Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 39-40 (23.9.1915)
- Date
- 1915-09-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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'''־*"י•"• r I I I I! I Abonnements auf die wöchentlich am Freitag־ er• scheinende ״Jüdische Rundschau44 kosten bei der Expedition und bei allen Postämtern vierteljährlich M. 1,GQ innerhalb Deutschlands, in Oesterreich״ Ungarn M. 2,50, im Ausland M. 3,—. Jüdische Rundschau, G. nt. b. H. | BERLIN W.15, Sächsische Straße 8. | Telephon: Amt Uhland 845, 846. I Postacheckkonto: Berlin Nr. 17392. § 3U€DISCH€ RUNDSCHAU Anzeigen kosten für die sechsg-espalteoe Petit- *eile oder deren Raum 40 Pf.; Stellen- Angebote und -Gesuche sowie Verein•- Mitteilungen und ״Kleine Anzeigen* o o O O nur 30 Pfennig. O O O O Manuskripte werden, wenn Porto beiliegt, stets *uruckgesaodt Redaktiotvsachluß'; Mittwoch vormittags. Redaktion Jüdische Runds du■■ BERLIN W. 15, Sächsische Straße 8. Telephon: Amt Uhlaad 845, 846« Postsdbsckkonta: Berlin Nr« 17392. ALLC6/ACIN6 9U€DISCH€ Z€ITUNC Nummer 39/40 Berlin, den 23. September 1915 15. Thischri 5676 XX. Jahrgang Die nächste Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ erscheint am 8. Oktober. Der Sinn der Befreiung In unaufhaltsamem Siegeszuge besetzt das deutsche Ostheer eine wichtige Stadt nach der anderen und nun ist auch Litauens Hauptstadt in deutschen Besitz und in deutsche Verwaltung übergegangen. Große jüdische Massen, von der Zersetzung unberührte Stütz- und Sammelpunkte jüdischen Volkstums sind der russischen Willkürherrschaft entrückt. Von der deutschen Verwaltung aber ist die Erfüllung ihrer Forderungen nach bürgerlicher und nationaler Gleichberechtigung zu erwarten. Gewaltsame Unterdrückung ließ bisher die jüdischen Massen in Polen und Litauen nicht zur Entfaltung ihrer besten Kräfte kommen. Nur der unverwüstlichen jüdischen Lebensenergie ist es zu danken, wenn selbst die Willkür des russischen Absolutismus, die Korruption der russischen Bürokratie, der von der Regiorung immer wieder neu entfachte Haß der nichtjüdischen Bevölkerung nicht ersticken konnten, was im Inneren des nach außen hin vollständig machtlosen jüdischen Volkes an nationaler jüdischer Eigenkultur, religiöser Inbrunst und sozialer Produktionskraft blühte. Nach außen hin aber waren die Juden für alle die, die auf ihr Leben und Sein Einfluß nehmen konnten, stets nur Objekt. Darum kamen die wertvollsten Energien, die in diesen jüdischen Massen vorhanden sind, nicht zur Entfaltung, darum verlangen sie mit solch unerhörter Sehnsucht nach den Segnungen der Freiheit, die für sie nicht nur die Erlösung von Bedrückung und Verfolgung bedeutet, sondern auch die Möglichkeit des Aufstiegs zu einem produktiven, neue Werte schaffenden Gemeinschaftsleben. In den jüdischen Massen des Ostens, die bisher von der politischen Selbstbestimmung so gut wie ausgeschlossen waren, hat sich in den letzten Jahrzehnten des öfteren wie eine unbändige unterirdische Kraft der Drang kitndgetan, Subjekt zu werden und an der Gestaltung des eigenen Lebens mitzuwirken, ohne dabei immer auf die Gnade einer reaktionären Regierung angewiesen und von den feindseligen lnstinkten der Polen abhängig zu sein. Am stärksten flackerte der Freiheitswille der jüdischen Massen nach der ersten russischen Revolution auf, damals, als sie ihre ersten demokratischen Volksvertreter in die russische Duma entsandten. In Blut und Grauen wurde der Freiheitstraum des jüdischen Volkes in Rußland erstickt. Der Pogrombrand erfüllte seinen Zweck. Eine neue Zeit scheint jetzt für die jüdischen Massen gekommen zu sein. Die schlimmsten Schrecken, mit denen sich die früheren Herren des Landes befleckt haben, wird die deutsche Verwaltung zu verhüten wissen. Für die jüdischen Massen des Ostens aber erhoffen wir mehr als diesen selbstverständlichen Schutz gegen ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.״ Baseler Programm. die Greuel der schwarzen Hundertschaften und ihrer Geistesverwandten. Wir hoffen, daß ihnen jetzt die Möglichkeit gegeben wird, ohne Verfolgung und Beeinträchtigung von außen ihr eigenes nationales Leben zu führen. Wir hoffen auf den Schutz ihres nationalen Seins, wir hoffen, daß die Zeiten vorüber sind, wo sie nur von den anderen für deren Zwecke mißbraucht wurden. Im Ostjudentuin sind reiche aufbauende Kräfte vorhanden. Wird ihm das Tor der Freiheit aufgetan, wird es sein Leben nach seinem jüdischcn Ideal gestalten können, dann wird es ein Faktor von unabschätzbarer politischer Bedeutung für den, der ihm diese Möglichkeiten aufschließt. Aber der Sinn der Befreiung würde verloren gehen, wenn das Ostjudentum nicht gleichzeitig׳ mit der bürgerlichen Sicherheit auch die Bürgschaft erhielte, daß der Wert seiner G e m e i n s c h a 11 in kultureller, sozialer und politischer Beziehung verstanden wird. Wilna, die jüdische Stadt In höherem Maße noch als Polen bildet