Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1914)
- Date
- 1914-11-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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PoaUditckkontor Berlin Nr. 17392.?U w \5 G.) ü Ü Nummer 45 ף *y 4י«., * י־*>,יי/ <•׳־/, r n Ln# 4J XIX. Jahrgang. Eine Entscheidung ln dem großen Kampf, den Deutschland und Oesterreich gegen die Ententemächte Rußland, England, Frankreich, Belgien, Serbien, Montenegro, Japan usw, austragen müssen, hat sich nun auch die Türkei zur Entscheidung gestelit. Wem! auch die formelle Kriegserklärung bis zur Stunde nicht erfolgt zu sein scheint, so haben doch schon die Feindseligkeiten begonnen und die diplomatisehen Beziehungen sind abgebrochen. Auch in dein Kampf, den die T ü r k e i nun zu führen hat, haben die ersten Feindseligkeiten zwischen ihr und Rußland stattgehmücn. Ob in den letzten Stunden die ersten Schüsse von Osten oder von Westen kamen, ist dem Tieferbückenden ohne Bedeutung; die Tatsache ist 1111bestreitbar, daß Rußland die Türkei in den Krieg hineingezogen hat, wie cs auch Deutschland und Oesterreich-Ungarn zum blutigen Kampfspic! zu provozieren wußte. Der Besitz von K o n s t a n - tinopel, der lang gehegte Traum russischer Zaren, ist das Ziel aller Blutopfer, die der Machtgier des orthodoxen Rußland gebracht werden mußten. Um das russische Kreuz auf die Hagia Sofia zu pflanzen, wurden alle Balkankriege geführt, wurde das ״orthodoxe“ Serbien gegen Oesterreich gehetzt, sollte Wien erobert und schließlich, da es nicht anders ging, auch Berlin von Kosaken besetzt werden. Mit . äußerster Beharrlichkeit versucht Rußland sein Ziel, die Besetzung der byzantinischen Kaiserstadt, zu erreichen; Oesterreich-Ungarn, das im Wege steht, sollte zertrümmert, die morsche Türkei geknechtet werden. Und nun haben die türkischen Schiffe Sebastopol und Odessa beschossen. Von den Dardanellen-Forts donnern die Kanonen, Die Türkei hat Schutz und Rückendeckung bei Deutschland und Oesterreich-Ungarn gefunden. Vielleicht mehr noch als für die anderen Großmächte ist dieser Krieg für die Türkei eine umstürzende Entscheidung. Sie weiß, daß eine Entscheidung, die den Sieg der Tripleentente bringt, das Schicksal des ottomanischen Reiches in die Hände jener Mächte legt, die an seiner vollständigen Zertrümmerung und Aufteilung Interesse haben. Dieser Entscheidung konnte aber die Türkei nicht mehr ausweichen und deshalb ist der Bund mit Deutschland und Oesterreich ein natürlich gegebener Zusammenschluß auf Gedeih und Verderben. Deutschland und Oesterreich haben das größte Interesse daran, die Türkei stark, lebenskräftig und unabhängig zu machen und Konstantinopel als Hauptstadt des freien ottomanischen Reiches zu erhalten. Wir Zionisten Deutschlands und Oesterreich- Ungarns müssen nicht erst darlegen, was der Entscheidungskampf der Türkei auch für unsere nationalen Wünsche und Pläne bedeutet. Wird es möglich sein, daß wir durch unsere Arbeit in Palästina, die unserem Volke die nationale Zukunft sichern und der Menschheit neues Kulturgebiet erschließen soll, den Interessen dienen, die wir als deutsche und österreichische Staatsbürger und loyale Freunde der verjüngten Türkei zu wahren haben? Hoffen wir, daß auch uns die Entscheidung Ruhe, Sicherheit und neue Ent- Wicklungsmöglichkeiten für die Fortsetzung unserer Kulturarbeit in Palästina schaffen möge. Schon jetzt haben wir durch unsere zielbewußte nationale Arbeit in Palästina die Bevölkerung für den Oedanken der Selbstbestimmung ge¬ 1—־1 1־ ז ■!