Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 288 JUEDISCHE RUNDSCHAU Wolffsohn in Homburg Die Zeit wird kommen, wo man W o 1 f f s o h n s Wesen und Tätigkeit in allen Einzelheiten wird analysieren müssen, um zu erfassen, was er für das jüdische Volk bedeutet hat. Aber dafür bedürfen wir der Sammlung mul einer größeren Ruhe in der Betrachtung, als wir jetzt, da ein Jahr nach seinem Tode der Weltkrieg noch imitier über Europa wütet, aufbringen können. So will ich mich denn für jetzt auf wenige Erinnerungert beschranken, Erinnerungen an die letzten Monate. Im Marz des vorigen Jahres war ich in Homburg eine volle Woche mit Wolffsohn zusammen. Man hatte, um ihm das Reisen zu ersparen, eine wichtige Sitzung des Bankdirektoriums nach Homburg einberufen. Am Tage der ersten Sitzung traf ich, von Triest kommend, in Homburg ein und fand Wolffsohn im Zimmer des Hotels Windsor, das man für die Sitzungen reserviert hatte. Ich hatte ihn seit nahezu zwei Jahren nicht gesehen und hatte die größte Mühe, mich hei der Begrüßung zu beherrschen. Daß er nur ein Schatten war von dem, was er früher gewesen, wäre noch zu wenig gesagt ... er war überhaupt ein anderer Mensch. Der körperliche Schmerz hatte tiefe Furchen in sein Gesicht gezogen, das schmal und blaß geworden war, und die früher so kräftige und robuste Gestalt war zwar nicht gebeugt, aber so schmal und schmächtig, beinahe zart geworden, daß man sich fragen mußte, ob dieser totkranke Mann imstande sein würde, auch nur die Anstrengungen einer einfachen Beratung durchzumachen. Wie änderte sich aber das Bild, als wir uns setzten und in die Tagesordnung eintraten. In wemger als einer Viertelstunde war wie in einem Verwandlungsbikle der alte Wolffsohn wieder auferstanden. Die Gestalt reckte und dehnte sich, das Auge bekam wieder Feuer, die Wangen röteten sich, und mit dem altgewohnten klugen und klaren Verstand und schlagfertigen Witz leitete er die Verhandlungen, auch dann, wenn er nicht den Hammer führte. Nur wenn die Ermahnungen seiner Freunde ihn zwangen, gönnte er sich einige Ruhe. So ging es zwei Tage lang. Und aufs neue bewies er in diesen Sitzungen, daß alles, was unsere Arbeit in Palästina weiterbringen und ausdehnen kann, ihm willkommen und seiner Unterstützung gewiß war. Ich hatte allerdings die Absicht gehabt, nach der Sitzung einen Tag ruhig mit Wolffsohn allein zu verbringen, da ich mich über sehr vieles mit ihm auszusprechen hatte und wußte, daß auch er eine lange Liste von Gegenständen durchsprechen wollte. Aus dem einen Tage wurden fünf. Wolffsohn war unermüdlich im Sprechen und im Hören, hauptsächlieh im ersteren. Dieses seines Fehlers, den alle seine Freunde kannten, war er auch selbst sich nur allzu gut bewußt. Aber er hatte es aufgegeben, dagegen anzukämpfen, wie es scheint. Es tat ihm sichtlieh wohl, mit einem vertrauten Freunde über so vieles zu sprechen, was sich in den letzten Jahren zugetragen hatte. Mit dem Sprachenkampf fingen wir an. Wir hatten schon einige Male darüber korrespondiert, aber es war mir nicht gelungen, ihn zu überzeugen. So sehr er auch die palästinensischen Forderungen als gerecht empfand, hielt er doch das Vorgehen der Lehrer und des Actions-Cornites für überstürzt und bedauerte den Kampf mit dem Hilfsverein. Nicht gerade aus besonderer Rücksicht auf diese Organisation und erst recht nicht, weil er etwa ihre Stelhingnahme oder gar ihre Kampfesweise billigte — aber weil ihm alles als schädlich und unklug vorkam, was den Zionismus in einen Gegensatz zu einflußreichen und tätigen Kreisen des jüdischen Volkes