auch Litauen kein geschlossenes Nationalgebiet. Wie Polen, so ist auch Litauen ein von Volksgruppen verschiedenen Kulturcharakters, verschiedener nationaler Vergangenheit und verschicdener Gegenwartsbestrebungen und Zukunftshoffnungen bewohntes Land, ln diesen beiden Ländern machen die Juden schon rein zahlenmäßig einen beträchtlichen Teil der Ge- Samtbevölkerung aus: ln Polen etwa 15, in Litauen 14 °0. In beiden Ländern aber reicht die Bedeutung des jüdischen Elements weit über seine bloß zahlenmäßige Stärke hinaus. In hochstetn Malle aber kommt die’ ausschlaggebende Bedeutung der jüdischen Bevölkerung beider Gebiete in deren Hauptstädten zum Ausdruck. Während die Juden in Warschau etwa 40 ״״ der Gesamtbevölkerung ausmachen, bilden sie in W i 1 n a nicht weniger als 47 '>'״ der städtisehen Bevölkerung, neben 34 «.1 Katholiken und 16 ״> Russisch-Orthodoxen. Nach dem Ergebnis der Erhebungen von 1902 waren in der Haupt- Stadt Litauens von einer Gesamtbevölkerung von 162,633 Seelen 80000 Juden. Wenn nun die Juden in Wilna zahlenmäßig etwa die Hälfte der Bevölkertmg ausmachen, so reicht in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht ihre Bedeutung viel weiter. 111 ihren Händen liegt fast ausschließlich der gesamte Handel und das Handwerk. Trotz allem Massenelend besteht in W'ilna ein ziemlich kräftiger jüdischer Mittelstand und eine leistungsfähige, in beruflicher wie in moralischer Hinsicht sehr hochstehende Arbeiterschaft. In politischer Hinsicht aber ist das einheitlich auftretende jüdische Element gegenüber jeder einzelnen der wichtigsten Bevölkerungsgruppen der litauischen Metropole in der Mehrheit. Aus diesem eigenartigen Zahlenverhältnis ergab sich immer eine schwankende politische Struktur. Je nachdem, ob die drittgrößte Gruppe, die litauische, sich mit den Polen oder mit den Juden liierte in den verschiedenen Wahlperiöden zur Duma z. B. war bald dieses, bald jenes der Fall ־ gestalteten sich auch die politischen Machtverhältnisse. In der ersten Duma war der Abgeordnete von Wilna L)r. Sclnnarjah Levin, jetzt Mitglied des Engeren Actions-Comites der Zionistischen Organisation. Später zeigten die Litauer Neigung, mit den Polen zu paktieren. Es kann aber festgestellt werden, daß die Litauer in der letzten Zeit immer weniger Bereitschaft bekundeten, mit den machtlüsternen, unduldsamen Polen zusammenzugehen. Denn auch auf Wilna erheben die Polen trotz seiner unleugbaren litauischen Vergangenheit und ebenso unleugbaren jüdischen Gegenwart nationale Ansprüche, weil Litauen einmal zu Polen gehört hatte. Die heutigen Litauer haben aber für diesen Anspruch ebensowenig Verständnis wie die Juden. Dieses Zusaminengehen zwischen Juden und Litauern zu fördern und zu befestigen, dürfte wohl auch die Aufgabe einer weitschauenden deutschen Politik sein. ln kultureller Hinsicht bedeutete Wilna viele Jahrhunderte hindurch und ist noch heute in hohem Maße der Mittelpunkt des gesamten Ostjudentums. Diese ״Mutterstadt in Israel“ war die Wiege aller großen Bewegungen im Judentum. Die große Aufklärungsbewegung innerhalb der Ostjudenheit, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts über Deutschland nach Galizien und Litauen ging, setzte zunächst in dieser Stadt ein und gelangte hier zu hoher Entfaltung. Hier stand auch die Wiege der neuhebräischen Literatur und der modernen nationalen Bewegung in der Ostjudenheit. Als religiöser Mittelpunkt aber war Wilna viele Jahrhunderte und ist noch heute ein Heiligtum des Ostjudentums und der gesamten gesetzestreuen Judenheit. Sie beherbergte in ihren Mauern die berühmtesten talmudischen Schulen und die namhaftesten Lehrer. Noch heute bestehen in Wilna etwa 77 Synagogen und Talmudschulen. — Aber auch an Pflegestätten modern-jüdischer Kultur ist das ״litauische Jerusalem“ reich. Außer dem bereits historisch gewordenen ,,Lehrerinstitut“, das einst eine Hochburg moderner Bildung im gesamten Ostjudentuni bedeutete, gegenwärtig allerdings von anderen, neuen Gründungen in den Schatten gestellt ist, bestellt in der litauischen Hauptstadt eine stattliche Reihe jüdischer Elementarschulen alten und modernen Schlages, und auch jüdischer Mittelschulen und Gymnasien. Die hebräische Stadtbibliothek Wilnas dürfte wohl zu den ersten in der Welt gehören. Ein besonderes Ruhmesblatt in der Geschichte des Ostjudentunis beanspruchen die Wohlfahrtsinstitutionen der jüdischen Gemeinde zu W'ilna. Hochberühmt ist die zentrale Wohlfahrtsorganisatjon der Wilnaer Judenheit, die ״Zedakah-Gedola“, ein Institut, das seinesgleichen nicht allein in allen anderen jüdischen Gemeinwesen, sondern wohl auch in mancher westeuropäischen Kleinstadt nicht hat. Wilna bietet auch dem flüchtigen Blick des Durchreisenden das Bild einer durchaus jüdischen Stadt. Diesen Eindruck werden wohl auch die deutschen Sieger gewonnen haben, als sie am 19. September siegreich in die alte, rahmgekrönte Stadt ihren Einzug hielten.