Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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David Wolffsolln — tei Nun auch David Wolffsolm I In diesen schweren Tagen eines gigantischen Völkerkampfcs, der das Schicksal des Einzelnen überbrandet und nur noch die letzten Prägen der Kulturwelt duldet, trifft uns die Trauerkuude: Wolffsolm starb. Ein Herz brach und es ist, als könnte das Herz des jüdischen Volkes, das in seinem Rhythmus pochte, nicht mehr schlagen. Wolffsolm starb: es ist wie eine Katastrophe in diesen überspannten Stunden des Hangens und des fiebrigen Hineinlauschens in ein Werden, das sich schaurig-wirr verkündet. Bis in die Tiefe erschüttert dieser Krieg auch das jüdische Volk. Die armseligen Zelte Jaakobs unisprühen die Funken des Weltbrandes. Werden wir sein? Und wie werden w׳ir, sein? Wird unsere historische Einheit zerbröckeln in der Verängstigung fremder Chauvinismen, in der versteiften Lüge der Assimilation, in dem brausenden Willen der Selbstvernichtung? Oder wird der Völkerfriihliug, dessen leise Schimmer zwischen dem Stu rm ge wölk aufsteigeu, auch uiiscrm Volke die Verjüngung bringen, seine Sehnsucht erfüllen und die Wege umglänzen eines friedlichen, schöpferischen Seins, in dem die Kraft der Proplielenerde die neuen Verkünder der Liehe, der einigen Menschheit erzeugt? Ein ürolks meldet sich an: wird Israel berufen sein oder verworfen? Ist seine Seele zcrmorscht in «len öden Anpassungen oder ist sie noch stark für unsere Verpflichtung? Und Wolffsolm starb, in dein die Seele des jüdischen Volkes lebte, groll, treu, heilig und hcimvcrlangend nach ihrer gesegneten Art. Das ist unsere Trauer, <1:1 fl wir unsere Armut, unsere Verwaistheit ganz erfühlen. Das jüdische Volk hat nur wenige Männer, in denen der jtidisclie Wille sich rein verkörpert und ungebrochen von den fremden Dingen, unverbogen von den eigenen Schwächen sich selber genug die altneuen Ziele setzt und geraden Weges auf sii; zudrängt. Und Wolffsolm starb, der ein Jude war, weil er ein Mann war, der ein Mann wurde, weil er ein Jude war! Aus dem Gesetze seiner Persönlichkeit mulite er ein Jude sein. Er war ein Mensch der Wirklichkeit; so konnte ilnn das Judentum nur eine Realität sein. Kraftvoll stand er in der Gegenwart, und so flössen Vergangenheit und Zukunft harmonisch in ihn ein: jüdische Uebcrliel'crung als Stolz, jüdisches Neulehen als Verpflichtung. Wie er in sich den litauischen Osten seiner Geburtsstätte mit dem deutschen Westen seiner wirtschaftlichen Arbeit breit und straff iibcrbrückte, so band er die müde Gottergebenheit eines bedrängten Ghettolebens an den fröhlichen Schöpfertrieb eines verjungten Judentums. Die Treue war die grauitiic Quader, auf der sein Leben stand. An dieses Fundament war seine Tatkraft mit eisernen Klammern gefesselt. Schaffen heillt treu sein. Dem .Judentum treu sein heillt für das Judentum arbeiten. Sich selber treu sein heillt die Arbeit versittlichen durch die Klarheit und Gradheit ihres Weges. Die feste Linie seines Werkes war die Schönheit seines Lebens. Er wollte; und er wußte, was er wollte. Da gab cs kein Schauen nach der Gunst von rechts und dem Wohlgefallen von links. Er wollte nur, was er mußte. Sein Eigenwille war innere Notwendigkeit. Seine Unbeugsamkeit war das Ethos seiner Leidenschaft. ,Was ihn ergriff, das griff er an. Was ihn packte, das hielt er fest. Gnädige Sympathie war nicht seine Sache. Eine cciite Erobc'rcrnatur, die alles