Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1915)
- Date
- 1915-11-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 391 bezeichnet die Ausführungen Barks als eine Belcidij gung .für Rußland und behauptet, da ft Bark nur in seinem eigenen und nicht im Namen der Regierung odertles Landes gesprochen habe. Nach der Meinung dieses Blattes legt die Alliance mit dem ״demokratischeu England“ und dem ״republikanischen Frankreich“ Rußland keinerlei V e r p f I i c 111 ti!1 - gen wegen der Behandlung seiner inneren Angelegenbeiten auf. Die liberalen und jüdischen Organe sind natürlich anderer Ansicht, Sie betonen, daß die Regierung für die Ausführungen des Herrn Bark verantwortlich ist und beklagen um so mehr, dali trotzdem bisher k a 11 111 eine B e s s e r u 11 g h i 11 s i c h t - lieh der B e h a n d I u n g der J u d e 11 zu verzeichnen sei. * Dem in New York erscheinenden jiddischen ״Morgen-Journal“ geht unter dem 30. Oktober folgender telegraphischer Bericht aus London zu: 111״ den Kreisen der russischen Reak־fi011are herrscht gegenwärtig grolle Erregung über die von der Regierung in der Juderifrage au den Tag gelegte Nachgiebigkeit den liberalen Forderuiigen gegenüber. Dieser Tage wurde in Moskau eine Konferenz zur Erörterung der Maßnahmen gegen diesen ״neuen Kurs“ einberui'eit. Es wurde eine Kundgebung erlassen, in der die Reaktionäre in schärfster Form g e g c!! d i e ״R eformplane“ der Regierung, ganz besonders aber gegen die ״K o 11 z e s s i o 11 e n a n die J 11 d e n“ auftraten. Es sei jetzt nicht die Zeit, sich mit der Judenfrage zu befassen, diese müsse bis nach Beendigung des Krieges aufgeschoben werden. Die Kundgebung gipfelt in der offenen Drohung mit einer R e v o I 111 i o n von ob e n“. ״Es würde dadurch“ so heißt es darin -■ ״eine unüberbrückbare Kluft zwischen Regierung und Gesellschaft entstehen, die die schlimmsten Folgen zeitigen könnte.“ Unter den Teilnehmern an der Konferenz befanden sich u. a. die Fürsten Obolenski und* Mesch tscherski, die Generale B 111 u r 1 i n und Sawostin, der Provinzialschulinspektor Muraminow, zahlreiche Führer des Adels und der ländliehen Verwaltungsbehörden. Dieser Widerstand der maßgebenden reaktionären Kreise ist nicht ohne Wirkung aut di e Regierung geblieben. Diese Wirkung kommt namentlich auch in dem Umstand zum Ausdruck, daß jetzt die ZeitiiiigsiTieldungen über die vom Minister B a r k in L o ruloii gemachten Versprechungen zugunsten der Juden kategorisch deinentiert werden,“ * (Die Beratung über die Zulassung jüdischer Rechtsanwälte in Rußland.) Am 10. November fand im russischen Justizministerium eine Beratung über die Frage der Zulassung jüdischer Rechtsanwälte an den russischen Gerichten statt. Die Erörterungen wurden mit der Ansprache des Gehilfen des Justizministers, Weriowkiii, eröffnet, in der dieser darauf hinwies, daß gegenwärtig eine ״P r o z e 11 t n o r m" für die Zulassung jüdischer Rechtsanwälte bestehe, die im allgemeinen 9 0״ nicht übersteige. An einigen Orten ist sogar 1 0,״ festgesetzt. Man müsse diese für die Zulassung der jüdischen Rechtsanwälte geltenden Beschränkt! 