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Jüdische Rundschau · 1915-08-06 · Heft 32 (6.8.1915) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 32 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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warn .1! £ Nr 32 Deutschland und Palästina Die von Dr. Paul Rohrbach und Dr, Emil Jacckh hcrausgeKcbcnc Zeitschrift ,,Das größer«: Deutschland“ ver- (jffcHllicht einen Aufsatz von Nachum O o 111111 n n n; wir geben einige Stellen des Aufsatzes wieder, weil es unsere Leser interessiert, die Stimmen der deutschen Zeitschriften über die Palästinafrage verfolgen zu können, Palästina nimmt ja schon seit Jahrhunderten eine besondere, außergewöhnliche Stellung im Leben der europäischen Völker ein. Zu einer Zeit, da Weltpolitik und Weltwirtschalt noch unbekannte Begriffe waren, da mau von den außereuropäischen Ländern nur in Sagen und Märchen erzählte, bildete Palästina das Ziel der Sehnsucht von Hunderttausenden, und eine der gewaltigsten, folgcreiclisten Unternehmungen der europäischen üeschichtc galt der Besitzergreifung dieses Landes, Doch auch nachdem die Kreuzzüge mit einem Mißerfolg geendet hatten, hörte Palästina nicht auf, vom (Hauben und von der Phantasie der europäischen Völker ersehnt und umwehen zu werden. Nun sind allerdings die Motive jenes einstigen Interesscs für Palästina von denjenigen, die uns heute gespannten Blickes auf dieses Land schauen lassen, sehr verschieden. Allein, wer die innige Verknüpfung von Religion und Politik kennt, die in früheren Jahrhunderten bestand und so vielfach auch heute noch besteht, wird trotz dieser Verschiedenheit in den Beziehungen Europas zu Palästina doch eine gradlinige Entwicklung konstatieren dürfen. Ist!es doch bckann(, wie sehr gerade dort die religiösen Interessen von den europäischen Regierungen politisch verwertet werden; vor allein Rußland hat sich auch hier als Meister in der skrupellosen Ausnutzung religiöser Kräfte für seine politischen Ziele gezeigt; aber auch Frankreich, das sonst so antikirchliche und religionsfeindliche Frankreich, in Palästina tritt es als Bc- Schützer der katholischen Mission auf, und seine Konsuln halten dort mit den Jesuiten innige Freundschalt. Von allen europäischen Staaten hat Deutschland bis vor verhältnismäßig kurzer Zeit in Palästina sieh am wenigsten betätigt. Die innere Zerrissenheit bis rum Jahre 1870 und das geringe Verständnis der Bismarckschcn Zeit für weltpolitische Bestrebungen haben wie an so vielen anderen Stellen so auch hier Deutschland hinter die anderen Großmächte zurückgedrängt, bis dann mit dem kräftigen Einsetzen der modernen deutschen Weltpolitik eine starke Wandlung eintrat. Die Palästinarcise des Kaisers bezeichnet den Zeitpunkt dieses Umschwungs, und seitdem ist das Interesse des politischen Deutschland immer mehr gestiegen und es ist gelungen, dort immer festeren Full zu lassen. Unter dem weltpolitischen Aspekt dieses Krieges betrachtet, gewinnt Palästina für Deutschland eine ganz außerordentliche Bedeutung. Abgesehen davon, daß der Suezkanal die Grenze Palästinas gegen Aegypten bildet, abgesehen von den schwäbischen Templerkolonien, die im Lande bereits existieren, beruht seine Bedeutung für das Deutschland der Zukunft vor allem darin, daß es ein Eingangs- 10r nach Vorderasien bildet. Vorderasien aber bezeichnet eine der stolzesten Hoffnungen und gewal* tigsten Ziele der deutschen Zukunft. Es ist über das vorderasiatische Problem bereits so vielfach gesprechen worden — vor allein auch in diesen Blättern daß wir uns hier mit wenigen