Gut sich erkämpfte, konnte er nur kämpfend siegen oder unterliegen. Andere überzeugen hieß ihn! sie niederringen. Sich selbst überzeugen war ein sittlicher Kampf: das Fremde mußte erst sein innerster Besitz sein; Gedanken, Dinge, Mensehen. Er hatte Freunde. Sie waren sein Besitz. Er war ein Künstler der Freundschaft, die empfängt, indem sie gibt. Die Freundschaft mit Theodor Her/.l wurde ihm überquellcnder Reichtum. Aus den Tausenden, die unseres Führers Lichtgcstalt umdrängten, wurde Wolffsolm der Vertraute seiner Seele, ein ritterlicher Vasall. Kein bereiter Knecht. Stolz und Treue schmolzen zusammen, und das ic , schmiedete daraus das Sehwert für die Zukunft. Wo Herzl träumte, gestaltete Wolffsolin. Her/!!•' Gedanken wurde Wolffsolms Tat, Und das Werk |.!ürte die Gedanken und verklärte sie. In der» siiilichcii Wißen wurden Schönheit und Kraft einander verbunden. Diese Einheit konrile der Tod nicht zerreißen. Herzls Kinder wurden .Wolffaohns Kinder, Herzls Idee blieb der Inhalt von Wolffsolms Leben. Sein Kampf. Und Wolffsolm starbI Er haßte den Tod, weil er Ruhe war. Er rang mit ihm. Und trotzte ihm vier Jahre ab für die Arbeit. Die tiefe Heiterkeit seines Wesens war unzerstörbar in allem Schmerze. Das freudige Ja seines Lebens verjagte die grämliche Sorge. Kränklich ist Fügung. Aber Müdigkeit ist Sünde. Rastlos arbeitete er an dem inneren Ausbau seiner Schöpfungen weiter. Seine Liebe betreute das Werk, daß Palästina, das seine Heimat war, andern die Heimat werde. Sein Haus war still geworden, als seine Gefährtin starb. Da lebte er nur noch in dem Hause, das er sich in Jaffa erbauen wollte, um der Alltagsarbeit im heiligen Lande nahe zu sein. Der Abend seiner Tage wollte in einem Morgenrot leuchten. Nun hat der Tod Traum, Gedanken und Plan zerstört. Aber das Lebe» hat er nicht zerstören können. ״Der Tod ist die mildeste Form des Lehens: der ewigen Liebe Meisterstück.“ An der Bahre stehen wir in Trauer, unsere Armut und unsere Verwaistheit fühlend. Vor dem milden Leben, das nur enden kann, wenn es nicht nachgclebt wird, stehen wir mit den! Geiöbnis, das Erbe Herzls und Wolffsolms zu wahren, Ruhe in Frieden — wir füliren deinen Kampf. T. ZI. Das Actions-Comite der Zionistischen Organisation hat an die Angehörigen David Wolffsohns das folgende Kondolenztclegraimn gcrichtet: ״Sally Wolffsolm, von Werthstraße, Köln. Sclmicr/lich ergriffen von der Nachricht über den unersetzlichen Verlust, den derZionis* mus und das jüdische Volk durch das Hinscheiden David Wolffsolms erlitten, überhiittefu wir den Familienangehörigen 'des Unvergeßlichen den Ausdruck unserer tiefen Trauer und herzlichen Beileids. Das Actions-Comitö der Zionistischen Organisation.“ An Trude Herzl, die David Wolffsolm in den letzten Wochen mit treuer Hingabe gepflegt hat, telegraphierte das Actions-Comitd: ״Trude Herzl, Sanatorium Pariser, Homburg. Tief erschüttert durch die schmerzliche Nachricht von dem Ableben unseres David Wolffsolm, des unvergeßlichen Nachfolgers Tiieodor Herzls, übermitteln wir Ihnen in tiefer Trauer den Ausdruck unseres herzhellsten Beileids und unserer innigsten Anteilnähme. Das Actions-Comitt־ der Zionistischen Organisation.