Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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S«iU ß8 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 31 das würde dann ganz von selbst kommen. Quid volentibus obstat? Noch ein Gesichtspunkt zum Schluß. Wenn man einmal zu der Ueberzcugung gekommen ist, dall der Zionismus sich proportional der hebräischen Sprachbewcgung entwickeln wird (ebenso wie die Entnationalisicrung mit der Abschaffung des Hebräischen fortgeschritten ist), daß wir, mag unsere Lage noch so anomal sein, als wirksamstes Agitatlonsmittel die Sprache besitzen, und mag sie sich noch so schwer einbürgern wollen, so muß natürlich in der ganzen jüdischen Welt hier der Hebel angesetzt werden. Aber schon oft ist darauf hingewiesen worden, daß gerade im Orient (außerhalb Palästinas) die Chancen für die Einbürgerung viel größer sind als bei uns. In Kleinasien, Syrien, Tunis und Marokko, in Saloniki usw. müßten hebräische Zentren entstehen. So viele unter uns bedauern, noch nicht nach Pa• lästina gehen zu können, weil es für sie keine Arbeite möglichkeit dort gibt. Aber Palästina näher rücken könnlen sie jedenfalls und dabei eine Menge zionistischer Arbeit leisten, die dankbarer ist als bei uns. Dort könnten sie auch ihre europäische Disziplin hi nt ragen. ן Daß eine solche Bewegung auch eine Wirtschaftliehe Basis haben würde, ersieht man an der Wirtschaftliehen Orientpolitik, welche heute alle Völker treiben. Ich meine, wenn solche Ideen sich bei uns einbürgerten, | cs würden viele frei verfügbare Kräfte, an denen ivir hier in Deutschland solchen Ueberfluß haben, sich in den Dienst dieser großen Aufgabe stellen lassen. Besonders würden einmal unsere Kinder, welche ja das Hebräische von Kind an wieder lernen sollen, Oe• 1 schmack an solcher Arbeit finden. ו «IT.M l)r. Leon Lauterbach: Zadanla mlodziezy syonskiej. (Die Aufgaben der zionistischen Jugend.) Przemysl, Verlag Agudatb llerzl, J9M, (Polnisch.) Die ״Histadruth Agudoth Ha'akadeniijim Haziouim b’Oa lizia׳• (H, A, ־/..), der Verband der zionistischen Studenten vereine Galiziens, veröffentlicht hier ein programmatisches Referat, das weit über den engen Kreis derer beachtet zu werden verdient, an die es sieh zunächst wendet. Lauterhachs Schrift ist ein neues Dokument dafür, daß der ewige Kampf zwischen Jungen und Alten sich auch innerhalb unserer Or ganisation abzuspiclen beginnt, Die zweite zionistische Oeneration will ihren Zionismus tiefer begründen und vor allen« reiner erleben, als es die erste gekonnt hat. Lauterhachs Bro schüre ist eine Abrechnung mit der älteren zionistischen Gene• ration Galiziens. Auch wer wie ich nicht fcststcllcnkann, ob diese Abrechnung für Galizien richtig ist, wird doch sagen müssen, daß in den seiner Kenntnis zugänglichen Ländern vieles von dem richtig ist, was Lauterbach ausfülirt. Die Schrift geht davon aus, daß die Intelligenz, welche sieli zu Beginn unserer Bewegung ihr zuwandte, auf halbem Wege stand. Sie war nicht mehr jüdisch erzogen — in Ga• li/.ien die erste nicht mehr jüdisch erzogene Generation — sie war aber doch stark mit dem Judentum verbunden, vor allem durch soziale Momente. Diese Intelligenz aber wurde dadurch, daß sie sich dem Zionismus zuwandte, keineswegs eine jüdische Intelligenz. Ihr Zionismus entbehrte der eigentlich nationalen Momente, er war ein politisches Be■ kenutnis. In seiner Psychologie repräsentierte aber auch der zionistische intellektuelle jenen Typus des entnationalisierten, rationalistischen Menschen, den auch der Assimilant darstellt. L, schilderte die jüdische Intelligenz Galiziens in den düstersten Barben, Ihr geistiges Leben ••־ soweit Kabarett und Kino, Karten, Karriere, Erotik ein solches übrig •lassen — erschöpft sieh in einem äußerlichen Parteileben, Auch die zionistische Intelligenz, sah im Zionismus das Parteimäßige und nicht die ethische Forderung. Sie sali nicht ein, daß Zionist werden vor allem bedeutet ein anderer Maisch werden. Wo doch eine höhere Aspiration lebte, brachte man es höchstens zu einem blutleeren literarischen Produkt. Dieser Intelligenz setzt nun L. das Ideal einer wirklich zionistischen Intelligenz entgegen. Sie darf den Kampf gegen die Assimilation ,nicht als Parteikampf betrachten, er muß ihr ein!Kampf der Weltanschauung sein. L, bemerkt mit Recht, daß der Assimilierungsprozell, vor allem der kulturelle, de facto unter den Juden vveitergeht, obwohl die Assimilantcii als Partei besiegt sind. Es muß eben jeder die Assi milation erst in sieli selbst besiegen, indem er den Anschluß an das Judentum wiederfimlet. Daß dies keinesfalls eine Rück• kehr zur Ghettokultur sein darf, daß wir nur durch die curo päischc Kultur hindurch zu unserer jüdischen kommen können, ist so selbstverständlich, daß L, es nicht erst erwähnt. Er erörtert aber die Konsequenzen, welche die Nationalisicrung der zionistischen Intelligenz, für die Propaganda haben müßte. Bisher standen die Massen in Galizien dein Zionismus kalt und mißtrauisch gegenüber, sie lieferten ihm höchstens Wähler. Sic fühlten ganz gut den Widerspruch zwischen Programm und Tat. Die Massen erziehen ihre Kinder unter Opfern für die hebräische Kultur, die Intelligenz verlangt cs von den andern. Die Hcbraisierung der Intelligenz, wird diese der Masse nähern und wird auch den politischen Kampf seinen kulturellen Sinn gehen. Die Anerkennung der jüdsclien Natio nalität an den Hochschulen z. B. zu verlangen wird für die Studenten erst sinnvoll werden, wenn sie selbst cs mit ihrer Volkszugehörigkeit Ernst nehmen werden. Die studenti■ sehen Korporationen haben die Aufgabe, ihre Mitglieder hierzu zu erziehen. Sic sollen möglichst wenig Kräfte an äußere Veranstaltungen wenden, um desto intensiver die Selbst crzielumg ihrer Mitglieder zu pflegen. Dein Danke für die Veröffentlichung des Lautcrbachschen Referates möchte ich hier eine Bitte an die H.A.Z. hin zufügen: sie möchte demnächst die breitere zionistische Öffentlichkeit möglichst genau über die Methoden ihrer Arbeit informieren, Prag. H ugo Bergmann. Vu»&twortt.B*4fckk! Eaga Bewmufia, WttawtAori Vwltg i .EH, BtrUa W. U. Druck! SttgMtd Schottin, BwUa-Scfcteckt*(.