Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 J U E D I SC H E R U N DSC H A U Seite 403 Verwaltung, die bis dahin allein zur Schaffung eines residierten (.iesundheits/ustaniles völlig in Anspruch genommen waren, für andere Dinge frei wurden, konnte an die Befriedigung höherer Bedürfnisse herangegangen werden. I. e s e 11 a I I e 11 , Spielplatz e 111111 das Theater wurden geschaffen, letzteres wurde aus einer früher als Notlazarett verwendeten Baracke hergestellt. Billige französische Gefangene, Artisten und .Musiker, taten sieh /tisainmeii, beschaffteil Instrumente und bildeten ein Orchester. Aus dem j I rti.i.• der ersten Konzerte kamen die Mittel, die Bühne technisch zu vervollkommnen; ein versenktes Orchester, Kulissen, Hintergründe wurden hcrgestcllt, und bald fand die erste f r a 11 /. ü s i s e 11 e T h c a t e 1־ - Aufführung statt. Der volle Erfolg dieses Theaters ließ einen j ii (I i s c h e 11 S c h a 11 s p i e I e r, der seit Monaten als gefangener russischer Soldat im Dag er ist, nicht schlafen. Sein Name ist Paibi sch eff, doch ist er, wie er mir an vertraute, in den jidischen Theaterkreiseti Warschaus, Londons und New Yorks und anderer Jargon-Zentren nur unter seinem Bühneiuiamen F a b o \v bekannt. Er hat schon in vielen Städten gespielt, seit 12 Jahren ist er im Beruf, kam ku־׳z vor dein Kriege aus New York, wo er drei Engagements hatte, nach Warschau, 11m seine Angehörigen nach Amerika zu holen, wurde beim Kriegsausbruch ziiriiekgelialten, ins Heer eingereiht. Von einer deutschen Kugel am Leib verwundet, lag er über 3 Monate in einem deutschen Lazarett lind kam dann als (iefangeiier in das Lager. Dieser Mann also wollte durchaus ein j i d i s c 11 e s Theater im Lager schaffen. Alan tnuli die Verhältnisse* in einem Gefangenenlager kennen, um zu ermessen, was das heißt. Er hatte nichts als seine zehn leeren Finger. Außer einem Flötenspieler, den . man allenfalls noch zuin Fach zählen könnte, waL* unter den jüdischen Gefangenen sonst keiner, der w etwas von Theaterspielen verstanden hätte. Jedoch, nachdem die Erlaubnis der Kommandantur erteilt und ein Vertrag mit dem französischen Theater abgcschlossen war, auf Grund dessen das Theater jeden Sonnabend Abend gegen eine bestimmte Entschadiguiig den Juden zur Verfügung steht und das französische Orchester die musikalische Ausführung!: übernimmt, gingen alle Vorbereitungen in kurzer Zeit von statten. Bald fanden sich genügend Solisten, selbst für Damenmllen, und ein aus zehn Mitgliedern bestellender Chor zusammen. Fabow schrieb für sie alle aus dem Kopfe die Rollen und die Partituren auf, leitete täglich die Proben und instruierte das Orehester, dessen Dirigent, ein französischer Berufs- Musiker, sich mit anerkennenswertem Eifer in das so ganz anders geartete Wesen der jüdischen Musik hineinznlebeii suchte. Pabow zimmert aber auch den ״Thron“ für den Kaiser Chiskiah, benagelt ihn mit Stoff und bemalt ihn mit dem Alagcn-Dawid, malt Hintergründe und Kulissen, besorgt in einem Kostüm- Vcrleihgeschäft der Stadt die erforderlichen Kostüme für alle Solisten und Statisten, schreibt an einer als Nachttisch hergerichteten Kiste mit kaligraphischer Schrift die Theaterzettel nebst Erläuterungen in jidische!