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Jüdische Rundschau · 1914-11-06 · Heft 45 (6.11.1914) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 45 (6.11.1914)
Date
1914-11-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45 j Uri, Dl SCH kUNDSCHAU Seite 415 Juden, wiewohl bei weitem nicht die Majorität der Bevölkerung, dem Laude das eigentliche Gesicht geben und dem ganzen öffentlichen Verkehrsleben ihren Stempel aufdrücken. Unter den SO» 000 Einwohnern, die die Provinz nach der letzten nichts weniger als zuverlässigen Statistik zählt, nehmen die Juden mit 125 000 Seelen den dritten Platz ein. A11 erster Stelle stehen die Litauer mit 0(01 100׳, an zweiter die Polen niit 165 000 Seelen, Außerdem befinden Sieh in den mittleren Kreisen Mariampol und Knüwaria etwa 40000 Deutsche und ehensoviele Russen. Die zehn Städte und Städtchen (Suwalki, Ratsehki, Kallwaria, Mariampol, Wiilkowischki, Piliwischki, Wladislawovv, Schaki, Schapischeschki und Scny) sind aber im kleinen genau so gut jüdisch, wie cs Wilna und Warschau im großen sind, mit dein Unterschied freilieh, ela 11 hier in der Kleinstadt die Fühlung und Verbimlung mit dem platten Laude und mithin die Be- Ziehungen zwischen Jude und Bauer weit engere und bessere sind. Da Rußland seine Bahnen nicht nach wirtschaftlichen und Verkchrsrücksiehtcii, sondern nach rein strategischen Gesichtspunkten baut, so steckt der Bauer zumeist im tiefsten ״Hinterlande“ und kann nur mit Hilfe des Juden, der sein Freund und Berater ist und ihn über die Dinge in der offenen Welt aufklärt, seine Produkte auf den Markt und an den Mann bringen. Der Ackerbau der Provinz (Roggen, Weizen, Hafer, Gerste, Kartoffeln, Leinsaat, Flachs, Buchweizen und Hülsenfruchte) ist, wiewohl der Bauer noch mit den primitivsten Urvater-Mitteln arbeitet, genug entwickelt, daß das Ljnd sich selbst ernähren und sogar einen namhaften Uebetscluiß an das ärmere Litauen auf der rechten Nijemcnseite oder an Deutschland (selbstverständlich wiederum durch Vermittelung des jiidischcn Fruchthändlers) abgebcu kann. Die Viehzucht auf dem Lande (man zählte 1900: 150 000 Pferde, 293 000 Rinder, etwa 300 000 Schafe), hat auch einen!kleinen ' Viehhandel geschaffen, der ausnahmsweise vom Juden neben . dem Metzgergewerbe betrieben wird, ln 700 Fabriken sind annähernd 3000 Arbeiter beschäftigt, deren jährliche Erzeugnisse etwa 3 Mül. Rubel betragen. Das mag, mit dun Maßstabc der westeuropäischen Industrie gemessen, lächerlich klein erscheinen. Wer aber die Ungunst der Verhältnisse, die tausend Hindernisse, die von den russischen Behörden jedem neuen Unternehmen in den Weg gelegt werden, kennt und den steinigen Boden berücksichtigt, aus dem heraus diese Kleinindustric heraufgezaubert wurde, der wird der Zähigkeit, der Tatkraft, dem unerschrockenen Unternehmungsgeist der Juden dieser Provinz seine Bewunderung nicht versagen können. Den Ansatz, der in diesen Eigenschaften der jüdischen Bevölkerung, in dieser nach freier Entfaltung ringenden Kraft enthalten ist, wird die deutsche Verwaltung, die am wirtschaftlichen Hochkommen der Bürgerschaft der okkupierten Provinzen das größte Interesse hat, zu schätzen wissen.