Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 200 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 36 Die Heuschrecken in Palästina Schon einige Zeit war in Jaffa und in den judaischen Kolonien bekannt, daß sich im Süden von Palästina Heuschreckenschwärme gezeigt hätten, aber die Nachricht wurde ohne Unruhe aufgenommen. Solange die jüdischen Kolonien in Palästina existierten, hatten sie noch nie ernstlich von Heuschrecken zu leiden, denn die letzte große Heu- Schreckeninvasion fand Ende der sechziger Jahre statt, als noch keine jüdischen Kolonien im Lande existierten. Vor etwa 11 Jahren waren zwar auch Heuschrecken ins Land gekommen, sie hatten aber die Kolonien in Judäa garnicht berührt, und auch in den galiläischen Kolonien nur geringen Schaden verursacht. Man glaubte deshalb, auch dieses Mal würden die Heuschrecken überhaupt nicht in die Kolonien kommen oder jedenfalls keinen beträchtlichen Schaden anrichten. Um so größer war die Ueberraschung und Unruhe, als am 22. März die Bewohner von Jaffa und den judäiseben Kolonien ein seltsames Naturschauspiel erblickten: Eine schwere Wolke näherte sich vom Süden her mit großer Schnelligkeit, und bald erkannte man in dieser Wolke einen Zug von Millionen und Abermillionen Heuschrecken, von denen jede etwa 3 cm lang war. Die Heuschrecken flogen in verschiedenen Strichen übereinander in einer Höhe von 10 bis 30 und 40 m. Besonders von einiger Entfernung aus gesehen schien es, als ob ein Fluß am Himmel seine dunklen Wasser dahinwälzte. Länger als eine Stunde dauerte der Zug, der eine Breite von 1 bis 2 Kilometern zu haben schien. Nach einer Stunde waren die Heuschrecken verschwunden. Sie hatten sich überall da auf der Erde niedergelassen, wo grüne Blätter vorhanden waren, besonders in den Orangengärten. Die Araber, die an den Heuschreckeneinfall vor etwa 50 Jahren noch eine gewisse Erinnerung bewaiirt hatten, gingen in ihre Orangerien und Weingärten hinaus, um durch Trommeln und durch sonstiges Geräusch die Heuschrecken zu verscheuchen. Es half aber wenig. War schon dieses erste und einheitliche Auftreten der Heuschrecken in einer solchen Massenhaftigkeit ein gewaltiges Naturschauspiel, so wurde es noch bei weitem durch einen zweiten Zug übertroffen,*der etwa 2 Wochen später über Jaffa erschien, und, aus südlicher Richtung kommend, von morgens 7 Uhr bis nachmittags 5 Uhr, also 10 Stunden lang dauerte. Es herrschte an diesem Tage ein fürchterlich heißer Chamin ■(Sirokkovvind), der die Wanderung der Heuschrecken zu begünstigen scheint. Diesmal flogen die Heuschrecken näher zur Erde, und wer sich inmitten des Schwarmes befand, dem schien es, als ob er' in ein gewaltiges Schneegestöber geraten sei, weil die Heuschrecken so dicht wie Schneeflocken herumwirbelten. Alles, was grün war, wurde von den Heuschrecken bedeckt. Sie saßen so dicht auf manchen Bäumen, daß Rinde und Blätter buchstäblich nicht zu sehen waren. An anderen Stellen, wo sie auf der dunklen Erde saßen, schien ihre grüne Farbe aus der braunen Erde einen grünen Rasen zu machen. Für die Kinder waren die Heuschrecken, die in solch ungeheuren Massen auf die Erde kamen, nafürlich ein willkommenes Spiel. Außer ihnen freuten sich auch manche armen Araber und Jemeniten über die Speise, die ihnen vom Himmel fiel. Sie sammelten die Heuschrecken ein, brieten sie am offenen Feuer und verzehrten sie dann. Fast unmittelbar nachdem die Heuschrecken sich im Lande niedergelassen hatten, schritten sie zur