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Jüdische Rundschau · 1915-09-03 · Heft 36 (3.9.1915) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 36 (3.9.1915)
Date
1915-09-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Seite 291 dorrten.’ Von ganzen Maisfddern sah man mu noch Stümpfe und Stengel. Viele Kolonisten waren, nachdem der Kampf gcgen die Heuschrecken nicht die gewünschten hrfolge gezeigt hatte, der Ucberzeugung, daß es das beste gewesen wäre, den Kampf überhaupt nicht aufzunchrnen, und das viele Geld, das man dafür ausgegeben hatte, zu ersparen. Besonders falsch hat cs sich aber herausgestellt, daß innerhalb einer Kolonie einzelne Kolonisten durch besonders große Aufwendüngen die Heuschrecken von ihren eigenen!,flauzungen fern hielten. Denn die Folgen davon waren nur die, daß die Heuschrecken, durch dieses Hindernis aufgestachelt, sich mit um so größerer Wut und (iier auf die benachbarten Pflanzungen stürzten. Außerdem olieben die Heuschrecken solange in einer Kolonie, als noch ein paar, durch Hindernisse geschützte Pflanzungen grün waren, während sie sonst schon längst die Kolonie verlassen hätten. Es ist fast unglaublich, mit welcher Wut die Heuschrecken gegen die Blechwände anraniiten. Das Geräusch ihres Anpralles gegen die Schutzwände war auf ziemliche Entfernungen hin \ernehmhar. Es war nicht anders#als ob ungeheure Armeen einen Sturm auf eine befestigte Stellung machten und nach einem erfolglosen Versuch immer wieder zu neuen Angriffen schritten. Es scheint, daß unter den Heuschrecken, nachdem sie sich schon zwei Monate im Lande aufgehalten hatten, gewisse Krankheiten ausgebrochen sind. Jedenfalls häuften sich vor den Hindernissen große Mengen von toten Heuschrecken an. Alan versuchte auch den Heuschrecken durch das Herei-!e’sche Serum beizukommen. Es gelang, den zur Her- Stellung notwendigen Coceobaziilus aus dem Auslande hereinzubekommen und das Serum in dem Nathan Strauß'schen Institut (International Health Ofiice) in Jerusalem herzustellen, aber das Serum wurde erst fertig, als die Heuschrecken schon zum großen Teil das Land verbissen hatten, und es läßt sich über die Resultate dieses Versuches kaum etwas bestimmtes sagen. Nach etwa dreimonatigem Aufenthalte im Lande haben die Heuschrecken Palästina verlassen. Nachdem sie im sechsten Häutungsstadium wieder Fliigel bekommen hatten.'sind sie nach dem Norden weiter fortgeflogen. Wohin sie gezogen sind, ist unklar. Ob sie nach Zentralafrika zurückkehren, von wo sie gekommen sind? Niemand weiß es. Der Schaden, den die Heuschrecken angerichtet haben, beläuft sich allein für die jüdischen Kolonien in Palästina auf etwa 3 00000() Francs. Verschont geblieben von den Heuschrecken sind nur die Pflanzungen, die in unmittelbarer Nähe des Meeres gelegen sind, so zum Beispiel der Orangengürtel, der Jaffa umgibt und bis 4 Kilometer von der Küste entfernt ist. Dieser Gürte! ist von den Heuschrecken fast unberührt geblieben, wohingegen die wenige Kilometer entfernten Pflanzungen von den Heuschrecken arg mitgenommen wurden. Man sagt, daß die Heuschrecken die Nähe des Meeres nicht vertragen könneu, aber hier, wie in so vielen anderen Fragen ihrer Lebensbedingungen, bleibt noch vieles dunkel. Hoffentlich werden diese ungebetenen Gäste uns sobald nicht wieder besuchen. Mit einem kann man sich schließlich trösten, daß nämlich die Natur die Schäden, die sie bringt, auch wieder heilt. Die Pflanzungen, die vor vier Wochen nackt ohne ein einziges Blättchen dastanden, haben schon wieder