׳, hebräischer, deutscher und russischer Sprache, und bringt nach kaum (1 Wochen die erste Vorstellung zustande. Goldfadens historisches Drama Bar Kochbn wurde gespielt, und es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß es ungeheuren Erfolg hatte. Das Theater fallt etwa (100 Personen, wovon freilich über 100 Plätze als Freiplätze für die deutschen Unteroffiziere des Lagers, die Aerzte und einige Offiziere reserviert waren. Immerhin brachten die verkauften Billetts (die Preise waren von 80 Pf. abwärts bis 10 Pf. festgesetzt) einen erheblichen Ucberschtiß, so daß außer den notwendigen Ab- Schreibungen für die Kosten der späteren AufHihrungen noch 60 M. dem Unterstützungsfonds für unbemittelte jüdische Gefangene überwiesen werden konnten. Außer dem Bar Kaehba und dem auf denselben altjüdisclien Ton gestimmten ״Churban J e r 11 - s ch a 1 a j i 111“ (״Zerstörung Jerusalems“) wurden noch leichtere ״Komödien“ gespielt, in denen Szenen aus dem kleinbürgerlichen jüdischen Leben mit charakteristischer Darstellung der typischen Personen (Rebbe, Bocher, Schadchen usw.) in zwingender Kotnik vorgeführt wurden. Hier feierte Fabow schauspielerisclie Triumphe, aber auch von den Dilettanten offenbarten einige beträchtliches Talent. Freilich, unsern künstlerischen MaBstab wollen wir lieber nicht anlegen, aber nicht darauf kommt es an, was wir, die Außenstehenden, dazu sagen, nicht darauf, welche Meinung der Herr Kommandant und das Offizierkorps des Lagers, die sich zu der nächsten Vorstellung angesagt haben, von dem jüdischen Theater hekommen werden, sondern worauf es ankonimt, ist lediglich dies: Daß es einem, ganz in seinem Beruf lebenden jüdischen Schauspieler gelingt, unter den ungünstigstenVerhältnissen seinen Brüdern und Landslenten eine ständige Bühne zu schaffen, und sie allwöchentlich für einige Stunden aus ihrem Grübeln über die Not ihres Volkes und ihre eigene herauszureißen. Und es ist sicherlich ein gutes Zeugnis dir die Kraft der jidischen Theaterkunst, daß sie dieses neueste Produkt der jüdischen (iohis-Ciesehidite, ein Jargon-T heater im (iiTangencnlager, schalten konnte. J 0 s c f Julius P r a g e r. Eine Bezalel-Ausstellung in New York ln New York fand in der Zeit vom 8. bis zum 21. November eine grolle Ausstellung verschiedener Kunstgegenslaiule aus. dein ״Be/alel“ statt. Die Kunstgegenstände wurden nach New York durch den Leiter der Kupferahteiluug des ״Bezalel“, Herrn Bnrdin, gebracht. Die Kunstgegenstände ans Kupfer wurden mehrere Wochen in italienischen Häfen zurückgehalten, da die italienischen Beamten durchaus glaubteil, (laß das Kupfer für Deutschland hestimmt sei und die Gegenstände als Bannware konfiszieren wollten. Die Ausstellung wurde von einem eigens zu diesem Zwecke geschaffenen Komitee geleitet, dem die Damen Mrs. M o r g e u 111:111, Mrs. Richard Gottheil, Mrs, L e v i 11 - E p s t e i 11 , Mrs. Morris W e r t - heim, Mrs. Henriette S/old, Atrs. Eva Lion, Mrs. Elsa Oppenheim und die Herren Louis 13. Brandeis, Prof. Richard (iottheil, Prof. Harry Friedenwald, Nathan Strauß, Morris Wert 1! e i 111 , Dr. David S o 1 a - P a u 1 und Louis R o b i n s o!1 aiigehörten. Wie wir bereits mitgefeilt haben, hat der Petersburger Militärgouverneiir R u s s k i die neugegründete jidische Tageszeitung ״P c t r o g r a d e r T a g e b 1 a 11“ am neunten Tag ihres Bestehens verboten. Wie wir erfahren, sind jetzt auch die Konzessionen für das hebräische Wochenblatt ״Hachajim“, von dessen geplantem Erscheinen wir Kenntnis gegeben haben, und für eine neue jidische Tageszeitung ״Der T a g“ /urückgenommen worden. Wieder ist die gesamte jüdische Bevölkerung Rußlands, trotz der Proteste der Duma und der Empörung der jüdischen und überalen russischen öffentlichen Meinung, stumm und taub gemacht worden. ZIONISTISCHE BEWEGUNG Pie Hilfsaktion für Palästina. Dos K o p e n 11 a g e 11 e 1׳ B u r e a u d er Z i o -!1 i s t i s c 11 c n O r g a 11 i s a t i o 11 (Kopenhagen, Vestergadc 1) veröffentlicht folgende Angaben über die Ergebnisse der Palästina-Hilfsaktion in den etiropäischen Ländern, die teils von den Zionistischen Organisationen