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Jüdische Rundschau · 1915-12-10 · Heft 50 (10.12.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 50 (10.12.1915)
Date
1915-12-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Historische Parallele Den nachfolgenden bedeutsamen Aufsatz U s s i s c 11 k i n s übersetzen wir aus einer der letzten Nummern der in M o s k a 11 erscheinenden zionistischen Wochenschrift J e w r e s k a j a Schis 11. Es war׳ im Iah re 3245 seit Erschaffung der Welt. ln Trümmern lug Jerusalem. Nur hie und da. erhoben sich schon nette Bauten und an der festungsmaucr wurde noch gearbeitet. Im südwestlichen Teile der Stadt, auf dem Berge ,Moria leuchtete der Altar am wiedereriichteten Tempel. Die Bevölkerung, die erst vor kurzem ans Babylon znriickgekelirt war, füllte den Raum vor dem Tempel. Der große Tag der Ältarwcilie Chanukah Habaith hatte sie alle herbeigerufen. ln einzelnen Gruppen standen die Alten auf ihre hohen Stäbe gestützt. Schweigend in tiefer Weh muf lauschten sie den feierlichen Hymnen der Leviten, die den Gott der Heerscharen lobpriesen, und starrten auf die freudig erregten Mienen der zusammengeströmten Jugend, und heiße Tränen entquollen iliren Augen, als sie die Jugend frohlocken sahen. Da trat ein blühender, freudig strahlender lüngling vor und wandte sich an tue Alten: ,,Warum weint Ihr, worüber grämt Ihr Euch in dieser feierlichen Stunde, da uns Jungen so froh und freudig zu Mute ist?“ ״Wie sollten wir nicht weinen und trauern,“ antworteten die Alten, ״da wir den neuen Tempel und unser Lebert hier mit dem vergleichen, was wir in unserer Jugend geschaut und erlebt haben. Dicht war Judäa bevölkert von den Kindern Israels, und jetzt ist es von ITeimlen besiedelt und von unseren schlimmsten Feinden, den Samaritanern, besetzt. In unserer heiligen Stadt Jerusalem brandete das tosende Leben, zahlreiche Gärten, Märkte und prachtvolle Gebände schmückten es; jetzt aber liegt die Stadt in Trümmern und da,- jüdische Volk drängt sich in wenigen Wohnhäusern zusammen, aus Babylon sind nur 42 000 zurückgckehrt. Wir haben riocti die Schönheit und Pracht des Salomonischcti Tempels in Erinnerung und w ie klein und unansehnlich ist vor ihm das neuw achsende Werk. Damals herrschte über uns ein Nachkomme Davids, Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem Blut. Und wie sollten wir es ertragen, daß uns jetzt ein Fremder regiert, ein Statthalter des persischen Königs' Wie sollten wir da nicht trauern und weinen' Wie können wir frohlocken und jubeln'“ Und es stockte die Stimme ries Alten, und alles schwieg in stiller Wehmut, der Gesang der Leviten brach ab und die Freude erstarb int Antlitz der Jugend. Da ertönte die Stimme eines Jünglings. Erst leise und erregt, klang sie immer voller und sicherer und in Ickhmschaftlieber Begeisterung hob er an: ״Nein mtd abermals nein, teure Väter, uns ist Eure Trauer fremd; ein Tag der grollen Freude und des Jubels ist uns heute, wir Italien unsere vergangene Herrlichkeit nicht geschaut, unsere Augen haben anderes gesehen. Wir denken an unser Lehen in der Fremde, iin weiten fluch־ würdigen Babylon. An den Ufern des Euphrats und des Tigris begehrten, die uns gefangen geführt, Jahwe-Lieder von uns. In Judäa leine kein Sohn unseres Volkes, an den Ufern des lordans ertönte kein jüdisches Lied. Baal- und Vstnrtetempel haben unsere Augen in der Fremde ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. gesehen, alter keinen Tempel dem Gotte Israels; die Spraelte der Aramäer war unsere Sprache; und die Sprache unseres Volkes klang nicht von den Lippen unserer Mütter; nicht einer, sondern viele Statthalte־!־ vergifteten unser Dasein und traten uns mit Füßen in Holm und Spott. Zion und Jcrusalem verwandelte sich in eine Wüstenei, in eine traurige Oede, in eine Herberge für Schakale. Jetzt aber' Jetzt leben wir auf unserem heiligen Boden und batten an unserer heiligen! Stadt, nun richten wir unseren Tempel auf, wir sprechen unsere Sprache und leben unser Leben. Und dies alles ein Werk so kurzer Zeit. Wir schauen in die Zukunft und sehen unsere Brüder aus allen Ländern des Gallith hierherströmen und das Land bevölkern von Dan bis Berseba. Jerusalem wird in seiner alten Pracht Wiedererstehen und der neue Tempel, weit schöner als der Salomons, auf dem Berge Moria erstrahlen, unsre Fahne webf auf Davids Burg und der Tag ist nahe, an dem der Nachkomme Abrahams, Isaaks und Jakobs zum Herrscher eingesetzt wird! ()11 . . . ein Tag־ der großen Freude ist heute, denn heute legen war den Grundstein zu unserer großen, lichten Zukunft.