Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1915)
- Date
- 1915-10-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 339 Die jidische Sprache In Russisch-Polen hat die deutsche Verwaltung Gelegenheit bekommen, sich mit den wichtigsten Fragen des jüdischen Lebens in! (.)stell zu befassen. So steht vor allem die S c h 111 f r a g e im Mittelpunkt des Interesses. In Deutschland 11ml in der deutschen Presse, sowohl 111 der allgemeinen als auch in der jüdische», kann man Meinungen und Forderungen von Leuten vertreten linden, die ton den Verhältnissen und Notwendigkeiten auch nicht eine blasse Ahnung haben. Aber auch in den in Russisch-Polen erscheinenden Zeitungen melden sich Leute /um Worte, die das ganze judentum Polens am liebsten binnen 21 Stunden ״germanisieren“ mochten. Solche Fach- und Volkskeiiner vergnügen sich /.. B. damit, in deutsehen Zeitungen den polnischen Juden Vorlesungen über den Ciebraiich der ״richtigen“ deutschen Sprache zu ludteii und die jidische Sprache zu verhöhnen — besonders wenn sie auf Firmenschildern und in Ankündigungen in deutscher Transskription geschrieben wird. Aber die jidische Presse ist solchen ״Belehrungen“ gegenüber energisch auf den Plan getreten. So finden wir im Warschauer ״ U a i ri t “ vom 20. September unter der Ueberscliriff ״Jüdische Zeitfragen“ einen Artikel, welchen auch die ,,Deutsche W'a rscha u e r Zeit u!1 g “ abdnickt, der folgendermaßen lautet: .Wir leben jetzt in einer für das Geschick der Länder und Völker entscheidenden Zeit. Viel, sehr viel von dem, was die;Menschheit bisher nur als süße Hoffnung, als einen schönen, fernliegenden Zukunftstraurn betrachtet hat, ist im Begriff, verwirklicht zu werden, Andere Forderungen und Erwartungen wiederum, die der Verwirklichung nahe schienen, müssen jetzt vergessen oder auf eine sehr weite Zukuiift verschoben werden. Aber mehr als alle andern Völker muß das jüdische Volk, das am meisten von allen andern Völkern unter der Weltkatastrophe gelitten hat, mit der zukünftigen Aendcrung der Welt rechnen und sich beizeiten der neuen Lage anpassen. Schon jetzt hat das Leben uns Aufgaben und Fragen gestellt, die uns unvorbereitet getroffen haben. Eine der schwierigsten und wichtigsten Fragen ist die der Anerkennung der j ü d i s c 11 e n Sprache im Zusammenhang mit der Schaffung einer jüdischen Schule. Die Schöpfung einer solchen Schule ist ein alter Traum der 11 a t i o n a 1 e 11 Strömn n gen und Partei e n im jüdischen Volk. Bisher war es aber nur eine theoretische Frage. Lim die jüdische Schule haben die Hebraisten und die A 11 h ängerdes Jidische n miteinander gestritten. Jetzt ist der alte Streit vergesse n, ganz andere Faktoren haben sich gebildet und die Frage, oder richtiger gesagt, die Antwort auf die Frage wird von einer ganz anderen Seite gegeben. Wir haben jetzt die Meinung einer Autorität in der ״Deutschen Lodzer Zeitung“ über die Berechtigung und Aussichten einer jüdischen Schule gehört. Der Verfasser des Artikels äußert lebhafte Sympathie für das jüdische Volk und seine kulturelle Entwicklung. Hinsichtlich der jüdischen Sprache aber hält der Verfasser im allgemeinen das Jidische für eine Sprache ohne Zukunft, denn schon das zweite Geschlecht werde rein Deutseli reden. Was wiederum die Scluilfrage anbetrifft, so könne man eine Forderung auf Erteilung des Unterrichts im Jidisehen nicht anfstellen, weil das jidische nicht mehr als ein deutscher Dialekt sei und der Unterricht nicht in einem Dialekt, sondern in einer reinen Sprache erteilt werden müsse. Von diesen Gründen ist der letzte weitaus der beweiskräftigste, das Jidische sei nicht mehr als ein Dialekt, und in Dialekten würde auf der Schule nicht unterrichtet. Es fragt sich aber, wie lange eine Sprache