Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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U v Ü U u ךי> ך׳ I •J Yen n n n!1 WJ IW Nummer 40 Berlin, den 2. 0 j * ,׳%r.;:*ן ii UM rpi f iu%׳l ־׳׳׳: \ß XII. Jahrgang. r Des Sukkothfestea wegen erscheint e nächste Nummer der ״Jüdischen undschau“ erst am 16. Oktober. eim Ausbleiben oder bei verspäteter Lieferung einer Nummer wollen sich die kbonnenien stets nur an den Briefträger oder die zuständige Bestell-Postanstalt?enden. Erst wenn Nachlieferung und Aufklä• iing nicht in angemessener Frist erfolgen, wende nan sich unter Angabeder bereits unternommenen Schritte an unseren Verlag >as Laubhüttenfest — ein nationales Palästinafest Dieses Fest wurde ursprünglich das ״Fest I e s Einsam in e 1 n s“, aber aucli ״das Fes t“ ilinc jede Bezeichnung benannt. (Ex. XXIII, 3S; )cut. XVI, 13.) Es war das Freudenfest paästinensischcr Landhauer und Gärtner. In seinem ötus und in dem ganzen Symbolenkranz, den es im sich wand, hat es diesen ursprünglichen Chaaktcr in ungetrübter Reinheit erhalten. Seinen vollkommensten Typus besitzt dieses Fest unserer trollen Antike noch jetzt im Lande unserer Väter, n Palästina. Es wurde im grauesten Altertum, wie uns das Buch der Richter (XXI, 19) erzählt, durch die Aufführung von Reigentänzen in den Weingärten gefeiert, — also ״bacchantische“ Anklänge, und das noch von Schiloh her, lauge vor Zion. Das Weinmotiv kommt aber in den aus- Hihrlic'hcrcn Texten des Pentateuchs nicht vor. Da heilit es immer und immer wieder: Abs c 111 u il des Volljulircs, E i n s a nun c I n der Bodenerzeugnisse (Ex. XXIII, 15; Deuter. XVU, 13). Bezeichnend ist in dieser Beziehung der im Vordergrund des ganzen Ritus stehende FcstesstrauB. (Lev. XXIII, 40). So ist auch selbstverständlich die obligatorische Laub- Hütte ohne jede Allegorie die Laube des paliistinensischen Gärtners. Die Feier des W a sse rschöpfens (Zech. XV, 10—19), die im Traktat Sukkoth (V) so farbenreich beschrieben wird ׳and deren Schilderung in der Behauptung gipfelt, dali, ״wer diese Freude nicht gesehen, keine Geude überhaupt je gesehen hat“, versinnbildlichte augenscheinlich den Segen des Regens, der 111r die bevorstehende Jahreszeit für Palästina ersehnt wird. Denselben Lokalcharaktcr und denjciben Sinn hat aucli das Regengebet (Sukk. V, 11). Merkwürdig ist es, daß aucli der :'1'es allegorisiercnde Philo das Laubhüttenfest in seiner einfachen Natürlichkeit auffaßte. Es lst das Fest eines ackerbautreibenden Volkes, — Mste er. kurz. Als . Kuriosität möge nur noch ״wähnt werden, daß Plutarch in der Feier der ׳״asserschöpfung dionysische Spuren entdeckt Die alten Hebräer haben aber ebensowenig den Dionysos gekannt, wie den Plutarch gelesen. ״Der ZfonGnv« cvAzdhi & de* jüdische Volk cTa Z:U2C, 72Z c,’:2.zv ülücni• lieh-rechtlich j*a5k".*c״...u üicknsEliic• in Palästina." Eoscler Pro^raiaia, Sie lebten in ihrem Lande und priesen den Gott der Welt, dessen besondere Vorsehung und Schutz sie für sich und für ihr Land in An- Spruch nahmen. Dieses Volk war ein Volk mit einem Schicksal, mit wunderbaren Traditionen, jedes Individuum fühlte sich als ein Nachkomme — nicht nebelhafter Mürchengötter, sondern großer Patriarchen. ihr Leben war von Anfang an ein Naturleben. Sie fühlten sich verwandt mit der ganzen Natur, mit der Sonne und den Bergen 1u1d allem andern, fühlten sich aus Bäumen und Erdhaufen und Hahnen von ihrem Ichgefülil umbraust. Ihre Seele war groß und volltönend wie eine Orgel in ihnen. Sic dienten Gott in der Natur, sie dienten Gott, indem sic ihr Land bearbeiteten. Das kann vielleicht nach empfunden werden, empfinden hingegen kann man cs nur dort, wo das Fest entstanden ist und wo cs aucli jetzt gefeiert werden kann. Der Landarbeite!• ist am Jahres schluß nicht nur von einem geistigen, er ist aucli von einem physischen Beiiagen erfüllt, jeder Nerv in ihm ist wach, er empfindet Musik im Blut. Da ist kein blinder Glnuhe, keine trockene Formel; da ist Leben. Es ist ״die Zeit unserer Freude“. Wir plappern das nach, - empfinden wir Freude? Wir flehen um Regen, — wo, \v׳ofür, für wen? Wir überlegen es nicht einmal, wir meinen es gewiß gut, und cs ist schön, daß mau alte Erinnerungen hochhält. Es werden schöne Gedanken dabei gedaelit, andere Gedanken, die aber ebenfalls gut sind. Aber höher als all diese Kopien stellt -doch das Original. Ein ״Bacehusfest“ des Volljahrcs war dem jüdischen Volke fremd. Es gab keinen cigentliehen Jahresabschluß in Palästina, das in drei verschiedene Zonen zerfällt und eine Mannigfaitigkeit der