brachte, besonders dann, wenn er das Gefühl hatte, daß wir der Form nach nicht ganz im Rechte seien. Und wie ich auch plädierte, daß das Wesen der Sache, um die es sich handelte, wichtiger sei, als die Form des Streites, er ließ sich von seinen Anי sichten nicht abbringen. Ein Ding versetzte mich in Staunen bei dieser Polemik. Das war seine genaue Kenntnis aller Einzelheiten der Ereignisse. Bis ich dann bemerkte, daß er im letzten Jahre nahezu jeden Buchstaben, der in Palästina gedruckt wurde, gelesen und aus vielen Briefen und anderen Quellen die ganze Angelegenheit bis ins einzelne verfolgt hatte. Ueberhaupt war seine Kenntnis der Menschen und Dinge in Palästina staunenswert. Nur wurden leider seine Vorstellungen zu sehr beeinflußt durch die Eindrücke, die er im Jahre 1907, bei seiner letzten Palästinareise, gewonnen hatte. Mein Hauptbestreheil während all unserer Unterhaltungen war, ihm darzikun und an Einzelheiten zu beweisen, daß das Palästina vom Jahre 1914 eben ein anderes sei als das, welches er sieben Jahre zuvor kennengelernt hatte, und nicht mit demselben Maßstab gemessen werden könne. Wolffsohn selbst fühlte es, daß er wieder engere persönliche Fühlung mit dem Lande gewinnen müsse. Sglion ein Jahr lang waren wir wegen einer zu unter-! nehmenden Palästinareise in Korrespondenz gewesen. Erst sollte es im Frühling 1913 sein, dann im Herbst, dann im Winter 1913, dann im Frühling 1914. Aber immer wieder kam die Krankheit dazwischen. Er war schon ganz verzweifelt geworden und wollte von keinen Reiseplänen mehr hören. Wenn er reisen könne, so würde er schon kommen und man würde ihn dann schon sehen, wenn er da wäre. Aber im voraus darüber sprechen wollte er nicht mehr. Bis dann in unseren Gesprächen seine Pläne eine andere Richtung nahmen, in die ich sie geflissentlich cinzuienken versucht hatte. Er beschloß, nach Palästina übcrzusiedcln. Er fühlte sich vereinsamt und heimatlos. In seinem Kölner Hause hielt er es seit dem Tode seiner Frau nicht mehr aus, das Sanatoriumleben wurde ihm auf die Dauer ein Greuel. Herum zureisen war ihm unmöglich, und er wollte es auch nicht. Von seinem Geschäfte hatte er Hoffnung, sich allmählich loszumachen. Und so fing er an, sich zu sagen, daß er ein Heim und eine regelmäßige Tätigkeit, die ihm Zusagen und in der er noch wirken könnte, nur in Erez Israel finden könne. Er schwankte /.wischen Haifa, Jerusalem und Jaffa, aber mein Lokal- Patriotismus besiegte sein Zögern, und er gab mir den Auftrag, ein Grundstück in T e I - A w i w für ihn zu erwerben und die Pläne für sein Haus vorzubereiten. Freudig führte ich seinen Auftrag aus. Und jetzt liegt der Hügel, der für ihn angekauft war, von dem aus man Jaffa, das Meer und die Ebene Judäa überblickt, und wartet, was sein toter Herr über ihn bestimmt hat. Und Wolffsohns Haus in Erez Israel wird nicht gebaut werden ... Unsere Gespräche führten wir fast ausnahmslos hebräisch. Wolffsohn hatte ja vom Chedcr aus ein hübsches Quantum Hebräisch mit ins Leben genotnmen, und die Lektüre von Zeitungsartikeln, Büchern und Briefen machte ihm, so lange ich ihn kannte, keine nennenswerte Mühe. Dagegen hatte er in früheren Jahren das Sprechen niemals versucht, und aus der Kölner Zeit erinnere ich mich sehr wohl, daß er es in der Unterhaltung mit Hebräern über einen gebrochenen halben Satz nicht hinausbrachte und sofort ins Deutsche zurückfiel. Er hatte aber im letzten Jahre die Stunden des gemeinschaftlichen Arbeitens mit seinem ergebenen Freunde und Sekretär Dr. Robinsohn benutzt, um sich auch im Sprechen zu üben. Er betrieb dies mit