Paarung. Wie ihr Einfall in Palästina und ihre Niederlassung im Lande von einem bestimmten einhcitlichen Willen geleitet zu sein schien, so erfolgte auch die Paarung gewissermaßen nach einem einheitliehen Entschluß. An einem bestimmten Tage sah man die Heuschrecken, die bis dahin einzeln gelebt hatten, nur noch paarweise zusammen. Wenige Tage nach der Paarung legten die Weibchen, die sich durch ihren dunkleren Leib von dem Männchen unterscheicfen, ihre Eier ab. Sie gruben 5 bis 10 cm tief in die Erde ein rohrförmiges Loch und legten dort die Eier hinein, von denen jedes etwa die Größe und Gestalt eines Reiskornes hatte, und die nachher durch einen klebrigen Saft zu länglichen Bündeln von 50 bis 100 Stück zusammengeklebt wurden. Wenige Tage nach diesem Ablegen der Eier verschwanden die Weibchen sowohl wie die Mannche«, ohne daß man sagen könnte, wohin. Manche glaubten, daß sie zum großen Teil ins Meer getrieben worden, andere meinten, daß sie am Platze ihres Aufenthaltes gestorben und sich in die Erde verkrochen hätten oder von anderen Insekten vertilgt worden seien. Es vergingen jetzt etwa 30 Tage der Ruhe, in denen man sieh den Kopf darüber zerbrach, was aus den in die Erde abgelegten Eiern werden würde und welche Maßnahmen man zur Abwendung der Gefahr treffen könnte. Die geflügelten Heuschrecken hatten keinen sehr bedeutenden Schaden angerichtet, sie hatten zwar an manchen Stellen (speziell an dem Klee und sonstigem Viehfutter) das Grün abgefressen, aber die Fruchtbäume und das Getreide waren verschont geblieben oder hatten nur wenig gelitten. Man hatte aber durch die nähere Bekanntschaff mit den Heuschrecken doch Furcht vor diesen Tieren bekommen, deren Lebenszähigkeit und Freßgier kaum begreiflich ist. Man kann einer Heuschrecke den Kopf abschneiden, und der Kopf allein lebt noch 24 Stunden weiter. Schneidet man einer Heuschrecke den Leib weg, so kann sie ohne Leib sogar zwei bis drei Tage leben. Die Tiere halten sich mehrere Tage lebendig im Wasser und können acht bis zehn Tage lang in der Gefangenschaft leben, ohne Futter zu sich zu nehmen. Diese ungeheure Lebenszähigkeit geht Hand in Hand mit einer unglaublichen Fressgier. Das ganze Tier mit diesem Freßapparat, dem schlanken Körper, den ungeheuer starken Sprungbeinen und den eleganten Flügeln erscheint wie ein Präzisionsinstrument, das auf Bewegung und Fressen eingerichtet ist. Die Regierung begann ihre Maßnahmen gegen die Heuschrecken damit, daß sie von jedem Erwachsenen das Einsamineln von 9 Kilo Eiern, oder die Bezahlung einer Ablösungssumme von 0 Francs verlangte. Ungeheure Massen von Eiern wurden darauf abgeliefert. Aus den Ablösungsgeldern, die an die Regierung gezahlt wurden, schuf die Behörde einen Fonds, mit dessen Hilfe sie spezielle Arbeiten gegen die Heuschrecken ausführen ließ, zum Beispiel das Aufwerfen von Gräben. Die jüdischen Agronomen und Kolonisten hielten mehrere Beratungen ab und kamen schließlich auch zu dem Resultat, es sei das beste, überall Gräben aufztiwerfen, um die auskriechenden Heuschrecken in diese Gräben hineinzutreiben und dort zu vernichten. Dem jüdischen Agronomen ן Aron Aaronsohn aus Sichren Jacob wurde von der türkischen Regierung die Organisierung des Karnpfes gegen die Heuschrecken übertragen; dies Amt legte er aber nach kurzer Zeit nieder, weil er mit den Behörden nicht zu einem Einvernehmen über die zu treffenden Abwehrmaßnahmen kommen konnte. Nach etwa 30 Tagen wurde das erste Auskricchen der jungen Heuschrecken