“ Im Novemberheft der von Dr. Joseph P a t a i herausgcgebeucn und ausgezeichnet geleiteten un* garisch-jiidischcn Zeitschrift ״Mult 6$ Jövö“ lesen wir: ״Wer ist jetzt so kurzsichtig, daß er nicht sähe, wie in diesem entsetzlichen Weltbraud die Juden von allem Anfang an von den Schäden des Krieges am unmittelbarsten getroffen worden sind? Der ganze russische Krieg spielt sich sozusagen auf j ft - d i s c h e m T e r r i t o r i u in ab, in Russisch-Polen und Galizien, den am dichtesten mit Juden besiedelten Gegenden, wo Hunderttausende jüdischer Familien mit einem Schlage brotlos geworden sind. Sie waren die ersten Opfer des Weltkrieges. Doch nicht nur hier, in allen anderen Ländern verhält es sich ebenso. Noch hatten die kriegerischen Operationen nicht hegönnen und schon entstand allenthalben eine jiidische Massenauswanderung von solchem Umfange, daß sie vielleicht die Vertreibung der Juden aus Spanien übertraf, Aus Belgien, Frankreich und Engfand flüchteten die ausgewiesenen Juden zu Zehntausenden, denn sie bildeten ja größtenteils das Bevölkerurigsclemcnt, das in den feindlichen Ländern den ״fremden“ Handel repräsentierte. Wenn wir z. B. lesen, daß aus Brüssel und Antwerpen 30 000 Deutsche, 20 000 Ocsterrcicher und 10 000 Ungarn geflüchtet sind, so können wir diese Ziffern getrost in der Weise addieren, daß wir sagen, aus den genannten belgischen Städten seien C0 000 Juden geflüchtet. Jüdische Millionäre haben ihr ganzes Vermögen verloren, ehemals begüterte jüdische Familien nehmen zu Hunderten die Hilfe der noch leistungsfähig gebliebenen jüdischen Gemeinden und Wohltätigkeitsvereine in Anspruch. Und dennoch erklingt in einzelnen judenfeindlichen Bezirken schon das Lied, daß die Juden aus dem Krieg nur Nutzen zögen. Sie seien die Heereslicferanten und strichen märchcn- hafte Gewinne ein. Nun mag cs ja richtig sein, daß Einzelne jüdische Lieferanten im Verein mit den nichtjüdischen Lieferanten durch den Krieg zu Reichtum gelangen; doch ändert dies Wahrlich nicht das geringste an def Tatsache, daß üicht eine einzige . JBevölkejungsklasse ״durch den Krieg soviel gelitten hat und noch immer leidet, wie die Juden, die neben dem 111.« ,׳;-:ih.tficil Zu:; immcnhmch von Existenzen relbstverständlieh gl eich allen anderen Bürgern auch ihr Blut dem Vatciiaude ״iieferu“. * Uebur iiureren Gesinnungsgenossen Dr. Ludwig Döniüny, der auf dem;:.,lizhchen Kriegsschauplatz gefallen ist, schreibt Dr. Nikolaus H a j d 11, ein Clcguer des Zb:,Haitis, im Noveinberheft derselben Zeit* sehrift unter anderem: ,.Noch höre ich das Bekenntnis 11 cs heldenmütig gefallenen ungarischen Zionisten. Am Jom-Kippur des vorigen Jahres hielt er in seiner kleinen Gebets- Versammlung eine Rede. Er erklärte die Worte der 1 Saftara um! rief in Anlehnung an die inaelitvollcu Worte des Propheten Jes.iia aus: Wirket für das Gemeinwohl, zerbrechet die Sklavenkctten, schaffet den 1 feimatiösen eine f ieimstiitte, verleugnet Eure Brüder nicht, schließt Euch zusammen: dies wird ein göttliches Werk sein. Ihr werdet dann erfahren, daß das Fasten nicht nutzlos war, durch die Tat kommt ihr der Gottheit näher, deren Wege Ihr erforscht. Suchet das Göttliche nicht außer Euch, es ruht in Euren Taten! . . . Aus den Prophetcnwortcn tönt Euch am Tage der körperlichen Entsagung und der seelischen Erhebung der Ruf entgegen: Schließt Euch brüderlich zusammen, handelt so, daß Euer Wirken göttlich sei und dann müßt Ihr an dem Erfolg Eures Gebetes nicht zweifeln." Dies war der Glaube und die Weltanschauung des Verstorbenen und er hat sie nicht etwa aus ostjüdischen Gebieten, aus Alärmaros oder Tarn 0 p o 1 mitgebracht. Er stammte aus einer völlig entjudeten ungarischen Gegend und man erzählt, daß er zur Zeit, da er die Budapest er Universität bezog, die Prophetenworte im Original nicht einmal lesen 'konnte, die er voriges Jahr in seiner improvisierten Predigt in so ,glänzendem Hebräisch an führte und erläuterte. Wie vollzog sich diese große Wandlung?