ו־־ד־ו ווו—וווnr1 «i w? ״Der errirebt für das jiklrtdhe Vo’i: dis Cör.f״.״d clacr ö.fcat- Kcli-rccliEldä ßc&ichsrfua IMfcasilRIe In Palusilr.a." DcscJcr Pro^rama». wonnen, für die die ganze Türkei gegen Orthodoxie und Imperialismus den Daseinskampf wagt. Möge der Türkei eine Autocmanzipation gelingen, in deren Rahmen auch unsere nationalen Hoffnungen ihren Raum finden werden! Die große Abrechnung entscheidet nicht nur über die Machtverhältnisse der europäischen Großmächte; nicht zugleich der Vcmveiflungskampf des Orients, in dem alte Völker sich eine freie Zukunft sichern wollen. Dieser Kampf um die Zukunft des Orients wird auch von uns von Bedeutung sein. r~%, *?ך ך.״ק ".־•*ן־ך*, «*ן? ן״י ן! jjLmJ? M r \ ik M mk ln ganz Deutschland wird Burgfrieden gehalten. Die alten Gegensätze sind natürlich nicht verschwunden, aber jedermann bemüht sich, sie in den Hintergrund treten zu lassen. Eine Ausnähme macht das ״Hamburger Israelitische Farn ilienbla tt“ in seinem Leitartike! vorn 29. Oktober 1911, der über eine Ministcrialvcrfügung, die angeblich eine Beschränkung des jüdischen Gemeindewahlrcchts der Ausländer enthält, triumphiert und Iroirische Angriffe gegen unseren Freund Dr. Köllenscher richtet. Wir brauchen Dr. ICoIlcnscher nicht zu verteidigen. Sein Kommentar zum Judengesetz ist mustergültig, er ist als Autorität auf dem einschlägigen Gebiete in weitesten Kreisen - bekannt. Daran ändert die sehr geschmackvolle und vornehme Bemerkung des Leitartiklers nichts, der davon spricht, daß ״die Autorität des Ministers für alle jüdischen Gemeinden in Preußen mehr gelte als die des Dr. jur. et. rer. pol. Max Kollenschcr, Rechtsanwalt in Posen“. Der Leitartikel befaßt sich, wie die meisten jüdischen Blätter der letzten Woche, mit der Ent- Scheidung des Ministers, wonach in den jüdischen Gemeinden mir wählen darf, wer seit drei Jahren steucrzahlendcs Mitglied der Gemeinde gewesen ist und mit den Steuern nicht im Rückstand geblieben ist. Wohl verstanden, diese Interpreta-, tion des Ministers gilt für alle Wähler, nicht nur etwa für ausländische Wähler, sondern ebenso für Inländer. Ob diese Entscheidung richtig ist, kann zweifelhaft sein. Herr Dr. Kollenschcr hält sie für falsch. Daß er dabei als Jurist spricht und nicht als Partei- 'mann, ist .selbstverständlich; denn cs ist eine Naivität, anzimduticn, daß durch die Verfügung des Ministers die Konservativen und die' Zionisten besonders, betroffen werden. Nach Berlin ziehen tagtäglich aus allen möglichen preußisehen Städten Leute, die gar nicht daran denken, konservativ, ru wählen, sondern schon in ihren Hcimatgemeinuen liberal waren. Diese Leute sind selbstverständlich [׳cirai so durch die Vorftigung des Ministers getroffen wie andere, die konservativ wählen würden. Es ist deshalb eine Entstellung des wahren Sachverhalts, wenn das ״H a m b u r g c r Israelitische Familienblatt“ schreibt, die Gcsctecsiutcrprctation des Ministers, beschränke den Einfluß eben zugezogener jüdischer, meist zionistisch gesin nt er 'Alt s l ä n de r bei den