11 g e 11 ganz a u f 11 e b e n , oder doch in weitem Maße ei 11 schränken. Die bekannten russischen Rechtsanwälte Kar a b t s c h c w s k i, M a k 1 a k o w und D o b r o ־ chostoiv traten scharf gegen die B e s c 11 r ä 11 - kungen auf. Einen starken Eindruck machten besonders die Ausführungen Maklakows, in denen er darauf hinwies, daß Juden nur durch Protektion das Recht zur Ausübung des Advokatenberufes erlangen können. Der Oberprokureur des ersten Senatsdeparteni e n t s erklärte sich gegen j e d e Protektio 11s Wirtschaft. Sämtliche jüdischen Rechtsanwälte müssten in dieser Hinsicht gleichgestellt sein, und n i e m and dürfe zur Advokatur zugelassc‘11 werden. Zainislowski machte den Vorschlag, für die Zulassung jüdischer Rechtsanwälte eine P r o z e n t - norm entsprechend dem allgemeinen Prozent vei hältnis der jüdischen Bevölkerung in Rußland festzusetzen. Gegen diesen Vorschlag wandte sich M a k 1 a k o w , der ausführte, Zainislowski wolle mit seinem falschen Zahlenspiel bloß Sand in die Augen streuen. Wäre Zamislowskis Prozentsystem überhaupt annehmbar, dann müßte das Prozentverhältnis der jüdischen Rechtsanwälte nicht entsprechend der al'gemeinen Bevölkerung Rußlands, sondern im Verhältnis zur ha ndeltreibenden Bevölkerung festgesetzt werden. Darauf gelangte die Frage der jüdischen Advokaturgeliilfen zur Erörterung. Weriovvkin beantragte, nur diejenigen jüdisehen Advokaturgehilfen zu vereidigten Advokaten zu befördern, deren politische Unverdächtigk e i t außer Zweifel steht. Diesem Antrag trat M a k I a k o w in scharfen Worten entgegen, indem er erklärte, daß, gelte diese Bestimmung auch für nichtjüdische Rechtsanwälte, auch ihm selbst die Mögliehkeit der Advokatur abgeschnitten wäre. * (G a 1 i z i s c 11 e Juden in Rußland.) Aus K a 1 u g a wurde dem amerikanischen Konsul in Petersburg mitgeteilt, daß im dortigen Zuchthaus 30 galizisehe Juden interniert sind. Da die anderen ״evakuierten“ galizischen Juden sich schon auf freiem Fuß befinden, bemüht sich jetzt der amerikanische Konsul, auch diese 30 Personen aus dem Gefängnis zu befreien. Aus New York wird berichtet: Der Verb and der g a 1 i z i s c 11 e 11 Juden in A in e r i k a wendete sich dieser Tage an den Präsidenten Wilson mit der Bitte, er möge sich bei der russischen Regierung für die Befreiung der in russischen (iefängiiissei! schmachtenden galizischen Rabbiner verwenden. Vorläufig wird über die Freilassung des in Poltawa festgehaltenen Rabbiners Landau aus K o 1 o 111 e :1 verhandelt. * Russische Blätter berichten, daß in den Regieruugskreisen ״Erwägungen“ gepflogen werden, die Verordnung bezüglich der Konfiskation des Vertnögens jener Juden, die außerhalb des Ausiedlungsgebietes Handel treiben, oul'zuheben, ferner die Aufnähme der Juden in die Ärbeiteriimuiigcii zu gestatten, und jüdische ׳Studierende bis zu 15״״ zu den Feldscher- und Hebeaniiiieiikurseii zuzulassen. * Das r u s s i s c 11 e V o 1 k s h i I d u n g s d e p a 1׳ t ement gibt bekannt, daß die jüngste Verordnung des Volksbildungs-Ministers wegen der B e f r e i 11 11 g der Kinder armer jüdischer im Felde stellender Soldaten vo 111 S c h 111 g e I d nur für die Kinder jener jüdischen Militärpersonen Geltung hat, die i!11 Laufe des Krieges als Reservisten oder Ersatzreservisten einberufen wurden. Kinder von jüdischen Heeresangehörigen, die ihre Dienstpflicht bereits in der Zeit v o r d e m K r i e g e erfüllt haben und augenblicklich au der Front stehen, werden vom Schulgeld in den öffentlichen Schulen nicht bef r e i't. * Sämtliche jüdischen Wohltätigkeitsvereine im Kreise Bobruisk (Gouv. Minsk) mußten infolge der Abreise des gesamten wohlhabenden Teiles der jüdischen Bevölkerung aufgelöst werden. * . Der Moskauer ״Stadtverband“ bestimmte 10ODO Rubel zur Unterstützung der in!Minsk sich aufhaltenden Flüchtlinge. Von dieser Summe übergab der Bürgermeister dieser Stadt dem dortigen jüdischen Gemeindevorstand 5000 Rubel zur Unterstützung der׳ jüdischen Heimatlosen. Dieser Tage gingen von Minsk nach den zentraten russischen Gouvernements 20 Waggons mit jüdischen Flüchtlingen ab. Der Minister