“ Wolffsohn-Gedenknummer der ״Well“ Dein Andenken unseres David Wolffsohn wird eine am Dienstag, den 29. September crschcinendeGedcnknumttio? der ״Weit“ gewidmet sein. Beiträge 1; crvorrcgcndcsr Gesinnungsgenossen werden den Mann und sein Wirken vor unseren Augen erstehen lassen. iXo.l 1 )rerams Aus Posen erhalten wir kurz vor Redaktions- Schluß die ticfschmcrzliche Nachricht, daß Dr. Karj Jeremias gestorben ist. Er war ein Zionist wie Wenige. Was unsere Bewegung in ihm verloren hat, werden wir in der niick&tcn Nummer darzulcgcn versuchen. Rosch-Haschanah! Ein Ruhepiinkt inmitten der sich überstürzenden, wclterscliüttermlcn Ereignisse und der furchtbarsten Seeleiispaimungcn, die wir jetzt durchleben: R o sch- H a s c )1 a n :1 h. Mit urewiger Gewalt entzündet es sich aus dem Schutt der Jahrtausende; aus finsterem Schlachtengründe erhebt es sich gewaltig, stolz und licht voll; durch die brausende Luft dröhnt der alte, heilige Schall. Uraltes Festeslicht,.uralte Schofartöne. Jahre kommen und fliehen und Erinnerung webt die goldenen Fäden, die nie verblassen. Aus unseren Sagen klingt unser Leben; die weißen Flügel unserer Gebete umspannen mit unbezwinglichcr Eriösungsmacht die Sorgen des Alitags und tragen uns zu jenen Höhen empor, wo unser Vrtlk seine tiefsten Wurzeln gesenkt und wo unser alter Stamm sein Mark und Blut für alle Zeiten erkämpft und errungen hat — die Höhen der unwandelbaren, großen und heiligen Zuvcrsicht, die uns für alle Zeiten sieghaft schützt, die unsere Seelen mit einem eisernen Panzer umschließt, unsere Leiden verklärt und den Träumen unserer Sehnsucht eine unverwüstliche Wirklichkeitskraft verleiht. In der Rosch-Haschanah •Feier kommt das Kraftgefühl der Erinnerung zum Ausdruck; Jom ha-Sikkaron. ״Das Buch der Erinnerungen wird geöffnet.“ ״Das Buch der Erinnerungen“ — viele Blätter machen ein Buch. Im Leben des Einzelnen sind die Blätter des ״Buches der Erinnerungen“ klcineren Formats; Wochen und Tage, Stunden und Minuten füllen da manches Blatt und wie in einem Buche ein Blatt das andere verdeckt, so daß immer nur ein Blatt lesbar ist, so verdeckt ein Jahr das andere und eine Stunde die andere und wir müssen zurikkblättern, ein Blatt ums andere Umschlagen, wenn wir im ״Buche der Erinnerungen“ lesen wollen. Um wieviel größer aber ist das ״Buch der Erinnerungen“ eines Volkes wie des unserigen! Hier sind die Blätter, Abschnitte, Teile und Bände ins Riesige vergrößert. Und der Inhalt dieses ״Buches der Erinnerungen“ ist viel tiefer als der eines Ein- ׳ zclnen. Die jüdischen Feste gelten auch lumptsächlich dem jüdischen Volke. ״Ein Gesetz für Israel ist es; eine Satzung vom Gotte Jakobs.“ Ocffncn wir dieses ״Buch der Erinncrungen“, um uns aus unserer Schwäche aufzurütteln! Erneuen wir im Geiste die Erinnerung an die Zeiten, in denen w׳ir unter der Wucht des Schmerzes uns verloren, um uns, da die wohltätige Hand der Zeit die Wucht gemindert, wieder zu gewinnen und für kommende Lasten auszurüsten. Ocffneu wir unser ״Buch der Erinnerungen“, nicht um einige Lieblingsstellen zu lesen, sondern um seinen ganzen Inhalt, unser ganzes Sein zu erfassen. Denn dic Erinnerungen eines,Volkes sind das Volk. Und die Quintessenz dieser Erinnerungen ist die Unvergänglichkeit des jüdischen Volkes. Was wüßten wir wohl zum Eintritt eines neuen Jahres, in der jetzigen schweren Stunde, Größeres, Besseres, als uns zu erneuern in Kraft und Zuversicht? Suchen wir uns wiederzufinden, wiederzugewinnen, suchen u׳ir uns zu erkennen in dem Bewußtsein unserer Lebenskraft, in der Stärke unseres Wollens, in der Größe unseres Sollens! Erwerben wir uns aufs neue aus der Verlorenheit des Augenblicks, uni für eine große, Zukunft mit frischer Kraft gerüstet zu sein.