Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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I U EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 43 Seite 350 AUS ALLER WELT Aus Oesterreich. Am 10. Oktober w 11 nie der 1. Vizepräsident der 101 aditNtik׳!! KuHnspa mciiiik tu Wien, Herr Dr. (just;n־ Kulin. beenlirt. I )L r Verstorbene wirkte seit 1801 im Kultu-vorstaud unter 11 iiitanset/ung seiner persönlichen mul kertifliehen Interessen mit stets gleich erobern f.iier t'iir seine (ie'ncinde mul batte für jeden Bittsteller ein offenes Ohr. Als deutscher AHliheraler. der er bis zu seinem Ende blieb, hatte er intiii'gvmäb kein Verständnis für die aufstrebende jüdisehnationale Bewegung und stand den Ziemi'teii fremd gegenüber. Aber niemals bat er sieh feindlich gegen sie betätigt. in bewußten! Gegensatz zu dein Prieddenteii llr. Stern war er stets bemüht, den politischen (ieg'iier nicht übcrilii>sigerweise zu verlet/en. In aller!et/.ter Zeit hat er sieh sogar angesichts der durch den Krieg hervorgerufeneii Verhältnisse mandiei! /101)!s!i>el1e11 Aktionen bereitwillig a iigiwenlu-wcn. Aus Russisch-Polen. Der Verein ,/dimw'U e-sefai-Ew e!'י in Lodz veransialtet in diesem Herbst eine Reihe von Vorlesungen über die alte um! neue hebräische Literatur. Der ״J ii d i s e h e S e 11 u I - 11!1 d V ״ I k s hi 1 ־ du iigsvn'iaii" in I. o d z veranstaltete am letzten Sukkottagc eine große, sehr zahlreich besuchte Volks- Versammlung, in der die Erage der jüdischen Sprache in den neuen Volks-mluilcn zur Erörterung gelangte. Der Andrang des jüdischen Publikums war so grob, daß der grolle VersammUmgosaal bereits eine Stunde vor der Eröffnung durch die Polizei gesperrt werden mußte. Die: Versammlung wurde durch Rechtsanwalt Andres eröffnet, der Herrn L i c!1 t e n s t e i n das Wort zu seinem Referat erteilte׳. Der Redner führte aus, daß die Schule ja nicht den Aiilang׳, sondern die Fortsetzung des iin Elternhause bereits begonnenen Er/ieluuigswcrkes bilde und aut dieser Grundlage weiterbaueii müsse. Die Schulspräche könne nur die des Elternhauses sein, in der jüdischen Volksschule das J i d i s c h e. Au! das mit Beifall autgenommene Referat folgte eine sehr lebhafte und eingehende Aussprache. Ein bekannter Misrachist, der sich augenblicklich in Lodz aufhalt, drückte in seiner Rede zunächst seine Verwunderung darüber aus, daß die Versammlung am Feiertage abgehalten werde; dies sei eine Entweihung. Dann wies er darauf hin, dal! sieh in der Frage der Unterrichtssprache in den jüdischen Volksschulen nichts mehr erreichen lasse, weil diese Frage durch höheren Befehl bereits entschieden sei. Außerdem seien augenblicklich keine Lehrbücher in iidischer Sprache vorhanden. Das einzige, was die Versammlung machen könne und müsse, sei eine Protestkundgebung geigen die ,,Polen mosaischer Konfcssion“, die Unterschriften für eine öffentliche Kundgebtnig sammelten, in der die Einführung der poln i s e 11 e n Unterrichtssprache an den jüdischen Volksschulen gefordert werde. Dieser Ansicht traten mehrere Redner entgegen. Herr E d I s o h n stellte fest, daß die jüdische Bevölkening Polens für die jklische Schulsprache sei. Nach einer sehr lebhaften und erregten Debatte wurde der einhellige’ Wunsch der Versammlung zum Ausdruck gebracht, daß das Jidische als Unterrichfssprache