des Innern befahl dem Minsker Gouverneur, Brotgetreide aus den Vorratslagern der ״Scmstwos“ unentgeltlich an die Flüchtlinge zu verabfolgen. * Entsprechend dem Beschluß der Petersburger Konferenz der Jüdischen Hilfskomitees verschickte das Zentralkomitee in Petersburg ausführliche Fragebogen an verschiedene jüdische GemeindeverwaltUngen und einzelne Personen außerhalb des Ausiedlungsrayons, um festzustellen, welche Einwanderungsmöglichkcitcn für die jüdischen Flüchtlinge jede einzelne Stadt bietet. Der bisherige wirre Andrang der Fljichtlinge bewirkte es, daß z. B. in Pensa gleichzeitig 12 000 jüdische Flüchtlinge zusaninicnströmten, die dort unmöglich alle untergebracht werden konnten, so daß eine ganze Anzahl später nochmals evakuiert werden mußte. Die Beantwortung der Fragebogen hat es aber jetzt dem Komitee ermöglicht, für eine beträchtliche Zahl von Flüchtlingen eine verhältnismäßig sichere ״Heimat“ zu finden. So haben sich bereits jetzt von jüdischen Familien in Kasan 550, in Orenbürg ■100, in Charkow 1200, in Sarajsk 500 11. a. nt. niedergelassen. Zusammen 15 000 Menschen, hauptsächlich Arbeiter und Handwerker. * In Bobruisk befinden sich gegenwärtig ׳ bis 70 000 jüdische Flüchtlinge aus den Cnolrner, Lubliner und Groduocr Gouvernements. Sie sind zum großen Teile in den Synagogen und öffentlichen Gemeindehäusern untergebraebt. * Die antisemitische russische Tageszeitung ״S e m s c 111 s c h ina“ veröffentlicht einen ״Artikel, in dem erklärt wird, daß die Moskauer Unruhen und die liberalen ״Treibereien“ der Städtekonferenz in Moskau auf Wühlereien von jüdischer Seite zurückzuführen seien. * Wie aus Moskau berichtet wird, ist dort bei den letzten Ausschreitungen gegen die Deutschen auch die große hebräische Bibliothek der Ge- Seilschaft ״C h o vv e w e - S e f a t - E v e r“ völlig vernichtet worden. Das Bibiiotheksgebäude befindet sich in der unmittelbaren Nähe eines großen deutschen Geschäftshauses. Der Schaden beträgt mehr als 10000 Rubel. * Die russischen Zeitungen melden, daß die Nichtigkeitserklärung der Wahl des zum Mitglied des russischen Reichsrats gewählten jüdischen Industriellen Weinstein bevorsteht. Kurz nach der Wahl Weinsteins war von antisemitischer Seite darauf hingewiesen worden, daß die Zulassung von Jude n in den russischen Reichsrat auf Grund älterer Gesetzesbestimmungen unstatthaft wäre. Diese Bestimmungen sollen jetzt zur Korrektur des Wahlresultats ausgenützt werden. * Der Kiewer Kreisschulinspektor Smal janinow erhielt auf eine Anfrage vom Bildungsminister Ignatiew den Bescheid, daß Nichtchristen nicht Mitglieder der Elternausschüsse an den Mittelschulen sein dürfen. A11 der Moskauer Universität wurde in diesem jahie über 3!)l) jüdischen Studierenden Aufnähme gewahrt. Im vorigen Jahre belief sich die Zahl der Juden au dieser l'!liversitat aut nicht mehr als (10 ♦ An dem nach Moskau über.ührteii Polyteclinikuiii zu Riga studieren gegciiw;1 r.i _< '2500 Persollen, darunter 350 Juden.!111 vorigen Jahre betrug die Zahl der Hörer ,1111׳ Polytechnikum 1200, da runter waren 700 Juden. % Die Moskau(1!