als I )ialekt angesehen werden kann und wann sie eine selbständige Sprache wird. Es ist hier nicht der Ort, sich in eine längere Erörterung über diese Fragt׳ cinzulassen; es muß uns genügen, sie mit einigen Worten zu streifen und zu beleuchten. Die moderne Sprachforschung hat die Abstammung fast aller Sprachen von einer alten Muttergirache erwiesen; das hat man schon in uralten Zeiten gewußt. So erziiht uns die Thora, daß von Anfang an die ganze Welt einsprachig gewesen sei. (,,Und es gab in der ganzen Welt eine Sprache“). Ls handelt sich nur um die Frage, welches die älteste Muttersprache der Menschheit gewesen ist. In den ältesten Zeiten hat man das Hebräische für die Muttersprache der Menschen angesehen, seit Leibniz be- (rächtet die Sprachwissenschaft das Sanskrit, die Urspräche Indiens, als den Spraehstamm. lieber die Entstehung und Entwicklung der verschiedenen ,sprachen wissen wir ganz gut Bescheid, das haben »ns die Sprachforschungen gelehrt. Für uns ist die weitere Verzweigung der Sprachen wichtig, wie sich jus den Dialekten die modernen Sprachen gebildet haben. Wir wissen z. B., daß aus der alten lateinischen Sprache die französische, italienische, spanische, portugiesische Sprache hervorgegangen sind. Einen analogen Vorgang beobachten wir bei den germanischen und slawischen Sprachen. Es fragt sich nun, wann die Sprachen, die früher nur Dialekte waren, zu selbständigen Sprachen geworden sind. Ein Dialekt hört auf Dialekt zu sein und wird zur Sprache, wenn sich eine Literatur bildet. In der Wissenschaft besteht deshalb der Unterschied zwischen Dialekt und 1 iteratursprache. So sind die französische, italienische, 'Panische Sprache durch die Herausbildung einer selbständigen Literatur, selbständige Sprachgcbilde geworden. Am deutlichsten zeigt sich dies bei dein Entwicklnngspro/eli wilder amerikanischer und afrikanischer Völkerschaften. Die europäischen Missionare haben bei ihrer Ankunft eine Mischung von Hunderten von Dialekten vorgefumlcn, jeder Stamm, ja beinahe jede Familie hat ihren eigenen Dialekt. Aus dieser Sprachmischung haben die Missionare eine» besoiideren Dialekt ausgewählt und in ihn die Bibel übersetzt. Damit ist der Dialekt zur Literaturspradie geworden, während die übrigen weiter Dialekte geblieben sind. Wir sehen also, daß eine Sprache mit eigener Literatur nicht mehr als Dialekt, sondern als selbständige Sprache zu gelten pflegt. Daß das jidische eine Jahrhunderte alte Literatur besitzt, ist irn allgemeinen bekannt. In der Literafür haben die Juden in zahlreichen Liedern ihr Herz ausgeschiittet und in ihr innige* Gebete verfaßt. In ihr haben unsere Mütter gebetet und ihre Wünsche vor dem Angesicht des Schöpfers zum Ausdruck gebracht, in ihr ist eine moderne Literatur mit Zeitungen und Zeitschriften entstanden, in ihr werden Reden mul Vorlesungen über die \ crwiekeltsten religiösen und Wirtschädlichen Fragen gehalten; schließlich hat das jüdische Volk dieser Sprache die Weihe verliehen und sie mit seinen nationalen hebräischen Buchstaben geheiligt, die Eigentum und Kulturscliatz des jüdischen Volkes sind. Line solche Sprache ist kein Dialekt, sondern eitle Literaturspradie. Die Behauptung, die jüdische Sprache sei keine Sprache, ist also, wissenschädlich betrachtet, unbegründet. S. J. S 111 h 11 i t z k i. AUS ALLER WELT Aus Dänemark. ln Kopenhagen erscheint seit dem 5. Oktober zweimal wöchentlich eine neue jidische Zeitung unter dem Namen ״Jüdische V o I k s s t i m 111 e‘*. Ferner hat das eine Zeitlang eingestellte, im 3. Jahrgang stehende ״Jidische Wochenb I a 11“ in Kopenhagen wieder zu erscheinen begönnen. Aus Galitien Die hebräische Wochenschrift Hamizpe“ in K rak au, die nach Kriegsausbruch ihr Erscheinen einstellen mußte, Hat am 