׳ Im Kreise der zionistischen Studentenverbindung ״Maccabuea“ lernte er das Judentum in seiner Kultur und in seiner Geschichte lieben und hier fand er sich selbst. Er hatte Pflichten übernommen und erfüllte sie treu — bis zum letzten Atemzug. Sein Schicksal ist das aller Märtyrer. Ari der gedeckten Tafel des Siegesmahls wird er nicht sitzen und doch׳, jauchzt nicht noch seine Asche darüber, daß in der Nähe seines Grabmals, am Abhang der Karpathen, auf dem Paß von Uzsok, eineLegion zionistischerFrciwilliger mit Todesverachtung gegen den Feind kämpft? Sein Auge, das immer in jugendlicher Begeisterung leuchtete, ich sehe es aufblitzen, höre, wie er beglückt ausruft: Seht doch, so sind die ״vaterlandsiosen" Zionisten I Abgesehen von dem Inhalt seines Lebens, ver-!lichtet auch sein Tod ein durch Begriffsverwirrung erzeugtes Brandmai, den ״gelben Fleck“ der ungarischeii Zionisten. Der Führer der ungarischen Zionisten hat sein Leben für das ungarische Vater- Land hiiigcgebcn. Indem ich ihn im Tode grüße, verneige ich mich in tiefer Ergriffenheit auch vor den Tausenden unserer Helden, Fürwahr, der Tod des ungarischen Zionistenführers wird durch die nun erkannte Wahrheit verklärt, daß der Zionist ein ebenso treuer und wahrer Sohn seines Landes und Volkes ist, wie die übrigen Hunderttausende, die zu dieser Zeit der geschichtlichen Berufung freudig ihr Leben opfern.“ k I IteJ ' k tl beUilmi, I % % / timm Um 1 Eine Kundgebung der jüdischen Börger aus Galizien in Wien Die seit einig'en Wochen infolge der kriegerischen Ereignisse in Wien befindlichen jüdischen Bürger aus Galizien versammelten sich am 15. Oktober, abends 6 Uhr, im Festsaale des Hotels Continental /.״ einer Huldigung für den Kaiser. Mehrere tausend Personen waren der Einladung des Komitees gefolgt. In das_ Präsidium der Versammlung wurden berufen: Dr. Jakob Iiorowitz, Advokat aus Lernborg, Dr. M o s 1 e r, Bürgermeister der Stadt Czorlkow, unser Gesinnungsgenosse Bankdirektor Orange aus Lemberg und Advokat Dr, Zins er. Dr. Horowitz leitete die Versammlung mit einer Ansprache ein, worauf als Referent Reichsratsabgcordneter Reizes das Wort ergriff. Er führte aus, daß die galizischen Juden auch in den schweren Zeiten, welche sie ferne von ihrer Heimat verbringen, ihr Schicksal mit Ernst ur׳l Ruhe ertragen. Redner betonte, daß die Juden aller Länder der Monarchie in dem Monarchen den Hort der Freiheit und Gleichberechtigung erblicken und den Sieg für unsere Waffen erfiehen. Die Berichte aus Ostpreußen nielden, daß russische Soldaten geplündert und geraubt haben, eine Ausnahme bildeten bloß die jüdischen Soldaten der russischen Armee. Die heutige Versammlung, welche •auf Wunsch zahlreicher gaiizischer Juden einberufen worden sei, tue dar, daß c; ihnen ein Hcrzensbaiürfnis sei, ihrer grenzenlose Liebe und Ergebenheit für Kaiser und Reich Ausdruck zu geben. Der Redner schloß mit einem von der Versammlung begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser. Hierauf wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, an die Kabinettskanzlei folgendes Huldigung»* t c 1 c g r a m m zu senden: ״Die infolge der Kric-gsereigiiissc am 15. Oktober in Wien versammelten jüdischen Bürger aus «Ga• lizicn bringen Eurer Majestät ihre untertänigsten Huldigungen dar, bitten, den Ausdruck ihrer nie wankenden unerschütterlichen Treue untertänigst unterbreiten zu dürfen und rufen aus vollem Herzen: ״Sieg und Triumph:• für die glorreiche Armee.“ A11 das Oberkommando wurde folgendes Telegrainm entsendet: ״Die infolge der Kriegscrcignissc am 15. Oktober׳ in Wien versammelten jüdischen Bürger aus Galizien ' * begleiten die glorreiche Armee mit ihren heißesten Wünschen und erflehen für ihre Fahnen Sieg und Triumph.