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Jüdische Rundschau · 1914-12-04 · Heft 49 (4.12.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 49 (4.12.1914)
Date
1914-12-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V I I I Abonnements I auf di» w&thentlid! am Freitag■ er- 1 ftchelnende ״jUtllecJie Rundacliau“ | korten bei der Expedition und bei I allen Poitimtern vierteljährlich 1,50 M., S auüerhalb Deutacblanda und Oeater• ■ reidi-Unjarr« 1,— M.| für Milglieder I (ädiichee Verein« im Sammelbeiug 1 durob den Verein 1,— M. I JUdleclia Runtlieehau, G. m. b. II, BERLIN W.J5, SlchaUch« Straß« 8. Telephon! Amt Uhland 845, 845, 808. Poatachedckonto' Berlin Nr. 1739], I I I 1 I I I 1 1 I 1 Nummer 49 0** ך f ך־'~׳ ך* ., r—^ ^•ך״ ' Weij J; \ V \ \ W,. j i . , ) f ־:* Le«? 'v... •״ / ,y Anzeigen kosteii fOr die •ethsg*«p*Uen* Petit־ seile oder deren Raum 40 Pf.ן Stellen- Angebote und -Geauche sowie Verein»- Mitteilungen und ״Kleine Anzeigen* O O O O nur 30 Pfennig. O 0 O O Menuskripte werden, wenn Porto btUiegt, etete suru^gesandt RfdekUonaschluflt Mittwodb vormittag». Hei!alt tlon JÜdtsdie RulidiM BERLIN W. 1$, SlchaUch• Straft« I. Telephon: Amt Uhlend S45, 846, 86& PosUcfaackkooto 1 Berlin Nr# 17392. j £\ . » *־; ' «I 18 «aä* L ät ׳׳, ח•! c:0/ 7־ ״'u; u ',_.j 41,3 vJ>!6« Klclew BQ5 XIX. Jahrgang. C~3 fp| fl yi y 411 DasLand der jüdischen Zukunft Von Dr. S. Bernstein. Der blutige Weltkrieg hat den Schauplatz der jüdischen Wirklichkeit um ein neues szenisches Bild bereichert. Wir sehen plötzlich eine jüdische Armee vor uns auftauchen. Mehr als eine halbe Million Juden stellt unter den Waffen auf den verschiedenen Schlachtfeldern der kriegführenden Staaten. Oar mancher Balkan- Staat dürfte nicht ohne Neid auf diese stattliche Heerschar blicken. Das vielumworbenc Bulgarien oder das kriegslustige Rumänien dürfte kaum imstande sein, eine größere Anzahl waffenfähiger Krieger aufzubringen. Und betrachtet man die Tausende von jüdischen Streitern, die sich durch Tapferkeit und Todesverachtung kriegerische Auszeichnungen erwarben, so könnte man darin beinahe einen gewissen Trost finden in dieser Zeit der schwersten Heimsuchungen für unsere Brüder. Einem Volk, das für seine eigene Bcfreiung und Wiedergeburt leben und schaffen will, mag diese Tatsache immerhin eine gewisse Ermutigung bedeuten. Welch •bittere Ironie! Es ist ein müßiges Unterfangen, als Prophet auftreten zu wollen. Es sind aber wohl die weitesten Schichten unseres Volkes von der Ueberzeugung durchdrungen, daß alle diese namenlosen Opfer an Gut und Blut für die äußere Stellung der Judenbeit weder in sozialer, noch in moralischer Beziehung eine nennenswerte Aenderung nach sich ziehen werden. Das liegt an der eigentümlichen Gestaltung unserer Geschichte. Es wird nicht lange dauern, und das Gerede von der jüdischen Feigheit und Minderwertigkeit wird von neuem auf allen Gebieten frisch aufleben. Nicht nur gewisscnlose Hetzer und niedrige Soldschreiber werden uns damit behelligen. Wir werden zweifellos auch in den Parlamenten und an vielen anderen maßgebenden Stellen das alte Lied zu hören bekommen. Unzähligemal im Laufe unserer Wechselvollen Geschichte haben wir die gleiche bittere Erfahrung gemacht. Von den Tagen der jüdischen Propheten bis auf Baruch Spinoza, und von der Zeit des verfehmten Amsterdamer Weltweisen bis auf Karl Marx hat das Judentum nie aufgehört, auf dem Gebiete der theoretischen und praktischen Ethik Unvergleichliches und Unvergängliches zu leisten. Und dennoch ist cs uns bis auf den heutigen Tag nicht geglückt, die Menschheit davon zu überzeugen, daß wir unserem Freiheitsfest zu Ehren keine Christenkiruler