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Jüdische Rundschau · 1914-06-26 · Heft 26 (26.6.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 26 (26.6.1914)
Date
1914-06-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Telephon: Amt Uhland 845, 846, 868, Postscheckkontos Berlin Nr, 17392, V-_ t 1 I .. I ל I נ¬ C7TD ח ןן p. r /(״■ J Lj ' j v Nummer 26 Berlin, den 26. Juni 1914 88 XIX. Jahrgang, Ausweis Schekd 1 Bergzabern 1,—, Berlin 1,—, Vcrbiiidung ״llcrzliah“, Berlin, 24,—, Bcuthen 40.—, Ptiislnirg 20,—, Gr.-Streiiiitz 10,—, Kempen 1,— Thor» 10,-• Mark. Landesbeiträge: Bergzabern 1,—, Berlin 1,—, Berliner Zion. Verbindung 7,—, Verbindung ״Herzjiali“ '22,00, IVirtmund 35,—, Duisburg 60,—, Breibürg ■45, ~, Gr.-Strdilitz 20,—, Kiel 21,—, Niirn berg 45, , Kegcnsburg 62,—, Stettin 40,—, TUorn 30 Mark, Pmpagandafonds: Professor Warbufg, Berlin, 20,*1 ,־ >r. Franz. Landsberger, Breslau, 10,—, Betty Sah, Kempen, 6,50 Mark. Eingang vom 12, bis 24. Juni 1914: Schekel: 107,״ M.; La 11 des bc i t r ä g e: 389,50 M.; Propaga ml a f 0 n d s: 36,50 M. Gesamteingang: Schekel: 2752,— M.; Laudesbeiträge: 5290,50 M.; Propagandafonds: 5218,10 Mark. Berichtigung. In Nr. 24 sind 2,— M. Schekel und 2,— M. Laudfsbeitriige, die aus Ocis eingingen, versehentlich unter Leipzig ausgewiesen. *• Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vcreinigung für Deutschland, Berlin W15, Sächsische Straße 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bankkonto: A. H. Heymann & Co., Berlin W56, Hinter der Katholischen Kirche 1. Der Radikalismus Der Zionismus hat manchmal an eben dem zu leiden, was sein größter Vorzug ist: Daß er nicht nur eine politische Bewegung und Organisation mit einem klar umschriebenen Programm und greifbaren Zielen ist, sondern auch eine rein geistige innere Bewegung mit geistigen, moralischen Zielen. Der Kern dieser geistigen zionistischen Bewegung war lange Zeit außerhalb der zionistischen Organisation. Er stand in der Zeit Hcrzls zu der Organisation in ununterbrochener lebhafter Beziehung; später ging diese Beziehung zum größten Teil verloren und die geistige Bewegung trat in Gegensatz zu der Organisation, die sie doch brauchte. Seit einigen Jahren ist dieser Gegensatz beseitigt und die notwendige Fühlungnahme wieder berge* stellt. Begreiflicherweise sind durch diese Um- Gestaltung neue Reibungsflächen entstanden, so daß cs möglich wurde, das mißmutige Schlag- M־ort zu prägen: Der Zionismus sei doch keine ״ethische Gesellschaft“. Die Opposition auf dem Leipziger Delegiertentage gehört in die Reihe dieser Reaktionserscheinungcn. Wollen wir aber die rein geistige ,zionistische Bewegung in ihrem Wesen erfassen, — und das müssen wir wollen — so tnüssen wir von der inneren politischen Ent- Wicklung im Zionismus absehen, die es dahin gebracht hat, daß in Leipzig eine so sehr wenig homogene Gruppe als Opposition auftrat. Gewiß 'var aUch die Majorität nicht ״einfarbig׳ angestrichen“. Zwischen Wiener und Klee ist gewiß ein großer Unterschied, sind gewiß viele s*ufcn; aber es sind Stufen, Uebergänge da, *1'dit bare Gegensätze, wie sie sich zwischen den Weltanschauungen von Oppenheimer und sGuck auftun. Und noch von einem müssen Mr absehen: Von dem Ausgangspunkt, den sich <״« Opposition für ihre Kritik