an den jüdischen Volksschulen cingeführt werde. Zugleich wurde ein Protest gegen das Vorgehen der Leute erhoben, die die Einführung der p o in i s c h e 11 8 c h u l s p r a c 11 e anstreben. * ln Warschau ist ein Zentralheim für jüdische Obdachlose mit einer Abteilung für Altersschwache gegründet. Am 10. Oktober fand die Eröffnungsfeier statt, in der der Gründer, Herr B. E i g e r, Rabbiner P e r e I in t! 11 e r, P o s n a 11 s k y und Izchak N i s s c 11 b a u ni die Eiimeihmigsreden hielten. * Einem Bericht des ״W a r s c h a u e r Tageb I a t i s“ über die T ä t i g keil 11 er j ü d i s c 11 e 11 G c: in e i 11 d e - V e r w a 11 u ח g zufolge hat die Gemcincic seit Ausbruch des Krieges מסיי verschiedenen Seiten zugunsten der jüdischen Flüchtlinge insgesamt 1 1:18 351 Rbl. erhalten. Davon entfallen aut das ״Taliaka-Komitat1‘ 185 000 Rbl., das Jüdische Hilfskomitee in Petersburg 05h 731) Rbl., das Jüdische Hilfskomitee in Kiew KlOllO Rbl., die Stadtverwaltung von Moskau 1-1000 Rbl., das Jüdische Komitee in Kischinew 8500 Rbl. Die Ausgaben belaufen sich aut MTV ODO Rbl, Die Kasse der Gemeinde besitzt also jetzt noch einen 1/eberschulS von 162 742 Rbl., d e zur Unterstützung der evakuierten lind kriegsleidenden Juden bestimmt sind. Aus Frankreich. ln der Kriegszeit haben sich die Einnahmen der jüdischen Gemeinde in Paris dermaßen verringert, dal! der Uenieindevorsiaml sich gezwungen sah, die Mittel zur Erhaltung der Gemeindeinstitutionen durch einer A n 1 e i 11 c sicherzustellen. Gegenüber den Einnahmen des Jahres 1013 verzeichnet die Pariser jüdische Gemeinde in diesem Jahre einen Ausfall von über 185 000 Frcs. Aus Rußland. (Ein Pogrom in B o b r u i s k?) Wie aus einer Information der in London erscheinenden jüdischen Tageszeitung ״Die Welt“ (Nr. 204, 28. September) nervorgeht, herrscht unter der Bevölkerung von B o b r 11 i s k infolge der drohen- י den Kriegsereigiiisse eine sehr aufgeregte Stimmung, so daß der Polizeimeister von Bobruisk sich veraiilaßt sah, eine beruhigende ״Bekanntmachung“ an die Bevölkerung zu erlassen. Diese Bekanntmachung hat, nach der ״Welt“, folgenden Wortlaut: ״Der ('1 o 11 v e r n e 11 r v o n Min s k hat mich bcauftragt, die erschreckte Bevölkerung zu beruhigen. Ich versichere, dal! die Bevölkerung im Falle einer nötig werdenden Räumung des B o b r 11 i s k e r B e z i r k e s davon rechtzeitig in Kenntnis gesetzt werden wird.“ Ob das in anderen Zeitungen aufgetauchte Genicht von einem Pogrom in Bobruisk in irgendeinem Zusammenhang mit dieser Meldung stehe, killt sieh nicht mit Bestimmtheit feststellen. Dem Diiinaabgeordneten Winsgradow ging folgendes Schreiben aus K r e m e 11 t s c 11 n v zu: Am '2. September, als ein Zug mit Flüchtlingen auf der Station Kretnenisehriv erwartet wurde, brachte eine Abordnung einer lokalen jüdischen Organisation Nahruiigsiiiittet nach dem Bahnhof, um sic unter die erwarteten Flüchtlinge zu verteilen. Der dortige (iemlarmerieoberst Sch legal wollte anfangs die Personen, welche Lebensmittel nach einem außerhalb des für die Flüchtlinge bestimmten Aufenthaltsortes liegenden Gebiete gebracht hatten, durchaus verhaften. Später erklärte er, er wolle die Nahrungsmittel einer Un icrsucliung unterziehen. Diese ״Untersuchung“ dauerte über drei Stunden, und der Zug mit den Flüchtlingen, der