abschlachten. Es ist dies eben der unentrinnbare Fluch unseres tausendjährigen Galuthlebens. Als Byron mit der ganzen Glut und Wucht seiner Dichterkraft für die nationale Befreiung des griechischen Volkes eintrat, da rief er aus, die ganze Menschheit sei verpflichtet, dem Volke, dem ein. Homer entsprossen ist, zu Hilfe zu kommen. Niemand hat bisher in gleiehern Sinne des Volkes der Bibel gedacht, die doch der Menschheit mindestens soviel wie Homer bedeutet. Karl Kautsky z. B. würde sicherlich jeden Versuch, die Berechtigung der nationalen Bestrebungen irgendeines obskuren Balkanvölkchcns oder sonst irgendeines halbzivilisierten Volksstammes anzutasten, als höchst undemokratisch und ungerecht zurückweisen. Aber ■11— ■ tt-׳2;:; זי״ד r -ן - ל - - - ■י -rmn rn־11׳Tin«!MrnB1n1 ״Da* Zl:y:.z:, 113 cr:*.״eL'f f&r des jüdkclio *Velli Zi/j'Süzi^ einer £Tcoi« lfch-irccLfl.’ch £c:khcsicu I־IdE11f.*Ittc in PaldsÜzß." Baseler Programm. er hält es geradezu für eine Kulturtat, das Ringen der jüdischen Nation um selbständige Geltung und nationale Wiedergeburt mit allem Nachdruck zu bekämpfen. Der jüdische Nationalismus erscheint ihm als ein derartiges Unrecht oder als eine derartige Ungebühr, daß er es als seine Pflicht ansah, in diesen Schicksalsschweren Zeiten, wo so viele Völker um ihr Daseinsrecht und ihren Fortbestand kämpfen, mit einer besonderen Schrift hervorzutreten, um die Interessen der ״internationalen Freiheit“ vor den Gefahren, der jüdisch-nationalen Wiedergeburtsbewegung in Schutz zu nehmen. Kein. Zweifel, wir haben es hier mit einer gewissen historischen Notwendigkeit zu tun. Es ist das Schicksal eines bodenlosen Volkes. Darin liegt die Größe der Erkenntnis Herzis, ln der Juden not erkannte Herzl dieses Problem der Weltgeschichte und fand den Weg für dessen Lösung. Es ist eine seltsame Tragödie: Ein Volk, das als solches nicht leben und — was noch schlimmer ist — als solches nicht sterben kann. Dabei kämpft dieses Volk Jahrtausende hindurch mit einer beispiellosen heroischen Zäliigkeit für seine Fortdauer und behält im Orunde alle Attribute eines lebensfähigen Volkstums. Allein für die gesunde politische Entwicklung des allgemeinen Völkerlcbcns mußte dieses vegetierende Volk mit seinen abnormalen Lebens- Verhältnissen eine Last, man möchte fast sagen ein Bleigewicht werden. Diese verkörperte nationale Normwidrigkeit mußte mit den natürlichen Lebenserscheinungen der Völker in dauernden Konflikt geraten. Soll unser Volk in normale Lebensbedingungen zurückgeführt werden, so muß vor allem dieses geschichtliche Mißverstandnis eine gründliche Korrektur erfahren. Unser Volk muß als nationale Individualität geschiehtlieh assimiliert werden, das heißt, es muß denjenigen Formeln und Gesetzen unterworfen werden, die die Geschichte jedem sich normal entwickelnden Volkskörper vorschreibt. ln dieser Erkenntnis schuf Herzl den Zionismus. So entstand die Charter-Idee. Es ist merkwürdig, welche allgemeine Verkennung der Charter-Idee zuteil wurde. Auch geschulte zionistische Köpfe halten Herzl für so naiv, daß er einzig und allein in dem Besitze einer Charter- Urkunde das sofortige und letzte Heil für unser Volk und Land erblickt hätte. Herzl war jedoch ein zu sehr erfahrener Staatsmann, als daß ihm wirklich ein ״Fetzen Papier“ das Allheilmittel für das jüdische Volk bedeutet hätte. Für Herzl war der Charter bloß eine greifbare Idee, eine geschichtliche Demonstration, die jenes verhängnisvoile historische Mißverständnis mit einem Male theoretisch beseitigen sollte. Das Volk der Juden sollte dadurch das politische Reifezeugnis erwerben, uni im Rate der Völker seine Stämme erheben und den ihm gebührenden