Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1914)
- Date
- 1914-04-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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[ BEIBLATT Nr. 17 ] \\ ח חג* w •י■ \ L~> J □םםםםם0ם□□ INHALT ' 1. .. 1: 1. . r . u £J ם | Nationale Tendenzen im deutschen Judentum. Von Moses Calvary, Nationalfonds im Jahre 1913. (Schluß.) — Das Ergebnis des Jüdischen Nationale Tendenzen int deutschen Von Moses Calvary i 11״ ,V! N 5 ■ , *• W In meinem vorigen Aufsatz (vcrgl. letztes Beiblatt) habe ielt zu zeigen versucht, warum der religiöse Inhalt des gegenwartigen deutschen Judentums nicht ausrcicht, das Gemeinsebaftsbewußtsein der deutschen Juden zu erklären, Herr Dr. üuttmann erblickte gerade in der Religion den Einheitsfaktor des Judentums und bekämpfte die nationale Deutung, Von seinen Ausführungen aus soll hier diese Deutung im einzelnen interpretiert werden. I. Es sei Outtmann ohne weiteres zugestanden, daß das Judentum seit der Zerstörung Jerusalems sich als Religion, daß der einzelne sich an die göttliche Lehre, nicht an die jüdische Gemeinschaft unmittelbar gebunden fühlte*). Davon ausgehend, zeigt er in überaus behutsamen Zergliederungen, wie doch eben diese Religionsgemeinschaft sich als Erbin des jüdischen Volkes empfand, wie aus der Religionsgcmeinschaff eine weit über das religiöse Leben hinausführende Rechts- und Bildungsgemeinschaft wurde, wie die Juden in dem religiös bedingten Mittelalter einen jüdischen Kulturkreis neben deni christlichen und dem mohammedanischen bildeten, wie aber seit der Zerstörung der ständischen Ordnung und der Verweltlichung der Kultur das Gemeinschaftsleben der Juden sich gegenwärtig wieder auf das religiöse Gebiet beschränke. Und nun entsteht ihm das eigentliehe Kernproblem. Auch der nichtreligiöse Jude spürt im Judentum ״die Selbstverständlichkeit einer Schicksals- und Lebensgemeinschaft, in die der einzelne nur hineinzuwachsen braucht, statt sic sich erst durch persönliche Fälligkeiten und Leistungen erringen zu müssen“. Welche Momente sind für dieses Uemeinsciiaftsbevvußtscin bestimmend? Ganz seltsam nimmt sich Guttmanns Formulierung aus, auch für den, der bis jetzt halb zustimmend folgen konnte: ״Was früher nur ein Element des religiösen Gemcinschafts- *) Audi ich habe das, im Gegensatz, zu andern Zionisten, schon des öfteren ausgesprochen. Aber ich muß zugeheii: wirklieh geklärt ist das Verhältnis, das zwischen dem religiösen und dem nationalen Bewußtsein in der Seele des Juden bestand, noch längst nicht, bedarf vielmehr eingehender Untersuchung. So kommt mir gerade während der Korrektur dieses Aufsatzes das Religionsgespräch zur Hand, das Rabbi Josef Statthagen im Jahre 1704 führte und aufzeichncte, und das A. Berliner soeben auf Veranlassung von Aron Hirsch herausgegeben hat. Hier heißt es (S. XIV): ״Warum solt die Bcschncidnng abkumen? Es ist jo gut, daß man sicht, wenn einer vtm andere Nationen ein Jud werd, daß er beschneiden sich laßt. Wenn aber ein Jehuai sich an andere Emunoli gibt, behalt er doch das jüdische Zeichen an sich." Man darf nun auch diese Antithese von Nation und Emunoh (Glauben), die deutliche Unter- Scheidung von Jud und Jehudi nicht zu scharf nehmen; so bewußt, wie sie in Berliners hochdeutscher Uebertragung erscheint, war sie Rabbi Josef schwerlich. — aber daß die Ausdrücke nicht ohne Orund wechseln, durfte wohl klar sein. bcwiifUseiiis war, hat sich hier zu eigener lieclnitiing verselbstäiidigt.“ Mau traut seinen Augen nicht recht. Das jüdische Gcmcinschaftsbcwußtsein überhaupt oder meinetwegen der aulicrrcligiösc Bestandteil des jüdischen Gemcinschaftsbcwußiscins sei ein Element des religiösen Gemeinscliaftsbewußtseius? Das mag stilistische Entgleisung sein. Anderswo heißt es: ״ln dem Gemeinschaftsgefühl verbindet sich mit dem religiösen Element auch das der Stammeseinheit“, und variier lesen wir, Im Mittelalter habe sich die religiöse Einheit zu einer Bikhmgsgcmcinschaft erweitert. Es wird klar, wie die scheinbar ganz sachlichen Auseinanderset/ungen doch eben auf einer ersten willkürlichen, völlig unbeweisbaren Voraussetzung beruhen: dem Primat der religiösen Bestandteile im Judentum. Warum sonst beginnt der Verfasser mit dem Jahre 70? Wenn denn wirklich die geschichtliche Kontinuität so viel beweisen soll, warum dann nicht tausend Jahre vorher beginnen, wodurch die Religion als ein Element des Volkstums sich darböte? Oder führt wirklich keine Brücke zurück von der Diaspora zum jüdischen Staate? Diese ganze .Betrachtung des mittelalterlichen Judentums ist eben, soviel Feinheiten sie im einzelnen enthält, eine begritfliche Anatomie, die dem geschichtlichen Leben nicht gerecht wird. Der Philosoph, er tritt herein und beweist euch, es müßt so sein: das erst war so, das zweite so und drum das dritt und vierte so, und wenn das erst und zweit nicht war, das dritt und viert war nimmermehr, ~ so hält er die Teile in seiner Hand, — aber diese Teile, die Stück für Stück so unendlich einfach, elementar ausschen, wenn sic klar^iusgebreitct vor uns liegen, Religionsgemeinschaft, Rechts* gemcinschaft, Wirtschaftsgemeinschaft, Kulturgcmcinschaft usw., sie sind ja gar nicht, sie werden und sind geworden, unvergleichbar von Geschlecht zu Geschlecht. Die Religion, auf die sich jetzt das orthodoxe deutsche Judentum zu konzentrieren pflegt, hat zwar Namen, Formen und vielleicht auch Glaubenssätze gemeinsam mit der Religion, die im Mittelaltu die ganze Welt des Juden erhellte, aber eben der Lebensnerv ist ihr genommen, kraft dessen sic einst den ganzen Mensehen in Anspruch nahm. Darf man da wirklich behaupten, daß dies eine Element mittelalterlichen Judentums heute als einziges zurückgeblieben sei, wenn doch gerade eben dieses sich in einem wesentlichen Punkte, in seiner lebendigen Aus- Strahlungsfähigkeit, grundsätzlich verändert hat? So bercchtigt es ist, wenn Outtmann in der Verweltlichung der Kultur den Grund dafür sicht, daß die auf religiöser Basis errichtete Kulturgcmcinschaft des Mittelalters zerfallen oder im Zerfall begriffen ist, — so hätte er von dieser Zerfallsbewegung am wenigsten die Religion ausnehmen dürfen. Er spricht von der religiös zusammengchaltcnen Mehrheit des Judentums und denkt dabei, wie es scheint, — er erwähnt die ״auf religiösem Grunde sich erhebenden Organisationen" auch 4n