aus den Eiern gemeldet, und sofort begann überall in den jüdischen Kolonien der Kampf zu ihrer Vernichtung. Die auskriechenden Heuschrecken waren nicht viel größer als Mücken. Sie waren von schwarzer Farbe und bewegten sich in kurzen Sprüngen auf dem Boden mit ziemlicher Schnelligkeit vorwärts. Sie traten an manchen Stellen in solcher Massenhaftigkeit auf, daß sich der Boden wellenartig zu bewegen schien. Es war verhältnismäßig leicht, sie zu bekämpfen. Sie kamen meistens in geschlossenen Zügen von nicht so großer Breite an. Oie Menschen, die zu beiden Seiten des Zuges standen, trieben sie immer enger zusammen und jagten sie schließlich in ein schnell gegrabenes Loch hinein, aus deru die kleinen Insekten nicht so schnell herauskonnten. Sie wurden dann mit Erde zugeschüttet und so getötet. Dieser Kampf wurde auch weiter fortgeführt, als die Heuschrecken größer wurden. Während der ersten sechs Wochen machten die Heuschrecken etwa jede Woche eine Häutung durch. Aus den mückengroßen, schwärzen Heuschrecken, die aus dem Ei ausgekrochen waren, wurden im zweiten Häutungsstadium schwarzweiße Tiere von etwa 11/2 Zentimeter Länge. Von der dritten Häutung an bekamen sie eine grünlichere Farbe, bei der fünften Häutung hatten sie halbe Flügel und bei der sechsten Häutung schließlich ganze Flügel und waren ungefähr ebenso groß, wie diejenigen Heuschrecken, die zuerst ins Land gekommen waren. Während der ersten 5 Häutungsstadien konnten sich die jungen Heuschrecken nur durch Springen auf dem Boden fortbewegen. Ihre Sprünge waren nicht höher als 20 bis 30 Zentimeter, und wenn ihnen ,,ein Hindernis entgegengestellt wurde, auf dem sie nicht heraufkriechen konnten, wie z. B. glattes Blech, und das sie auch wegen seiner Höhe nicht überspringen konnten, so kam ihr Marsch zum Stillstand. Erst im sechsten Häutungsstadium, wo sie bereits mit ihren ausgewachsenen Flügeln fliegen konnten, boten solche Hindernisse keinen Schutz mehr ge’gen sie. Aber sie waren in diesem geflügelten und ausgewachsenen Stadium auch schon nicht mehr so gefräßig als in den früheren Stadien und richteten nicht mehr so großen Schaden an. Der Hauptkampf in den jüdischen Kolonien konzentrierte sich also auf die Vernichtung der kriechenden und hüpfenden Heuschrecken der ersten fünf Stadien. Ungeheure Massen dieser Heuschrecken wurden vernichtet. Außer den Löchern, in die die Heuschrecken hineingetrieben und wo sie rnit Erde zugedeckt wurden, stellte man auch automatische Fallen in Gestalt von großen Gruben her, deren Wände mit Blech ausgeschlagen wurden. Die Heuschrecken sprangen hinein und konnten nicht mehr heraus, so daß die Gruben in kurzer Zeit oft metertief mit diesen wibbeluden und kribbelnden Tieren angefüllt waren. Man mußte sie alle paar Stunden in Säcke füllen und wegfahren, damit die Tiere sich nicht über den Rand der Gruben auftürmten. In der Kolonie Petach-Tikvvah wurden Gräben von mehreren Kilometern Länge gegraben und mit Wasser gefüllt, um die Heuschrecken zu töten. Der Geruch der verwesenden Tiere war in manchen Kolonien so penetrant, daß er sich auf große Entfernungen bemerkbar machte. Aber trotz der Vernichtung von ungeheuren Massen blieben die Heuschrecken in diesem Kampf Sieger. Immer neue Massen von ihnen wälzten sieh heran, so daß schließlich nach zweimonatigem Kampfe die Kolonisten fast überall den Vernichtungskampf als unmöglich aufgaben. Von der Menge der Heuschrecken kann man sich einen Begriff machen, wenn man bedenkt, daß