neue Blätter angesetzt, und es beginnt überall wieder von neuem zu grünen. Der Schaden aber, den die Heuschrecken an der Ernte und an den Baumfrüchten angerichtet haben, kann natürlich nicht wieder gut gemacht werden. Jaffa, den 1. Juli 1915. ״Freizügigkeit“ für die russischen Juden Die gesamte Tagespresse brachte die Mittellung der amtlichen russischen Telegraphenagentur, der zufolge der ״Ansiedlungsbezirk“ für die Juden in Rußland aufgehoben und ihnen! volle Freizügigkeit gewährt wurde. Es ist jedoch gut, die Nachrieht mit Vorsicht aufzunehmen. Zunächst geht aus den Angaben der erwähnten amtlich-russischen Quelle bereits hervor, daß von dieser Gewährung des unbeschränkten Wohnrechts an die Juden die Hauptstiidte Petersburg und Moskau, ferner alle dem Hofministerium unterstehende Ortschaften, dann aber auch Turkestan und das Don-Gebiet ausgenommen seien. Man muß aber auch in Betracht ziehen, daß ein großer Teil des Ansiedlungsgebictes gegenwärtig von den Zentralmächten besetzt ist, so daß die russische Regierung sich gezwungen sieht, die nach Hunderttausenden zählenden vertriebenen Juden nach dem Innern Rußlands, außerhalb des Ansiedlungsbezirks, abzuschieben. Wohlwollende Berichterstatter der Ententepresse aber waren, wie es scheint, gleich am Werke, aus dieser Not eine russische Regierungst u g c n d zu machen und diese provisorische Maßregel za einer endgültigen Aufhebung der Wuhnrechtsbe- Schränkung der Juden in Rußland aufzubauschen. Im übrigen wird von unterrichteter Seite bemerkt, daß das ganze Manöver der russischen Tclcgrapheiiagentur lind der ergebenen Ententepresse in einem nicht mißzuversteheiiden Zusammenhang mit russischen Anleihebestrebungen in Amerika und den demnächst in Paris stattfindenden Finanz-Beratungen des Herrn Finanzministers Bark mit seinen Vierverhamlskollegen stehe. Es handelt situ also vor allem darum, die , ,F r e i z ü g i g k e i t“ d e r r u s s i s c h e n A n 1 e i h eschein e sicherzustellen! Dr. Karl Jeremias zum Gedächtnis Am 25. Elui jährt sich zum ersten Male der lag. an dem Karl Jeremias seine klugen Augen zum letzten Schlummer schloß. Die ersten Sturme des Weltkrieges warfen ihre Schatten auf die letzten Phasen des Kampfes, den er seit ■vielen Monaten mit einem tückischen Leiden führte, das ihn, eine der schönsten Hoffnungen unseres Volkes, in der Blüte der Jahre überfallen hatte. Seitdem sind in unimterbrochener Folge Schlachten vorübergebraust. Millionen von Menschenleben vernichtet, atcniheklemtuende Ereignisse auf der Welthühne zu Alltäglich- Leiten geworden. Aber so gering die Bewertung des einzelnen Menschenlebens während des gewaltigen Völkerkainpfcs geworden ist, wir alle, die ihn gekannt, fühlen frisch wie am ersten Tag die Wunde, die sein Hinscheiden uns geschlagen, empfinden mit imgeschwächter Deutlichkeit, daß sein Tod unser Volk ärmer gemacht hat. .,Keiner war wohl treuer, reiner.“ Wer׳ das < duck hatte, Karl Jeremias näher zu kennen, weiß es, daß es keinen je gegeben hat, der an Adel der Gesinnung, an unbestechlicher Wahrheitsliebe, an opferfreudiger Hingebung, an nie versagender Arbeitsfreudigkeit und Pflichttreue ihn übertroffen hätte. Sein persönliches Ideal war ihm kein Zeitvertreib für müßige Stunden oder ein Tummelplatz für Redeübungeii. Als heilige• Pflicht erschien ihm auch die scheinbar geringste Arbeit im Dienste des jüdischen Volkes, und es gab kein Opfer an Zeit und Bequemlichkeit, an geistigen lind materiellen Dingen, das er ihr nicht ohne Zaudern und freudig gebracht hätte. Vielen