22. September in Krakau unter der alten Redaktion wieder zu erscheinen begonnen. Aus Rumänien. Seit dem 9. September erscheint in Braila eine zionistische Halbmonatsschrift in jidischer Sprache unter dem Namen ״Der Hammer“. Aus Rußland. (D e r U 111 e r s 11 e 11 u 1! g s r i c 111 e r im K i s c h i - n e w e r 1' o g r o in - D r o 1. e ß w e g e 11 Hoc 11 verr a t s zu 1 e b e n s 1 ä 11 g 1 i cher Z w a n g s a rb e i t verurteilt.) In der russischen Zeitung ״Rjetseh“ finden wir einen interessanten Bericht über die Verurteilung des hohen russischen Regierungsbeaniten F r e y - 11 o h t, seinerzeit Untersuchungsrichter in K i s c 11 i new, wegen Hochverrats, begangen in Gemeinschaft mit dem bekannten, wegen desselben Verbrechens zum Tode verurteilten und hingerichteten Obersten M i a s s o j e d o w. Dieser F r e y n o h t hatte cs bereits zum Generalsrang gebricht, einen wichtigen Rosten im Ministerium des Innern bekleidet, war der Redakteur des vom russischen Polizeideparteinents herausgegebenen amtlichen Organs und aussichtsreicher Kandidat für einen Gouverneurposteti. Dabei hatte er sich immer als ein eifriges Mitglied des ״schwarzen Hunderts‘׳ betätigt. Jetzt stellte es sich heraus, daß dieser ehrenwerte Mann auch im K i s c I) i 11 e \v e r Pogrom von 190i eine wichtige Rolle gespielt hatte. Frey n o h t war von 1902 bis Anfang lWi Untersuchungsrichter in Kischin e w. Er war damals mit dem berüchtigten bellarabischen Antisemiten und Pogromsfitter Kruse he wan intim befreundet. Zu seinen Freunden gehörte auch der Poli/.eibeamte Schaf ir und der Kaufmann Dran in, beide als Hauptschuldige am Kischinewer Pogrom bekannt und seinerzeit viel genannt. Die gerichtliche Untersuchung der blutigen Pogromereignisse wurde ursprünglich dem Kischinewer ״Untersuchungsrichter für besondere Angelegenlteiteil“, Kalt o w s k i, anvertraut. Dieser Beamte war als ruhiger, ehrenhafter Mann sehr geschätzt und beliebt. Er hatte sich aber gerade deshalb in ״höhereu Sphären‘׳ vielfach mißliebig gemacht. So versah er zwanzig Jahre hindurch das Amt eines ״Untersuchungsrichters für besondere Angelegenbeiten“ in Kischinew... Kaltowski nahm seine ״Aufgabe‘‘ allzu ernst und war auf dem besten Wege, die an den Kischinewer Bluttaten eigentlich Schuldigen ausfindig zu machen. Da erhielt er die telegraphische Mitteilung aus Petersburg, daß er für einen höheren Posten ausersehen sei . . . Das war das Werk des damaligen russischen Ministers des Innern von P 1 e h w e , der den ״unliebsamen“ Mann durchaus ״unschädlich“ machen wollte. Als sein Nachfolger wurde darauf der besagte Freynoht zum ״Untersuchungsrichter für besondere Angelegenheiten“ in Kischinew ernannt. Er faßte seine Aufgabe gleich richtig auf und führte die ״Untersuchung“ so zu Ende, daß zuletzt nicht die eigentlichen Pogromanstifter, sondern — die Juden als die Schuldigen aus ihr ltervorgittgen . . . Dieses Ergebnis imponierte dein Zaren Nikolaus II. so, daß Freynoht gleich darauf auf allerhöchsten Befehl zu einem hohen Posten im Polizeidepartement benifen wurde, liier wurde er bald mit dem Obersten M j a s s o j e d ״ w befreundet .. . Der Londoner jüdischen Zeitung ״Die Welt“ wurde aus Minsk berichtet, der Kouunandeur der H. Brigade des dortigen .Mili/reginieiits habe auf eine Anfrage bei dem Miliuiriiispektor der Mili/abteilung ini südwestlichen Rayon bezüglich der Ernennung von Juden zu Otfi/ieren den Bescheid erhalten, dal) auf allerhöchsten• Befehl Juden bis in das 11 r i 11 e Geschlecht keine Offiziere in der russischen Armee sein dürfen. Die Wahl iles jüdischen (iroßkaufmaiius und Politikers W e i n s t 111 1 ־ in den russischen R e 1 111 ׳ s - rat hat in den jiulciifcimllicheii Kreisen Rußlands große Aufregung hervorgerufeit. Wie