dieser Länder, teils unter der Beteiiigung derselben durchgefiihrt worden sind: Bulg a r i e n 500(1 Frcs., I.) e 111 s c h 1 a tt d 70 000 M., Griechenland 2300 Frcs., Holland über II 000 Dulden, S k a!1 d i n a v i e n 13 500 dän. Kronen; andere europäische Länder etwa 350 000 Fres. Durch Vermittlung des Kopenhagener Bureaus der Zionistischen Organisation wurde außerdem ein Teil der argentinischen Sammlungen in Flöhe von '2500 Fres. nach Palästina überwiesen; und bei dem Hauptbureau des J ii d i s e 11 e n N a t i o 11 a 1 - l'onds im Haag gingen weitere 5000 Fres. für Notsfandsarbeiten ein. Die Hillsgelder aus England sind, ebenso wie die Erträge der Sammlungen in den a 11 ß e r e u r o - p ä i s c h e n Ländern, dem A tn e r i k a 11 i s c h - J ü - d i s e 11 e 11 H i 1 f s k o in i t e e f ü r P a 1 ä s t i 11 a zur Verfügung gestellt worden, das aus Vertretern des Z i o n i s t i s e ii e n E .v e k 11 t i v - K o 111 i t e e s in New York und des American J e \v i s!1 Com- III i 11 e e s zusammengesetzt ist. Diese Beträge sind daher in den Ausweisen jenes Komitees inbegriffen. Die Eingänge sowohl der europäischen wie der amerikanischen Hilfsaktion sind dein Paläst inens i s c h e 11 V e r t e i 1 u n g s k o in i t e e in Jaffa, unter Vorsitz von Herrn Dr. R 11 p p i n , überwiesen w orden. Außer diesen Hilfsaktionen sind auch durch andere jüdische Organisationen Hilfssatmnltnigeu für Palästina durchgeführt worden, die zum Teil ebenfalls beträchtliche Ergebnisse hatten Palästina. Es ist eine im höchsten Maße erfreuliche Tatsache, daß auch auf dein Gebiete literarischen Schaffens kein Stillstand zu verzeichnen ist. Von den literarischen Produkten der letzten Zeit sind besonders hervorzuheben: eine prachtvolle Gedicht- Sammlung von Ascher Barasch, einem der rcichbegahtcstcn jungen hebräischen Dichter, und eine sehr bemerkenswerte Schrift über ״Das Judentum und die Jungen“ (Fla-jahailüt we-ha-zeirim“) von Elchanau Kalma 11 so 11, der für die tiefen (.hiriuigen innerhalb der orthodoxen Jugend Jerusalems sehr symptomatisch ist. Ferner die zwei ersten Bände von einem periodischen Sammelwerk unter dem Tite! ״Ben lia-niezarim“ (״Zwischen den Engen“). Vom reichhaltigen literarischen Alaterial dieser Bände legt folgendes Inhaltsverzeichnis Zeugnis ab: Band 1. ״Zwischen den Engen'1 — L. e 1 11 b a b e i; ״Zur Frage der laudwirtsihaftliehen lneinstrie*‘ Dr. 8. S 111 s e h z; ,,Dem T'ricdcn entgegen“ - Joe hau: ״Sozialismus und Naiioiialgedanke" Zern b a b e 1; ״Zur Frage der landwirtschaftlichen In- Palästina“ Dr. B c 11 a 111; ״Der Medjless mmuni und seine Tätigkeit" M. K .1 r 111 o 11; ״Der alte Jisdunv in der Gegenwart" A. Jakobi; ״In den Zerstreuungen" A. [.. Bar-Chijn; ״Und wir zogen nach Aegypten" (lieiseeiiulriieke) A. R e 11 11 e 11 i; ״Rasse und Judentum“ Dr. A. S. NX' a I d s l e 1 n; ״( ilossen8 ״ a g 1 n a 11 0 r, ״Das Komitee zur Notlinderiing“ M. Seheink in; ״Die Darlehenskasse" Jatfoi; ״Dev Ausschuß für öffentliche Arbeiten" N. A.; ״Das erste amerikanische Hilfskomitee in Jerusalem•• S. N.; ״Die Arbeiter und die Krisis in Petaeli-Tikwah" J e 11 11 d a N.; 111״ l '11ter-Ga!1 läa“ J a 11 a i t; ״|erusalemcr Rundschau“ V; ״J. L. Perez“. tXi zweite Band weist folgende Beitrage auf: ״Der Weg der nationalen Bewegung" Z e r u b;1 b e 1; ״Die Autgaben eines allgemein-jüdischen Kongresses" M a 11 a s s e 1־ e 1 d b 1 u in; ״Die Sozialisten und die Friedens vorbereit 1mg״ M. Karino 11; ״Die ansteckenden Krankheiten in Palästina" Dr. Beharn; ״Unsere wirtschaftliche Entwicklung“ Dr. S, Sluschz; ״In den Zerstreuungen“ A. L. B a r - G 11 1 j a; ״Sozialismus mul Nationalgedanke'• B. Bon: e!1 o w; ״Und wir