Worten begniigeu dürfen. Der Gedanke der Wiederbelebung Vorderasiens durch deutsche Kraft ist eine «ler politisch und kulturgeschichtlich schöpferischsten und fruchtbarsten Ideen der Gegenwart; verwirklicht, ist er bestimmt, Folgen von größter weltgeschichtlicher Bcdcutuiig zu haben, und sicher bezeichnet die Aufgabe, Führer der Menschheit in der Wiedererweckung Vorderasiens zu sein, einen Hauptinhalt jener weitgeschichtlichen Mission, die* zu erfüllen der Genius der (kschichtc das deutsche Volk erkoren hat. Erst wenn mau die außerordentliche Fülle und Größe des vorderasiatischen Gedankens ganz erfaßt hat, kann man die Bedeutung erkennen, die Palästina lür Deutschland besitzt. Nicht nur ein Blick auf die?«)graphische Lage des Landes zeigt cs, sondern in mich überzeugenderer Weise lehrt es die Geschichte. Die höchsten Werte, die Europa der vorderasiatischen Kultur verdankt, hat es von Palästina «halten. Der Monotheismus der Bibel, die htliik der •*ropheten, die Religion der Psalmen, das Evangelium Ji'su von Nazareth, sie alle sind in Palästina ent- *landen. Dort empfingen diese größten Grundgedanken der vorderasiatischen Kultur ihre reinste und buchste Form und Prägung, in der sie dann zu Grundlagen der europäischen Kultur werden konnten. 80 entspricht cs nun der tiefen inneren Harmonie ״״d Gesetzlichkeit des historischen Geschehens, daß ««cs Land, das in jenem Kulturprozcß, der von Asien nach Europa führte, die Uebergangsbrückc gebl'dct hat. nun, da ein Prozeß von vielleicht nicht ״mder großer Bedeutung, aber in umgekehrter Rieh- *UHK anhebt, wiederum eine große Rolle übernimmt. JUED1SCHE RUNDSCHAU Mit der Darlegung dieses Gedankens aber sind wir zu einer anderen Seite des palästinensischen Problems gelangt, die nicht minder bedeutsam ist, als die bisher besprochene. Mau kann nicht von Palästina sprechen, ohne jenes Volk zu nennen, dessen heiligste Hoffnungen seit zwei Jahrtausenden mit diesem Lande verknüpft sind: das Judentum, und ohne jene Bewegung zu crwjihuen, die diesen Hofftumgen ihre Verwirklichung geben will: den Zionismus. Daß dieser Faktor in die Zuktinftsrcchnung Palästinas cingcrcilit werden muß, ist klar; die Paläsfinaselinsueht des jüdischen Volkes, durch die es befähigt war, aus einem 2000jährigen Martyrium stark und ungebrochen hervorzugehen, ist eine Krnlt, mit der jeder historisch Denkende rechnen muß. Was der Zionismus in der verhältnismäßig noch kurzen Zeit seines Bestehens trotz, aller großen, äußeren und inneren Schwierigkeiten, die er überwinden mußte, bereits geleistet hat, ist allen Kennern Palästinas wohl bekannt und vor einiger Zeit auch in diesen Blättern anschaulich dargclcgt worden. Aber auch unter jenem weltgeschichtlichen Gesichtspunkte des vorderasiatisehen Problems gesehen, unter dem wir die Bedeutung Palästinas für Deutschland beurteilt haben, kommt der Zionssehusuclit und dem Zionismus als dem stärksten organisatorischen Ausdruck dieser Sehnsucht die größte Tragweite zu. Wenn wir Palästina eine Ucbcrgangsbrücke zwischen Vorderasien und Europa in alter Zeit genannt haben, so dürfen wir die Juden als die Erbauer und Wächter dieser Brücke bezeichnen. Sie haben aus dem Chaos asiatischen Denkens jene großen Ideen herauskristallisiert, durch die Vorderasien der Ausgangspunkt der religiös-sittlichen Kultur Europas geworden ist, und cs entspräche nur der Harmonie und Gesetzlichkeit des geschichtlichen Geschehens, wenn sie diese alte Rolle wiederum, nunmehr aber in entgegengesetzter Richtung wirkend, übernehmen. .Vielleicht bietet dieser Gedanke eine geschichtsphilosopliischc