Naturbedingungeii, der Bödenbc* .schaffenheit und der Pflanzenwelt aufweist, wie ■ sie nirgends auf einem so kleinen Raum vorkommen. Der palästinensische Gärtner kann im Laufe des ganzen Jahres, wenn er seinen Gemiisegarten bewässert, von seinem Boden Er- Zeugnisse haben. Manche Pflanzcnarten wachsen auch regelmäßig zweimal im Jahre; in Judäa kommen zweifache Weizenernten häufig vor. Im Februar und in manchen Gegenden schon im Januar blühen die Orangen und die Mandeln; letztere sind noch im August auf den Biiumcn. Die Zeit der ersten und letzten Blumen läßt sich auch nicht bestimmen. Myrten, Anemonen, Hyazinthen, Tulpen, Lilien verschiedener Gattungen und eine Unzahl Feldblumen wachsen schon 1111 Januar und Februar. In! Spätsommer ist das Land in der Regel verbrannt und kahl, aber durch Bewässerung kann man immer Blumen treiben. Von den Getreideernten kommt zunächst die Gerste, daun der Weizen, — vordem Woclienfest im April-Mai. Im Juli-August findet die Weinlese statt. Für den Spätsommer, August und zum Teil September, bleiben noch: Dura, Tomaten, Datteln (in den Bojaren bei Jaffa), Granatäpfel (sehr viel in Rosch-Pinah), Tomaten, Melonen und der Sesam, der noch im September grün ist. So ist der Oktober, die Zeit des Laubhüttenfestes, verhältnismäßig der Zeitpunkt, an dem sowohl der klassische Landmann des alten Kanaan wie der jetzige jüdische Kolonist Palästinas auf ein Arbeitsjahr zurückschauen kann. Mit Ausnähme bewässerter Gemüse- und Blumenbeete ist es jetzt mit dem Wachstum aus, die Schlußrcchnung der Gewinne und der Verluste kann gemacht werden, und wenn je, so ist es jetzt die Zeit, in welcher der biedere Landmann sich ohne weitläufige Allegorien der Freude am Dasein hingehen kann. Was das Jahr ihm gebracht hat, das weiß er schon, denn er hat bereits von ״Scheune und Kelter“ gesammelt. Er freut sich über den Ertrag, wenigstens über die geleistete Arbeit, die eine noch größere Genugtuung bietet; er schmückt seine Laube (Neli. VIII, 17—18) mit dem Schönsten, was die Jahreszeit in Palästina noch bietet: Palmenzvveig, Ethrog, Myrte, Weide, und wenn sein Herz ein Sehnen erfüllt, ein Sehnen für die allernächste Zukunft, so ist es die Hoffnung auf einen günstigen Frühregen. So ist das Laubhüttenfest von Anfang bis Ende kein Bacchanale, sondern eine Idylle. Es ist der Reflex eines natürlichen, quellenden Lebens, des Lebens des jüdischen Volkes in Palästina. Es hat insofern noch einen religiösen Charakter, als sicli alles jenem höchsten Verhältnis unterordnet, welches der jüdische Genius zwischen Mensch, Volk und Gott geschaffen hat, aber Kraft und Saft und Duft schöpft dieses Fest unmittelbar aus palästinensischem Boden. Kein Wahngebilde, kein Märchen aus fernem Lande, — es ist wahr wie die Wahrheit. Die Laube ist eine wirkliche Laube. Der Strauß wurde im Lande gepflückt, und cs wird um den Regen gefleht, den das Land nötig hat. Der Festesstrauß! Die Myrte! Wieviel palästinensisch-jüdische Poesie umfließt diese holde Pflanze! Kenntnis und Liebe der Myrte sind alt. Wir dürfen glauben, so alt wie der Mensch selbst. Die Myrte ist mit dein Menschen auf der Erde erschienen, und ihre volle duftige Blüte ist ihm sicherlich nicht lange entgangen. Ihr edler Reiz zog gewiß sehr bald die Aufmerksamkeit des Urmenschen auf sich, und der Zögling der Natur riß sie sich sicher gerne vom Stamm zur Befriedigung eines flüchtigen Gelüstes. Der Mensch erhob sich in mühseliger Arteit auf eine höhere Stufe, und die Myrte blieb ihm blühend auch hier zur Seite. Aber nun sprach schon etwas Höheres, eine edlere Schönheit in ihr als der sinnliche Reiz zu seinem Auge und seinem Geinütc, er empfand in ihrem Anblick höhere Lust, als ihm das Einsaugen ihres Wohlgeruchs einst gewährt hatte, — die ästhetische Regung begann sich aus der egoistischen Empfindling loszuringen. Dies Verhältnis treffen wir schon im jüdischcn Altertum an. Palästina war schon im Altertum ein Land, wo eine Fülle der herrlichsten Pflanzen und Blumen duftete und aufs innigste ins Leben des Menschen verflochten war. Die Natürliche schlug tief ihre Wurzeln, auch in die menschliche Liebe klang schon das Blumenmotiv hinein (Hobel. IV, 13—14), aber nie w׳artete diese ideale Freude am Schönen in ein Schwelgen aus: man kannte keine bekränzten Becher, keine bekränzten Tänzerinnen, keine Trunkenen, auf Blüten sich w'älzend und in der Fülle der Düfte erstickend. Die Schönheit wurde nie mißbraucht und durch Sinncstaumel entweiht. Der Ritus erfordert für die Feier den Palmenzweig, einen Myrtenast, äie Bachweiden und vor allem die