• Pharmazeutische Gesellschaft überreichte dieser läge dem russischen Unterrichtsminister einen Bericht über die Frage der Zulass u 11 g j u d isclir r P 11 a r in a z e 11 t c ״ zu den ״pharmazeutischen Kursen“ der Moskauer (’ 11 i - v e r s i t ä t. * In Rostow am 1)011 wurde als Walilmann zum Reichsrat der jüdische Fabrikbesitzer Alexander Feld m a 11 11 von der dortigen 111 d u s t r i e g e s e 11 - s c!1 a f t gewählt. * 111 Petersburg ist eine neue ״Gesellschaft zur Förderung der jüdischen Kunst“ gegründet wurden, an deren Spitze der bekannte Bildhauer Prof, ilja ü ti 11 zbürg, Mitglied der Kunstakademie, der Maler B r o d s k v und der Architekt (i e w i r z stehen. Das Ziel der Gesellschaft ist die Pflege und Entwicklung der plastischen Künste (Malerei, Bildhauerei, Arcliitektur usw.) unter den Juden, die Vereinigung der jüdischen Künstler und die Vermittelung zwischen ihnen und der breiten jüdischen t >ef teilt liehkeit. »• Am 1. Dezember soll in Petersburg eine neue hebräische Wochenschrift ״H;1 e 11 a i in“ erscheinen. Aus Russisch-Polen. (Die ״frommen Wünsche“ des Wars c 11 a u e r ״B ü r g e r k o mite e s“.) Die Warschauer polnische Zeitung ,,1) z i c n n i k P o I s k i“ berichtet über eine am 12. Oktober stattgefundene Beratung des Warschauer ״Bürger- Komitees“ über Schulangelegenheiten, in der eine Re- Solution gefaßt wurde, in der es u. a. heißt: ״In Anbetracht des Umstandes, daß viele Juden ein polnisches Nationalgefühl besitzen, daß die gesanfte jüdische Masse sich in der polnischen Kultur, die ihr am nächsten stellt, cingelebt habe, — wäre es w ii n s c 11 e 11 s \v e r t, .daß in den jidischen Schulen in polnischer Sprache unterrichtet werde.“ Es wurde dabei so berichtet das erwähnte Blatt weiter — ein umfangreiches Material über die Bemühungen zur Polonisicrung der jidischen Schulen vorgelegt. * Die Warschauer polnische Tageszeitung( ״Nowa Gazeta“ berichtet über den folgenden Fall: Der bekannte polnische Pädagoge und Schulmann A. S w i a k o w i c 7. hielt dieser Tage einen Vortrag vor einer Gruppe Zuhörerinnen, die aus Christliehen und jüdischen Schuliehrei innen bestand, in dem er den ״nationalen Egoismus״ predigte und die Wichtigkeit der Boykottagitation darlegte. Der polnische Schulmann schärfte seinen Zuliorerinneii ein, den Kindern schon im frühesten Alter die ״Losungen“ bei- Zubringern Kauft nur bei Eigenen, lernt bei Eigenen, erweist nur den Eigenen Gutes usw. Nachrichten Berlin. Unser Gesinnungsgenosse Kurt Battsek-Hannover hat das Eiserne Kreuz erhallen. Unsere Gesinnungsgenossen Dr. L. Weinb c rg - Dortmund (K. J. V.) und Leo Joel-Hambürg wurden zum Leut 11 a nt, Referendar l)r. Josef M arcus - Breslau (K. J. V.) zum. Offizicrsstell- Vertreter befördert. Die Mitglieder des Jugendvereins Haschachar- Cölti, Pinkas K s cli e s c 11 o w er- Cöln und S. O m e t z - Cöln wurden v e r w u ndet, Moses Weiß (Haschachar-Cöln) ist in russische Gefangenschaff geraten. Das Mitglied des Herzl-Club Cöln, Heinrich Diilken, ist leider nicht in Gefangenschaft geraten, sondern g e fall e n. Pinchas PauL L ö vv c n s t e i 11 (Herzl-Club Berlin) ist in einem Lazarett in Osten g e s t o r b c n. Berlin. Der jüdische Turnverein ״Bar Kochba“ veranstaltet am Sonntag, den 5. Dezember, nachmittags 5 Uhr in Neumanns Festsälen, Roscntlialcr Straße 40/11, eine Chanukahfeicr. Programm: Festrede,!Musikalische Vorträge des jüdisehen Chors ״Hasamir“. Rezitationen. Turnei ische Vorführungen. Eintrittskarten zu 50 Pf. sind auf allen Turnböden und im Büro, Bleibtreustr. 25, zu haben. Berlin. Der national-jüdische Damen-Gesangschor ״FI asami r“, der sich die Pflege hebräischer Volksrmisik zur Aufgabe macht, hat seine Uebungsabende wieder aufgenommen. Die Proben finden jeden Dienstag abends tun 8 Uhr statt. Nähere Auskünfte erteilt und Anmeldungen nimmt entgegen: R. Sega 11, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8. Köln. Nach Wochen banger Ungewißheit ist die Mitteilung hierher gelangt, daß unser lieber Gesinnungsgenosse und Freund Heinrich Dülken bei dem jüngsten großen französischen Angriff sein junges Leben hat lassen müssen. Tapfer, aufrecht und