an manchen Stellen des Landes Heuschreckenzüge in einer Breite von mehreren hundert Metern, Tier an Tier dicht aueinandergedrängt, mehrere Tage lang mit einer Geschwindigkeit von etwa 4 .Metern in der Minute vorüberzogen. Allein ein einziger solcher Zug dürfte nach einer oberfiächlichen Berechnung ungefähr 70 000 000 Heuschrecken enthalten haben. Die Zerstörung, die die Heuschrecken angerichtet haben, war verschieden, je nach der Freßgier, die sie rnitbrachteu. Waren sie längere Zeit gewandert, ohne auf ihrer Wänderung Grünes zu finden, oder waren sie längere Zeit durch künstliche Hindernisse in ihrem Marsche aufgehalten worden, so stürzten sie sich mit ungeheurer Wut auf das erste Grün, das sie erreichen konnten, und fraßen grüne Gemüsefelder mit Stumpf und Stiel auf, so daß nicht das geringste davon übrig blieb. Von den Bäumen fraßen sie die grüne Rinde der oberen Zweige und auch die Blätter bis auf die letzte Knospe ab. Nachdem sich herausgestellt hatte, daß diesem übermächtigen Ansturm durch Vernichtung nicht Einhalt geboten werden konnte, griffen die jüdischen Kolonien zu anderen Mitteln. Sie beschränkten sjch darauf, die Heuschrecken von dem Eindringen in die Pflanzungen oder von der Be- Schädigung der Bäume abzuhalten, indem sie entweder rings um die Pflanzung Hindernisse in der Form von Blechwänden errichteten, oder die einzehren Bäume, soweit sie jung waren, durch Umwickeln mit Papier oder Leinwand schützten. Man konnte junge Orangenpflanzlingen sehen, bei denen jeder einzelne Baum ein weißes Ueberkleid — die Kolonisten nannten es Totenhemd — aus Papier oder Leinwand hatte, so daß die Bäume in ihrer Starrheit wie Leichname aussahen, die aus den Gräbern auferstanden waren. Wirklich hat das Aufrichten der Blechwände viele Pflanzungen vor dem Aergsten bewahrt, besonders dort, wo die Blechwände noch rechtzeitig vor dem ersten Auftreten der Heuschrecken aufgestellt waren. Die Schwierigkeit war die, daß es auch an dem nötigen Blech fehlte, und man mußte schließlich aus Mangel an Blech dazu schreiten, Holzwände von ca. 30—10 Zentimeter Höhe aufzurichten, die oben nur eine überhängende Kappe von Blech hatten und die ebenfalls von den Heuschrecken nicht überstiegen werden konnten. In den Fällen, in denen die Blechwände zu spät aufgestellt waren, nachdem schon gewisse Mengen von Heuschrecken in die Pflanzungen eingedrungen waren, brachten die Wände doch den Vorteil, daß keine neuen Nachzügler eindringen konnten, und daß die Pflanzungen doch nicht so radikal abgefressen wurden, wie es sonst geschehen wäre. Die Pflanzungen, in denen die Heuschrecken ihr Zerstörungswerk vollendet hatten, boten einen fürchterlichen Eindruck. Wo vorher das Auge sich an frischem Grün erfreut hatte, streckten die Bäume jetzt nackte, dürre Zweige zum Himmel empor, die wie dürres Reisig aussahen. 111 den Orangengärten waren die Fruchtstengel, an denen die kleinen, diesjährigen Früchten saßen, abgenagt, so daß die Früchte vom Saftzufluß abgesclmitten waren und vertrocknet zu Boden fielen. Am größten und augenfälligsten waren die Ver- Wüstungen in den Orangerien, aber auch die anderen Bäume entgingen der Zerstörung nicht. Von den Mandelbäumen wurden die Blätter und von den an den Bäumen hängenden Mandeln zum größten Teil die äußere grüne Schale abgefressen. Die Weinstöcke wurden ihrer Blätter beraubt, so daß die jungen Trauben, dem Brande der Sonnenstrahlen ausgesetzt, ver- Löst die Roschhaschanahwünsche durch den Nationalfonds ab!