Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r־ I I I Abonnements I auf die wöchentlich am Freitag1 erscheinende ״Jüdische Rundschau“ kosten bc! der Expedition und bei allen Postämtern vierteljährlich M. 1,00 innerhalb Deutschlands, in Oesterreich- Ungarn M. 2,50, im Ausland M. 3,—־. Jüdische Rundschau, b. H. BERLIN W. 15, Sächsische Straße 8. Telephon: Amt Uhland 845, 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. _t 3U6DISCH6 RUNDSCHAU f־־-ך- Anzeigen ן kosten für die sechsgeapalteiae Petit- *eile «der deren Raum 40 Pf,; Steilen- Angebote und -Gesuche sowie Vereta#• Mitteilungen und ״Kleine Anzeigen* O O 0 O nur 30 Pfennig. O O O O Manuskripte werdeo, wenn Porto beiliegt, stets aurückgesandt. Keciaktioossdblaß: Mittwoch vormittag». I Redaktion JUdlsdbe RandtdiM BERLIN W. 15, Sächsische Straße 8, Telephon: Amt Uhland 843, 846, Postscheckkonto: Berlin Nr.!7392, ALLC6M6IN6 9U€DISCH€ ZCITUN0 Nummer 36 Berlin, den 3. September 1915 — 24. Elul 5675 XX. Jahrgang. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseier Programm" Zum Todestage David Wolffsohns In einer Zeit furchtbarer kriegerischer Ereignisse ist David Wolf!sahn von uns gegangen. Aber auch mitten im groben Sterben erschüttert das Sterben eines Droben. In den entsetzlichen Tagen, als das gewaltigste Völkerringen der Weltgeschichte uns so sehr betäubte, dab man zu glaubet! versucht war, eine Einzeleinpfindung könne nicht mehr tief ins Bewußtsein dringen, als wir unsrer selbst vergaßen und mit atemloser Spannung den Ereignissen draußen folgten und es kaum vermochten, einen anderen Gedanken zu fassen als Krieg, in einem solchen Augenblick erreichte uns die Kunde von seinem Tode. Und trotz alledem, auch damals hat uns sein Tod bis ins Innerste getroffen. Ein Jahr ist nun vergangen, das uns an tiefen Erschütterungen, an schmerzlichen Vcrlüsten mehr gebracht hat als je ein anderes. Viele hat der Tod aus unseren Reihen gerissen und wahrlich nicht die Schlechtesten. Ein Jahr ist vergangen, und wir haben Zeit gehabt, zu den gewaltigen Geschehnissen um uns ein wenig Abstand zu finden. Und um so fühlbarer brennt heute die Wunde, deren Schmerz damals durch die gewaltige Wucht der äußeren Ereignisse vermindert worden ist. Mit der Erinnerung an David Wolffsolm verbindet sich für jeden, der ihn gekannt hat, der Eindruck einer großen, geschlossenen Persönlichkeit. Sein Leben galt dem Judentum in seiner Gesamtheit, er kann zum Zionismus nicht von der Sozialpolitik, nicht von der Philanthropie, nicht als einer der vom großen Europa Abgewiesenen, nicht als ein Zürnender und Trotzender. Er kam zum Zionismus auf dem gradesten Wege, auf dem Wege vom Judentum. Weil er Volljude war, wurde er Zionist. Es war nicht die Gelehrsamkeit, die ihm eine tiefgründige Kenntnis des Judentums gab und damit eine aus Reflexion hervorgerufene Liebe zum Judentum schuf. Ihn beherrschte vielmehr jene jüdische Grund Stimmung, die in! Judentum ihre eigentliehe Welt sieht, die nur dort wahrhaft zu Hause ist und alles andere als etwas Fremdes empfindet. In ihm lebte das jüdische Volk. Darum füllte der Zionismus seine ganze Seele, und alles andere erschien ihm daneben unwichtig. Er verstand es kaum und gäf> sich auch nicht die geringste Mühe, es zu verstehen. Freilich gab es manche, die ihm diese Begrenztheit zum Vorwurf machten, die der Meinung waren, daß