galt er als ein Fanatiker.Wer ihn kannte, wußte* aber, daß es für einen.Mann wie Karl Jeremias Kompromisse nicht geben konnte. Gewiß rang auch er 11 י treuester Kleinarbeit um jede Seele, die den Zusammenhang mit der lebendigen jüdischen Gemeinschaft verloren hatte. Aber stahlhart wurde seine Rede, wenn es galt, diejenigen zu treffen, die böswillig und mit wenig lauteren Waffen, das Befreiungswerk des jüdischen Volkes stören und hindern wollten. Auch in den eigenen Reihen kämpfte er für die Roinerhaltimg unseres Ideals.TheodorMerzl’s Vermächtnis, das seine Jünglingsjahre erfüllt und bereichert, bewahrte er in treuem Herzen und wachte mit eifersüchtiger Liebe darüber, daß nicht verschwömmen!' Gefühle die kristallene Klarheit der Schöpfung des großen Meisters verdunkelten. Aus ehrlichster L’eberzeugung, nicht aus starrer Prin/.ipienreiterei. Theoretische Auseinandersetzungen stauden bei ihm, dessen methodischer Geist in seltener Klarheit die geistigen Grundlagen unserer Bewegung beherrschte, nicht hoch im Kurse. Nur eines '״*dt ihm — die lebendige Tat! So schuf er in jahrelangem Ringen die zionistische Gemeinde in seinem Wirkungsbereich, so schuf er in der Erkenntnis der Not- Wendigkeit, unserem Volkstum auch zu körperlicher Regeneration zu helfen, den Posener jüdischen Turnverein und leitete ihn in treuester Fürsorge durch die ersten Sturmjahre hindurch, so schuf er, um der lebenden Generation den inneren Zusammenhang mit dein Judentum wiederzugeben, die segensreiche lnstitution der Posener jüdischen Lesehalle. Zahllos sind die Aufgaben, denen sich Karl Jeremias gewidmet, und wer ihn in seinem Wirken beobachten konnte, der staunte immer wieder über die Vielseitigkeit dieses Mannes, der neben der treuesten Pflichterfüllung in seinem Berufe die Zeit fand, zahllosen Zweigen gemcinnützigen Wirkens sich zu widmen, am Orte und auf Reisen zu werben und zu kämpfen, eine starke zionistische Gemeinschaft aus dem Nichts zu schaffen und durch straffe Organisation zu lebendiger Tat zusammenzufassen und dabei alles zu prüfen, was von Freund und Feind, Juden und Nichtjuden über Zionisinus und Judentum gehegt und geschrieben wurde. Er war kein blendender Redner dazu war seine ernste Sachlichkeit zu stark — und doch sah man in Stunden, wo es um die letzten Dinge des Judentums ging, die erschütterndsten rednerischen Wirkungen von ihm ausstrahlen. Er war der beste und keiintnisreichste unter uns und doch war er imitier bestrebt, bescheiden im Hintergründe zu bleiben. Er war ein überzeugter Demokrat, doch niemals vermochte er der Masse demagogische Konzessionen zu machen. Nicht blinde Gefolgschaft wollte er, sondern überzeugen von dev Richtigkeit seiner Anschauungen. Ein Ritter ohne Furcht und Fadel, der geborene Führer, eine wahrhaft adlige Persönlichkeit 1 Sollen wir ihn beklagen, weil er so früh von uns gehen muiite, weil er das Ziel, dem er .-,eine Lebensarbeit gewidmet, nur in weiter Ferne liegen sali? Lin!..eben, an Inhalt so reich, wie nur je eins gelebt, lug trotz seiner Jugend hinter ihm. Das Leben hatte ihm keine Steigerung mehr zu bieten. Ens wollen wir beklagen, daß wir ihn so früh verlieren mußten, wir utul die Seinen, an denen er in /ältlicher Liehe hing und in deren Mitte er Frieden und Stärkung fand, wenn im Kampf mit Trägheit und Niedertracht ihm manchmal der Glaube an die Menschheit ins Wanken kam. Schwer wiegt st in Verlust, aber sein leuchteuües Beispiel soll uns stark machen, unser Leben zu gehalten, wie er es tat, zu lieben, was er geliebt, zu kämpfen den Kampf für Freiheit und Wahrheit, den er gekämpft, l ud wenn jetzt die Posener Ortsgruppe daran geilt, eine Karl ) c r e!11 i a s - S t i t t u 11 g dir die Piisener Jüdische Lesehalle zu schaffen, so darf sie die werktätige Hilfe aller clcriem'gen beansprachen, die das Andenken dieses < irolien in Israel ׳'.׳.durch ehren wollen, daß sie helfen, seine Lieblingsschöpfitiig stark und lebensfähig zu erhalten. Das ganze■ Judentum hat ihn verloren. Wir aber, die wir rnjt ihm gemeinsam arbeiten durften, haben ein Recht zu sagen: ,.Sie haben einen guten Mann begraben. -- Uns war er mehr.“ Sein Wirken wird nicht vergänglich sein, sein neues V ollen immer neue Kräfte gebaren und wer tias (ilück hatte, ihm nalieziisteheii, wird die Erinnerung an ihn als ein köstliches . Besitztum bewahren. Kareski. Alfred Wollstein Der 1 od hält reiche■ Ernte auf den Schlachtfeldern. Line stattliche Reihe von liehen (ie.smiumgsgenossen haben wir ins Grab sinken sehen, und schon wieder hören wir von dem Tode eines unserer Besten. Dr. Alfred Wöllstein hat am 10. August bei einem Sturmangriff an der Spitze seines Zuges den Heldentod gefunden. Die Anzeige von seinem lode las ich wohl, doch konnte ich den Gedanken nicht erfassen. Ich konnte es mir nicht vorstellen, daß ich diesem guten und prächtigen Menschen, dem treuen und bewahrten Gesinnungsfreunde nicht mehr die Hand reichen, nicht mehr seinen klugen Rat hören, nicht mehr mit i 11111 über unsere Zukunft disputieren sollte. Dr. W o! I s t e i n hat sich schon als junger Student der zionistischen Bewegung angcsehlossen und sein Ideal in der Regenerierung des jüdischen Volkes erblickt. Im ״Kartell Zionistischer Verbindungen“ hatte er bald eine führende Stellung eingenommen. Neben seiner erzieherischen Tätigkeit in der ״Hasntonaea“ widmete er seine treie Zeit der Förderung des jüdischeii Nationallonds, F.r gehörte jahrelang der N-F- Konimission un, wo er bei sinnen Kollegen durch sein bescheidenes und liebenswürdiges Viesen sowie durch seine Sachkenntnis mul sein reifes tTteif beliebt war. An allen größeren Aktionen, die der Jüdische Nationalfomls in den letzten Jahren unternahm, hat Dr. Wollstein mifgewirkt. -Auch der Jugend-Propaganda hat er seine Fürsorge zugewendet. Seine Berichte über die Tätigkeit dieser Propaganda waren mit solcher Liebe und solchem Verständnis geschrieben, daß man berechtigt war, auch auf diesem Gebiete noch Großes von ihm zu erhoffen, jetzt hat der jähe Tod alle die schönen Hoffnungen, die wir auf ihn gesetzt haben, zu schanden gemacht. Wir trauern mit den .Angehörigen um ihn als um einen bewährten mul hingebungsvollen Mitarbeiter und werden seiner nicht vergessen. Das jüilische \ 01k hat einen seiner treuesten Söhne verloren. Max Wolisteiner. I j “ Paul Ehrlich Einer der genialsten Männer der Wissenschaft, Paul Ehrlich, ist am 20. August 111 Homburg v. d. Höhe verschieden mul auf dein jüdischen Friedhof in Frankfurt a. M. beigesefzt worden. Hier ist nicht der Ort, die Leistungen Paul Ehrliclis auf wissenschädlichem Gebiet zu würdigen, und für unsere Idee können wir diesen genialen Mann, der ganz seinen wissenschaftlichen Studien lebte, nicht in Anspruch nehmen. Seiner persönlichen Fürsorge verdankt die ״ü e s e 1 1s c h a ft jüdischer A er z t e für die Sani c r 1! n g Palästina s“, de ren Mitglied er war, einen großen Teil ihrer Alittcl, Mit Genugtuimg und in tiefer Dankbarkeit erinnern wir uns aber auch heute der unschätzbaren Hilfe-

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