einer ungewöhnlichen Hartnäckigkeit und Ausdauer. Stundenlang wollte er, trotz aller Anstrengungen, die das Suchen nach dem passenden Ausdruck ihm noch allzu oft verursachte, kein deutsches Wort hören. Wir hatten den ersten Tag nur deutsch gesprochen, bis wir dann auf das Thema des Hebräisch-Sprechens kamen und er anfing, mich zu examinieren. Wie freudig war er überrascht, als ich, der ich, als wir uns zum letzten Male gesehen hatten, einen Satz von sechs Worten nur unter größter Anstrengung׳ zustande brachte, jetzt sofort die Unterhaltung hebräisch aufnahm und weiterführte. Von da an hat er kaum noch ein deutsches Wort mit mir gesprochen. Die richtige ״Geläufigkeit“, die das Ideal so vieler Palästinenser mit ihrem hundertwörtigen Spraehenschatz bildet, hatte er noch nicht erworben. Dafür aber war seine Sprache eine verhältnismäßig reiche, und mit rührendem Fleiße bemühte er sich, für jeden Begriff den richtigen Ausdruck zu wählen und nicht, wie die meisten ״Hebriier“ zu tun belieben, für einige Dutzend immerhin verwandte, aber doch ganz verschiedene Begriffe das gleiche Wort zu gebrauchen. Während dieser Tage hatte die Metamorphose des ersten Tages angehaiten. Er war wieder der alte Wolffsohn geworden, unermüdlich im Hören, aber vor allem im Sprechen. Die ganze Geschichte des Zionismus ließen wir an uns vorbeiziehen. Und mehr als einen Zukunftsplan tastete ich aus seinen Worten heraus. Wolffsohn liebte es niemals, im voraus über seine Absichten viel zu sprechen. Selbst seinen allernächsten Freunden gegenüber war er darin gewöhnlich zurückhaltend. Während er schon lange seinen Plan gefaßt hatte, zeigte er sich nach außen noch unentschlossen und ließ nur schwer erraten, wo er hinaus wollte. Aber immerhin war es klar, daß er seine ^Laufbahn noch nicht für abgeschlossen hielt. Er wußte, daß der Tod ihn täglich bedrohte. Er glaubte aber auch seinen Aerzten, die ihm versicherten, daß er bei entsprechender Lebensweise noch mehrere Jahre leben und arbeiten könnte. Wenn er auch ohne viel Umwege über seinen möglichen baldigen Tod sprach, so hing er doch am Leben und scheute sich nicht, es einzugestehen. Es lag ihm ferne, das Rad der zionistischen Geschichte rückwärts drehen zu wollen. Er verstand auch, daß er es nicht vermocht hätte. Aber er hatte das Bewußtsein, daß der Zionismus ihm, wenn er sich nur erst wieder zur regelmäßigen, sei es auch eingeschränkten Tätigkeit emporarbeiten könnte, noch ein reiches und gar nicht abzusehendes Feld der Tätigkeit bieten würde. Plötzlich, am vorletzten Tage meines Aufenthaltes, brach er wieder zusammen. Er hatte sich, trotz aller I Warnungen, zuviel zugetraut, und auf einmal war Nr. 36 der Wolffsohn, den ich gekannt hatte, verschwunden und ein schmaler, blasser, totkranker Mann lag im Bette und bat mich, bevor ich nach Palästina zurückreiste, ihn noch einmal auf wenige Stunden zu besuchen, damit wir unsere Unterhaltungen abschließen könnten. So war ich denn nach einigen Wochen wieder in Homburg. Wolffsohn war es inzwischen schlecht gegangen. Wieder erlebte ich dasselbe Spiel des Auflebens, aber diesmal gab es mir das Gefühl eines traurigen Dinges, und als er mir seinen Auftrag wiederholte, ihm im Lande der Väter ein Haus zu bauen, da wurde mir das Herz schwer bei dem Gedanken, daß das Halis Wolffsohns in Palästina vergebens seines Herrn und Bewohners harren würde. Jaffa. S. Hoofien. Rabbi Eisik, der Vater David Wolffsohns David Wolffsohn gab einst, als er befragt wurde, seit wann er Zionist sei, zur Antwort: Das ist schon recht lange 11er. Mein Zionismus datiert seit