“ Und also geschah es. Es w ar int |ahre 5<>7(> seit Erschaffung der Welt. Au einem trüben Herbstabend trat in der Hauptstadt eines vier Länder des Gallith ein kleiner Kreis von Menschen in einem engen Ramm׳ zusammen. Man überlegte, was zu tun wäre, wie man das lieimatlose Volk in diesem Jahre der schwersten Prüfung, in den t age 11 der Weltkatastrophe retten konnte. Am Tische saßen die älteren Leute, die schon seit 30 Jahren das Volk ermahnten und attfriefen, in die alte Heimat zurückz.ukchrcn und die alte Freiheit wiederherzustellen. In einiger Entfernung saß die Jugend und lauschte gespannt auf die Worte der Aeltcren;! doch misehtc sieh Unlust und etwas ,Mißtrauen in die tiefe Traurigkeit ihres Ausdrucks. Und einer erhob sich und sprach, von Tränen oft untcrbroehcii: ״Lange genug haben wir auf Eure Worte gehört, lange genug Eure Bahnen beschriften. Wie kleinlich ist Eure Arbeit! Es ist an der Zeit, in diesem historischen Moment, wo Staaten untergeben und neue Völker auf die Welttribüne treten, unsere Forderungen zu formulieren, unsere Legionen atifztistellen und unser Land in Besitz zu nehmen. Wir aber gelten uns zufrieden mit der Herrschaft fremder Satrapen. Die große Zeit hat ein kleines Geschlecht gefunden.“ Nervöses Schluchzen schnürte ihm die Kehle und hinderte ihn am weiteren Reden. Ein eisiges j Schweigen füllte deiijRaum. i Da ertönte die Stimme des Aeltercn. Ruhig; und bestimmt klangen seine Worte: ״Ihr habt unrecht, litt׳ wißt nicht, was wir dtirchgemacht haben, was in unserer Erinnerung weit erlebt: 3U Jahre sind es her und kein Fußbreit unseres Bodens gehörte uns in unserem 1 Lande; und 10 Vorposten besitzen wir jetzt dort. 10 Kolonien, deren Erde getränkt ist vom Blut und Schweiß der Kinder Israels, die verwachsen sind mit ihrem Heimatboden und auch in diesem schweren Jahre es nicht verlassen haben. Wir erinnern uns noch der Tage, als irrt Lande nur tausende elende Bettler und gebrechliche Greise hausten, jetzt aber leben dort hunderttausend physisch und moralisch erstarkte Menschen. Wir denken an die Zeiten, als in diesem Lande alle Sprachen der Welt zu hören waren und nur die Sprache unseres Volkes schwieg und heute ist sie die Sprache unserer Kinder. Wir denken an die Zeiten, da wir noch keine Stätte der nationalen Erziehung dort besaßen, jetzt ist das l aud mit einem Netz von Schulen bedeckt und überall regt sich schöpferisches, blühendes Leben. Und in den Ländern des Galuth? Wir erinnern uns noch der Zeit, da die Gedankenwelt der Assimilation die höheren Schichten unseres Volkes beherrschte, unsere Jugend mit Verachtung über die nationale Politik dachte und das Ideal der Wiedergeburt mir im Herzen einiger exaltierter Jünglinge lebte; da die jüdischen Werte und die jüdische Kultur ein Gegenstand des Hohnlächelns war, das Judentum über alle Länder und Sprachgebiete zerstreut war ohne einigendes Band und die hebräische Sprache alkaithlich zur Sprache de״ ,-‘JtSciiMjs* forscher und betenden Greise wurde. Nur 30 Jahre sind vergangen. Klein war die Zahl der Arbeiter, gering waren unsere materiellen Kräfte und welche Erneuerung erleben wir! Die Gedankenweit der Assimilation ist tot; die alljüdische Politik wird von der ganzen Welt anerkannt: der Sache unserer Wiedergeburt im Lande unserer Väter dienen jetzt in geschlossener, freudiger Einigkeit tausende unserer Brüder in der ganzen Welt; Erez-israel ist für die Juden kein Echo!angst vergessener Zeit mehr, sondem Wirklichkeit von unermeßlichen] Wert; die Sprachen des Galuth verstummen und noch wenige, aber schon die besten Sohne unseres Volkes sprechen unsere eigene Sprache, die Sprache der Freiheit und des Glanzes. Und der Glaube an die Kraft und die Zukunft unseres Volkes durcliglüht das gesamte Judentum. Das Fundament des neuen dritten Tempels ist gelegt. Das Schwierigste ist vollbracht, denn diese Arbeit vollzog sich in den Tiefen, von niemandem gesellen und nur von den wenigsten gewürdigt. Die Mauern zu errichten, dürfte jetzt nicht mehr schwer sein. Zu teuer aber kam unseren! Volke dieses Fundament zu stehen, tun es jetzt leichtsinnigen Experimenten preiszügelten, und zu stolz sind wir auf die Leistung unsere,- Volkes, tun sie zum Anhängsel fremder Interessen herah/uvv tiriligen. Unsere Zukunft liegt nicht in fremden Versprechungen, im theatralischen Auftreten und lauten Kundgehnitgen. Unsere Zukunft wird verbürgt durch den Glauben an unsere eigene Kraft. Unsere stetige, langsame, aufopferungsvolle Arbeit wird sie uns bringen. Die Zerstörung ist das Werk eines Augenblicks; die Aufrichtung :!her ein langsamer Prozeß. Ihr fordert neue Losungen wir brauchen sie nicht, denn wir glauben an unsere alte Losung, die da lautet; ״das Aufspeichern der Kräfte itrt Lande unserer Väter.“ Wir werden unser V'olk auch weiter auf diesem Wege führen, auch für unser Volk sof 11 a k a - \v o d 1 a vv o“. Und also wird es geschehen. M. Ussischkin.

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