Erklärung der Erhaltung des Judentums, das sich allein aus dent Zusammenbruch der vorderasiatischen Kulturwelt errettet und bewahrt hat. Hier vielleicht findet das Rätsel des ewigen Ahasver seine Lösung; bestimmt, Vermittler zwischen Asien und Europa zu sein, mußte er vom Ende der einen Verinittlungscpoehe bis zum Beginn der neuen durch alle Länder wandern und irren, um dann fähig zu sein, von überallher Kultur nach Asien zu vermitteln. Oh man mm aber solche gesclnchtsphilosophische Deutung akzeptiert oder nicht, dies wird man zugehen müssen, daß die Rückkehr des jüdischen Volkes nach Palästina und die Wiedcrübernähme der Vcrinittlcrtiiligkcit nur in der Richtung und im Sinne eines weltgeschichtlichen Prozesses liegt. Damit aber ist schon gesagt, daß eine solche Rückkehr den Interessen des deutschen Volkes nicht widerspricht, vielmehr ganz, in deren Sinne ist. Die Wiederbelebung Vordernsicns durch deutsche Kraft wird ja nicht in der Form der bisherigen ׳Kolonisation*- iiictlioileu erfolgen können. Nicht seihst erwerben und besiedeln wird Deutschland diese Gebiete; vielmehr sic durch seine wirtschaftliche Tätigkeit und geistige Anleitung kulturell durclulringen. Dazu aber ist cs vor allein nötig, Menschen in jene Länder zu bringen; Menschen, die einerseits dort ihre Heimat finden wollen und imstande sind, dort heimisch zu werden, anderseits aber auch fällig sind, Vermittler der europäischen Kultur zu sein, Wer aber ist geeigneter, solche Menschen zu geben, als das jüdische Volk, das durch Abkunft und tiefste Veranlagung noch orientalisch ist, durch seine 2000jiil1rigc eiirnpäische Wanderung aber auch europäisch geworden ist? Im gesamten Umkreis der Erde wird man kein anderes Volk finden können, das für diese Aufgabe der unmittelbaren VermiUlertiitigkeit durch Anlage und Schicksal fälliger und disponierter ist, als das jüdische. Liegt es so nicht im Interesse Deutschlands, daß der Zionstraum des Judenvolkcs Wirklichkeit wird? Noch ein anderer bedeutsamer Umstand weist auf dieses Zusammenwirken von Deutschtum und Judentum in der Vollbringung des großen Werkes der Wiederbelebung Vorderasiens hin: die kulturelle Verknüpfung nämlich, die schon heute beide verbindet. Denn derjenige Teil des Judentums, der, wie überhaupt das Zentrum, so auch der eigentliche Träger der Zioiishoffming ist, also neben dem dcutsch-östcrreichischcn vor allem das osteuropäische (russischgalizische) Judentum, befindet sich schon heute unter dem starken Einflüsse der deutschen Kultur. Der große innere Prozeß, den das deutsche Judentum bereits hinter sich hat, das osteuropäische aber eben noch durchmacht, die Emanzipation, wie es gewohnlich genannt wird, besser gesagt: der Uebcrgnng vom Ghetto zur europäischen Kultur, diesen Prozeß vollendet das Judentum vorwiegend unter der Anleitung des deutschen Geistes, An der Hand «ler klassischen 'Dichter der deutschen Literatur, der grollen Denker der deutschen Philosophie, gelangt der junge osteuropäische Jude zur modernen Kultur. Die gesamte neue hebräische und jiddische Literatur ist an der deutschen Kultur orientiert. Schon allein die Volkssprache des Ghettos, das Deutsch-Jüdisch, bcdingt es, und andere tiefer liegende Ursachen — Seite 1 ייי auf die cinzugchcn hier zu weit führen würde -- verstärken diese Tendenz. So liegt es auch hier nur in der Richtung einer konsequenten Lntwicklungstinie, daß das Judentum seine große historische Mission, Europa mit Vorderasien zu verbinden, unter der Anleitung und Mitwirkung der deutschen Kulttir erfüllt, und daß andererseits das Deutschtum ihm