Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r I I I I I I I I I Abonnements ן auf die wöchentlich am Freitag• t»r» scheinende ״Jüdische Rundschau“ kosten bei der Expedition und bei allen Postämtern vierteljährlich 1,50 M-, außerhalb Deutschlands und Oesterreich-Ungarns M.; für Mitglieder jüdischer Vereine im Sammclbczug• durch den Verein 1,— M. Jüdische Randschau, G. na. b. H. BERLIN W. 15, Sächsische Straße 8. Telephon: Amt Uhland 845, 846, 868, Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. JU6DISCH6 RUHDSCHAU Anzeigen kosten für die sechsgespaltene Petit- *eile oder deren Raum 40 Pf.; Stellen- Angebote und -Gesuche sowie Vereins- Mitteilungen und ״Kleine Anzeigen“ O O O O nur Pfennig. O O O O Manuskripte werden, wenn Porto beiliegt, stets zurückgesandt. Redaktionsschluß: Mittwoch vormittags. Redaktion Jüdische Rundschau BERLIN W. 15, Sächsische Straße 8. Telephon: Amt Uhland 845, 846, 868. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. ALLG6M6IN6 3U60ISCHC ZSITUNG Nummer 12 Berlin, den 19. März 1915 4. Nissan 5675 XX. Jahrgang. Ausweis Schekel 1913/14: C0I11 u. Rh. 50, , Nürnberg- Fürth 14,— . Schekel 1914/15: Dortmund 15, , Emden 35, , Wetzlar 5, , aus dem Felde 1, . Landesbeiträge 1915: Emden 12, , Dortmund 12, , ein Einzelbeitrag 1, , aus dem Felde!, , desgl, 4,- . Propagandafonds 1914: Aus dem Felde: l)r. Jungtnann-Berlin 10, . Propagandafonds 1915: Berlin: Salzinami (1. Rate) 50r; Ratibor: Frau Wally Diencmann 5,; N. N. 10,-; aus dem Felde: Dr. Jtmgmann-Berlin 10, , Dr. Sichel-Chemnitz (2. Rate) 20,., Dr. Louis Weinberg-Dortmund 20, , N. N. 50, , Benno Gr/.ebinasch 5, , Stabsarzt Dr. Albert (ioldberg, Berlin- Neuenahr (1. Rate 20, , Feldunterarzt Silberbach (K J. V. durch Stabsarzt Dr. Ooldberg (2. Rate) 20. . Eingang vom 10. bis 16. März 1915: Schekel 1913/14: 64,- M.; S c 11 e k e I 1914/15: 59,- M.; ,1 a 11־ des beitrage 1915: 33, M.; Propagandaf o n d s 1914: ' 10, M.; P r o n a g a n d a f o 11 d s 1915: 210,- M. Oesamteingang: Sch e k el 1913/14 : 4949,- M.; Schekel 1914/15: 660,-- M.; Landesbeiträge 1915: 988,- M.; Propagandafonds 1911: 6802,; P r o p a ganda f o 11 d s 1915 : 4825 M. Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, B e rl i n W15. Sächsische Straße 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bankkonto: A. H. Heymann & Co., Berlin W56, Hinter der Katholischen Kirche 1. Die Tragödie Israels in Polen Von Hermann Bernstein Der bekannte Herausgeber des in New York erscheinenden Blattes ״Der Tag“ veröffentlicht den folgenden erschütternden Artikel, der das unerhörte Leiden der Juden in Russisch-Polen enthüllt. Eine Zeitlang schien es, als ob die polnischjüdischen Feindseligkeiten durch die schreckliehe Katastrophe beseitigt wären, die plötzlich fast ganz Europa in ein Tollhaus verwandelt hat. Dann kam das berühmte Manifest, das vom Großfürsten Nikolas Nikolajewitsch als Befehlshaber des russischen Heeres erlassen wurde, und das Polen die Autonomie versprach, wenn das Volk sich Rußland gegenüber in diesem Kriege loyal verhielte. Die Juden, welche tyrannisiert, gedemütigt und fast gekreuzigt durch den polnischen Boykott waren, begrüßten Polens Freiheit mit echter Freude. Die Juden, welche stets die Freiheit liebten, wissen die Freiheit zu schätzen, und sie freuten sich, als selbst ihren Unterdrückern die Freiheit versprochen wurde. Sie hofften, daß dies den Polen gegebene Versprechen, die nahende Verwirklichung ihres Traumes eines geeinigten Polens, die Herzen der Polen besänftigen und ihre kriegerische und tyrannisehe Politik dem verhaßten Juden gegenüber beendigen würde. Die jüdische Presse in den polnischen Provinzen bewillkommnete die polnischen Manifeste mit fast krankhafter Begeisterung. Eine der am weitesten verbreiteten Warschauer Tageszeitungen schrieb dazu: ״Die jüdische Bevölkerung Polens heißt die Manifeste mit nicht weniger Begeisterung willkommen wie die Polen selbst. Während der letzten Jahrhunderte ist das Schicksal der Juden mit dem der Polen fest verknüpft. Die Juden haben sowohl an den Leiden wie an den Freuden der Polen teilgenommen, ln den großen Augenblicken der pol- ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffenilieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. nischen (ieschichte vergaßen die polnischen Führer nicht die Ergebenheit des jüdischen Volkes für Polen. Wir glauben, daß, wenn die Sonne der Freiheit au Polens Himmel aufgeht, alle Mißverständnisse und Differenzen für immer vergessen sein werden.“ Fine andere jüdische Zeitung erklärte: ״Die Freude des polnischen Volkes ist groß. Wir Juden teilen seine Freude, und auch wir sind dem russischen Hauptbefchlshaher sehr dankbar, weil er in seinen Kundgebungen an die Polen nicht vergaß, auch die anderen Nationen /i! erwähnen, deren Schicksal mit dem der Polen verknüpft ist.“ Noeli eine andere jüdische Zeitung sagt: ״Die Nachricht betreffs der Wiedergeburt des polnischen Volkes ruft bei den Juden ein Gefühl wirklicher Befriedigung hervor, welche selbst die Tragödie darstellen, zwischen den Völkern zerstreut zu sein. Man erwartet natürlich, daß in Ucbereinstimnumg mit den Manifesten die Polen auch die Rechte der anderen Nationen in ihren Provinzen respektieren werden.“ T>ie polnische Presse jedoch übersah den folgenden Passus in dem vom russischen Hauptkommantleur herausgegebenen Manifest: ״Es gibt nur etwas, das Rußland von Euch erwartet ■ daß ,hr die Pachte -derjrnigcr Völker achtet, welche die Geschichte mit Euch verknüpft hat.“ Rußland schlug in dieser Kundgebung den Grundton der Einigkeit an, aber die Polen, anstatt von ihren antijüdischen Tendenzen nbzugehen, verstärkten ihre hinterlistigen Angriffe gegen die jüdische Bevölkerung ihres Landes. Es schien, als ob das Manifest, welches ihnen vorschrieb, die anderen Völkerschaften in Polen zu respektieren, Gel in die Flamme ihres Flasses goß. Die Polen, welche die Juden während der letzten Jahre systematisch mit Hunden gehetzt hatten, versuchten, ihre antisemitische Handlungsweise am Vorabend ihrer eignen Befreiung zu rechtfertigen. Eine der führenden polnischen Zeitungen begann den neuen Feldzug durch die Veröffcntlichung eines Artikels, in dem sie erklärte, daß man von den Polen nicht erwarten könne, daß sie die Rechte der Juden respektieren, weil in allen offiziellen russischen Dokumenten von den Juden als ״Fremde“ und nicht als Nationalität gesprochen werde. Als die Deutschen einen Teil von Russisch- Polen besetzt hatten, wurde ein neuer Anschlag gegen die Juden seitens der Polen geschmiedet Die Anführer ließen die polnischen Provinzen davon verständigen, daß man die Juden für alles verantwortlich machen solle, was die Polen in den Augen der Russen oder Deutschen kompromittleren könnte. ״Die Schuld auf die Juden!“ Diese von den polnischen Führern ausgegebene Parole sollte zwei Zwecken dienen. Die Juden sollten so kompromittiert und in Mißkredit gebracht werden, daß die Polen ihre Rechte nicht zu achten haben, wenn Polen die Autonomie erlangen sollte. Zweitens würde ihre eigne Treulosigkeit weniger beargwöhnt werden. Die Polen verbreiteten in ihren Provinzen das Gerücht, daß die Juden Spione wären, daß die Juden die Brunnen vergifteten, um die russisehen Truppen zu töten, daß sie den deutschen Truppen Signale gäben, daß sie Bomben von deutschen Luftschiffen würfen und noch mehr derartig unsinnige Geschichten. Die polnischen Zeitungen halfen, diese Legenden unter den polnischen Bauern zu verarbeiten. Diese Gerüchte kamen auch der russischen Armee zu Ohren und verbreiteten sich wie Lauffeuer in russischen Städten und Dörfern. Die polnischen Zeitungen veröffentlichten ein Märchen, und die ausländischen Zeitungen druckten es nach, daß polnische Juden für die Deutschen IQ Million Rubel in Gold in einem Sarg fortgeschafft hätten, und so lächerlich dieses Märchen klingt, das Volk glaubte es, und die Polen verstärkten ihre Angriffe auf die Juden. Natürlich übte dies auch auf das rassische Heer seine Wirkung aus und war die Ursache zu zahlreichen Katastrophen und vielen Pogromen- Hunderte von Juden wurden auf Grund dieser falschen Beschuldigungen aufgehängt. Der Boden war vorbereitet, die Polen wußten, wie sie die Autoritäten mit ihren Anschuldigungen erreichen konnten, und das Wort eines Denunzianten wai für die Behörden ausreichend, um einen Juden hängen zu lassen. Viele Umstände halfen den Polen bei ihrem Feldzug gegen die Juden. Die Aehnlichkeit zwischen der deutschen und jüdischen Sprache, die besondere Kleidung der polnischen Juden, ihre Abgeschlossenheit im Ghetto, ihre Un- Kenntnis der russischen Sprache, welche es ihnen unmöglich machte, sich zu verteidigen, wenn es galt Mißverständnisse aufzuklären; die Tat- Sache, daß es ihnen nicht gestattet war, irgend einem Komitee anzugehören, welches die Lokalbevölkerung gegenüber den Behörden vertritt: all dies schuf zur Zeit des deutschen Einfalls in Russisch-Polen eine für die Juden höchst ungünstige Situation. Sobald die Deutschen in eine russische Stadt einrückten, änderten die Polen ihre Taktik. Nachdem sie vorher die Juden aus verschiedenen Komitees ausgeschlossen hatten, zwangen sie sie jetzt, solche Komitees zu bilden, um die Verantwortung auf sie abwälzen zu können. So wurde den Juden auferlegt, Nahrungsmittel an die Besatzungtruppen zu liefern. Die Juden wurden gezwungen, dies zu tun, und wenn die russisehen Truppen zurückkehrten, so zeigten die Polen die Juden bei den russischen Behörden an. Die zurückkehrenden russischen Truppen trafen meist mit dem polnischen Pöbel zusammen, welcher ihnen allerhand Geschichten über jiidisclie Spionage und Verräterei erzählte. Sehr oft hielten die Soldaten und Kosaken sofort bei den jüdischen Quartieren an und brachen in die Häuser ein, die sie nach Deutschen durchsuchten, die sich dort hätten verborgen halten können. Wenn ihr Suchen erfolglos war, so plünderten die wütenden russischen Soldaten die jüdischen Wohinnigen und Läden auf Antrieb der Polen. Die Polen reizten die hungrigen russischen Soldaten, indem sie ihnen erzählten, daß, während die Juden den deutschen Truppen gern Nahrung gaben, sie sieh weigerten, den Russen zu helfen. Infolge einer solchen Denunziation der Polen an die russischen Trappen wurden die Schwiegersöhne des wohlbekannten Rabbiners von Radom aufgehängt. Eine große Anzahl Juden wurden aufgehängt, weil man sie beschuldigt hatte, daß sie sich'geweigert hätten, den russisehen Soldaten Geld zu wechseln. Als die russischen Truppen in Warschau einzogen und die Bevölkerung sie begrüßte und ihnen Brot und Tee brachte, riefen die Polen