwischen 1״nen und uns eine Scheidelinie errichten, wollen nicht das deutsche Judentum auf das empfindlKhstc schädigen.“ Der Herr Cohn predigt A!)Schließung und Ausschließung. Die Ostjuden sind ihm ein Dreuel, weil ihr aufs Oeldverdienen gerichteter ״“terialismus den hochgezüchteten Idealismus dCr Berliner Bankierstöchter gefährdet. Cohn »Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer ßffentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina." Baseler Programm. fürchtet aber nicht nur eine Verbindung mit dem O s t j 11 d e n t u m: ״Heber sic (die Grenzen unseres deutschen Vaterlandes) wollen wir nicht hinausschielcn nach den Juden anderer Länder... Mit jenen verbindet uns kein Band mehr und darf uns nie mehr eins verbinden.“ Das ist klar und Geiger aus dem Herzen gcsproclicn. Dieser formuliert es so: ״Ein internationales Judentum, wenn es ein solches je gegeben hat, das die nationale Zusammengchörigkeit der Juden einzelner Länder schwächt oder aufhebt, kann und darf es nie wieder geben.“ Es ist also wieder die alte Methode. Die Assimil,mteu beteuern der Außenwelt, cs gäbe kein (ksniiitjudcntum, keine jüdische Solidarität, ja nicht einmal eine Verbindung mit nichtdeutschen Juden; diese Beteuerung kann und wird nicht geglaubt, erweckt aber notwendigerweise den Eindruck, als wäre etwas zu verbergen. Diese Methode von (,'oh 11 und Geiger war seit jeher eine Veranlassung des Mißtrauens gegen das Judentum. Wir aller können, den Herren der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums" zum Trotz bekennen, daß es eine nationale Solidarität des Judentums, daß es eine gemeinsame Judenfrage und eine gemeinsame jüdische Art gibt. Daß diese Gemeinsamkeit der Vollwertigkcit des Juden für seinen Staat ,nicht im Wege steht, bedarf unsererseits keiner Versicherung. Geiger und (Zolin aber soll man nicht vergessen, daß sie gerade jetzt zum Abscheu aller anständig empfindenden Juden einen Veitstanz des Uebcr- Patriotismus aufführen, um ihr Judentum vergesscu zu machen*). •) Selbst das ״Hamburger Israelitische Familienblatt" geißelte in einem Leitartikel ״Der 1‘atriotisnuis auf Irrwegen“ von M. Steinnardt das in der , Allgemeinen Zeitung des Judentums“ verkündete ״häßliche Heber-Deutschtum“, den ״künstlich gcsch rauhten Patriotismus“. | Die ״Jüdische Rundschau" g I in Russisch-Polen I Die in Russisch-Polen bestehenden deutschen Postanstaitcn in Bendzin, Czenstochau, Kalisch, Kolo, Konin, Lodz,Pabianice, Sicradz, Sosnowice, Warschau, Wiclun und WlocUwek nehmen Bestellungen auf die ״Jüdische Rundschau“ zum Abonnementspreis von ' M. 1,75 vierteljährlich entgegen. Ebenso werden Be- Stellungen aus diesen Städten auch bei der Unterzeichneten Administration entgegengenommen. i 1 Administration der Jüdischen Rundschau" | § Berlin W. 15 Sächsische Str. 8. s llllllllllllllinilllllllinillllllllllllllllllllWIllllllllllllMIIIIIIMIMMMIillMMMMMIlIRlP Es ist auch bezeichnend, welche jüdischen Ideale und Hoffnungen Geiger in seiner Zeitung predigen läßt. Der Herr Cohn, der zurzeit im Felde steht, faßt alles, was er für das Judentum erhofft, zusammen: ״Die bangste Frage, die uns liier draußen oft beschleicht, ist die: Wird der Antisemitismus nach dem Kriege wiederkommen? Wie oft mag dieser Wunsch (nach dem Ende des Antisemitismus, D. Red.) aus dem Biwakzelt, aus dem Unterstand zum Himmel emporgestiegen sein, bei all denen, die ihren Glauben wie ihr Vaterland lieben?“ Das ist die einzige Frage an die jüdische Zukunft, die cs für diese Auffassung des jüdischen Problems gibt. Und sic führt zu dem Leitsatz: ״Bescheiden itp Hintergrund bleiben, die Stimme nur dann erheben, wenn es etwas zu sagen gilt, nicht auf die Macht des Geldes pochen: das mögen die Leitsätze für das deutsche Judentum der Zukunft sein. Dann wird auch der alte Haß auf ewig verstummen.“ Das ist das Programm, das Herrn Geiger und Genossen das Recht gibt, den Zionismus zu verdammen und zu bekämpfen. Habcant sibi. Während an dem Beispiel Willy C olins und Ludwig Geigers 711 demonstrieren war, zu welcher Ungeheuerlichkeit in der Auffassung und Behandlung der deutschen Judenfragc die konsequciitc Assimilationsklcologic treibt, führen ebenfalls in der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums“ veröffentlichte Aufsätze Professor Dr. Martin Philippsons über ״Die Zuk u n f t der Juden des Ostens“ zu der Erkenntnis, daß die Assimilationsideologic in ihrer krassesten Ausprägung, um der Konsequenz willen, sich vermißt, auch die Assimilation der Ostjuden an die Polen und Russen zu verlangen. Andere Assimilanten begnügen sich damit, für sich jede jüdische Eigenart abzuleugnen •und an ihrer Vernichtung zu arbeiten; den Juden außerhalb des eigenen Kreises, vor allem im Osten, wollen sie das Recht auf die eigene Art, die jüdische Nationalität nicht nehmen. Philippson aoer verlangt jetzt, die Ostjuden müßten sich unbedingt assimilieren und polonisicren. Diese Forderung erfuhr in der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums“ selbst in einem Aufsatz des Hochscluilclozcnten Dr. Julius Hirsch in Köln eine entschiedene Zurückweisung durch die Beweisführung darüber, daß 1״. die Forderung einer ״Assimilation“ im Osten gar nicht erhoben werden kann; 2. die Versuche einer sprachlichen und kulturellen Assimilation an das Slawentum die deutschen Interessen schädigen, überdies i. den Ostjiiden nichts nützen, dem Interesse des Uesamtjudciitums aber schädlich sein würde“. Dozent Hirsch hat die Ostjuden aus cigcner Anschauung kennen gelernt und bezeichnet sic als die Träger westlicher Kultur im Lande. Das reizt Professor Martin Philippson zu folgenden ganz ungeheuerlichen Behauptungen: ״Ja, hat Hirsch bei seinem sechsmonatigen ״unfreiwilligen“ Aufenthalt in Polen nichts davon erfahren, daß eine starke Anzahl der dortigen Juden den Goi als ihren natürlichen Feind betrachtet, den in jeder Weise auszubeuten nicht allein ihr Recht, sondern ihre Pflicht ist? Haben ihm Offiziere und Mannschaften unseres Heerps nicht Von der scheußlichen Prostitution erzählt, zu

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