“ Vom Statthalter ist dem Allgeordneten Reize» die Mitteilung zugeg,mgen, daß der Kaiser seinen Dank bekannt geben lasse und den Wunsch ausgedrückt habe, daß der kaiserliche Dank allen Beteiligten bekannt gegeben werde. Von der Armeeleitung erhielt Abgeordneter Reizes folgende» Telegramm: ״Für die patriotische Kundgebung der versanimek teil jüdischen Bürger Galiziens herzlichsten Dank. Armeeoberkommando.“ Juden im indischen Heere Englands Bekanntlich hat England indische Truppen nach Europa gebracht, damit sie gegen die deutsche Armee kämpfen. Unter diesen sogenannten Gurkhas befinden sich nun, wie man aus׳ New York berichtet, auch eine Anzahl von Mitgliedern eines jüdisch-hindustanisehen Stammes, der sogenannten ״Beni Israel". Der Präsident der ״Independent Hindustan Society“, Dr. N u g c rk i, gab auf eine diesbezügliche Anfrage eine» jüdischen Journalisten die folgende Antwort: ״Die Frage, ob unter den Gurkhas, den Soldaten unseres unglücklichen Vaterlandes, sich auch ״Beni Israel“ befinden, iniill ich bejahen. Es tut uns aufrichtig leid, daß sie sowie andere unserer Hindustaner Landsleute gegen unsere besten freunde, die Deutsehen, in den Kampf ziehen. Das verursacht uns aufrichtige Kränkung, denn kein Volk hat zur Verbreitung und Förderung der Literatur, Kunst und Philosophie des alten Indien so viel beigetragen, wie deutsche Gelehrte, welche die Welt mit der alten Kultur Budhas bekannt gemacht haben. Wenn nicht die Deutschen Max Müller und andere wären, wurde Europa vielleicht noch heute nicht die prachtvolle Sanskritlitcratur des alten Indien kennen. LHe ״Beni Israel“, welche siel» in Indien noch vor der Zerstörung des zweiten Tempels niedergelassen hatten, wurden vor allem von deutschen Gelehrten entdeckt und erforscht. Und nun werden alle diese gezwamgen, wider Willen gegen Deutschland zu Kampfe zu ziehen.“ ___ ZIONISTISCHE BEWEGUNG Wir bitten diejenigen Gesinnungsgenossen, denen die Adresse des Herrn M. Hopenko, Direktors der Musikschule in Jaffa, bekannt ist, uns diese anzugeben, da eine Reihe von Briefen für Herrn Hopenko in unserem Bureau lagert, die wir ihm mangels der Adresse nicht zustcllen können. Zionistisches Zentralbureau. ♦ In der letzten Nummer haben wir den Aufruf des jüdischen Verlags über die von ihm vorbereitete Sammlung von Kriegsbricfeu deutscher und österrcichischcr Juden gebracht. Unsererseits möchten wir nun diesen Aufruf wännstens unterstützen. Wir bitten unsere Freunde, alles verfügbare Material der Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“ zur Verfügung zu stellen. Sollten die übersandten Feldpostbriefe nicht zur Veröffentlichung in der ״Jüdischen Rund■ schau“, wohl aber für das Sammelwerk des jüdischen Verlags geeignet sein, so werden Sie selbstverständlich sofort diesem überlassen. Berlin. Das Eiserne Kreuz haben noch folgende Gesinnungsgenossen erhalten: Willy Liemann (Mitglied der B. Z. V,), Oberarzt Dr. Siegfried Meyer- Schicvclbein, Arzt Dr. Max Auerbach - Ruda (O.-S.), Leutnant d. Res. M a n n e b c rg - Oppeln (K. j. V.), Dr. Albert Straus- Dcpenau (K. J. V.) und Unteroffizier Rechtsanwalt Sally Hirsch- Berlin (Mitglied des Präsidiums des K*J• V.), Dr. Alfred Manasst- Posen (K. J. V.), Mitglied des Vorstandes der zionistischen Ortsgruppe Posen, Offizierstellvertreter. (Ist am 4. Oktober im Gefecht von Opatow verwundet worden.) Ferner erhielt das Eiserne Kreuz vor Antwerpen F. Tuttmann, k. u. k, Fähnrich im X. österreichischen Festungsartillerieregiment. Gefallen sind die Gesinnungsgenossen: Paul Rosen stock - Berlin (am 14. September in Frankreich) und Ingenieur Rudolf Brammer (Mitglied der B. Z. V.).

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