Platz fordern zu können. Nur als Gleiche unter Gleichen, durch historisch bereciitigte und auf politischem Wege zu erkämpfende Forderungen wird es den Juden gelingen, die moralische Anerkennung ihrer nationalen Rechte zu erzwingen. Und so stellte Herzl das Land unserer Väter unter dem Banner des politischen Zionismus in den Mittelpunkt des jüdischen Strebens in allen Ländern der Zerstreuung, Weite Kreise unseres Volkes brachten dem Alt-Neuland, unserer Geschichte wieder tieferen Heizensanteil entgegen. Eine Unsumme von Arbeit, von redlichem Streben und Schaffen im Lande der Väter lenkte die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffcntlichkeit auf sich. Es war die nationale Idee, die sich Bahn gebrochen hatte. Herzl prägte ein schönes Wort: ״Wohltätigkeit an einem ganzen Volke heißt Politik.“ Und das war das Stärkste an der jahrzehntelangen Palästinaarbeit, Auf die Tendenz kam es an. So entstand der neue Jischub, über dessen Aussichten und immanente Zukunftsmöglich'- keiten es bei allen Urteilsfähigen nur eine Melnung gibt. Das neue Leben in Erez Israel, der Ausblick auf ein gesundes, freies Volksleben ist keine Utopie mehr. Sie ist eine greifbare Tatsache geworden. Niemand wird bestreiten, daß wir Keime eines zukünftigen Gemeinschaftslebens vor uns haben, die für das gesamte jüdische Volk von der allergrößten Bedeutung werden können. Die Politik ist keine statistische Tabelle; sie rechnet nicht nur mit vorhandenen Größen, mit fertigem Tatsachenmaterial. Die Politik sieht die Entwicklung der Dinge voraus, rechnet mit den logischen Folgen geistiger Kräfte und Entwicklungstendenzcn. Und da darf es mit voller Qewißheit gesagt werden: Der Zionismus ist das werdende jüdisch-nationale Gemeinwesen. Als das neue Palästina sich vor einiger Zeit genötigt sah, für seine kulturelle Selbständigkeit, für die nationale Erziehung und Ausbildung der heranwachsenden Generation seine ge wichtige Stimme zu erheben, da war es uns wie eine Offenbarung. Es war das erstemal, wo die jiidisch-nationale Volkspolitik nach jahrtausendclangcm Stillstand zu ungebrochener Geltung kam. Und wahrlich, es ist kein Zufall, daß der erste Versuch, der hebräischen Sprache und dem hebräischen Geist einen festen Wurzelboden zu erkämpfen, gerade in Palästina unternommen wurde, in dem Lande, wo bisher eine jede Bildungsanstalt, im Gegensatz zu den Län* dern der Diaspora, nur mit äußerster Kraftanstrengung und nur durch materielle Hilfe von außen her erhalten werden konnte. Und als vor kurzem der europäische Weltkrieg die Bewohner Palästinas urplötzlich, gewissermaßen über Nacht in eine äußerst schwie* rige Situation brachte, da konnten wir eine intercssante Erscheinung beobachten. Nicht in den Hilfsgeldern, nicht in den reichlichen Spenden aus Amerika erblickte man das hauptsächliche Mittel zur Rettung des Landes vor einer wirtschaftlichen Katastrophe. Instinktiv dachte man an die vorhandenen Organisationskräfte im Lande, an die Ansätze des Sei bst verwaltungssystems, an den politisch-sozialen Sinn des neuen Jischub. Vielleicht wäre auch die amerikanische Judenheit nicht so hilfsbereit und zweckbewußt eingesprungen, wenn sie nicht die Ueberzeugung gehabt hätte, daß es sich in diesem Fall nicht um eine Wohltätigkeits-Angelegenheit handle. Dieses großzügige Eingreifen tragt vielmehr den Charakter einer Aktion, die man gegebenenfalls zugunsten eines gefährdeten Gemeinwesens cinleitet, eines politisch-sozialcn Körpers, von dessen Lebenskraft und Zukunft man überzeugt ist, dem jedoch im Augenblick über eine schwere Krise hinweggeholfen werden muß. Und man täuschte sich

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