zogen nach Aegyplen" A. R e u h cm; ״J. L. Pere/." Dr. S. \X' a I d s t e i u : ״Die Arbeiter und die Krisis in Petach-Tikwah“ N. J e 11 11 d a. Im Verlag ,,J e 1 t e t“ ist eine sehr schone hebräisehe Ausgabe von Piatos ״G a s t in a 11 1" erschienen. Bukowina. Das B 11 k ס w i 11 a e r Z 1 o 11 i s t i s c 11 e L a 11 d e skonntee, das derzeit seinen Sitz in Wien hat, hielt Samstag, den 16. Oktober «me Sitzung ab. Nach den einleitenden Ausführungen des Vorsitzenden Dr. liieodor Weißeiberger erstattete I Ir. Markus K r ä in e r , der sich seit Monaten in der Bukowina aufgehalten hatte׳, einen ausführlichen Bericht über tlie derzeitige Lage der Bnkowitiaer Judenschaft. Hierauf entspann sich eine Debatte, während welcher die W 1 e 11 e r :1 u f n a!1 me der zionistisch en A r b eit i n d e r Buk o w i 11 a (wenn auch in hesdiräiiktem Maße) beschlossen und deren Richtlinien für die nächste Zeit festgestellt wurde. Es wurde auch der Beschluß gefaßt, ein H i I f s k o m i t e e für die notleidende jüdische Bevölkerung in C/ernowitz und cm S c 11 a d v n e r h e b u n g s b u r e a u zu gründen. Zum Schluß der Sitzung brachte der Vorsitzende in Erinnerung, daß in nächster Zeit sich der Todestag des verdienstvollen Mitgliedes des Bukowiiiaer zionistischen Landeskomitees, Dr. Markus Schapira, der als Leutnant auf dem Schlachtfeld(.• den Heldentod erlitten hat, jähre. Aus diesem Anlaß wurde unter den Sitzungsteilnehmern eine Sautinhing lür die K r i e g s 1 a n d s pe n d e veranstaltet und es wurde beschlossen, sieh au die zionistischen Freunde des Verstorbenen mit einem Aufrufe zu wenden, das Andenken des Helden durch gine Spende für den obigen Zweck zu ehren. Argentinien. IXis Z e n t r a 1 - K o m 11 e e der a r g e n t i n i - sehen Zionisten hat dem P rovisorisc h e 11 Z i o 11 f s t i s c 11 e 11 E x e k u t i v - K o m i t c c in N e w York auf Grund der Hilfssainmlungen in Argentinien bisher den Betrag von 12 000 Frcs. mit der Verfügung überwiesen, daß ein Feil dieses Betrages zur Liriderting der Not i!1 Palästina verwandt werden solle. Für den speziellen Palästina-Fonds wurden außerdem 2000 M. gesammelt. Die Sammlungen werden fortgesetzt, und die allgemeine zionistische Arbeit in Argentinien nimmt ebenfalls ihren regelrechten Fortgang. Australien. Vor kurzem wurde in S y 11 n e v die Svdnev Yenuig Mens Association gegründet, die in enger Fühlung mit dem Stannincrein der Sydney Zionist Society arbeitet und vor einiger Zeit das erste öffentliehe Meeting veranstaltet hat, ln Sydney hat sich ein Lokalkomitee gebildet, das Sammlungen für die durch den Krieg notleidenden Juden durchführt. Südafrika. Die zionistische Tätigkeit in Südafrika wird ohwohl sich die Einwirkungen des Krieges auch dort bemerkbar machen, energisch fortgesetzt. Mr. B. S. Hers eil hat im Aufträge der dortigen zionistischen Leitung eine größere Tournee unternommen, wobei er einige Ortsgruppen neu gründete, andere reorganisierte. Im Anschluß an die Vortrage des Herrn B. S. Hcrsch wurden von der East-London Zionist Associaticin, sowie den Vereinen in Kingwilliamstown und Laingshoiirgh Resolutionen angenommen, in denen a tt g e s i c ii t s der g e g e n w ä r t i g e n V e r - 11 ä 1111 i s s e das treue Festhalten an den zionistischen Idealen bekräftigt u n d d e m A c t i o n s - C o!11 i t e d a s V t* r t r a 11 e!1 a 11 s g e 11 r ü c k t wird, Schweiz. (E i n j i d i s e h e s Wochenblatt in d e r S c fi w e i z.) Unter der Redaktion des bekannten ziotiistisehen Schriftstellers Schcmarja Gorelik begann in Genf ein neues j i d i s c 11 e s Wochenblatt ״Das Jüdische Wort“ zu erscheinen. ir Unterdrückung der jüdischen Presse in Petersburg