bei der Erfüllung dieser Mission hilfreich zur Seite tritt, Neues von unserer Kolonisationsarbeit Von Hugo Schachtel Als die Schaltung des jüdischen Nationalfonds angeregt wurde, standen nur einige bcstimmte Ideen fest, die durch sein Dasein und seine Arbeit verwirklicht werden sollten. Zu diesen Grundideen ist in der langen Zeit bis zur endlich erfolgten Begründung nicht viel hinzugekommen. Die juristische Grundlage wurde im Statut bis in alle möglichen Einzelheiten fcstgclcgt, aber über die Grundsätze der praktischen Arbeit gab es nicht einmal eine Diskussion, vielleicht Gedanken in den Köpfen einiger ganz weniger. Als dann die reale Arbeit in Palästina begann, setzte das Experiment ein, wie es gerade Ort, Zeit und Gelegenheit notwendig machten, wenn einmal ein Schritt auf dem Wege zur Ausführung der Aufgaben des J. N. F. möglich erschien. Auch beute noch, nachden! bald 14 Jahre seit der Begründung des J. N. F. und etwa acht Jahre seit Aufnahme seiner praktischen Arbeit in Palästina verstrichen sind, gibt es nur für den, der dauernd diese Arbeit mit Interesse verfolgt, gewisse deutlich erkennbare Grundrichtungen. Eine Zusammenfasstmg dieser Grundlinien der Arbeit des J.N. F. zu einem System fehlt. So wenig man auch in Zukunft der Experimente und gelegentlichen Versuche wird entraten können, so macht sich doch der Mangel eines genauer umschriebenen Systems bemerkbar. Erwägungen dieser Art waren es wohl, die den immer noch schärfsten Kritiker unserer Organisation vernnlaßten, beim letzten Kongreß den Antrag zu stellen, cs möge dem Direktorium des J. N. F. zur Pflicht gemacht werden, innerhalb etwa eines Jahres ״ein System der Wirksamkeit des J. N. F. in Palästina auszuarbeiten und seine gründliche Diskussion zu veranlassen". Der Antrag fand keinen Widersprticfi und wurde ytun Beschluß erhoben. Damit war also dem Direktorium des Jüdischcn Nationalfonds die Verpflichtung auferlegt, die Grundprinzipien seiner Arbeit, wie sie sicli im Laufe ׳der Jahre aus der Arbeit selbst hcrauscntwickclt hatten, das bisherige Ergebnis des allmählich erfolgten Ausbaus seiner Ideen zusammenfassend ilarzulegcn, zu versuchen, dieses in der Theorie fortziientwickeln, und die Resultate dieser gedanklichen Tätigkeit den daran Interessierten zur Nachprüfung und weiteren Mitarheit zur Vertilgung zu stellen. Es war anzunehmen, daß dadurch weitere Kreise zu einer Mitarbeit angeregt werden würden, die bisher nur recht spärlich zu konstatieren war, die aber wiederum gerade jetzt notwendiger denn zuvor geworden ist. Das I iauptburcau ging bald nach dem Wiener Kongreß an die Erfüllühg dieser Aufgabe, Es begann die Herausgabe einer Serie populärwissenschaftlicher Monographien, ״die die Grund- Prinzipien und Arbeitsmethoden an der Hand der von uns selbst in Palästina, sowie von andern kolonisierenden Völkern gesammelten Erfahrungen erörtern und klären soll". Im Mai 1914 erschien als erstes Heft dieser Sammlung 0״ c - mein eigentu m und Privateigentum an Grund und Boden" von dem für dieses Thema sicher Berufensten 1unter uns, von Franz Oppenheimer, eine überaus klar und faßlieh geschriebene historische Darstellung der verschicdencn Arten von Grundeigentum, der dabei von Völkern aller Zeiten gemachten Erfahrungen bis zu den letzten Konsequenzen der modernen Ent- Wicklung des Genossenschaftswesens. Verzögert durch den Krieg erschien erst jetzt als zweites Heft von demselben Verfasser eine kleine Monographie: ״Genossenschaftliche Kolonisationin Pal ästin a“, die die praktischen \ I i I v

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