währenddessen angekoininen war, fuhr in/.wäsclien weiter, ohne daß die Lebensmittel den Flüchtlingen verabreicht werden konnten. * Aus Kiew wird unter dem 3. Oktober berichtet: Vorige Woche ging ein Transport von 400 in Galizien gefangenen Juden von Kiew nach Ni.schni- Nowgorod ab. Von dort sollen die Gefangenen nach Sibirien weitergeschickt werden, Frist täglich passieren Kiew kleinere und größere Transporte galizisdier Juden mit Frauen und Kindern, die nach (len inneren Gouvernements abgeschoben werden. Sie befinden sich in sehr traurigem Zustand. * Die russenfreundlichen polnischen Intellektuellen all-polnischer Abservanz, die nach dem Verlust Warsdians mit ihren russischen Gönnern davonzogen, haben auch außerhalb ihrer Heimat nicht aufgehört, die Hetze gegen die Juden fortzusetzen. In dem in M 0 s k a 11, dein Mittelpunkt der polnischen Flüchtlinge, neu herausgegebenen polnischen humoristischen Blatte ״Mucha Polska“ werden die ärgsten Verleumdüngen gegen die Juden verbreitet. In einem Artikel der letzten Nummer sind unter anderem folgende Sätze zu lesen: 111״ Warschau haben die Deutschen nicht eine polnische Universität eröffnet, sondern die polnische Universität in einer jüdischen ״Glieder“ verwandelt, an dessen Spitze der Professor Zamenhaf (Der bekannte Erfinder des Esperanto, ein Jude. Die Redaktion.) steht.“ ״Die Juden sind ergebene Freunde der Deutschen“ 1ISW. 1ISVV. * Die ministerielle Verfügung über die Abschaffung des Ansicdhmgsrayoiis scheint für die K i e w e r Admiiiistration keine Geltung zu haben. Laut einer ״Rjetsch“-Meldung werden nicht allein ncuangekomin eile Juden, sondern auch Kiewer jüdische Einwohner von strengen Haussuchungen, besonders in der Nachtzeit, heimgesucht. Der Aufenthalt ist den Juden ausschließlich in zwei Stadtbezirken gestattet. * Aus Petersburg wird unter dem 6. Oktober berichtet: Ein kaiserlicher Ukas verfügte die sofortige Einstellung aller gegen Juden geführten Prozesse wegen ungesetzlichen Aufenthalts und Handels außerhalb des ״Ansiedhmgsrayons“. Derartige ״Klagen“ liegen in sämtlichen Instanzen massenhaft vor. Man erblickt in diesem Erlaß eine ״indirekte“ Bestätigung der Verfügung über die Anschaffung des Allsiedlungsgebietes. * Laut einer Meldung des ״Rjetsch“ wurde der Direktor des russischen Polizei-Departements, Brun- D e s s e n t, zur Demission gezwungen, weil er in der Juden frage eine extrem-reaktionäre Haltung einnahm und gegen die Aufhebung des Ansiedlungsrayons und eine Amnestie für die sozialistischen Dutnaabgeordneten protestiert hatte. % Von 572 jüdischen Studierenden, die in diesem Jahre an der Petersburger Universität Aufnahme gebinden haben, gehören 504 zu der durch einen besonderen Erlaß ״bevorzugten“ Kategorie derer, die selbst sich am Kriege beteiligt haben oder Kinder und Verwandte von Kriegsteilnehmern sind. * Nach einer Meldung־ der ״Jüdischen Volksstimme“ in Kopenhagen wird demnächst in Petersbürg eine große Tageszeitung in jidischer Sprache erscheinen. Für die Redaktion wurde der bekannte jüdische Schriftsteller und Politiker Herr Izchak Grünbaum gewonnen. * IzchakJoelLinezky, der bekannte jüdische Belletrist, Autor der berühmten Erzählung ״Der Polnische Jüngel“, starb im Alter von 76 Jahren in Odessa. Die Dichter C11. N. Bialik und S. Frug, der russisch-jüdische Dramatiker