einem Erlebnis in meinem 5. Lebensjahre. Und er erzählte dem erstaunten Fragesteller in seiner schmucklosen aber kraftvollen Art, wie er als fünfjähriger Junge eines Abends sah, daß sein Vater sich wie ein Trauernder zu Boden setzte, ein Buch in die Hand nahm und darin laut lesend bitterlieh schluchzte. Er näherte sich ihm entsetzt und schaute ihn bange an. Der Vater nahm das angsterfüllte Kind auf seinen Schoß, hielt aber keinen Augenblick innc, sondern fuhr fort m lesen und, gleichsam für sich selbst, übersetzte er die markerschütternden Klagelieder Jeremias’ ins Jiddische. Beklommenen Herzens lauschte der Knabe, und in seine junge Seele drang das Echo des alten-neuen Judenwehs. Aber auch ein Hauch von jenem unerschütterlichen beseligenden Glauben an eine bessere Zukunft, an die Wiederkehr eines herumirrenden Volkes in seine alte Heimat. Denn die Stimme des Vaters hatte zum Schlüsse einen zuversichtlichen, frohen Ton angenommen, und die Tränen schwanden aus seinen Augen. Das Kind sieht, wie der Blick des Vaters freudig erstrahlt und hört seine Lippen verkünden: Einst kommt der Tag, an dem all das Leid verschvvunden sein wird. Viele Jahre nachdem er dieses Erlebnis mitgeteilt, kam Wolffsohn ein merkwürdiges Buch in die Hand: ״Rom und Jerusalem“, und er las zu seinem Erstaunen, daß auch in Moses Heß der heimatliche Herd den stärksten, ersten, unverlöschlichen Funken ״Jüdischkeit“ entfacht hat. Moses Heß erzählt gleichfalls von dem Eindruck, den die Erzählungen seines Groß- Vaters von der Zerstörung Jerusalems auf ihn als Kind gemacht haben. In den ״neun Tagen“, die dem Tisch’a B’Ab vorangehen, pflegte er seine Enkelchen um sich zu versammeln und ihnen die Klagelieder Jeremias’ vorzulesen . . . Eine wundersame Mär hatte sich besonders fest in der Seele von Moses Heß festgeankert, und weder Welt noch Jahre hatten es vermocht, sie loszureißen: Von unserer Mutter Rahel, die ihrem Grabe entstieg, als Nebuzaradan mit Tausenden von jüdischen Gefangenen da vorbei zog. ״So spricht Gott: Man hört eine klagende Stimme und ein bitteres Weinen in der Höhe. Rahel weint über ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder . . . Also spricht Gott: Laß Dein Klagen und Dein Weinen und die Tränen Deiner Augen. Sie werden wiederkommen aus dem Lande des Feindes.“ Nun ruhen beide, Moses Heß und David Wolffsohn, auf dem Friedhof zu Deutz-Köln. Als Menschen sind sie ganze Welten voneinander getrennt, sie waren grundverschieden, wie es nur zwei Menschen aus zwei entgegengesetzten Kulturzentren sein können. Aber wie rücken sie einander näher, wenn man sie als Juden betrachtet. Beide sind ein Teil der jüdischen Urkraft, die unsere Vorfahren noch ganz urigebrochen in sich getragen und in ihren Herzen wie ein heiliges Altarfeuer gehütet haben. Vor mir liegt ein Bündel alter vergilbter Briefe des Rabbi Eisik an seinen Sohn, die dieser sorgfältig aufbewahrt hatte. Sie sind in einem kernigen, aber schlichten, für den damaligen Zeitgeschmack sogar auffällig zieratlosen Hebräisch geschrieben. Aus diesen Briefen strahlt mir das glaubensselige Antlitz eines patriarchalischen Juden entgegen, eines Juden aus jener so rasch entschwundenen Zeit, wo die hereinbrechende moderne Kultur das alte starke Judentum noch nicht zu zersetzen vermochte, sich vielmehr an dieses anschmiegte und es bescheiden und hingebungsvoll umrankte. Ich will einige dieser rührend schönen Züge hier festhalten. Rabbi Eisik war von Beruf Lehrer in Dorbiany, einem kleinen russischen Städtchen. Seine Gegenstände wiesen eine sehr große Mannigfaltigkeit auf: