Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Seite 41 Brief aus Bulgarien Varna, im Januar 1915. Man freut sich, wenn man, gelegentlich in einen entlegenen Winkel verschlagen, auch dort Keime der beginnenden nationaljüdischen Entwicklung und zionistischen Lebens antrifft. So z. B. hier in Varna. Die jüdische Bevölkerun§*besteht aus einigen hundert Familien. Zum allergrößten Teil sind es spaniolische Juden und nur wenige sind aus Oesterreich, Rußland und Rumänien eingewandert. Den Mittelpunkt des kulturellen Lebens bildet die Gemeindeschule, die vom Staat als eine Elementarschule anerkannt ist. Die hebräische Sprache bildet eins der Hauptfächer und wird nach der neuesten Methode, Ibrit B’lbrit, unterrichtet. Bei einem Teil der Jugend hat der Zionismus lebhaften Anklang gefunden. Es gibt hier neben der Zionistischen Ortsgruppe einen zionistischen Jugendverein ״Makkabaea“, der für die zionistische und körperliche Erziehung der jüdischen Jugend wirkt. Auch hier geht es nicht ohne Kämpfe mit Gegnern unserer Bewegung ab. Eigentlich muß es wundernehmen, daß selbst hier, in den Balkanländern, wo jede Volksindividualität für ihre Daseinsrechte kämpft, die Juden danach streben, sich zu assimilieren, ״B111garen“ zu werden. Man kann sich diese Würdelosigkeit nur durch die Jahrhunderte dauernde Gleichgültigkeit gegenüber allen jüdischen Interessen und die vollständige Unwissenheit in jüdischen Dingen erklären. Leider wird die nationaljüdische Erziehung der jungen Generation durch das Fehlen jeglicher allgemeinjüdischer und speziell zionistischer Literatur sowohl in spaniolischer als in bulgarischer Sprache stark gehemmt; auch ist den bulgarischen Juden durch diesen Umstand der Zusammenhang mit der übrigen Judenheit geschwunden. Ihre zukünftige Entwicklung hängt somit nur von dem persönlichen Eifer und Einfluß unserer bulgarischen Gesinnungsgenossen ab. Diese stehen vor einer äußerst schwierigen Aufgabe, und sie werden sie nur mit Aufbietung ihrer ganzen Energie bewältigen können. Louis Sachs Bevor Julius J a c o b v ins Grab gesenkt war, ist Louis Sachs raschen Todes verschieden. So hat die Gemeinde Berlin schnell nacheinander zwei ihrer bewährtesten Repräsentanten verloren. Herr Louis Sachs ist in der Nacht zum 21. Januar im Alter von 70 Jahren entschlafen, als er mit der Ausarbeitung der Trauerrede beschäftigt war, die er am Grabe seines Freundes Jacoby halten sollte. Louis Sachs hat sich um die Wohltätigkeitsanstalten der jüdischen Gemeinde, vor allem um das Krankenhaus, reiche Verdienste erworben. Erst ' jüngst wurde Louis Sachs gefeiert, da er ein Vierteljahrhundert schon dein Repräsentantenkollegium der jüdischen Gemeinde angehört. Sein Andenken wird in der jüdischen Gemeinde in Ehren gehalten werden. An die Zionisten Oesterreich-Ungarns Wir senden die Jüdische Rundschau ins Feld an alle im deutschen Heere dienenden Zionisten. Auch an die Gesinnungsgenossen, die als österreichischeund ungarische Soldaten im Felde stehen, wollen wir die Jiidisehe Rundschau regelmäßig senden, damit auch sie die enge Verbindung mit unserer Organisation nicht verlieren. Wir bitten daher alle zionistischen Organisationen und die einzelnen Zionisten Oesterreich-Ungarns, uns die genauen Feldadressen unserer Gesinnungsgenossen mitzuteilen. Auch bitten wir um die Uebermittelung von Feldpostbriefen, die zur Veröffentlichung in der Jüdischen Rundschau geeignet sind. Redaktion der Jüdischen Rundschau. RUNDSCHAU DER PRESSE Die Wiener ״Jüdische Z e i t u n g“, die in den letzten Monaten vierzehntägig erschien, nunmehr aber wieder wöchentlich erscheint, behandelt in einem ״Neujahrsreden“ betitelten Leitartikel die Silvesterreden, die von Mitgliedern des gemeinderätlichen Bürgerklubs im Wiener Rathaus gehalten wurden, um den Bürgermeister anläßlich des Jahreswechsels zu beglückwünschen. ״ln verfrühter, völlig unzeitgemäßer Auseinander-. Setzung, welche der Wiener Bevölkerung weit aus-1 schauende Vorsorge beweisen soll, hat Oberkurator Steiner Notverordnungen verlangt, dahingehend, daß einerseits alle nach dem 1. August 1914 aus Galizien und der Bukowina eingewanderten Flüchtlinge nach ihrem früheren Aufenthaltsort zurückbefördert oder anderswo angesiedelt werden und andererseits zur Verhinderung eines erdrückenden Konkurrenzkampfes die Erlangung verschiedener Berechtigungen für manuelle und geistige 1Berufe an die Bedingung einer Seßhaftigkeit zu knüpfen sei. Bürgermeister Weißkirchner erklärte, er sehe die von seinem Freund Steiner vorgeschlagenen Maßnahmen als vollkommen gerechtfertigt an, der Stadtrat habe bereits dazu Stellung genommen und werde der Regierung Vorschläge unterbreiten. Kurz gesagt, die Wiener Stadtvertretung wünscht von der Staatsverwaltung, daß sie voreilig kleine Fragen regle, ehe die großen Fragen auf den Schlachtfeldern Europas beantwortet sind. Und warum dies alles?“ Voranzeige T^Vas Kriegs - Hilfskomitee der *■־־-'Zionistischen Vereinigung für Deutschland veranstaltet am Dienstag den 9. Februar im groben Saal der Königlichen Hochschule für Musik (Fasanenstrabe 1) einen Wohliätigkeifsabend. Ihre Mitwirkung haben bereits zugesagt Königliche Kammersängerin Fräulein Marianne Alfermann, Königlicher Kammersänger Herr Hermann Jadlowker, Violinvirtuose Herr Alfred Wittenberg, Herr Dr. Martin Buber. Die ״Jüdische Zeitung“ sieht den Grund dieser Reden in den antisemitischen Tendenzen der Wiener Christlichsozialen, die beizeiten die österreichische Regierung zu beeinflussen suchen. Diese selbst hat sich in Anerkennung der außerordentlich patriotischen Haltung der österreichisehen Juden, besonders auch im Osten, der jüdischen Flüchtlinge mit allem Eifer angenommen. Die Christlichsozialen möchten aber gerne Notvcrordnungen erlassen sehen, die als judenfeindliche Gesetze interpretiert und verwendet werden könnten. Die österreichische Regierung wird diesen Wünsehen hoffentlich kein Gehör schenken. Die Prager ״S e 1 b s t w e 11 r“ hat ihre erste Januarnummer als Sondernummer der Flüchtlingsfiirsorge gewidmet. Die sehr gut redigierte Nummer unseres zionistischen Bruderblattes enthält aufschlußreiche Beiträge, die die im Interesse der jüdischen Flüchtlinge in Prag entfaltete Tätigkeit beleuchten. Ein Geleitwort orientiert über die Organisation der Flüchtlingsfürsorge. Das Prager 1Hilfswerk gliedert sich nach zwei Körperschaften, dem Versorgungskomitee für jüdische Flüchtlinge und dem Hilfskomitee. Das erstere, von der zionistischen Organisation gegründet, von Zionisten geleitet und auf zionistische Kräfte gestützt, ist die eigentliche Zentralstelle der Flüchtlingsfürsorge, der die Ausführung aller notwendigen Maßnahmen obliegt. Prinzipielle Beschlußfassung über diese ist dem Hilfskomitee überlassen, das auch die Finanzierung übernommen hat. In diesem sind alle jüdischen Organisationen vertreten, die zionistischen und die nichtzionistischen. Ueber das ״Hilfswerk der Prager Kulfusgeineinde“ schreibt in der ״Selbstwehr״ der Gemeindepräsident Dr. Arnold Rosenbacher; der Vizepräsident Robert Fuchs Edler von R o b e 11 i 11 schreibt über den Anteil der Prager Judenschaft an der Hilfsaktion für die jüdischen Flüchtlinge. Andere Aufsätze orientieren über einzelne Gebiete aus dem großen Komplex der mit der Fürsorge zusammenhängenden Fragen. TURNEN und SPORT Berlin. (J ii d i s c 11 er Fr a u e!1 b u 11 d f ü r Turnen und Sport.1 Nachdem bisher von unseren Frauenabtei hingen T urn fahrten in Abständen von 11 Tagen gemacht wurden, haben wir jetzt eine selbständige W a 11 d e r a h t e i I u 11 g gegründet, die jeden Sonntag Wanderungen macht. Es sind ■bis jetzt 3 Züge zustande gekommen, und zwar werden von 2 Zügen Tageswanderungen gemacht, während der X Zug den im Wandern Ungeübten in Halbtags- Wanderungen Gelegenheit zum Trainieren gibt. Heiniabeude finden monatlich einmal in unserer Vereins- Wohnung statt. Der Beitrag der Wanderabteilung betriigt jährlich 0,50 .\l. (Tiste sind auf unseren Wanderungen willkommen. Nähere Auskunft erteilt Frl. Kate Danielevvicz, Charlottenburger Ufer 61. Berlin. (J ii d i s c h e r R u ci e r k 1 u b 1״ v r i a‘‘.) Die Leitung des Klubs versendet den Rechens c h a f t s b e 1־ i c 111 f ii r d a s Ja h 11914 ־, dem wir folgendes entnehmen: Der Ausbruch des Krieges machte sich besonders in unseren Kassenverhältnissen fühlbar, weil 75־״■ der Einnahmequellen fortfielen. Aus diesem Grunde mußten die zurückgebliebenen Mitglieder lieben ihren Beiträgen noch erhebliche Umlagen aufbringen. Wir wurden auch von einigen im Felde stehenden Klubkameraden unterstützt. Die G esamt• e i 1111 a 11 m e 11 in den letzten 5 Monaten des verflossenen Jahres beliefen sieh auf 737,85 M., die Ausgaben betrugen 514,15 M., mithin Kassenbestand am 31. Dezember 1914 223,7« M. Daß der Abschluß trotz der ungünstigen Verhältnisse nicht allzu schlecht ist, verdanken wir neben der Tätigkeit unseres bisherigen Kassierers den freiwilligen Beiträgen der Aktiven und Inaktiven. Wir erwarten, daß auch in Zukunft alle Mitglieder, die dazu in der Lage sind, uns ihre Unterstützung nicht versagen. (Zuwendungen sind zu richten an Georg Herrmann, Berlin NO. 55, Greifswalder Straße 1 IS 19,. Zu Beginn des Jahres wurde die Mitgliederzahl des Vorstandes erhöht und die Vorstandsämter wurden teilweise anders besetzt. Wir gewannen im Sommer- Halbjahr 12 Junioren. Nach außen hin machten wir 111 der indischen Presse für unsere Ideen erfolgreiche Propaganda. Die Beteiligung an den Klubveranstaltungeii war rege. Von den Neueinrichtungen int Jahre 1914 heben wir hervor die wöchentlichen Rundschreiben verbunden mit der Ansetzung - die fortlaufend geführte Statistik, die Bibliothek. Im Winter sollte die nationaljüdische Erziehung der Mitglieder methodischer als bisher betrieben werden. Die stetige Entwicklung des Klubs wurde durch den Krieg unterbrochen. Von 3$ Aktiven zogen 30 ins Feld; von den $ in Berlin gebliebenen Mitgliedern setzten nur 6 die Kliiharheit fort. Da auch diese militärpflichtig sind und in Bälde eingezogen werden, bestand die Gefahr, daß der Klubbetrieb vollkommen unterbrochen würde. Diese Gefahr ist, wie wir hoffen, durch die inzwischen erfolgte ■Neuaufnahme und viermonatliche Instruktion unserer Zöglinge beseitigt worden. Der Krieg hat uns im verflossenen Jahr zwei Kameraden geraubt, drei sind verwnndet, vier mit dein Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden (2 Aktive und 2 Inaktives Die Verbindung z.wischen den Mitgliedern daheim und draußen wurde aufrechterhalten. Hoffentlich wird der Klub auch in Zukunft die schwere Belastungsprobe bestellen und im Frieden mit frischer Kraft den alten Weg fortsetzen. Mitteilung des Zionistischen Zentralbureaus Der erste Ausweis über die Jahresbeiträge für den Zionistischen Zentralfonds einschliesslich desHebräischen Schulfonds erfolgt inder ersten Februarnummer der zionistischen Organe. Wir bitten unsere Freunde, uns ihre Jahresbeiträge so rechtzeitig zukommen zu lassen, dass wir sie in unserm ersten Ausweis schon veröffentliehen können. 'Zionistisches Zentralbureau. Nachrichten Berlin. Unsere Gesinnungsgenossen Dr. Georg O r k i n - Hildesheini (K. J. V.), Erich Burin- Berlin (Barkochba), Assessor l )r. Heinrich I c 11 e n 11 ii u s e r - Cöln (K. J. V.), ׳Leutnant der Res., Rechtsanwalt N e 11 w a h I - Gelsenkirchen (K. J. V.) und Unterarzt Dr. metl. Eugen S a I o m o 11 - Altenkirchen ■ Westerwähl (K. j. V.) wurden mit dem Eisern e n Krc uz geschmückt. Unser Gesinnungsgenosse Alfred L c w y - Berlin (K. J, V.) wird seit dein 21. Oktober muh der Schlacht von Diximiiden vermißt; gleichfalls vermißt wird unser Gg. Dav id W e g e r.