gewählt hat. Zu?3gen, daß der sogenannte Radikalismus daran Schuld habe, daß wir uns mit den anderen jü- ״Der Zionismus erstrebt für «10$ jüdische Volk die Schaumig einer Cffentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina." Baseler Programm. dischen Organisationen so schlecht vertragen, heißt iu den Kern unserer Bewegung nicht eindringen. Zionistische Praxis, zionistisches Lehen m u ß uns in diese Konflikte führen, und Friedem ann, der Unradikale, der den Kampf mit der Alliance geführt hat, sollte das wissen. Die zionistische Bewegung, die in allen ihren echten Erscheinungsformen gleich ist, nimmt ihren Ursprung in der Erkenntnis der Assimilation als einer Gcfahrfürdas J u d e n t u m. Ein Oppenheimer kann cs sich erlauben, sich zu rühmen, er sei assimiliert. Er kann cs sich erlauben, denn er kann sich Zutrauen, daß er darum nichts von seinem jüdischen Stolz verliert. Aber wir wissen nur zu gut, daß die . Assimilation, und nicht nur das würdelose Assimilantcntum, eine Gefahr für das Judentum ist, daß der bloße Stolz die Juden nicht am Judentum halten kann, wenn ihm ihr Herz nicht mehr gehört. Darum erfüllt uns die fortschreitende Assimilation, die wir nicht hindern können, die mit der Notwendigkeit einer historischen Entwickluiig immer weiter dringt, mit der tiefsten Sorge um das Judentum, die uns aufs radikalste von den Männern unterscheidet, die die Gefahr der Assimilation nicht sehen und doch für die Erhaltung des Judentums zu arbeiten glauben, aber zur Verwirklichung dieses ihres Wollens nichts haben als ihren Stolz auf Vergangenes. Die Sorge um das Judentum, das wir lieben, erweckt unser Herz und bereitet es vor für die Aufgabe, den Auftrag der jüdischen Tat. Und da wir das Feld suchen, auf dem wir pflügen sollen, finden wir Palästina. Wir finden dort die soziale Umschichtung einer städtischen Bcvölkerung in eine ländliche, finden dort den Hcbraismus. Aber in diesen Einzelheiten ist nicht das Erlösende, sondern in dein neuen Leben, das in all seinen mannigfaltigen Aeußerungcn immer nur eins zeigt: Selbstlosigkeit, Selbstlosigkeit bis zur Seibstcntäuikrung. Der Student, der all die herrlichen Worte, die er in der Schule der Diaspora gelernt, vergißt und mit gebeugtem Rücken den Acker aufgriibt, der Arbeiter, der die anspruchsvollen Lehren seiner bisherigen Apostel hinter sich wirft und ein soziales Leben lebt, nicht damit es i h m besser gehe, sondern um der Gemeinschaft zu dieneu; sic alle, die ihre persönlichen Wünsche und Bedürfnisse und gerechten Forderungen zurückdrängen, um der Gemeinschaft Opfer zu bringen; das ist es, das wir finden, und damit wollen wir leben, denn cs ist das Leber! des Judentums. Unser Wille, an dein neuen jüdischen Leben teil zu haben, uns in die palästinensische Entwicklung einzustellen, 'verwandelt unser Herz und verwandelt uns selbst mit allem, was in uns ist. Dies ist unser Zionismus und darin ist nichts von Ausrottung des Deutschen in uns, darin ist nicht einmal etwas von Aufnahme jüdischer Inhalte, jüdischer Kultur. Allerdings führt dieser Zionismus zur Aufnahme jüdischer Inhalte, wenn er auch nicht darin besteht. Denn das wichtigste Mittel der Einstellung in das palästinensische Leben, das Mittel der Revolutionierung des Golus-Judentums durch Palästina, ist Hebräisch. Und