Gemeindewählen. Das ist eine völlig tendenziöse Dar- Stellung. Der preußische Minister läßt eben seine Sonne scheinen über Gerechte und Ungerechte, Inländer und Ausländer, während der edle Kampf — das verschweigt das ״Hamburger Familienblatt“ — den es geführt hat, lediglich darauf ging, eine Karenzzeit für die Ausländer einzufüliren. Uebrigens hat ein so‘ kenntnisreicher Jurist, wie der Direktor des Berliner Pfandbriefamts M i n d c n, bekanntlich einer der energischsten und konsequentesten Vorkämpfer des .Liberalismus in Deutschland, langjähriges Mitglied der Verwaltung der Reformgemeinde in Berlin, in der Rcpräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde sich ebenfalls auf den Standpunkt gestellt, den Herr Rechtsanwalt Dr. Kollenschcr einnimmt, nämlich, daß die Ent- Scheidung des Ministers durchaus anfechtbar sei. Es ist jetzt wirklich nicht die Zeit zum Strciten. Die Zeit wird wiederkommen. Und wenn sie gekommen sein wird, so werden wir unseren Mann stehen, und wir werden es keinem Gegner verübeln, wenn er mit sauberen, reinen Waffen uns dann bekämpfen wird. Der Aufsatz des ״Hamburger Israelitischen Familienblatts“ aber ist kein ehrlicher Aufsatz. Er will den Anschein erwecken, als wäre eine Karenzzeit für Ausländer eingeführt, und so den großen Erfolg, der dadurch errungen worden ist, daß der Minister trotz der unjüdischeii Wühlarbeit gewisser ״liberaler“ Kreise entschieden hat, daß Ausländer das Wahlrecht haben, verkleinern und den Anschein erwecken, als ob die Bestrebungen, die man nur als jüdischen Antisemitismus kennzeichnen kann, schließlich doch gesiegt hätten. Das ist nicht richtig. Der große Erfolg ist errungen. Der beabsichtigte Trennungsschnitt zwischen Juden und Juden ist den Herren nicht gelungen. Inländer und Ausländer haben in den jüdischen Gemeinden gleiches Recht. Beide, der Mann aus Wilna und der Mann aus Berlin müssen aber, ehe sie wählen dürfen, drei Jahre Steuern gezahlt haben. Ob die Interpretation des Gesetzes, die der Minister gegeben hat, juristisch zwingend ist, ist eine Sache, über die sich streiten läßt. Zahlreiche Juristen sind mit Minden und Kollenschcr anderer Auffassung. , Eins steht fest: die Entscheidung des Ministers schafft gleiches Recht für alle. Der Vorstoß des ״Hamburger Israelitischen Familienblatts“ ist übrigens der dritte Fall, in dem :wir den Versuch, den Frieden zu brechen, auf der Gegenseite fcststellen konnten. Zunächst versuchte ein liberaler Berliner Vereinsrabbiner gegen den ״Blau-weiß“ Stimmung zu machen. Das in einer Zeit, ,wo eine große Anzahl der Führer des ״Blau-weiß“ als Freiwillige unter den Fahnen stehen, wo die Mitglieder an hingebendster patriotischer Arbeit es nicht haben fehlen lassen. Dann kam der Dessauer Fall, über den die Akten noch nicht geschlossen sind und ,über den wir uns heute nicht verbreiten wollen,schließlich der irreführende, gehässige Aufsatz im ״Hamburger Israelitischen Familienblatt“. Wir stellen fest, daß wir den Burgfrieden ehrlich gehalten haben, und daß wir beabsichtigen, ihn weiter zu halteff. Aber Herausforderungen ,werden wir uns nicht gefallen, lassen. Die Zeit ist wirklich zu ernst. Wir haben den dringenden Wunsch, daß auch diejenigen unserer Gegner dies begreifen möchten, die es anschejnend noch nicht begriffen haben. A.