ans Petersbürg gemeldet wird, wird in reaktionären Kreisen eine Protestkundgebung gegen diese Wahl vorbereitet. Man wird die Regierung auf einen ״Pkus“ von Nikolaus 1. aufmerksam machen, demzufolge Personen jüdischer Konfession keine ,Mitglieder des Reichsrats sein dürfen. Der russische Minister des Innern richtete, wie die Londoner ״W e 11“ mitteiit, an sämtliche Gouverneure der dem gali/.ischen Kriegsschauplatz benachbarten Gebiete ein Rundschreiben, demzufolge samt liehe galizisch-jüdisdien Gefangenen, die laut Befehl des Hauptkonimandiereiiden nicht nach Galizien zurückbefördert werden durften, nach dem innerrussischen Gouvernement Pen za abgeschoben werden sollen. * Das Petersburger jüdische Hilfskomitee erhielt eine Meldung aus Nisclt 11i-Now״־orod, derzufolge die dort weilenden jüdischen Flüchtlinge aus *Mangel an Wohnungen in kalten Jahrmarktsbuden hausen müssen, wodurch viele Krankheitsfälle, besonders unter den Kindern, entstehen. Viele Fluchtlinge haben nicht einmal dieses Obdach und lagern in der Nähe der Bahnhöfe unter freiem Himmel. Die Städte der Umgebung sind bereits von Flüchtlingen überfüllt und können neuen keine Aufnahme gewähren. Der Petersburger Bürgermeister Graf J. Toistoi unterbreitete dem Ministerium des Innern ein Gesuch, in dem auf die Notwendigkeit hingewiesen wird, die für die aus dem Kriegsgebiet nach Petersbürg kommenden jüdischen Flüchtlinge geltenden Be- Schränkungen aufztiheben. Der neue Vize-Minister Fürst Wolkovvski hat dieses Gesuch dahin beschieden, daß zwar auf Grund der ministeriellen Rundverfügung vom 17. August die Jfiden sieh außerhalb des ״Ansiedlungsrayons“ aufhalten dürfen, aber nicht in den Residenzstädten. Dagegen wird das Ministerium dem vorübergehenden Aufenthalt der Flüchtlinge in Petersburg, bis sie nach anderen Orten weitergeschickt werden, keine Schwierigkeiten in den Weg legen. % Eine Konferenz der Notahein in der Stadt N o w o - T s c h e r k a s k (l)ongcbiet) richtete auf Grund einer vorgefaßten Resolution ein Gesuch an die Regierung, sie möge das Dongebiet den anderen Laudesteilen außerhalb des Ansiedlungsrayons gleichstellen und den Juden den Aufenthalt in diesem Oebiete gestatten. Das Gesuch wird mit dem Umstund begründet, daß sonst die Ueberftihruiig von Fabriken vom Kriegsgebiet nayh N o \v o - T s e h e r k a s k infolge der Wohnreehtsfrage der jüdischen Arbeiter unmöglich gemacht werde. Auf dieses Gesuch wurde von der Regierung folgender Bescheid erteilt; In den Städten des Dongeliietes, die dem Ministerium des Innern unterstehen, ist den Jude״ auf Grund der letzten ministeriellen Ivuiidverfügiing der Aufenthalt gestattet. Dagegen bedarf die Frage des jüdischen Wohnrechts in dem 1 hm er K o s a k e n g e b i e t über- Haupt, mit Ausnahme der dem Kncgsministenum unterstehenden Orte, einer besonderen Entscheidung auf gesetzgeberischem Wege. Persönliches Am 5. Oktober starb in Berlin unser Gcsinnungsgenosse Herr Albert Ruppin, der Vater unseres Herrn Dr. Arthur Ruppin, im Alter von 7 t Jahren. Wir sprechen den Angehörigen des Verewigten unsere herzlichste Teilnahme aus. * Unserm Gesinnungsgenossen und Mitarbeiter Arnold Zweig, zurzeit irn Felde, ist soeben der diesjährige Preis der Kl eist-Stiftung verliehen worden. Arnold Zweig ist der Verfasser der ״Novellen um Klaudia“, ״Aufzeichnungen über eine Familie Klopfer“, der Kriegsgeschichten ,,Die Bestie“, der Dramen ״Abigail und Nabal“, ״Ritualmord in Ungarn“ und ״Klaudias Ehebruch“. 111 den zionistischen Organen ist sein Name des öfteren zu lesen. Einen sehr guten und allgemein beachteten Beitrag veröffentlichte Arnold Zweig in dem Sammelbuche ״Vom Judentum“. Wir freuen uns der Anerkennung, die Arnold Zweigs künstlerisches Schaffen gefunden hat.