in dieser Richtung hatte, wie ich glaube, die Kritik der Leipziger Opposition recht: Man sicht noch zu wenig, daß die Vertreter des ״Radikalismus“ diesen ״Radikalismus“ verwirkichen. Ich bin nicht so optimistisch wie Blumcnfcld in bezug auf die neue Generation im Zionismus. Es machen hei weitem nicht so viele Ernst mit ihrem Zionismus, wie er glaubt. Und darum müssen wir fordern: Mehr von diesem ״Radikalismus“, mehr Ernst und mehr Arbeit bei den Jungen und bei uns, die wir die junge Generation zu führen beanspruchen. Eine Frage für sich ist cs, ob man mit die seit! Zionismus Propaganda in Volksversammlungen machen kann. Ich bin geneigt, sie zu bejahen, möchte ihre Erörterung aber hier, in der ganz allgemeinen und prinzipiellen Darstellung der Grundlagen, ausschalten. Der Kampf, der jetzt geführt wird und von dem auf dem Delegiertentage ein Stück sichtbar wurde, ist der Kampf der zweiten zionistischen Generation um die dritte. In den ersten Tagen des Zionismus glaubte mancher, sein jüdisches Auskommen mit dem Stolz auf die siebzig stolzen Generationen finden zu können. Allerdings ist das, was H e r z 1 zu Oppenheimer gesagt hat, nur Hcrzls Minimalprogramm gewesen, und er für seine Person ging darüber bcreits weit hinaus. Und noch weiter ging der Zionismus. Schon HerzI hat sich gewandelt und er hätte sich, wenn er gelebt hatte, weiter gewandelt mit dem Zionismus. In einer so rasch und gewaltig aufstrebenden Bewegung ist es fast Unfug, sich auf ein einst gesprochenes Wort des Führers zu berufen. ״Herzl wird wohl gewußt haben, was Zionismus ist.“ Was der Zionismus heute ist, das konnte Hcrzl im Jahre 1890 nicht wissen; aber heute würde er es wissen. Die Organisation in ihrer überwältigenden Mehrheit ist rasch über das Minimalprogramm hinausgegangen, und heute begnügen sich nur sehr wenige Zionisten mit ihm. Natürlich sind auch sie Zionisten und Oppenheimer kann sicher sein, daß niemand ihn aus der Partei drängen will. Nur verlangen wir von uns selbst heute mehr. Seit sich auch unsere Gegner den ״Stolz“ zu eigen gemacht hatten, fanden wir das Programm, das Friedemann heute aufstellt: Jüdischc Geschichte, hebräische Sprache und Literatur, kurz, jüdische Inhalte. Aber auch dies konnten sich die Antizionisten noch aneignen, wenigstens dem Programm nach, und doch Antizionisten bleiben. Es kann also nicht der Zionismus sein. Die zweite zionistische Generation, unsere Generation, hat die um wandelnde Kraft des Zionismus in einem Alter erfahren, wo man für die tiefsten Erlebnisse am empfänglichsten ist. Ihr sind die jüdischen lnhalte sekundär. Wir am wenigsten glauben, hier in der Zerstreuung eine hebräische Kultur gewinnen zu können, wir sehen am deutlichsten, weil wir es ganz in uns aufzunehmen suchen, wie ann und wie künstlich das ist, was manche Leute die hebräische Diaspora-Kultur nennen. Wer von uns solchen Ideen nachhängt, wie sie Moritz Goldstein gelegentlich aussprach, von der anzustrebenden Entfremdung allem Nichtjüdischen gegenüber und von der hebräischen Nationalliteratur für die Juden der Diaspora, den werden wir schon erziehen; daß inzwischen die Gegner gerade über solche Aeußerungcn, die kein besonnener Zionist deckt,'zetern, das macht uns wenig aus.

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