seine Persönlichkeit durch einen gewissen Mangel an Intelluktualisnius beeinträchtigt werde. Aber die so dachten, verkannten, daß eben diese scheinbare Enge das Wesen seiner Grolle ausmacht. Ei war nicht eng, er wollte es aber sein, um auf dem kleineren Gebiet alles zu leisten, wozu ihr! seine Anlagen befähigten. Davit! Wolffsolm war kein spekulativer Mensch. Ihm war Handeln alles. Ihn drängte es immerfort, zu tun, zu vollbringen, zu schaffen. Dieser Schaffensdrang war der hervorstechendste Zug in seinem Charakter. Es gab keine neue Idee in! Zionismus, die er nicht sofort durchdachte, prüfte. Und hatte sie die Prüfung bestanden, so wurde auch nicht einen Augenblick Zeit verloren, so ging er sofort daran, dienotigen Vorbereitungen zu treffen und die Durchführung zu ermögliehen. Ungewöhnlich wie seine politische Tatkraft war auch seine rednerische Begabung. Er gehörte nicht zu denen, die kunstvolle Perioden zu drechseln verstehen, die es gelernt haben, ihre Worte fein zu setzen, und durch ausgeklügelten Aufbau den Hörer zu blenden suchen. Seine Redekunst war der Ausfluß einer urwüchsigen Kraft, sie war ein Resultat seines zielbewußten Willens, seines hinreißenden Temperaments, und sie wurde unterstützt durch einen ungewohniicii treffenden Witz, der ihm jederzeit zu Gebote stand. David Wolffsolm hatte ein schweres Leben hinter sich. Er begann seine Laufbahn als armer, landflüchtiger litauischer Knabe und ist als der vereinte Führer der großen, weitumspamtenden zionistischen Organisation, hochgeachtet von Hunderttausenden, gestorben. Zwei wunderbare Eigenschaften haben ihm diesen Aufstieg ermöglicht: ein sta 111 fester Wille und ein ungewöhnlich scharfer, iiistinktmäßig das Rechte treffender Verstand. Mit beiden verband sich ein Herz von erquickender Wärme. Das Letzte, j und Größte an ihm aber blieb seine Treue. Er war treu seinem Volke, er war treu seinen Zielen, er war treu sich selbst. Diese Eigenschaft vor allem machte ihn zu dem, was er geworden ist. Was Wolffsolm für den Zionismus geleistet hat, nochmals zu wiederholen, ist gewiß nicht mein׳ nötig. Als nach Herzls Tode der ZioniSinns ungeheure Kämpfe zu bestehen hatte, als es in gewissen Augenblicken so scheinen wollte, als würde die anfangs so viel versprechende Bewegung mit Her/1 sterben, da blieb es sein Verdienst, daß er mit seiner starken Hand das (jefüge zusainineiihielt. Es v\ yr schwer, wie er das selbst häufig wiederholte, der Nachfolge!׳ Theodor Herzls zu sein. Es war doppelt schwer, die etwas locker gewordenen Reihen wieder zusaninienzuschlicßen. Es war dreifach schwer, den Zionismus durch die damalige Hochflut von Revolution innerhalb der groben Mehrheit des Judentums in Rußland liindurclrzulotsen. David Wolffsolm hat das alles getan. Dabei hat er unsere einzelnen Institutionen ausgebaut, die Organisation innerlich gefestigt und straffer zusammengezogen. Das waren große, unvergängliehe Leistungen, die dem Präsidenten Wolffsolm ein ruhmvolles Kapitel in der Geschichte des Zionismus sichern. David Wolffsolm stand an seinem Platze als zweiter Führer des Zionismus. Seine kraft- ן volle Gestalt wird für alle Zeiten als Vorbild 1 einer wahrhaft jüdischen Persönlichkeit, als ein j Vorbild auch in seiner lungebendeii Liebe zu seinem Volke und dem Lande seiner Hoffnung מ in uns allen lebendig bleiben. Dr. O s i a s 1' 11 o n.