S. Juschkewitsch und M. Ussischkin haben die Herausgabe eines literarischen S a m m e 1 b 11 c h e s untemönimen, dessen Ertrag zugunsten der durch den Krieg in Not geratenen Juden verwendet werden soll. €11. N. B i a 1 i k hat für dieses Sammelbuch eine neue Er- Zahlung geschrieben. Nachrichten Berlin. Unsere Gesinnungsgenossen Dr. Eugen Ka m i n s k y - Berlin, sfud. jur. Willv Saeher-Berlin, Dr. Robert H a n t k e - Berlin (K. J.V.), Referendar Dr. Joseph Marcus- Breslau (K. j. V.) und Apotheker Max P 1 a t o -Gollub (Westpr.) haben das Eiserne Kreuz erhalten. Letzterer wurde gleichzeitig zum Unteroffizier befördert. Unser Gesinnungsgenosse Herr Gerichtsassessor Adolf W o 1 f - Stadthagen (K. J. V.) ist gefallen. München. Sonnabend, den 2. Oktober, veranstaltete der Verein Bne-Jehuda einen Simchas- Tora-Abend, dessen Reinertrag dem Hilfsfonds für kriegsnotleidende Ostjude« zu floß. Die Darbietungen waren dem speziell ostjüdischen Charakter des Vereins angemessen. Besonders hervorgeliohen zu werden verdienen die herrlichen Rezitationen des Herrn Schauspielers Arnold Marie und das erfolgreiche Auftreten des Herrn Schriftstellers Josef L ö w v aus Krakau. Starken Beifall fanden die im Chor gestmgencn jüdischen Volkslieder (״G’wald’schc Brider“, ״Hob ich a por Qksen“, ״Bulwe“). Das mehr als dreihundertköpfige Publikum war von dem stimmungsvollen Verlauf des Abends sichtlich befriedigt. Nürnberg. Die Mitglieder der Zionist. Ortsgruppe treffen sich allwöchentlich Mittwoch abends an ihrem Stammtisch im Cafe Central. Gäste und Freunde sind stets willkommen. Schluß des redaktionellen Teils• J&dische Gemeinde, Berlin (Gottesdienst) F r e i t a g , den 22. Oktober, abends, in allen Synagogen: 5 Uhr. Sonnabend, den 23. Oktober, vormittags: in der Alten und Pestalozzistr.-Synagoge 8(4 Uhr, in der Kaiserstr.- u. Rykestr.-Synagoge 9 Uhr, in den anderen Synagogen: Frühgottesdienst 7ys Uhr, Hauptgottesdienst 10 Uhr. Festgottesdienst aus Anlaß der Feier der 500jährigen Herrschertätigkeit des Hohenzollernhauses in Brandenburg-Preußen. Predigten: Sonnabend, den 23. Oktober, vormittags: Alte Synagoge: Rabb. Dr. Petuchowski; Synagoge Kaiserstr.: Rabb. Dr. Rosenzweig; Synagoge Rykestr.: Rabb. Dr. Stier; Synagoge Pcstaiozzistr.: Rabb. Dr. Bleiehrode; Neue Synagoge: Rabb. Dr. Weiße; Synagoge Lindenstraße: Rabb. Dr. Warschauer; Synagoge Lützow- Straße: Rabb. Dr. Hochfeld; Synagoge Fasanenstraße: Rabb. Dr. Bergmann; Synagoge Levetzowstr.: Rabb. Dr. Levvkowitz. Jugendgottesdienst: Sonnabend, 23. Okt., nachm'. 4 Uhr, Synagoge Lindenstr.: Rabb. Dr. Blumenthal. Abend gottesdien st (Sabbatausgang): 5 Uhr 39 Min. Gottesdienst an der! Wochentagen: Morgens: in der Alten, Kaiserstr.־, Rykestr.־ und Pestalozzistr.-Synagoge 7 Uhr, in den anderen Synagogen 71/2 Uhr. Abends: in allen Synagogen 5 Uhr. NSKSWW I Jüdischer Nationalfonds Zentral• ff&r Deutschland Geldsendungen sind ausschliesslich zu richten an Herrn Hax Wolllteisir, Charlottenburg, Roscher-Strsße 5. M. Bruno Perl entschuldigt s. f. vergessene Gratulation 5,—, dankt f. Rundschau 5,— . . 10,— Harry Heymann dankt s. 1. H. K. 1,—, grat. Gerhard Scholem z. Abiturium 1,— 2,— Walter Preuß, im Felde.1,— Salomon Bing, Sierck, Thoraspende . . . 2,— Unteroff. Weigert, im Felde, dankt Off.- Stelivertr. Roer f. Aufnahme in St. Quentin 3,—